Judenstern

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Der sog. Judenstern mit der Aufschrift Jude

Der sogenannte Judenstern - seltener auch als Gelber Stern bezeichnet - ist ein in der Zeit des Nationalsozialismus in den besetzten Gebieten und Deutschland eingeführtes Zeichen zur Kennzeichnung und insbesondere zur Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen, die die Nationalsozialisten als Juden definierten.

Inhaltsverzeichnis

Hintergrund

Bereits im Jahre 1938 hatte Reinhard Heydrich auf einer Konferenz kurz nach den Novemberpogromen die Kennzeichnung der Juden vorgeschlagen. Ab April 1941 trieb Joseph Goebbels den Plan voran und seit Juli 1941 drängte er auf einen Termin, um Hitlers Genehmigung einzuholen. Hitler selbst hatte sich bereits 1937 in einer Rede vor Funktionären zu einem entsprechenden Vorschlag geäußert: "Dieses Problem der Kennzeichnung wird seit zwei, drei Jahren fortgesetzt erwogen und wird eines Tages so oder so natürlich auch durchgeführt. [...] Da muss man nun die Nase haben, ungefähr zu riechen: 'Was kann ich noch machen, was kann ich nicht machen?'" <ref>Konrad Kwiet: Nach dem Pogrom: Stufen der Ausgrenzung. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Die Juden in Deutschland 1933-1945... München 1988, ISBN 3-406-33324-9 S. 615</ref>

Der geeignete Zeitpunkt war nun gekommen, da außenpolitische Rücksichten außer acht gelassen werden konnten und Sanktionen durch die USA wirkungslos bleiben mussten. Durch die Kennzeichnung sollte laut Goebbels die jüdische Minderheit isoliert werden, damit sie sich nicht unerkannt als „Miesmacher und Stimmungsverderber“ betätigen konnte. Zugleich sollte die Kennzeichnung die angestrebte spätere Deportation der Juden entscheidend erleichtern. <ref> Peter Longerich: Davon haben wir nichts gewusst...S. 165f und S.393 Anm.36</ref>


Inhalt der Polizeiverordnung

Schon seit dem 23. November 1939 mussten Juden im von deutschen Truppen besetzten Polen Kennzeichnungen tragen, die zunächst nicht einheitlich gestaltet waren. Ab dem 19. September 1941 waren im Deutschen Reich fast ausnahmslos alle Juden (hier nach Definition der Verordnung zu den Nürnberger Gesetzen einschließlich der Geltungsjuden) vom vollendeten sechsten Lebensjahr an verpflichtet, einen gelben Judenstern „sichtbar auf der linken Brustseite des Kleidungsstückes fest aufgenäht zu tragen“. Im Jüdischen Gemeindeblatt Berlins wurde gewarnt, dass das „Verdecken des Judensterns durch Kragen, Taschen oder Aktenmappen“ strafbar sei.<ref>Wolf Gruner: Judenverfolgung in Berlin 1933-1945. Eine Chronologie der Behördenmaßnahmen in der Reichshauptstadt. Berlin 1996, ISBN 3-89468-238-8, S.80</ref> Die Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden vom 1. September 1941 drohte für Zuwiderhandlung eine Geldbuße oder Haftstrafe bis zu sechs Wochen an; später wurden Verstöße auch durch baldmöglichste Deportation oder Zuführung in das nächstgelegene Konzentrationslager geahndet.<ref>Hans Mommsen und Dieter Obst: Die Reaktion der deutschen Bevölkerung auf die Verfolgung der Juden 1933-1943. In: Herrschaftsalltag im Dritten Reich, hrsg. von Hans Mommsen, Düsseldorf 1988, ISBN 3-491-33205-2, S. 401</ref>

In Deutschland waren von der Kennzeichnungspflicht ausgenommen die sogenannten „jüdischen Mischlinge“ und die jüdischen Partner in „privilegierten Mischehen“. Jüdische Männer einer Mischehe, die kinderlos geblieben war, fielen nicht unter diese Ausnahmeregelung und waren zum Tragen des Judensterns verpflichtet.

