Nationalsozialismus

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25px Dieser Artikel behandelt die nationalsozialistische Ideologie. Die Epoche ihrer politischen Herrschaft in Deutschland behandelt der Artikel Zeit des Nationalsozialismus; für Österreich: Österreich in der Zeit des Nationalsozialismus. Zu Ideologie und Epoche gehörige Einzelthemen siehe im Portal:Nationalsozialismus.
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Nationalflagge des Deutschen Reiches (1935–1945) mit NS-Hakenkreuz; heute u. a. in Deutschland, Österreich und der Schweiz verboten. Abbild als „Berichterstattung über die Geschichte“ laut § 86 Absatz 3 StGB nicht strafbar

Der Nationalsozialismus ist eine in Deutschland seit 1918 entstandene Weltanschauung und politische Bewegung. Seine in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) organisierten Anhänger gelangten 1933 zur Herrschaft und errichteten eine totalitäre Diktatur, den „Führerstaat“ bzw. das „Dritte Reich“. Sie vollzogen die deutschen Eroberungskriege seit 1939, die den Zweiten Weltkrieg auslösten, und die Verbrechen des Holocaust. Ihre Herrschaft endete mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945.

In verschiedenen Gruppen des Neonazismus und des Rechtsextremismus leben nationalsozialistische Ideen und Ziele bis heute fort. Ihre Propaganda und politische Organisation – auch mit den damaligen Symbolen – gilt in der heutigen Bundesrepublik Deutschland als strafbare Volksverhetzung, ähnlich in weiteren europäischen und außereuropäischen Staaten.

Inhaltsverzeichnis

Begriff

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Die Person Adolf Hitler wird oft als Inbegriff des Nationalsozialismus angesehen

Die Propagandabezeichnung „Nationalsozialismus“ (auch „Nationaler Sozialismus“) stammt aus der Programmatik der 1919 gegründeten Deutschen Arbeiterpartei (DAP), die ein Jahr später in NSDAP umbenannt wurde. Der Nationalsozialismus sollte einen völkisch-rassistischen Nationalismus mit einzelnen, dem Sozialismus entlehnten, antikapitalistischen Forderungen verbinden. Damit grenzte er sich von konservativen und linksgerichteten Parteien ab und bot ihren Wählerschichten – Arbeitern und Mittelstand – eine Alternative. Zudem stellten die Nationalsozialisten sich als „Bewegung“, nicht als Partei dar, um so Protestwähler und Politikverdrossene zu erreichen.

Heute bezeichnet der Begriff meist die besondere Ideologie Adolf Hitlers und seiner Gefolgschaft in der NSDAP. Dabei definierte Hitler die Begriffe Nationalismus und Sozialismus auf ungewöhnliche Art und Weise, um die sonst unvermeidlichen Widersprüche zwischen beiden zu umgehen: Nationalismus nannte er die Hingabe des Individuums für seine Volksgemeinschaft, während er Sozialismus als Verantwortung der Volksgemeinschaft für das Individuum definierte. Besonders die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, die ein Hauptziel originärer Sozialisten war und ist, lehnte Hitler entschieden ab. <ref>Joachim Fest, Hitler. Eine Biographie. 8. Auflage 2006. S. 411</ref>

Zudem wollten die Ideologen der NSDAP sich mit dem Begriff Nationalsozialismus vom italienischen Faschismus unterscheiden. Der Faschismusbegriff wurde jedoch vor allem in der Sowjetunion seit 1925, nach 1945 im ganzen Ostblock, aber auch in westdeutschen Forschungsansätzen, als gemeinsamer Oberbegriff für den Nationalsozialismus („Hitlerfaschismus“), den italienischen Faschismus und andere ihnen verwandte antikommunistische Ideologien, Regimes und Systeme verwendet.

Besonders in den USA, teilweise auch in der Bundesrepublik, wurde der Nationalsozialismus nach 1945 als Totalitarismus begriffen. Diese Theorie stellt ihn mit Ideologie und System des Stalinismus auf eine Ebene und betont deren gemeinsame Herrschaftsformen. Die verallgemeinernden Einordnungen als Faschismus und Totalitarismus sind in der Forschung umstritten; vielfach wird der Nationalsozialismus heute als eigenständiges und singuläres Phänomen betrachtet.

Der Begriff Nazismus ist die eingedeutschte Version des englischen Wortes nazism. Es wird in Deutschland jedoch kaum verwendet; als negativ besetztes Kurzwort dient oft der Begriff Nazi oder Neonazi für einen alten oder neuen Anhänger des Nationalsozialismus.

Entstehung

Das Gedankengebäude des Nationalsozialismus entstand nach dem Ersten Weltkrieg als Verschmelzung von Ideologemen und Zielen mehrerer älterer Gruppen aus der Völkischen Bewegung des Deutschen Kaiserreichs und der Österreich-Ungarischen Monarchie. Dazu gehörten u.a.

