Judenmission

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Der Begriff Judenmission bezeichnet eine Missionstätigkeit von Christen an Juden, die sie zum Glauben an Jesus Christus, das heißt an die Messiaswürde Jesus von Nazarets bringen soll. Diese Bekehrung, Konversion und Taufe soll sie meist zugleich zur restlosen Abkehr vom Judentum bewegen und zielt so langfristig auf dessen Auflösung. Deshalb gilt Judenmission heute als untrennbarer Teil des gesamtkirchlichen Antijudaismus.

Der Artikel beschreibt die Ursprünge der Judenmission im Neuen Testament, ihre historische Realisierung in der Kirchengeschichte, ihre Infragestellung seit dem Holocaust und die gegenwärtige Debatte einschließlich der wichtigsten theologischen Positionen dazu.

Inhaltsverzeichnis

Urchristentum

Die Urchristen verstanden sich als endzeitliche Heilsgemeinschaft innerhalb des Judentums. Dessen Erwählung durch JHWH hatte Jesus selbst durch seine Lebenshingabe für sie ultimativ bekräftigt (Vorlage:B). Sie folgten seiner Verkündigung vom Reich Gottes, die seine Tora-Auslegung bestimmte, und versuchten anfangs vor allem andere palästinische Juden für den Glauben an den zur endgültigen Rettung ganz Israels gekommenen Sohn Gottes zu gewinnen. Dabei beriefen sie sich auf den vorösterlichen Auftrag Jesu (Vorlage:B):

Gehet nicht auf der Völker Straße und zieht nicht in der Samariter Städte, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Haus Israel.

So gehörte die Israelmission – keine generelle „Judenmission“ – von Anfang an zum Selbstverständnis der Urchristen. Doch mit Jesu stellvertretendem Tod und am Kreuz und seiner Auferstehung sahen sie Gottes Reich schon eingebrochen in diese vergehende Welt. Sie glaubten, die Endzeit habe begonnen und das Endgericht JHWHs stehe bevor. Damit begründeten sie den universalen, nicht mehr auf Israel begrenzten Missionsauftrag des Auferstandenen (Vorlage:B):

Darum geht hin und macht zu Nachfolgern alle Völker; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie zu halten alles, was ich Euch befohlen habe.

Hier wird das Volk Israel nicht zu den zu missionierenden Völkern gezählt, weil es Gottes erwähltes Volk war und blieb, dessen Bund Gott durch Tod und Auferstehung Jesu bestätigt und erneuert hatte. Wie der Tanach - die Hebräische Bibel - unterscheidet das Neue Testament das ersterwählte Gottesvolk durchgängig von den übrigen Völkern und erkennt es in seiner bleibenden Besonderheit an.

Auch die Taufe wurde im NT als Aufnahme in den Israelbund verstanden, die zugleich zur Nachfolge Jesu verpflichtete. Mit ihr ist das Halten aller Gebote Jesu unlösbar verbunden, allen voran der Gottes- und Nächstenliebe, die Jesus nach Vorlage:B als zentrale Lehre des Judentums bestätigt und nach Vorlage:B betont hatte:

Es werden nicht alle, die zu mir 'Herr, Herr' sagen, in das Himmelreich kommen, sondern die, die den Willen meines Vaters im Himmel tun.

Die ersten Apostelpredigten beim Tempel in Jerusalem richteten sich daher an andere Juden und boten ihnen als ersten Gottes Heil und Vergebung an (Vorlage:B):

Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazaret […] der durch Ratschluss und Vorsehung Gottes dahingegeben wurde, habt ihr durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen und getötet. Den hat Gott auferweckt […] So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat.

Nicht Anklage und Drohung, sondern die vom Gott Israels vorgesehene Schuldübernahme und die so geschaffene wunderbare Wendung vom Tod zum Leben steht im Zentrum dieser Botschaft an die Juden in Israel. Zuvor hieß es (v. 21): Wer den Namen dieses Gottes anruft, der wird gerettet werden. Nirgends heißt es: Wer Jesus nicht mit diesem Gott identifiziert, wird verdammt werden. Auch Vorlage:B bedroht primär den Unglauben der Christen, die wie Jesus „Dämonen” austreiben sollen, um auch die Verdammten zu retten.