Die Polizeiverordnung verbot ferner den Juden, ihre Orden und Ehrenzeichen zu tragen, und untersagte ihnen, den Wohnort ohne schriftliche polizeiliche Genehmigung zu verlassen. Bei der Ausgabe der Judensterne musste folgende Bescheinigung unterschrieben werden: „Ich bestätige hierdurch den Empfang von 1 Judenstern. Mir sind die gesetzlichen Bestimmungen über das Tragen des Judensterns, das Verbot des Tragens von Orden, Ehrenzeichen und sonstigen Abzeichen bekannt. Auch weiß ich, dass ich meinen Wohnort nicht verlassen darf, ohne einen schriftliche Erlaubnis der Ortspolizeibehörde bei mir zu führen. Ich verpflichte mich, das Kennzeichen sorgfältig und pfleglich zu behandeln und bei seinem Aufnähen auf das Kleidungsstück den über das Kennzeichen hinausragenden Stoffrand umzuschlagen.“ <ref>Quelle Weblink [1]</ref>

Exkurs: Symbolwert der Farbe gelb

Die Nationalsozialisten stellten mit dem Stern eine Verbindung zur mittelalterlichen Kleidung her, die Juden als Kennzeichen zu tragen hatten (Judenhut und gelber Fleck). Als Zeichen wurde eine Form gewählt, die an das national-religiöse Symbol des Judentums, (das Hexagramm des Davidsterns), anknüpfte: ein gelber, aus zwei überlagerten, schwarzumrandeten Dreiecken bestehender, sechszackiger Stern mit der schwarzen Aufschrift „Jude“.

Der Linguist Victor Klemperer beschrieb den Stern in seinem Werk LTI – Notizbuch eines Philologen - aus Sicht eines derjenigen, die ihn tragen mussten - mit folgenden Worten:

„... der 19. September 1941. Von da an war der Judenstern zu tragen, der sechszackige Davidsstern, der Lappen in der gelben Farbe, die heute noch Pest und Quarantäne bedeutet und die im Mittelalter die Kennfarbe der Juden war, die Farbe des Neides und der ins Blut getretenen Galle, die Farbe des zu meidenden Bösen; der gelbe Lappen mit dem schwarzen Aufdruck: ‚Jude‘, das Wort umrahmt von Linien der ineinandergeschobenen beiden Dreiecke, das Wort aus dicken Blockbuchstaben gebildet, die in ihrer Isoliertheit und in der breiten Überbetontheit ihrer Horizontalen hebräische Schriftzeichen vortäuschen“.<ref>Victor Klemperer: LTI – Notizbuch eines Philologen. Leipzig 1975, S. 213</ref>

Reaktion der Bevölkerung

Die Reaktionen der Mitbürger spiegeln sich hauptsächlich in zwei unterschiedlichen Quellensorten: Zum einen gibt es mit den sogenannten "Meldungen aus dem Reich“ die Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS aus dieser Zeit. Zum anderen kann man auf Tagebuchnotizen, Briefe oder spätere Berichte der „Sternträger“ selbst zurückgreifen. Die Aussagekraft beider Quellenarten ist aus unterschiedlichen Gründen begrenzt und lässt abgeleitete Verallgemeinerungen unsicher erscheinen.

Unter dem 9. Oktober 1941 berichten die „Meldungen aus dem Reich“, die Polizeiverordnung sei „überwiegend begrüßt, in katholischen und bürgerlichen Kreisen aber auch mit Mitleid aufgenommen“ und es sei aber auch „von mittelalterlichen Methoden“ gesprochen worden. <ref>Meldungen aus dem Reich, S. 180</ref> Im November wird berichtet, dass die Forderung von Gemeindemitgliedern, die „Judenchristen“ in der Kirche beim Gottesdienst und Sakramentsempfang abzusondern, von den katholischen Bischöfen wie der Bekennenden Kirche abgelehnt worden sei. <ref> Meldungen aus dem Reich, S. 180ff (24. November 1941) </ref> Am ausführlichsten wird im Bericht Nr. 256 vom Februar 1942 auf die Auswirkungen der Verordnung eingegangen. Die Verordnung habe „einem lang gehegten Wunsch weiter Bevölkerungskreise“ entsprochen. Außerordentlich weiten Raum nehmen kritische Bemerkungen über die Ausnahmeregelungen ein; ein nicht gekennzeichneter Jude sei nun unverdächtig und getarnt, überdies nicht durch einen Zwangsvornamen im Ausweis zu erkennen. Es werde „allgemein erwartet, dass sämtliche Sonderbestimmungen zugunsten der Juden und der jüdischen Mischlinge aufgehoben“ würden und dass die jüdischen Wohnungen eine Kennzeichnung erhielten.<ref>Meldungen aus dem Reich, S. 205 (2. Februar 1942)</ref> Es muss offen bleiben, ob diese Stimmungsberichte repräsentativ sind oder die Berichterstatter vorgesetzte Stellen zu beeinflussen suchten.<ref>Heinz Boberach: Überwachungs- und Stimmungsberichte..., S. 57 </ref>