  • rassistische und okkulte, sektenartige Vereine, die der österreichische Anthropologe Guido von List seit 1900 gründete: u.a. die Guido-von-List-Gesellschaft (1905) oder die Armanenschaft (gegründet 1907). Aus diesen stammten u.a. Runensymbole und das Hakenkreuz. Sie vertraten auch Ideen wie die „Menschenzucht“ von „Ariern“.
  • betont antisemitische, auf kommunaler Ebene überparteilich organisierte Vereine und Verbände, vor allem der Reichshammerbund von Theodor Fritsch. In seinem Umfeld hatte sich nach der Niederlage der Antisemitenparteien bei den Reichstagswahlen von 1912 auch ein Verband gegen die Überhebung des Judentums gegründet. Zum Reichshammerbund gehörte der geheime Germanenorden, aus dem 1918 die Münchner Thulegesellschaft hervorging. Aus ihrer Zeitschrift, dem Münchener Beobachter mit dem Hakenkreuz als Titelsymbol, wurde das Parteiorgan der NSDAP Völkischer Beobachter. Die Thulegesellschaft finanzierte die DAP, unterstützte in ihr Funktionäre wie Adolf Hitler und inszenierte 1923 den Hitler-Ludendorff-Putsch mit. Sie förderte so den Aufstieg der NSDAP von einer bayerischen Splitterpartei zu einer reichsweit organisierten Massenpartei.
  • radikal-nationalistische und imperialistische Verbände wie der 1891 gegründete Alldeutsche Verband. Er verstand sich unter Heinrich Claß als überparteiliche Sammlungsorganisation und vertrat die Erweiterung des deutschen „Lebensraums“ durch kriegerische Expansions- und Unterwerfungspolitik. Er gewann im Verlauf des Ersten Weltkriegs trotz geringer Mitgliederzahl großen publizistischen Einfluss und war Hauptinitiator der Judenzählung von 1916. Nach 1918 forderte er eine „nationale Diktatur“ gegen „Fremdvölkische“.
  • ältere antisemitische Verbände und Parteien wie der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband und die Deutschvölkische Partei, gegründet 1914 als Vereinigung zweier Antisemitenparteien. Sie vereinte sich im Kriegsverlauf mit dem Alldeutschen Verband. Auf dessen Initiative hin vereinten sich gegen Kriegsende aufgelöste mit neugegründeten völkischen Gruppen wie dem Deutsch-Österreichischen Schutzverein Antisemitenbund, der Deutschvölkischen Beamtenvereinigung und dem Bund völkischer Frauen zum Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund. Dieser hatte 1920 rund 200.000 Mitglieder in 600 Ortsgruppen, wurde aber nach dem Hitler-Ludendorff-Putsch verboten. Nach der Wiederzulassung der NSDAP verlor er ihr gegenüber an Einfluss und wurde 1933 ganz aufgelöst.

Zu den geistig-politischen Wurzeln dieser Gruppen zählten der Rassismus, Militarismus und Imperialismus, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts besonders im Kaiserreich und in Österreich verbreiteten und schubweise zunahmen. Das stärkste tragende Bindeglied ihrer heterogenen Ideologien war jedoch der Antisemitismus, der sich im Verlauf der Novemberrevolution von 1918 zugleich als radikale Ablehnung der Weimarer Verfassung äußerte. Die Weimarer Republik wurde dort allgemein als von Novemberverbrechern geschaffene „Judenrepublik“ denunziert. Die Völkischen definierten ihre Weltanschauung als strikten Gegensatz zum Marxismus der Linksparteien, zum politischen Katholizismus der Zentrumspartei und zu ihrer Fiktion eines „Weltjudentums“.

Programmatik

25-Punkte-Programm

Der Nationalsozialismus bildete als Sammelbewegung völkischer, rassistischer und revisionistischer Gruppen zunächst keine konsistente Ideologie. Hans Frank erklärte daher später in den Nürnberger Prozessen, es habe „so viele Nationalsozialismen wie Nationalsozialisten“ gegeben. Doch das bei der Gründung der NSDAP 1920 beschlossene 25-Punkte-Programm sollte über seine praktische Erfüllung hinaus gelten, war also zugleich Ausdruck dauerhafter nationalsozialistischer Weltanschauung.

An erster Stelle standen außenpolitische Ziele. Aus dem „Zusammenschluss aller Deutschen... zu einem Groß-Deutschland“ mit Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker leitete Punkt 2 die Aufhebung des Versailler Friedensvertrages, Punkt 3 „Land und Boden (Kolonien) zur Ernährung unseres Volkes und Ansiedlung unseres Bevölkerungsüberschusses“ ab. Dem folgten innenpolitische Forderungen nach Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsteile durch eine rassistische Fremdengesetzgebung:

Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.

Daraus folgerte Punkt 6 den Ausschluss von Juden aus allen Staats- und Parteiämtern, Punkt 8 ein Einwanderungsverbot und sofortige Zwangsausweisung aller als „Nichtdeutsche“ definierten Personen, die seit 2. August 1914 eingewandert waren.

Die Leitidee der rassischen Volksgemeinschaft wurde also nach außen expansiv, nach innen als Entrechtung eines Teils der Deutschen ausformuliert. Dem folgten in Punkt 9-17 einige plakative und ressentimentgetränkte wirtschafts- und sozialpolitische Forderungen, die den Anspruch der Partei, die Interessen deutscher Arbeiter zu vertreten, zeigen sollten:

  • allgemeine Arbeitspflicht
  • „Abschaffung des Arbeits- und mühelosen Einkommens“
  • „Brechung der Zinsknechtschaft“
  • „Einziehung aller Kriegsgewinne“
  • „Verstaatlichung aller (bisher) bereits vergesellschafteten (Trusts) Betriebe“
  • „Gewinnbeteiligung an Großbetrieben“
  • „Ausbau der Altersversorgung“
  • „Schaffung eines gesunden Mittelstandes und seine Erhaltung“
  • „Kommunalisierung der Groß-Warenhäuser und ihre Vermietung zu billigen Preisen an kleine Gewerbetreibende“
  • „eine unentgeltliche Enteignung von Boden für gemeinnützige Zwecke“
  • „Abschaffung des Bodenzinses und Verhinderung jeder Bodenspekulation“.

Punkt 18 forderte die Todesstrafe für „gemeine Volksverbrecher, Wucherer, Schieber usw...ohne Rücksichtnahme auf Konfession und Rasse“: erneut ein deutlicher Hinweis auf die gemeinte Zielgruppe, die Juden. Punkt 19 forderte den Ersatz eines angeblich „materialistischen“ römischen Rechtes durch ein „deutsches Gemeinrecht“.