Als die Evangelien verfasst wurden (um 70–130 n. Chr.), hatte eine Mehrheit der damaligen jüdischen Bewohner Israels Jesus als ihren Messias schon abgelehnt. Gleichwohl halten alle Urchristen fest: Das Heil kommt von den Juden. (Vorlage:B). Paulus von Tarsus, der Begründer der Völkermission, sah nicht die Verstockung der noch nicht zu Christus bekehrten Juden, sondern die Überheblichkeit der Christen aus den Völkern gegenüber dem Volk Israel als Hauptproblem (Vorlage:B):

Rühmst Du Dich aber gegen sie, so sollst Du wissen, dass nicht Du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt Dich.

Er erwartete, dass der Völkermission Israels Bekehrung folgen werde, die aber allein Gottes endzeitliches Werk sein werde (Vorlage:B). Darum sollten die Christen das erste Gebot achten und aller Welt den unkündbaren Bund Gottes mit Israel verkünden, der die Völker durch Jesus Christus aus reiner Gnade an diesem Bund teilhaben lasse (Vorlage:B).

Nach der Tempelzerstörung grenzten sich Juden und Christen gegenseitig voneinander ab und stellten die Unterschiede in den Vordergrund: auch weil die herrschenden Römer noch kaum einen Unterschied zwischen Juden, Judenchristen und Heidenchristen machten und sie zeitweise gemeinsam verfolgten.

Mittelalter

Juden hatten seit 212 in den Reichsprovinzen das römische Bürgerrecht und als religio licita (erlaubte Religion) auch relative Religionsfreiheit genossen. Mit dem Aufstieg der Kirche zur Staatsreligion wurden ihnen diese Privilegien nach und nach entzogen. Konstantin I. (306–337) erlaubte das Christentum 313 und förderte es gegenüber dem Judentum; er versuchte Juden zum Übertritt zur Kirche zu bewegen, indem er ihnen Schutz gegen Übergriffe ihrer ehemaligen Glaubensgenossen anbot.

Seit 380 bestimmte die Staatskirche den Umgang der Behörden mit Juden mit. Im 5. Jahrhundert kam es zu Synagogenzerstörungen und erzwungenen Massentaufen. Doch der römische Staat hielt an der traditionellen Duldung der jüdischen Religion fest. Augustinus von Hippo (354–430) gab dieser Auffassung eine theologische Begründung, die lange maßgebend blieb: Demnach gelte der christliche Missionsauftrag zunächst den Heiden; erst nach ihrer aller Bekehrung würden die Juden am Ende der Zeit von selbst zum Glauben an Christus finden. Da die jüdische Minderheit sich nicht in die Kirche eingliedern ließ, war sie jedoch besonderen Auflagen ausgesetzt. Zahlreiche kaiserliche „Judenedikte“ fanden als Corpus iuris civilis Eingang in das Kirchen- und Staatsrecht des Mittelalters.

Justinian I. (527–565) verfolgte neben christlichen Ketzern und Samaritanern auch Juden, verbot ihnen ihr Passahritual, hebräische Bibellesungen und wohl auch schon den Mischna-Unterricht. Dennoch konnte sich das Judentum in Europa vielerorts mit eigenen Gemeinden behaupten. Von entscheidender Bedeutung dafür war die Kanonisierung des Tanach (um 135) bei gleichzeitiger flexibler mündlicher Tora-Auslegung (Halacha) durch die Rabbiner, die um 220 verschriftet wurde (Mischna) und mit der Gemara bis etwa 600 den Talmud vervollständigte.

Die Päpste, deren Macht im Zerfallsprozess des römischen Reiches zunahm, lehnten die Zwangstaufe von Juden zuerst ab. Gregor I. (540–604) legte die Kirche auf Predigtmission und milde Behandlung der Juden fest, wenn sie die ihnen verordneten Einschränkungen einhielten. Er versuchte, sie durch Steuerermäßigungen für Neubekehrte und andere Vergünstigungen zu gewinnen. Doch die Übertritte zum Christentum blieben selten.

