In Ihrem Buch "Der Sündenfall – ein
Glücksfall?" erzählen Sie biblische Geschichten auf zeitgenössische Art.
Welche Bedeutung hat die Bibel für Israel heute?
Zu meinem Kummer eine viel zu geringe.
Man identifiziert sich meist mit ihrem schlechten Teil: Gott ist auf
unserer Seite, Gott hat uns dieses Land gegeben, Gott wird in unseren
Kriegen vor uns herziehen und so weiter. Sehr wichtig für die heutige
politische Situation ist die biblische Haltung zum Streit zwischen Staat
und Religion – denken Sie nur an den Konflikt zwischen König Saul und
dem Propheten Samuel.
Wie kamen Sie als Atheist darauf,
ausgerechnet über die Bibel zu schreiben?
Ich denke, daß die Bibel nicht nur den
religiösen Leuten gehört. Die Bibel – damit meine ich das Alte Testament
– ist Eigentum des ganzen jüdischen Volkes und der ganzen Welt, oder
doch der ganzen monotheistischen Welt. Ich halte die Leichtfertigkeit
für unverzeihlich, mit der die weltlichen Juden in Israel dem religiösen
Lager gestatten, die Bibel mit Beschlag zu belegen. Gerade weil ich
säkular bin, habe ich eine Menge von der Bibel gelernt.
Welche Rolle spielt die Bibel für
Sie als Schriftsteller?
Über meinen drei ersten Romanen schwebt
der Geist des biblischen Stammvaters Jakob. In "Ein russischer Roman"
breite ich aus, warum Jakob zu Pharao sagte, die Zeit seines Lebens sei
"wenig und böse" gewesen. Ich wollte zeigen, daß die alten Patriarchen
auch ein Privatleben hatten. In "Esaus Kuß" erzählte ich von den
verfeindeten Zwillingen, die miteinander um die Vorherrschaft ringen.
Für "Judiths Liebe" nahm ich den Satz: "Also diente Jakob um Rahel
sieben Jahre, und sie deuchten ihn, als wären’s einzelne Tage, so lieb
hatte er sie." Ich fragte mich, ob ich fähig wäre, so lange zu warten –
und ob ich eine Frau kenne, die das wert wäre.
Als Shimon Peres vor einigen Jahren
in der Knesset König David kritisierte, erlitt einer der ultraorthodoxen
Abgeordneten einen Herzinfarkt. Wie konnte es zu solch einer Szene
kommen, die etwa im britischen Parlament undenkbar wäre?
Großbritannien ist das eine Extrem, die
arabischen und islamischen Länder sind das andere. Hätte im Iran jemand
etwas gegen den Propheten Mohammed oder den Kriegshelden Saladin gesagt,
wäre dem Kritiker eine Kugel ins Herz geschossen worden. Israel liegt
irgendwo zwischen diesen Extremen. So gern wir uns als westliches Land
sehen würden, wir leben halt trotzdem im Nahen Osten. Die religiösen
Parteien haben bei uns einen sehr großen politischen Einfluß, der ihrer
Bedeutung in der Gesellschaft gar nicht entspricht. Von dieser Macht
sind sie schon ein wenig betrunken geworden. Shimon Peres spielte damals
auf die Geschichte von David und Bath-Seba an: König David schwängerte
sie, obwohl sie eine verheiratete Frau war, und er sorgte dafür, daß ihr
Mann Uriah getötet wurde. Religiöse Kommentatoren haben stets versucht,
König David weißzuwaschen.
Bei Ihnen erscheint König David,
salopp gesagt, als eher wilder Typ …
In der Bibel auch.
Was würden Sie einem frommen Juden
sagen, der sich durch die Frechheit verletzt fühlt, mit der Sie König
David kritisieren?
Daß ich König David genauso kritisiere,
wie ich es mit den Staatsoberhäuptern anderer Epochen zu tun pflege. Es
verleiht einem Politiker doch keine Immunität, in der Bibel zu stehen.
Eine andere Gestalt, die Sie auf
unkonventionelle Weise deuten, ist Mordechai. Sie nennen ihn den ersten
Hofjuden der Geschichte. Verbirgt sich darin womöglich zionistische
Arroganz gegenüber den Juden in der Diaspora?
Nun, ich bin Zionist. Und offenbar
identifiziere ich mich sehr mit diesem Land. Die natürliche Art, Zionist
zu sein, besteht darin, hier zu leben. Es genügt nicht, in einem anderen
Land irgendeine Art von politischem Einfluß zu erringen, auch dann
nicht, wenn man damit den eigenen Leuten in Israel hilft. Insofern
steckt in dem Wort "Hofjude" eine leise Kritik.
Ist die Bibel für Juden so etwas
wie eine Familienchronik?
Ganz und gar. Als Kind dachte ich
immer, daß meine Großeltern zur Welt der Bibel gehören, und noch heute
kommen mir biblische Gestalten wie Urgroßeltern oder Großonkel oder
Tanten vor. Ja, ich spüre eine enge und verwandtschaftliche Beziehung zu
ihren Helden. Schließlich liegen zwischen mir und Abraham nur etwa
zweihundert Generationen. Außerdem schreibe ich ja in der Sprache der
Bibel. Nur die israelischen Schriftsteller sind damit gesegnet, sich in
einer Sprache auszudrükken, die drei- bis viertausend Jahre alt ist.
Niemand könnte heute im Deutsch von vor siebenhundert Jahren schreiben,
es würde kein Mensch verstehen.
Kennen Sie die christlichen
Schriften? Was halten Sie aus literarischer Sicht vom Neuen Testament?
Es ist viel langweiliger als das Alte
Testament. Außerdem ist es voll mit Plagiaten. Letzteres meine ich aber
mehr als Kompliment. Die Moralpredigten Jesu sind eine Wiederholung
dessen, was die Propheten Jesaja, Jeremia und Amos sagten, und die
Wundertaten, die er in Galiläa vollbringt, erinnern sehr an die Wunder,
die Elias und Elisa vor ihm vollbrachten. Ich glaube nicht, daß Jesus
eine neue Religion begründen wollte. Er war ein besorgter Jude, der
bestimmte Fehlentwicklungen innerhalb des Judentums korrigieren wollte.
Was ist wichtiger für Sie als Autor
– die Bibel oder die Literatur Europas?
Das ist kompliziert. Es ist die Bibel.
Andererseits könnte ich mir mich als Schriftsteller ohne Thomas Mann,
ohne Hermann Melville, ohne William Faulkner und ohne Vladimir Nabokov
nicht vorstellen. Ich las Nabokovs "Lolita" mit sechzehn Jahren, und
mein Weltbild war erschüttert. Ich hatte vorher gar nicht gewußt, daß
ein menschliches Wesen so schreiben kann.