Der Idee einer Einheit von Volk und Staat folgten Forderungen nach staatlichem Ausbau der Volksbildung (20), „Hebung der Volksgesundheit“ durch „körperliche Ertüchtigung“ (21), Bildung eines „Volkesheeres“ (22). Die angestrebte Abschaffung der Pressefreiheit und Einführung von Pressezensur wurde als „gesetzlicher Kampf gegen die bewußte politische Lüge und ihre Verbreitung“ (23) bemäntelt. Indem nur „Volksgenossen“ Zeitungsredakteure und Verlagseigentümer sein sollten, zeigte sich auch hier ein antisemitischer Impuls: Der Topos von der „jüdischen Weltpresse“ war unter Antisemiten seit langem üblich. Zugleich sollte auch Kunst und Kultur von dem „zersetzenden Einfluß auf unser Volksleben“ gereinigt werden: Dem entsprach die NS-Kulturpolitik gegen die Entartete Kunst.

Im scheinbaren Widerspruch dazu bekräftigte Punkt 24 die Religionsfreiheit „im Staat“, allerdings nur, „soweit sie nicht dessen Bestand gefährden oder gegen das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen.“ Mit dem Bekenntnis zu einem „positiven Christentum“ ohne Bindung an eine bestimmte Konfession, aber in einheitlicher Frontstellung gegen einen „jüdisch-materialistischen Geist in und außer uns“ war eine Voraussetzung für den späteren Kirchenkampf genannt.

Das Programm gipfelte in der Parole „Gemeinnutz vor Eigennutz“ und der Forderung nach einer „starken Zentralgewalt des Reiches“, deren in „unbedingter Autorität“ erlassene „Rahmengesetze“ neugebildete Stände- und Berufskammern in den Bundesstaaten durchführen sollten. Damit deutete sich die spätere Gleichschaltungspolitik gegenüber föderalen Institutionen schon an. Die Parteiführer würden „wenn nötig unter Einsatz des eigenen Lebens“ für die Programmverwirklichung eintreten.

Während die außen- und innenpolitischen Hauptforderungen in Punkt 1-8 präzise und konkret formuliert waren und tatsächlich ab 1933 staatlich großenteils umgesetzt wurden, blieben viele der wirtschafts- und kulturpolitischen Forderungen in Punkt 9-20 vage (11), unklar (13), skurril (etwa die Behauptung eines „römischen“ Rechts in Punkt 19) oder praktisch unrealisierbar (etwa der „Einzug aller Kriegsgewinne“ in Punkt 14). Diese Unklarheiten führten zu einer teilweise heftigen internen Ideologiedebatte und verschiedenen Wirtschaftsprogrammen. Otto Wagener etwa forderte die Unterstützung des Mittelstandes, Richard Walther Darré die der Bauern, Gottfried Feder verlangte die von ihm erfundene „Brechung der Zinsknechtschaft“. Hitler trug diesem Streit als Parteiführer später zum Teil Rechnung, indem er einige Programmforderungen revidierte, reduzierte oder ignorierte. 1928 reduzierte er die angekündigte Bodenreform auf Enteignung „jüdischer“ Bodenspekulationsgesellschaften. Wie die „Zinsknechtschaft gebrochen“ werden sollte, ließ er jedoch offen.

„Mein Kampf“

In Mein Kampf bekräftigte Hitler vor allem die außen- und bevölkerungspolitischen Ziele des NSDAP-Programms, allen voran den Anschluss Österreichs an das Großdeutsche Reich. Im Unterschied zum Kaiserreich, das mit dem britischen Weltreich als Kolonialmacht in Afrika und Fernasien zu konkurrieren versuchte, wollte Hitler Lebensraum nicht in Westeuropa und in Übersee, sondern in Osteuropa gewinnen. Damit schloss er sich wahrscheinlich geopolitischen Theorien von Rudolf Kjellén, Halford Mackinder und Karl Haushofer an, die die Eroberung und Beherrschung der Landmasse von „Eurasien“ als Schlüssel zur Weltherrschaft sahen. Auch der mittelalterliche Mythos mancher Ordensritter von einem deutschen „Drang nach Osten“ stand hinter dieser Idee.

Dabei dachte Hitler an „Russland und die ihm untertanen Randstaaten“. Um sie zu erobern, wollte er zuerst den Versailler Vertrag revidieren, dann Frankreich mit Hilfe eines Bündnisses mit Großbritannien und Italien isolieren, später ganz vernichten. Damit revidierte er Punkt 3 des NSDAP-Programms: Das Erobern von Kolonien würde England zu Protesten herausfordern. Dessen Kolonialmacht müsse Deutschland garantieren, dann würden die Briten es auf dem Kontinent gewähren lassen. Polen erwähnte Hitler hier nicht, auch die USA und Japan kamen nur am Rande vor. Diese Prioritäten waren gegenüber den Vorlieben kaiserlicher Imperialisten neu. <ref>Enzyklopädie des Nationalsozialismus 1998, S. 15f</ref>

Zur Wirtschaftspolitik äußerte sich Hitler in Mein Kampf nur auf fünf Seiten. Den Punkt der Volksgesundheit dagegen führte er breit aus und brachte dabei den auch die wirtschafts- und kulurpolitischen Vorstellungen tragenden Rassismus der NS-Ideologie deutlich zur Geltung. Seine beiden untrennbar miteinander verknüpften Grundgedanken waren

  • die These von höheren und niederen Rassen, die miteinander im Kampf liegen
  • die These, dass eine „Rassenvermischung“ schädlich für die höhere Rasse sei und diese unweigerlich schwäche und langfristig auflöse.