In Spanien wurde den Juden schon 306 auf der Synode von Elvira ihr Recht zur Mission und der Kontakt zu Christen entzogen. Daher hielten sie später zu den Goten, solange diese dem Arianismus folgten. Nachdem der Westgotenkönig Rekkared I. (586–601) zum Katholizismus übergetreten war, wurden die spanischen Juden erneut mit zahlreichen Auflagen unterdrückt und verfolgt. Erzbischof Isidor von Sevilla hetzte mit einer verbreiteten Schrift gegen sie, um ihre vollständige Vertreibung zu erreichen. So erfuhren die verbliebenen Juden die Eroberung der iberischen Halbinsel durch die Araber 711 als Befreiung.

Im Byzantinischen Reich gaben Christen den Juden die Schuld an den Siegen der Muslime in Osteuropa, da beide das Gottsein Jesu ablehnten. Auch dort kam es zu Pogromen.

Im Frankenreich unter den Merowingern verbot das Konzil von Orléans 533 die Heirat zwischen Juden und Christen; hier kam es danach ebenfalls zu Pogromen und 582 zu Zwangstaufen. Ludwig der Fromme (814–840) stellte die Juden als Erster unter kaiserliche Vormundschaft und stellte wohlhabenden Juden besondere Schutzbriefe aus; doch das aufkommende Lehenssystem entzog ihnen diesen Schutz vielfach wieder. Sie gerieten nun in Abhängigkeit regionaler Bischöfe und Grafen, die ihnen den Bodenerwerb häufig untersagten und damit ihren sozialen Aufstieg erschwerten oder ausschlossen.

Damit wurde Juden der Handel und das Geldgeschäft zugewiesen. Wo sie diesen ungestört ausüben konnten, kam es bis zum 11. Jahrhundert zu einer gewissen Blütezeit jüdischer Gemeinden, die von einer reichen Literatur-, Kunst- und Poesieproduktion begleitet war: besonders in Süddeutschland, Böhmen, Lothringen und Städten wie Köln, Magdeburg, Mainz, Merseburg, Metz, Regensburg, Speyer, Trier, Worms.

Die Päpste verstanden sich weiterhin als Schutzherren der Juden und bestätigten die Predigt, nicht die Zwangstaufen als gültige Form der Judenmission mit zahlreichen Sicut-Iudaeis-Bullen bis in das 12. Jahrhundert hinein. Die Kreuzzüge machten dies schlagartig zunichte; die Alternative lautete nun „Taufe oder Tod”, was 1096, 1147 und 1189/90 die Ausrottung vieler jüdischer Gemeinden bedeutete. Zwar hatte der Papst die Zwangstaufe 1150 im Decretum Gratiani letztmals verboten; doch im gleichen Jahr begann man Juden öffentliche Disputationen aufzunötigen. Jüdische Talmudschulen bildeten bald regelrechte Berufsdisputanden aus; aber argumentative und rhetorische Überlegenheit im Disput nutzte ihnen nichts. Sie und ihre Gemeinden hatten vielfach nur die Wahl zwischen Unterwerfung oder Scheiterhaufen. Zugleich wurden die bekehrten Juden materiell unterstützt.

Im Kampf des Papsttums gegen die Albigenser und Katharer wurden die überlebenden Juden weiter isoliert. 1183 wurde dazu die päpstliche Inquisition eingerichtet und dem Dominikanerorden übertragen. Dieser setzte sich die Bekehrung aller Juden zum Ziel. 1215 wurden sie auf dem 4. Laterankonzil aus öffentlichen Ämtern gedrängt, in Ghettos gezwungen und mit einer diskriminierenden Kleiderordnung zum leichten Ziel für Pogrome gemacht. Diese verschärfte Kirchenpolitik kann zum einen als Reaktion auf die weitgehend gescheiterte Judenmission der vorherigen Jahrhunderte, zum anderen als Projektion aufgefasst werden, weil sich die katholische Kirche auf dem Höhepunkt ihrer Macht zunehmend von „innerer Zersetzung” bedroht fühlte (Raul Hilberg).