In einer Konferenz des Propagandaministeriums warnte ein Sprecher vor einer Mitleidswelle „aus Kreisen der Intelligenzbestien“. Ablehnende Reaktionen der Bevölkerung lassen sich aus manchem Presseartikel ableiten, wenn über „falsches Mitleid und schlecht angewandte ‚Menschlichkeit’ gegenüber besternten Juden“ gewettert wurde.<ref> Peter Longerich: Davon haben wir nichts gewusst... S. 172</ref>

Eine überwiegend ablehnende Reaktion zumindest von Teilen der Bevölkerung wird auch von den betroffenen „Sternträgern“ selbst bezeugt: „Viel Freundlichkeit in der Öffentlichkeit und noch viel mehr im geheimen werden uns erwiesen“ – „Die Judensterne sind nicht populär. Das ist ein Misserfolg der Partei“.<ref> Peter Longerich: Davon haben wir nichts gewusst... S. 175 und weitere Belege</ref> „Fraglos empfindet das Volk die Judenverfolgung als Sünde“<ref> Victor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher hrsg. Von Walter Nowoski, Berlin 1995 (4.10.41)</ref>. Spöttisch wurde das Zeichen auch in Anspielung auf den preußischen Verdienstorden „Pour le Mérite“ als „Pour le Sémite“ bezeichnet<ref>Victor Klemperer: LTI – Notizbuch eines Philologen. Leipzig 1975, S. 218</ref>.

Victor Klemperer berichtet von einigen solidarischen Bekundungen, schreibt aber in seinem Tagebuch auch von Anpöbelungen. Antisemitische Bemerkungen gab es häufiger von Kindern und der Hitlerjugend.

Die als wohltuend empfundenen Solidaritätsbekundungen in einer sonst feindlich gesonnenen Umwelt werden von den jüdischen Berichterstattern stets lobend hervorgehoben. Durch diese Betonung wird ihnen ein Gewichtung verliehen, die heutige Leser zu voreiligen Schlussfolgerungen auf die Stimmung in der Bevölkerung verleiten kann.

Weitere Beschränkungen

Am 24. Oktober 1941 erging ein Runderlass des Reichssicherheitshauptamtes, der denjenigen deutschblütigen Bürgern eine Schutzhaft von drei Monaten androhte, die „in der Öffentlichkeit freundschaftliche Beziehungen zu Juden“ erkennen ließen. <ref> Peter Longerich: Davon haben wir nichts gewusst... S. 181</ref> In Hamburg wurde den „deutschblütigen Volksgenossen“ beim Abholen der Lebensmittelkarten ein Flugblatt ausgehändigt, das diesen Erlass im Wortlaut enthielt. <ref>Beate Meyer: „Goldfasane“ und „Narzissen“. Die NSDAP im ehemals „roten“ Stadtteil Hamburg-Eimsbüttel. Hamburg 2002, ISBN 3-9808126-3-4, S. 104</ref>

Am 13. März 1942 ordnete die Gestapo reichsweit an, jüdische Wohnungen „mit einem weißen Judenstern aus Papier“ zu kennzeichnen. <ref>Wolf Gruner: Judenverfolgung in Berlin 1933-1945... Berlin 1996, ISBN 3-89468-238-8, S. 83 / bei Joseph Walk: Das Sonderrecht für Juden im NS-Staat. Heidelberg/Karlsruhe 1981 ISBN 3-8114-1081-4, S. 366 heißt es "schwarzer Stern" - andere Angaben: Stern als schwarzer Umriss auf weißem Papier</ref>

Bereits am 18. April 1941 war Juden die Benutzung von Reisezügen und Schiffen ohne Sondergenehmigung untersagt worden. Am 24. März 1942 verbot das Reichsministerium des Inneren grundsätzlich auch die Benutzung von innerstädtischen Verkehrsmitteln; nur Fahrstrecken zur Arbeit über sieben Kilometer Entfernung galten als genehmigt. <ref>Wolf Gruner: Judenverfolgung in Berlin 1933-1945... Berlin 1996, ISBN 3-89468-238-8, S.79 bzw. 83 </ref> „Sternträger“ durften ab Oktober 1941 keine Telefonzellen mehr benutzen und ab September 1942 nur noch zu bestimmten Zeiten einkaufen.