Diese Axiome hatten Sozialdarwinisten und Rassetheoretiker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wie Francis Galton, Ernst Haeckel, Alfred Ploetz, Wilhelm Schallmayer begründet. Neu war nur, dass „Rassenhygiene“ erstmals zum umfassenden politischen Programm gemacht wurde. Hitler sah die „Arterhaltung“ als Hauptaufgabe des Staates und folgerte, dass dieser die „unvermischten Bestände an nordisch-germanischen Menschen“ im deutschen Volk konseuent schützen und so „langsam aber sicher zur beherrschenden Stellung emporführen“ müsse. Der starke Führerstaat müsse „den Sieg des Besseren, Stärkeren“ und die Unterordnung des „Schlechteren und Schwächeren“ fördern. Dies bedeutete konkret etwa Zwangssterilisation von Behinderten und Erbkranken, zugleich Kindergeld, billige Wohnungen und materielle Vergünstigungen für „deutsche Familien“. Die „Träger höchster Rassenreinheit“ sollten ein „Siedlungsattest“ erhalten und in noch zu erobernden „Randkolonien“ angesiedelt werden. Hitler betonte am Schluss nochmals seine Zielvorstellung:

Ein Staat, der sich im Zeitalter der Rassenvergiftung der Pflege seiner besten rassischen Elemente widmet, muß eines Tages zum Herrn der Erde werden.

Das Gegenbild zu dieser Vision bildete die Verschwörungstheorie des Weltjudentums. Dieses sah Hitler als Urheber aller negativen Zeiterscheinungen, etwa des Ersten Weltkriegs, der Niederlage darin, der Novemberrevolution und der Inflation. Dabei identifizierte er das Judentum sowohl mit dem „Finanzkapital“ in den USA als auch mit dessen weltpolitschem Gegner, dem „Bolschewismus“. Dieser globalen Übermacht scheinbar widersprechend betonte Hitler jedoch zugleich die absolute Minderwertigkeit und unterlegene Abhängigkeit der Juden von ihren arischen „Wirtsvölkern“ und beschrieb sie als Schmarotzer, Parasiten, Bazillen, Blutegel, Spaltpilze, Ratten usw. In allen seinen Erscheinungsformen strebe das Judentum die „Zersetzung“, „Bastardisierung“ und „Blutvergiftung“ des deutschen Volkes an: etwa durch Prostitution, Verbreitung von Geschlechtskrankheiten, Verführung ahnungsloser arischer Mädchen. Dieses pornografische Bild zu propagieren wurde Hauptaufgabe des eigens dazu gegründeten Hetzblattes Der Stürmer.

Im zweiten Band von „Mein Kampf“ sprach Hitler zuletzt auch die Idee einer stellvertretenden, präventiven Judenvernichtung offen aus:<ref>beide Zitate in: Enzyklopädie des Nationalsozialismus 1998, S. 14</ref>

Hätte man zu Kriegsbeginn und während des Krieges zwölf- oder fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber so unter Giftgas gehalten, wie hunderttausende unserer allerbesten deutschen Arbeiter aus allen Schichten und Berufen es im Felde erdulden mussten, dann wäre das Millionenopfer an der Front nicht vergeblich gewesen. Im Gegenteil: Zwölftausend Schurken zur rechten Zeit beseitigt, hätte vielleicht einer Million ordentlicher, für die Zukunft wertvoller Deutscher das Leben gerettet.

Diese Aufgabe künftig zu vollstrecken, dazu sah Hitler sich von der „Vorsehung“ - so sein Ausdruck für Gott - bestimmt:

Indem ich mich des Juden erwehre, erfülle ich das Werk des Herrn.

Deshalb spricht der Historiker Saul Friedländer im Blick auf die nationalsozialistische Bewegung und ihre unmittelbaren Vorläufer von einem besonderen, über traditionelle christliche, aber auch völkische und sozialdarwinistische Judenfeindschaft hinausgehenden „Erlösungsantisemitismus“.<ref>Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden, dtv 2000, S. 87-128</ref>

Verhältnis zum Kapitalismus

Theorie vor und Praxis nach 1933

Die geforderte „Brechung der Zinsknechtschaft“ stand für eine antikapitalistische Ausrichtung der NSDAP. Dieses Schlagwort knüpfte an die im Frühsozialismus übliche Unterscheidung eines „schaffenden“ (guten) von einem „raffenden“ (bösen) Kapital an, das sich für seine Gegner symbolisch in Großbanken, Börsen- und Bodenspekulationen manifestierte. Diese setzten die Nationalsozialisten wiederum mit dem Judentum gleich, so dass ihr Antikapitalismus Ausdruck ihres Antisemitismus war und blieb.

Die Alternative, der „nationale Sozialismus“, wurde als „Volksgemeinschaft“ definiert. Diese wurde als „Einheit von Volk und Staat“ unter der einheitlichen NS-Ideologie und einem „starken Staat“, gelenkt von einem „Führer“, verstanden. Die Einordnung aller Staatsbürger in die Arbeitspflicht und die rassisch definierten nationalen Interessen ließ offen, ob dazu die Produktionsverhältnisse umgestürzt werden sollten: Dieses Stichwort fehlte im 25-Punkte-Programm. Als Gegenkonzept zur Leitidee der internationalen klassenlosen Gesellschaft im Marxismus, aber auch zur individuelle Freiheiten schützenden pluralen und parlamentarischen Sozialdemokratie gedacht, unterschied es die NSDAP von den damaligen Programmen aller sozialistischen Parteien.

Die Realisierung der „Brechung der Zinsknechtschaft“ wurde nicht näher erklärt. Auch Hitler nahm in „Mein Kampf“ keine Stellung dazu. Er beschrieb die Mängel des Kapitalismus nicht wissenschaftlich-analytisch, sondern klischeehaft als Degeneration des preußischen, von geistigen Ideen geleiteten Staates durch einen Aufstieg des „Götzen Mammon“ und der „Bankjuden“, deren „materialistische“ Einstellung die Gesellschaft „durchseucht“ habe.