Kaiser, Könige und Adeligen ließen sich den „Schutz“ der Juden nun teuer bezahlen und machten sie zum Spielball ihrer Interessen. In Kastilien waren sie anfangs willkommen; im Zuge der Vertreibung der Mauren besiedelten sie deren Gebiete und bauten sie wieder auf. 1182 enteignete und vertrieb sie der Frankenherrscher Philipp II.; 1198 hob er dies Edikt wieder auf. Zwangsbekehrte Juden denunzierten nun öfter besonders eifrig ihre ehemaligen Glaubensgenossen.

1242 kam es in Paris zur öffentlichen Pariser Talmudverbrennung; auch andernorts wurden jüdische Bücher verbrannt. 1306 ließ Philipp der Schöne die französischen Juden erneut ausweisen. Bereits 1290 waren sie aus England vertrieben worden. 1391 begann der erneute Leidensweg der spanischen Juden mit den Massentaufen in Aragón. Dennoch hielten viele getaufte Juden, die sogenannten Marranen (Schweine), an ihren jüdischen Riten fest, selbst nach 1481, als sie unter Tomas de Torquemada Opfer der spanischen Inquisition wurden.

Trotz der regelmäßigen Hassausbrüche, zunehmenden Bedrohung und allgemeinen Feindseligkeit des christianisierten Europas gegen das Judentum gab es im Mittelalter immer wieder einzelne Juden, die aus aufrichtiger Überzeugung Christen wurden. Einige stiegen in Führungsämter auf und förderten dann ihrerseits die Judenmission: so z.B. Erzbischof Paulus von Burgos (1353–1435). Den sogenannten „Proselyten“ wurden an einigen Orten Schutz und Privilegien zuteil; in England z.B. errichtete Richard, Prior von Bermondsey nach Beschwerden der Juden über aggressive Abwerbungen um 1200 ein Hospital of Converts, das starken Zulauf erfuhr; ein ähnliches Institut wurde auch in Oxford gegründet. In Deutschland dagegen wurden Zwangstaufen fortgesetzt.

Neuzeit

Die Reformation schien zunächst neue Möglichkeiten für die kirchliche Akzeptanz des Judentums zu eröffnen. Martin Luther verurteilte die Gewaltmission 1523 ausdrücklich und stellte fest, dass sie den christlichen Glauben verleugne, da Israel das von Christus erwählte Volk bleibe. Er wollte die Juden aus ihrer eigenen Bibel heraus überzeugen und ihr Leiden unter Christen wiedergutmachen.

Doch nach der Kirchenspaltung 1536 blieben Missionserfolge unter Juden auch in evangelischen Territorien weiterhin aus. Luther wandelte sich nun zu einem Judenhasser. In Von den juden und ihren lügen 1543 beschrieb er sie mit allen altbekannten Klischees als halsstarrig, unverbesserlich und satanisch und forderte die Zerstörung ihrer Synagogen und ihre Vertreibung. Doch seine letzte Predigt schloss wieder mit einem Gebet für sie.

Luthers theologisches Grundproblem war seine Lehre von Gesetz und Evangelium: Gemäß ihrem pädagogischen Gebrauch (usus elenchticus legis) diente die Predigt des Gesetzes ausschließlich zur Erkenntnis der Sünde, des Gerichtes und des Zornes Gottes, um den Sünder auf das reine Gnadengeschenk des Evangeliums und den Empfang des Leibes Christi vorzubereiten. Juden wie „Papisten“ waren für ihn Sklaven des Gesetzes; ihre „Verstocktheit“ führe Christen in Versuchung, in den Irrglauben an die Selbsterlösung zurückzufallen; sie kreuzige täglich den Gottessohn und halte das Reich Gottes auf. So sah er die bloße Existenz des Judentums als Gefahr für die Christenheit.

Johannes Calvin betonte deutlicher als Luther den ungekündigten Bund Gottes mit dem Volk Israel: Dieser sei bereits Rechtfertigung allein aus Gnade und ewiges Heil. Aber er trennte das biblische Volk Israel scharf vom nachchristlichen Judentum: Dieses habe sich selbst durch die Ablehnung Jesu Christi vom Bund ausgeschlossen und sei daher am – in der Kirchengeschichte realisierten – Zorn Gottes selbst schuld. Dennoch bleibe Gottes Segen über ihm.