Kennzeichnungen außerhalb des Reiches

In Polen mussten die Juden bereits vom November 1939 an eine Kennzeichnung tragen. Diese war zunächst uneinheitlich und wurde in vielen Gebieten als eine weiße Armbinde mit einem blau konturierten sechszackigen Stern vorgeschrieben. Nach einer Übergangszeit wurden in Polen wie auch später in den besetzten sowjetrussischen Gebieten „gelbe Davidsterne“ eingeführt. Diese waren auf der rechten Brustseite und auch auf der Rückenseite der Kleidung anzunähen. In einigen Ghettos gab es zeitweilig 19 zusätzliche Kennzeichnungen für Hilfspolizisten, Ärzte, Angestellte des Judenrates und Fabrikarbeiter.<ref>Die Angaben aus diesem Abschnitt folgen den Informationen aus Gutmann, Jäckel u.a.: Enzyklopädie des Holocaust. Bd. 2, München o.J., ISBN 3-492-22700-7, S. 750f</ref>.

Die Kennzeichnung der Juden in Frankreich verlief nicht reibungslos; sie stieß auf Widerstand bei der Bevölkerung und der Vichy-Regierung und wurde von der deutschen Militärverwaltung aufgeschoben. Im besetzten Teil Frankreichs erging die Anordnung am 7. Juni 1942; in der Vichy-Zone wurde das gelbe Abzeichen auch nach der Besetzung im November 1942 nicht eingeführt.

Für Belgien trat die Kennzeichnungspflicht für Juden am 3. Juni 1942 in Kraft; in den Niederlanden wurde sie mit Erlass vom 29. April 1942 eingeführt.

Eine Sonderstellung nahm Dänemark ein. Die deutschen Behörden äußerten zwar den Wunsch nach einer Kennzeichnung, wagten aber nicht, diese selbst verbindlich anzuordnen. Einer Legende nach soll König Christian X. gedroht haben, beim Erlass einer solchen Verordnung werde er als erster dieses Abzeichen tragen. Diese Darstellung hat jedoch keinen realen Hintergrund.<ref>Gutmann, Jäckel u.a.: Enzyklopädie des Holocaust. Bd. 2, München o.J., ISBN 3-492-22700-7, S. 753</ref>.

Die Nationalsozialisten waren bestrebt, auch in den mit Deutschland verbündeten Staaten eine entsprechende Regelung einführen zu lassen. Dies geschah in der Slowakei bereits am 9. September 1941. In Rumänien folgte eine entsprechende Verordnung 1941 bzw. 1942, die aber nur für die neuerworbenen Gebiete galt. Auf Ungarn übte die deutsche Regierung im Jahre 1942 erheblichen Druck aus, doch kam es hier erst nach der Militärbesetzung am 31. März 1944 zur Kennzeichnungspflicht. In Bulgarien wurden derartige Pläne von einer starken Opposition abgelehnt. Im August 1942 wurde dort ein Abzeichen in Form eines kleinen gelben Knopfes eingeführt; doch diese Anordnung wurde nicht konsequent befolgt.

Siehe auch

Belegstellen

<references/>

Literatur

  • Meldungen aus dem Reich. Auswahl aus den geheimen Lageberichten des Sicherheitsdienstes der SS 1939-1944, hrsg. von Heinz Boberach, dtv 477, München 1968
  • Heinz Boberach: Überwachungs- und Stimmungsberichte als Quellen für die Einstellung der deutschen Bevölkerung zur Judenverfolgung. In: Ursula Büttner: Die Deutschen und die Judenverfolgung im Dritten Reich. Überarb. Neuaufl. Frankfurt 2003, ISBN 3-596-15896-6
  • Peter Longerich: „Davon haben wir nichts gewusst!“ Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933-1945. München 2006, ISBN 3-88680-843-2 (S. 163-181)
  • Jens J. Scheiner: Vom „Gelben Flicken“ zum „Judenstern“? Genese und Applikation von Judenabzeichen im Islam und christlichen Europa (841–1941). Lang, Frankfurt am Main u. a. 2004, ISBN 3-631-52553-2

Weblinks

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