Zwar vertraten Nationalsozialisten wie Otto und Gregor Strasser sowie Joseph Goebbels regelmäßig sozialistische Versatzstücke in ihren Reden. Dem steht jedoch Hitlers Bekenntnis zum Privateigentum gegenüber, das er schon 1919 privat vertrat<ref>Henry Picker, Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier, Ullstein Verlag, Berlin 1993, S. 136</ref> und 1926 im Hamburger Industrieklub öffentlich ablegte.<ref>Werner Jochmann: Im Kampf um die Macht. Hitlers Rede vor dem Hamburger Nationalklub von 1919, Europäische Verlagsanstalt Frankfurt am Main 1960</ref> Erst 1931, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, forderte die NSDAP staatliche Arbeitsbeschaffungsprogramme, die sie aus dem Programm der SPD übernahm. Sie sollten die Arbeiterschaft als NSDAP-Wähler anwerben, wurden nach 1933 aber zum Teil tatsächlich umgesetzt: vor allem von Fritz Todt und Hjalmar Schacht.

Doch zuvor zerschlug das NS-Regime die organisierte Arbeiterbewegung in Form der Linksparteien und der Gewerkschaften. Die rassische Volksgemeinschaft unter Führung einer einzigen Partei konnte marxistische und kommunistische Gruppen und Ziele nicht neben sich dulden, sondern betrachtete diese innenpolitisch als Hauptgegner, so wie außenpolitsch der Bolschewismus der Hauptfeind war. Dem „internationalen Finanzjudentum“ sollte kurz darauf durch den Judenboykott der erste Schlag versetzt werden. Die angestrebte Autarkie einer „deutschen“, vom Ausland unabhängigen Wirtschaft ließ sich jedoch mit der Verdrängung von Juden aus dem Wirtschaftsleben nicht erreichen. Im Zuge der Umstellung auf eine Kriegswirtschaft wurden planwirtschaftliche und staatsinterventionistische Elemente bei gleichzeitiger Beibehaltung der Großbanken, der privatwirtschaftlichen Groß- und Rüstungsindustrie immer bestimmender.

Forschungsansätze

Das Verhältnis von Nationalsozialismus und Kapitalismus wird daher seit 1933 sehr verschieden beurteilt. Der deutsche Soziologe Max Horkheimer vertrat 1939 noch vor Kriegsbeginn die bekannte marxistische Position:<ref>Max Horkheimer: Die Juden und Europa, in: Zeitschrift für Sozialforschung 8 (1939), S. 115</ref> Wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll vom Faschismus schweigen.

Dem stellte etwa Ludwig von Mises 1947 die Gegenposition gegenüber:<ref>Ludwig von Mises</ref> The philosophy of the Nazis, the German National Socialist Labour Party, is the purest and most consistent manifestation of the anticapitalistic and socialistic spirit of our age. („Die Ideologie der Nazis, der deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei, ist die reinste und konsistenteste Manifestation unseres antikapitalistischen und sozialistischen Zeitgeistes.“)

Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden die von ideologischen Vorgaben dominierten älteren Faschismustheorien zunehmend differenziert. Neuere historischen Forschungen untersuchen das Verhältnis von Nationalsozialismus zu Kapitalismus auf drei Ebenen:

  • als Frage nach den Finanzquellen der NSDAP und den Kreisen, die Hitler an die Macht brachten,
  • als Frage nach der Bedeutung antikapitalistischer Elemente für die Ideologie der Nationalsozialisten,
  • als Frage nach der tatsächlichen Wirtschaftspolitik des NS-Regimes 1933-1945. Dabei werden zum einen staatliche Maßnahmen, zum anderen deren privatwirtschaftliche Nutznießer untersucht.

Marxisten sehen die Spendenpraxis deutscher Industrieller wie Fritz Thyssen und Emil Kirdorf und die Industrielleneingabe vom November 1932, die Reichspräsident Paul von Hindenburg aufforderte, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen, meist als Belege für die Verantwortung der Großindustrie für die Machtübergabe an Hitler. Der ostdeutsche Historiker Eberhard Czichon etwa meinte deshalb, dass „eine Mehrheitsgruppe deutscher Industrieller, Bankiers und Großagrarier Hitlers Kanzlerschaft gewollt und organisiert“ habe. <ref>Eberhard Czichon, Wer verhalf Hitler zur Macht? Köln 1967, S. 54</ref>

Sein westdeutscher Kollege Reinhard Neebe betonte dagegen, dass die meisten deutschen Unternehmer und ihr Dachverband, der Reichsverband der Deutschen Industrie, nicht Hitler, sondern die Vorgängerregierungen von Heinrich Brüning, Franz von Papen und Kurt von Schleicher unterstützten.<ref>[http://www.zum.de/psm/pdf/ksg45.pdf Reinhard Neebe: Großindustrie, Staat und NSDAP 1930–1933, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1981 (pdf)</ref> Diese Sicht untermauerte der US-amerikanische Historiker Henry Ashby Turner mit Untersuchungen, wonach die NSDAP ihre Finanzmittel nicht vorwiegend aus Industriespenden, sondern Mitgliedsbeiträgen und Eintrittsgeldern bezog. Die Großindustrie habe ihr immer deutlich weniger Geld zukommen lassen als ihren Konkurrenten DNVP, DVP und Zentrum. Sie habe sich damit auch nur für den unerwünschten Fall einer NS-Machtergreifung absichern wollen.<ref>Henry Ashby Turner: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers, Siedler Verlag Berlin 1985</ref> Die Großunternehmer gelten daher heute kaum noch als Hauptverursacher des Aufstiegs der Nationalsozialisten und der Machtübergabe an Hitler.