Die Reformatoren weckten zum Teil ein neues Interesse am Judentum. Viele Theologen begannen sich literarisch damit zu befassen. Martin Bucer (1491–1551) und Johannes Coccejus (1603–1669) räumten ihm einen Platz in Gottes Heilsplan ein. Aber das änderte die Lage der Juden nicht: Sie blieben die oft bedrängten Außenseiter, deren einzige Rettung in der Kirche und Aufgabe ihres Judeseins lag.

Im gespaltenen Protestantismus kam es erst nach dem Dreißigjährigen Krieg zu Ansätzen einer Judenmission: Philipp Jacob Spener (1635–1705) hatte schon als Jugendlicher Hebräisch, Arabisch und Talmudwissenschaften studiert. Er kämpfte nicht nur für eine Erweckung der Kirchen, sondern auch für ein neues Verhältnis zum Judentum. Seit 1666 missionierte er im Frankfurter Judenghetto und hielt die von ihm ausgebildeten Pastoren zu tätiger Liebe für die Juden an; sein Ziel blieb deren Bekehrung.

In Hamburg gründete Esdras Edzardus (1629–1708) ein Proselytenhilfswerk, das Bekehrungswillige aufnahm und Judenmissionaren ausbildete. Auch er verband ein intensives Hebräisch- und Talmudstudium mit der christlichen Bekehrungsabsicht.

Johann Christoph Wagenseil (1633–1705), Professor an der Universität Altdorf, war der erste Protestant, der die Erneuerung des Christentums zur Bedingung einer erfolgreichen Judenmission machte: In zahlreichen Schriften warb er für ein glaubwürdiges öffentliches Christenleben, das alle Hindernisse beseitige, die Juden den Glauben an Christus erschwerten. Diese Kritik richtete er vor allem an die Obrigkeiten. Er war mit dem Amsterdamer Gelehrten und sephardischen Rabbi Menasseh ben Israel (auch bekannt als Manoel Dias Soeiro) (1604–1657) befreundet, dessen Kontakte zu Oliver Cromwell (1599–1658) den Juden nach deren Vertreibung seit 1290 erste erneute Ansiedlung in England ermöglichten.

Johann Heinrich Callenberg (1728–1792), Nachfolger August Hermann Franckes (1663–1727), wurde durch diesen, Edzard und Wagenseil angeregt, in Halle/Saale ein Institutum Iudaicum für Judenmission zu gründen. Erforschung des Judentums, christliche Verkündigung und Diakonie bildeten darin eine Einheit. Er entsandte 20 ausgebildete Missionare unter anderem nach Kleinasien, Palästina und Ägypten, bis die preußische Regierung das Institut 1792 auflöste. Nur wenige Juden ließen sich durch diese „Sendboten“ bekehren; aber es entstanden internationale Freundeskreise zwischen Juden und Christen und ein reger Austausch. Sie weckten ein neues Interesse an Israel quer durch alle christlichen Konfessionen, das deren Gegensätze relativierte.

Callenbergs Schüler Graf Zinzendorf (1700–1760) gründete die Herrnhuter Brüdergemeine, die als Ganzes Judenmission vor allem unter Juden in Böhmen und den Niederlanden betrieb. 1741 wurde die Fürbitte für alle Juden in ihr Sonntagsgebet aufgenommen.

Die beginnende Aufklärung entzog dem Pietismus dann jedoch vielfach den Boden: Ihre praktische und individualistische Ethik stellte sich gegen jeden Bekehrungseifer und versuchte etwa im Deismus, Juden- wie Christentum durch eine allgemeine, konfessionslose Vernunftreligion abzulösen. Das Interesse richtete sich nun eher auf die Emanzipation des Judentums und die Gleichberechtigung aller Bürger.

