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Israel haYom: Leichte Zeitung, schwere Kost?

Die israelische Zeitungslandschaft kaut schwer am neuen kostenlosen Blatt «Israel Hayom». Finanziert wird es von einem amerikanischen Multi...

Während sich die Deutschen als das Volk der «Dichter und Denker» bezeichnen, so bezeichnen sich die Juden gerne als das «Volk des Buches». Mit dieser Bezeichnung ist wohl die Untrennbarkeit von Bibel und Judenheit gemeint, und weniger die Vielfalt der Druckerzeugnisse, die jährlich auf dem israelischen Markt vorzufinden sind. Auch ist damit nicht die Leselust der Israelis gemeint. Diese sehen sich neuerdings mit einem Zeitungsprodukt konfrontiert, das die Medienbranche nicht so richtig zu verdauen vermag.

Der bereits sehr eng belegte Zeitungsmarkt, der aus drei großen Kaufzeitungen und einem Gratisblatt besteht, hat ein weiteres Printerzeugnis hinzubekommen: «Israel Hayom» heißt die jüngste Journaille, die für Furore sorgt und aufzeigt, wie Medien, Politik und Geld hierzulande miteinander verstrickt sind.

Angefangen hatte alles, als im Januar 2006 das Anzeigenblättchen «Israeli News» gratis in den Bussen und Zügen auslag. Schnell war das Blatt vergriffen, was mehr auf die israelische Mentalität der Schnäppchenjägerei zurückzuführen ist, als auf die publizistische Qualität. Das Wort «News» wurde schnell fallengelassen und das Produkt nennt sich heute schlicht «Israeli». Der Herausgeber ist Schlomo Ben-Zwi, ein schillernder Geschäftsmann, dessen Mediengruppe stark im israelischen Fernsehgeschäft involviert ist. Hirsch Media, so ihr Name, hielt unter anderem rund 20 Prozent Aktienanteile am Privatsender «Arutz 10». Als Ben-Zwi Einfluss auf den Inhalt nehmen wollte, kam es zu einer Auseinandersetzung, an deren Ende er schließlich all seine Anteile verkaufte. Anschließend gründete er zusammen mit dem amerikanischen Multimilliardär Sheldon Adelson das besagte Blatt.

Da beide Unternehmer dem rechten israelischen Lager zuzurechen sind, passt die Partie. Binnen 18 Monaten aber nahm sie ein böses Ende und musste von einem Richter geschieden werden. Der US-Unternehmer, der zu den reichsten Männern der Welt gezählt wird, wollte auf ein Medienspielzeug dennoch nicht verzichten und suchte nach einem weiteren Weg, sich auf dem israelischen Zeitungsmarkt hervorzuheben. So versuchte er die zweitgrößte Verkaufszeitung, «Ma'ariv», zu kaufen. Als dies nicht klappte, stampfte er eine gänzlich neue Zeitung aus dem Boden - «Israel Hayom» ward geboren. Der Name, der «Israel heute» bedeutet, ist kein Zufall. Vorbild ist die amerikanische «USA Today» - Verbindungen bestehen allerdings keine.

Am 30. Juli fanden große Teile der israelischen Bevölkerung 32 bunt gedruckte, im Tabloid-Format gehaltene Seiten vor ihrer Haustür, in der einige namhafte Journalisten als Meinungsschreiber fungieren und in der so mancher Meinungsführer einen festen Platz hat. Im Gegensatz zur direkten Konkurrenz oder ähnlichen Blättern aus Europa, enthält «Israel Hayom», zumindest im ersten Monat, keine kommerziellen Anzeigen. Adelson, so heißt es, hält der Redaktion den Rücken frei.

Amos Regev, ein bekannter israelischer Journalist, ist der leitende Redakteur des jungen Produktes. In kurzen, unverschnörkelten Sätzen gab er im Leitartikel der ersten Ausgabe bekannt, dass die Zeitung an „fairen und ausgeglichenen Journalismus glaubt. Wir werden alle Nachrichten und alle Meinungen veröffentlichen. Unser Ansatz ist es, gerade auf den Punkt zu kommen und wir stellen uns lediglich einem Test: der Überprüfung durch den Leser.» Was vielleicht naiv formuliert wurde, unterstrich die Zeitung, in dem sie der israelischen Journalistenkonferenz beitrat, die sich für einen ethischen Journalismus stark macht. Regev eröffnete ebenfalls, dass die neue Zeitung eine Agenda habe. Er schrieb, dass «in Israel sowohl Meinungs- als auch Pressefreiheit herrscht, aber nicht alle Meinungen Gehör finden» und fügte hinzu, dass «dem israelischen Publikum ein besserer Journalismus, ein anderer Journalismus, zusteht».

Schöne Worte auf dem Zeitungsmantel; was aber stand auf den darauffolgenden Seiten? Und - noch interessanter - wie sah es nach einem Monat mit den selbst auferlegten Vorgaben aus? Was den Schreibstil betrifft, so unterscheidet sich «Israel Hayom» nicht sehr stark von all den europäischen Produkten, die man im Stehen und binnen 20 Minuten durchlesen kann. Inhaltlich geht die Zeitung jedoch einen gänzlich anderen Weg.

So hat der Chefredakteur der «Ma'ariv», Amnon Dankner, in einem seiner Meinungsartikel verlautet, «dass man sich Sorgen machen muss, wenn ein Fuchs und ein Gorilla gemeinsame Sache machen». Denn, so Dankner, gäbe es einige Rätsel auf, wenn der reichste Jude der Welt, der keine israelische Staatsbürgerschaft besitzt, dennoch in der israelischen Innenpolitik mitspielen wolle. «Wenn eine Gratiszeitung, die einen unbändigen Willen zur Einflussnahme besitzt und von einer nie leer werdenden Tasche unterstützt wird, mit jemandem zusammenarbeitet, dessen nachrichtenmacherisches Ideal „Fox-News" ist [gemeint ist Benjamin Netanjahu], muss das nicht nur „Ma'ariv" und „Yediot Achronot" Sorgen bereiten.»

Just hier liegt des Pudels Kern: Benjamin «Bibi» Netanjahu, Spitzenpolitiker der Likkud-Partei, beklagte sich seit ehedem über unfaire Behandlung seitens israelischer Medien. Seiner Meinung nach kommen rechte Meinungen und Politiker in den als allgemein Mitte-links bekannten Tageszeitungen nicht zu Wort. Da kam ihm seine Bekanntschaft mit Adelson nur recht, als dieser eine Zeitung gründete, war Netanjahu nicht weit.

Als die National-Liberalen Mitte August über den Parteivorsitz abstimmten, war es auch «Israel Hayom», die Parteimitglieder zur Wahl aufrief und sehr intensiv über das Geschehen hinter den Kulissen berichtete. Netanjahu kam dies alles recht. Wer den Spitzenpolitiker kennt, weiß, dass er gerne in das Handwerk der schreibenden Zunft eingreift. Nicht von ungefähr konstatierte die «Ha'aretz», dass es dem Leser gegenüber fairer wäre, wenn die Zeitung ihren Namen in «Netanyahu Hayom» oder «Bibi-Zeitung» umbenennen würde.

Da die «Yediot Achronot» bereits gekündigte, eine dritte Gratiszeitung auf den Markt zu bringen, kann sich das «Volk des Buches» bald in das «Volk der Zeitungen» umbenennen - vielleicht sogar in das «Volk der "leichten" Zeitungen».
Oren Geller

«Jüdische Zeitung», September 2007

Category: Medienkritik
Posted 01/03/08 by: admin



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