Die Frage nach der Rolle des Antikapitalismus in der NS-Ideologie wird aufgrund der widersprüchlichen Quellen sehr verschieden beurteilt und die Widersprüche werden verschieden aufgelöst:

  • Man interpretiert Hitlers Äußerungen zu Wirtschaftsfragen als rein opportunistisch, d.h. dass er über keine konsistenten ökonomischen Überzeugungen verfügt habe, sondern immer nur seinem Publikum nach dem Munde geredet habe.<ref>so z. B. Herrmann Rauschning: Die Revolution des Nihilismus, Zürich 1938</ref>
  • Man verweist auf die schrittweise Ausschaltung des „sozialistischen“ Parteiflügels zwischen 1930 und 1934 und deutet die antikapitalistischen Töne als verkappten Antisemitismus<ref>vgl. hierzu Albrecht Ritschl, Zum Verhältnis von Markt und Staat in Hitlers Weltbild, in: Uwe Backes/Eckhard Jesse/Rainer Zitelmann (Hrsg.): Die Schatten der Vergangenheit. Impulse zur Historisierung des Nationalsozialismus, Propyläen Verlag Frankfurt/Main und Berlin 1990, S. 254 u.ö.</ref> Henry A. Turner kommt daher zu dem Ergebnis, dass Hitler mit seinem Sozialdarwinismus als Anhänger des für den Kapitalismus typischen „liberalen Konkurrenzprinzips“ zu verstehen sei.<ref>Henry A. Turner: Hitlers Einstellung zu Wirtschaft und Gesellschaft vor 1933, in: Geschichte und Gesellschaft 1 (1976), S. 89–117; ähnlich auch Harold James: Deutschland in der Weltwirtschaftskrise 1924 – 1936, dva Stuttgart 1988, S. 332f: „Hitlers Vorstellungen von Wirtschaft hatten nichts Sozialistisches an sich.“</ref>

Nach Rainer Zitelmann dagegen verstand Hitler sich als „Revolutionär“, dem die Verbesserung der Aufstiegschancen der Arbeiter, soweit sie seinen Rassevorstellungen entsprachen, ein ehrliches Anliegen gewesen sei. Dabei sei es ihm nicht „um die Ermöglichung der bestmöglichen Entfaltung des Individuums, sondern um die Optimierung des Nutzens für die 'deutsche Volksgemeinschaft'“ gegangen.<ref>Rainer Zitelmann: Hitler. Selbstverständnis eines Revolutionärs, Darmstadt 1990, S. 491 </ref> Gegenüber der Wirtschaft habe er einen „Primat der Politik“ angestrebt, der „auf eine Revolutionierung des Verhältnisses von Politik und Ökonomie“ hinausgelaufen sei:

Anstelle des kapitalistischen Wirtschaftssystems wollte Hitler eine gemischte Wirtschaftsordnung etablieren, in welcher markt- und planwirtschaftliche Elemente zu einer neuen Synthese vereint wären.

Wenn auch Hitlers oberstes Ziel „seine sozialdarwinistische Idee vom ewigen Kampf und das völkische Prinzip“ gewesen sei, sei die „vom Nationalsozialismus ausgelöste soziale Revolution, deren Inhalt die Modernität war“, durchaus ernst zu nehmen.

Gegen diese These wandten etwa Wolfgang Wippermann und Michael Burleigh indirekt ein, dass sie den rassistischen und damit reaktionären Charakter des NS-Regimes über Gebühr herunterspiele.<ref>Wolfgang Wippermann und Michael Burleigh: The racial state. Germany 1933–1945, Cambridge University Press 1991, S. 378ff</ref> Der Berliner Wirtschaftshistoriker Albert Ritschl, der in der Kontroverse eine vermittelnde Position einnimmt, macht dagegen auf Äußerungen Hitlers aufmerksam, die er im März 1942 im Kreise seiner Adjutanten machte, d.h. ohne Zwang, seine wahren Ansichten zu kaschieren. Hitler wandte sich hier grundsätzlich „gegen anonymen Privatbesitz der Aktie. Ohne selbst etwas dazu zu tun, erhalte der Aktionär mehr Dividende, wenn die Arbeiter der Aktiengesellschaft fleißig statt faul seien oder wenn ein genialer Ingenieur an der Spitze des Betriebs stehe“.<ref>Henry Picker: Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier, Ullstein Verlag, Berlin 1993, S. 136</ref> Demnach wäre die häufige Ablehnung eines „raffenden“ im Gegensatz zum lobenswerten „schaffenden Kapitalismus“ von ihm durchaus ernst gemeint gewesen.

Für die von 1933 bis 1945 praktizierte Wirtschaftspolitik des NS-Regimes sind die Befunde ebenfalls widersprüchlich. Auf der einen Seite steht das faktische Lohndumping, denn die Löhne blieben in vielen Sektoren auf ihrem Niedrigststand der Weltwirtschaftskrise; auch die Reprivatisierung der in der Bankenkrise 1931 de facto verstaatlichten Großbanken spricht eher für eine prokapitalistische Haltung der Regierung, ebenso die massiven Profitmöglichkeiten, die sich mehreren Unternehmen in den nach 1939 eroberten Gebieten boten. Die Arbeiten u.a. von Avraham Barkai, Timothy Mason und Dieter Petzina dagegen zeigen, dass die dirigistischen Eingriffe in die Wirtschaft unter Schachts „Neuem Plan“ (1934), unter dem Vierjahresplan (1936) und vollends die Kriegswirtschaft unter Rüstungsminister Albert Speer (ab 1942) vom freien Unternehmertum der Weimarer Jahre wenig übrig ließen. Der Historiker Klaus Hildebrand fasst den Stand der Forschung in Oldenbourg Grundriss der Geschichte zusammen:

Zwar blieben die Betriebe in privaten Händen der Unternehmer, ohne Zweifel stiegen auch die finanziellen Erträge aus der Rüstungskonjunktur. Doch wurde das für eine kapitalistische Wirtschaft verbindliche Prinzip der Zweck-Mittel-Rationalität im Banne der Rüstungsanforderungen und des Autarkieprinzips auf Befehl Hermann Görings mehr und mehr außer Kraft gesetzt. <ref> Klaus Hildebrand, Das Dritte Reich (Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd. 17), München 1991, S. 170 </ref>

Führerkult und Führerstaat

In allen Staaten Europas gab es seit Beginn des 20. Jahrhunderts starke Tendenzen zu autoritativen, antidemokratischen Politikkonzepten, deren Akzeptanz sich nach 1918 auch aus Enttäuschung über die pluralistische Demokratie und Massenelend speisten. Als „Führerkult“ ließ sich schon die Verehrung des Herrschers in einer Monarchie, begründet etwa mit der Idee des Gottesgnadentums, auffassen. Der Erste Weltkrieg enttäuschte das Bild vom Heldenkaiser, verstärkte bei Nationalisten aber noch die Sehnsucht nach dem heldischen Führer. Zu einem parteipolitischen Konzept machte dies erst der aufstrebende Faschismus: zuerst mit dem Duce Benito Mussolini in Italien, dann dem Caudillo General Franco in Spanien, aber auch im Kult um „Väterchen“ Stalin in der Sowjetunion.