Im 19. Jahrhundert erlebte die Judenmission dann ihren eigentlichen Aufschwung: Parallel zum Kolonialismus der Europäer gründeten sich nun überall Missionsgesellschaften, die ihre Vertreter in alle Erdteile aussandten. Sie trennten Judenmission und Völkermission meist nicht. Dahinter stand vielfach die Idee der Universalisierung des Christentums, um auf diesem Weg auch das Restjudentum zu gewinnen. Der Erweckungsprediger in den USA, Jonathan Edwards (1703–1758), formulierte dieses Sendungsbewusstsein schon 1749 so:

„Bis 1800 könnte in dem protestantischen Teile der Welt die wahre Religion die Oberhand gewonnen haben; im nächsten halben Jahrhundert müsste dann das päpstliche Reich des Antichristen überwältigt und in den darauf folgenden 50 Jahren die muhammedanische Welt unterworfen und die jüdische Nation bekehrt werden. Dann stünde noch ein ganzes Jahrhundert zur Verfügung, um die gesamte Heidenwelt in Afrika, Asien, Amerika und Australien zu erleuchten, zu Christus zu bekehren […] sowie alle Häresien, Schismen, Schwärmereien, Laster und Immoralitäten auf der ganzen Welt auszurotten; hernach wird die Welt die heilige Ruhe des Sabbats genießen […]“{{#if: zitiert nach Peter Kawerau: Amerika und die orientalischen Kirchen, 1958, S. 74 | | }}

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Als erster europäischer Verein für Judenmission begann die London Society for Promoting Christianity amongst the Jews seit 1809 ihre Arbeit in den arabischen Ländern Nordafrikas, Äthiopien, Palästina und Iran. Aus ihr ging 1817 auch die erste Übersetzung des Neuen Testaments ins Hebräische hervor, später der ganzen Bibel ins Jiddische. Die Anglikaner besetzten 1841 erstmals ein Bistum in Jerusalem mit einem Erzbischof jüdischer Herkunft, Michael Salomon Alexander. Die British Jews Society folgte 1842 mit anderen Länderschwerpunkten des damaligen Empire, darunter Australien, Südafrika und Lateinamerika.

In Deutschland begann die Judenmission 1822 mit der Gründung der Berliner Israelsmission: Der dort ausgebildete Mitarbeiter H.L. Strack gründete 1883 in Berlin ein Institutum Judaicum, das bis 1939 in vielen deutschen Städten wirkte, bis es von den Nationalsozialisten geschlossen wurde. Franz Delitzsch gründete 1871 den Evangelisch-Lutherischen Centralverein für Mission unter Israel und übersetzte 1877 das NT ins Hebräische; seine Übersetzung gilt bis heute als vorbildlich. Landesvereine für die Judenmission entstanden auch in Norwegen (1844), Schweden (1875), Dänemark und Finnland (1885). Ähnliche Vereine in den Niederlanden, der Schweiz und Ungarn arbeiteten nur im nationalen Rahmen.

Aus der Judenmission ging im ausgehenden 19. Jahrhundert der sogenannte christliche Zionismus hervor. William Hechler, der erste christliche Zionist, war der Sohn eines in Karlsruhe wirkenden Missionars der London Society for Promoting Christianity amongst the Jews.

Zeit des Nationalsozialismus

Eine Mitschuld der christlichen Theologie an der Shoa ergibt sich aus dem immer wieder formulierten Überlegenheitsanspruch des Christentums und der jahrtausendelangen Tradition des Antijudaismus. Auch wenn der Vorwurf des Gottesmordes nicht explizit von der nationalsozialistischen Ideologie aufgegriffen wurde, kam es doch zu einem Wiederaufleben der Ritualmordlegenden. Auch andere Vorurteile gegenüber Juden aus der christlichen Tradition wurden aufgegriffen und durch die nationalsozialistische Propaganda verstärkt. Die beiden lutherischen Theologen Paul Althaus und Werner Elert entwarfen das Gutachten der Erlanger Theologischen Fakultät zum Arierparagraphen in der Kirche (1933). In Analogie zum Reichsgesetz vom 7. April 1933 „zur Wiederherstellung des deutschen Berufsbeamtentums“, mit dem „Nichtarier“ aus dem Beamtenstand entfernt wurden, forderten die Deutschen Christen die Einführung eines entsprechenden Arierparagraphen in der Kirche.