Anders als in Italien begann der Hitlerkult schon zehn Jahre vor der Machtergreifung nach dem Hitlerputsch von 1923, aus dessen Scheitern Hitler folgerte, dass die NSDAP eine straff geführte Führerpartei sein müsse und er selbst zu Deutschlands „Rettung“ bestimmt sei. Dem kam die Erwartung der Parteibasis an ihn entgegen. Der deutsche Führerkult ging also mit der Entwicklung der NSDAP zur Massenpartei einher und diente ihrer Integration, Schlagkraft und Ausdehnung. Er wurde 1933 auch nicht einer wie in Spanien oder Russland einer bestehenden zentralisierten Militärdiktatur zu deren Absicherung aufgepropft, sondern zum Organisationsprinzip eines durch ersatzlose Gleichschaltung aller bestehenden Verwaltungs- und Regierungsinstitutionen geschaffenen Führerstaates. Später wurde Hitler als Führer und Reichskanzler auch Oberbefehlshaber des neu organisierten OKW, seit 1938 trat auch das Regierungskabinett nicht mehr zusammen.

Anders als in der Sowjetunion, die nach Stalins Tod noch Jahrzehnte fortbestand, untergrub das Prinzip der „charismatischen Führerpersönlichkeit“ (Max Weber), die die rivalisierenden Kräfte in Staat und Partei durch ihren „Willen“ lenkte und orientierte, das selbständige Funktionieren der Bürokratie in Deutschland. Denn der lange Zeit mit Führererlassen und -Verordnungen direkt regierte Staat konnte Kriegsniederlage und Tod Hitlers nicht mehr überdauern. Nach Ian Kershaw stand und fiel der deutsche NS-Staat daher mit der Person des Führers.<ref>Enzyklopädie des Nationalsozialismus S. 22-25</ref>

Weitere Merkmale und Entwicklungen der NS-Ideologie

Weitere Hauptmerkmale des Nationalsozialismus waren:

  • die zentrale Rolle von Propaganda und Massen-Inszenierungen als Mittel zur Herrschaft und ihrer Sicherung nach innen und außen.
  • Totalitarismus: Benutzung und Zerschlagung der Demokratie, Einparteienherrschaft, Aufhebung der Gewaltenteilung, Instrumentalisierung aller politischen Kontrollinstanzen und Medien, weitreichende Vollmachten für Geheimdienste und Denunzianten, Polizeistaat
  • Militarismus und Imperialismus: Schon während des Aufstiegs der NSDAP wurden Waffenlager eingerichtet, bewaffnete Schlägerbanden ausgebildet, die Straßengewalt einübten, um politische Gegner einzuschüchtern. Ab 1933 wurde Aufrüstung betrieben, zunächst geheim, dann offen, und die vertraglichen Bindungen an Völkerbund und Völkerrecht erst unterlaufen, dann gebrochen. Sobald die Wehrmacht stark genug sein würde, plante das NS-Regime gezielte Angriffskriege zur Wiederherstellung und Erweiterung eines auf militärische Machtentfaltung gebauten Großdeutschlands. Dabei sollte ein Land nach dem anderen isoliert und einzeln niedergekämpft werden. Das Endziel war nach Meinung einiger Historiker die Eroberung des kontinentalen Festlands, der Sowjetunion bis zur Linie Archangelsk–Uralgebirge–Kaukasus sowie die Besiedelung dieser Gebiete durch die Deutschen, andere Forscher glauben Belege dafür zu haben, dass Hitler die Weltherrschaft anstrebte. Die Herrschaft über die besetzten Gebiete sollte durch Vertreibung unerwünschter Bevölkerungsgruppen gestärkt werden.
  • Antiliberalismus: Die NS-Ideologie ertrug keinen Pluralismus der Meinungen und Organisationen neben sich, sie allein sollte alle Lebensbereiche total durchdringen.
  • Männerherrschaft und Männlichkeitskult, also Propagierung von Werten wie Tapferkeit und soldatischer Härte. „Weibliche Werte“ werden bei Männern als Feigheit, Krankheit und „Zersetzung der Wehrkraft“ denunziert.

Ob und wieweit auch religiöse Elemente für die nationalsozialistische Ideologie konstitutiv waren, ist in der historischen Forschung umstritten. Verschiedene Strömungen in der NSDAP reichten vom Atheismus und Nihilismus über Bestrebungen eines rassistischen Neopaganismus bis zur Bejahung oder taktischen Vereinnahmung eines „positiven Christentums“ (siehe dazu Kirchen und Religionsgemeinschaften im Nationalsozialismus, Deutsche Christen und Kirchenkampf). Dass Elemente der NS-Propaganda, etwa der Führerkult, religionsähnliche Züge trugen, wurde oft beobachtet.

Nach Gründung der Weimarer Republik konzentrierte sich die nationalsozialistische Propaganda zunächst auf den Vertragsrevisionismus, also die Forderung nach Wiederaneignung der infolge der deutschen Kriegsniederlage verlorenen Gebiete und damit nach Aufhebung oder Bruch des Versailler Vertrags. Dieser wurde als „Schmach von Versailles“ oder „Versailler Schanddiktat“ diffamiert.

Eine ideologische Grundlage des Nationalsozialismus ist die Anfechtung der Menschenwürde, nach welcher der Mensch seinen Wert als solcher besitzt, das heißt ohne alle Leistung. Die Grundwerte des Nationalsozialismus waren darum weder neu noch auf eine bestimmte historische Zeit beschränkt. Sie sind die der Leistungsgesellschaft, nur eben radikal und total. Die Inszenierung der Arbeit, des Körpers, der Technik, das Absinken der Künste auf die Beschwörung des Willens ist genauso Ausdruck dieser Sicht des Menschen, wie das System der Arbeitslager und die Vernichtung sogenannten „unwerten Lebens“ (siehe auch Aktion T4). Der Versailler Vertrag und die Folgen der Weltwirtschaftskrise der zwanziger Jahre öffneten der Leistungsideologie und dem Gefühl, um die eigene Leistung betrogen zu sein, weit die Tore. Anders aber zeigt das Beispiel des Antisemitismus, gegründet auf dem Mythos, die jüdische Kultur lebe auf Kosten der deutschen, die geringe Bindung der Leistungswerte zur Wirklichkeit. Wesentliche Elemente der NSDAP-Ideologie wurden von Adolf Hitler in seinem Buch Mein Kampf niedergeschrieben. Das Buch galt als Grundlage aller anderen Schriften des Nationalsozialismus. Als bedeutender NS-Ideologe gilt zudem Alfred Rosenberg, dessen Buch Der Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts sich gegen das Christentum, besonders den römischen Katholizismus<ref>siehe hierzu auch das von Rosenberg herausgegebene Handbuch zur Romfrage. Hoheneichen-Verlag, München 1940, von dem nur der 1. Band (A-K) erschienen ist</ref>, richtete und weite Verbreitung fand. Gleichwohl nahmen führende NSDAP-Politiker sein Buch nicht ernst und machten es nicht zur Grundlage ihrer Kirchenpolitik. Besonders Goebbels soll über Rosenberg immer wieder gespottet haben.

Eine eigene Weiterentwicklung der nationalsozialistischen Ideologie nahm Heinrich Himmler vor. Die bereits bei Rosenberg vorhandenen Bezugspunkte zu Indien wurden in den SS-Einrichtungen wie den „Ordensburgen“ (die Himmler als Elite des Systems verstand) ausgebaut. Esoterische Lehren mit deutlichen östlichen Einflüssen wurden teilweise von der SS übernommen. Himmler betrieb auch eine Europäisierung der Ideologie. Ein bekanntes Produkt dessen sind die Freiwilligen-Einheiten der „Europäischen SS“ aus vielen Ländern.

Häufig nahm der Nationalsozialismus religiöse Züge an. Auf den Reichsparteitagen wurde der Nationalsozialismus zelebriert, was durch den Film Triumph des Willens der Regisseurin Leni Riefenstahl besonders herausgearbeitet und verstärkt wurde. Das Verhältnis des Nationalsozialismus zur christlichen Religion blieb daher auch zwiespältig. Einerseits gab es den Versuch, mit der evangelische Kirche ein „Deutsches Christentum“ zu begründen. Andererseits aber gab es antichristliche Elemente bei Rosenberg und eine völlige Abwendung vom Christentum durch die Bezugnahme auf germanische Mythologie, Okkultismus, Hinduismus und Buddhismus durch Himmler.

Hinzu kam der „Blut-und-Boden-Mythos“ und die Verherrlichung des Bauernstandes (des „Nährstands“) sowie eine gewisse Nostalgie. Viele Nationalsozialisten lehnten die Verstädterung und die zunehmende Industrialisierung ab und sehnten sich nach einem Land, das wie eh und je von Bauern bestellt wurde. Auch Himmler hatte solche Gedanken, als er vorschlug, die eroberten Gebiete der Sowjetunion mit Bauern zu besiedeln, die zugleich Soldaten („Wehrbauern“) waren. Russen, Ukrainer und Polen sollten die Landarbeiter, das Hauspersonal, die Bauarbeiter oder die Hilfsarbeiter stellen.

Siehe auch: Religion während des Nationalsozialismus

Fußnoten

<references />

Literatur

  • Hermann Graml, Wolfgang Benz, Hans Buchheim, Hans Mommsen (Hrsg.): Der Nationalsozialismus. Studien zur Ideologie und Herrschaft, Fischer-TB, Frankfurt am Main, 1993, ISBN 3596119847
  • Karl Dietrich Bracher: Die deutsche Diktatur. Entstehung, Struktur, Folgen des Nationalsozialismus. Propyläen-Taschenbuch. Ungekürzte Ausgabe, auf der Grundlage der 7. Auflage. Ullstein, Berlin 1997, ISBN 3-548-26501-4
  • Ian Kershaw: : Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1989, ISBN 3-498-03462-6
  • Reinhard Kühnl: Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten. Pahl-Rugenstein, Köln
  • Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933-1945, herausgegeben und kommentiert von Walther Hofer, Fischer Taschenbuch Verlag, Reihe Bücher des Wissens, Erstausgabe 1957, ISBN 3-436-00183-X
  • Franz Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944 Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M., 1984
  • Gerhard Paul: Aufstand der Bilder. Die NS-Propaganda vor 1933, 2. Aufl. Bonn 1992, ISBN 3-8012-5015-6
  • Michael Ruck: Bibliographie zum Nationalsozialismus, 2 Bde. m. CD-ROM, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2000, ISBN 3-534-14989-0
  • William L. Shirer: Aufstieg und Fall des Dritten Reiches, 2000, ISBN 3-9333-6661-5
  • Henry A. Turner, Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers, Siedler Verlag Berlin 1985, ISBN 3-88680-143-8
  • Wolfgang Wippermann: Der konsequente Wahn. Ideologie und Politik Adolf Hitlers, Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh 1989, ISBN 3-570-03950-1
  • Michael Burleigh und Wolfgang Wippermann: The Racial State. Germany 1933 - 1945, Cambridge University Press 1991, ISBN 0-521-39114-8

Siehe auch

Weblinks

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