Die christlichen Kirchen stellten während des Nationalsozialismus ihren offiziellen Anspruch der Judenmission allerdings zurück, da getaufte Juden in der Rasseideologie der Nationalsozialisten immer noch als jüdisch galten. Die Kirchen stimmten aber zum großen Teil zur Ausgrenzungs- und Aussiedlungspolitik zu oder schwiegen zu ihr. Dabei beriefen sich evangelische Kirchenfunktionäre auch auf Martin Luther. So zitierte beispielsweise Landesbischof Martin Sasse in Martin Luther über die Juden – Weg mit ihnen! (Freiburg 1938, S. 14) aus der Tischrede Nr. 1795:

„Wenn ich einen Juden taufe, will ich ihn an die Elbbrücken führen, einen Stein um den Hals hängen und ihn hinab stoßen und sagen: Ich taufe dich im Namen Abrahams.“{{#if: | | }}

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Neubesinnung seit 1945

Nachkriegszeit

Nach der Shoa ist die Judenmission, d.h. die christliche Mission an Juden, in Misskredit geraten. Dabei wird eine Strukturanalogie zwischen dem Vernichtungswillen in der Shoa und der Judenmission angenommen, da in beiden der jüdische Glaube und damit das jüdische Volk in seiner Existenz bedroht wird. Grundannahme der Judenmission ist darüber hinaus, dass die jüdische Religion gegenüber dem Christentum letztlich defizitär sei und nicht zum Heil führe, da Jesus nicht als der Christus anerkannt werde.

In der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen (AG Juden und Christen [1]) auf den Deutschen Evangelischen Kirchentagen (DEKT) gab es unter christlichen Theologen starke Diskussionen zu der Thematik, die in der Ablehnung der Judenmission durch christlich-liberale Theologen mündete (so etwa Helmut Gollwitzer).

Zuletzt zum Kirchentag 2005 gab es Kontroversen zur Frage, ob Gruppen, die die Judenmission praktizieren, zum Kirchentag zugelassen werden sollten. Hier war es wiederum die Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen, die sich stark gegen eine Zulassung ausgesprochen hat.

Von Mission zum Dialog

Das Verhältnis zwischen Christentum und Judentum hat sich, vorangetrieben von theologischen Arbeitskreisen und exegetischen Fachdebatten, seit den 1960er Jahren vor allem in Deutschland, Großbritannien und den USA zu gegenseitiger Akzeptanz und Gesprächsbereitschaft gewandelt. „Wir glauben an den Gott des Jesus von Nazaret, aber wir glauben nicht alle, dass Jesus von Nazaret Gott ist“ – so wird der Grundkonsens beschrieben. Liberale und reformorientierte Juden sehen Jesus als Rabbi und Propheten, der den Völkern den Gott Israels und seinen Willen bekannt gemacht habe und sie damit an Israels Verheißungsgeschichte teilhaben lasse.

Große Teile der christlichen Kirchen sehen sich heute als die „jüngeren Geschwister“ des Judentums und lehnen die direkte oder indirekte Judenmission ab. Theologisch setzt sich seit Nostrae Aetate (1965) und dem Synodalbeschluss der Rheinischen Landeskirche zum Verhältnis zu Israel 1980 die Meinung durch, dass der Jude Jesus den Israelbund zwischen Gott und den Völkern endgültig erfüllt und so zugleich alle Völker in ihn einbezogen habe. So wird die Mission an Juden als überflüssig angesehen, hätten sie doch ihren eigenen Weg zu dem Einen Gott der Christen und Juden.

Kritik aus dem Judentum

Das Judentum lehnt die christliche Judenmission aus historischen, theologischen und ethischen Gründen ab. Sie ist ein entscheidendes Hindernis im Jüdisch-christlichen Dialog, der eine Erneuerung des historisch belasteten Verhältnisses zwischen beiden Religionen anstrebt.

Im orthodoxen wie im liberalen Judentum lehnt man die Judenmission ab; die Bereitschaft zum interreligiösen Dialog ist im liberalen Judentum größer als im orthodoxen Judentum. Auf christlicher Seite halten vor allem evangelikale Gruppen an ihrem „Missionsauftrag“ (Mt 28,19f) fest, umschreiben diesen aber als „Zeugnis ablegen von Jesus Christus” gegenüber den Juden.

Zielgruppe sind dabei vor allem „Kontingent-Flüchtlinge“ aus den ehemaligen Sowjetstaaten, die kaum noch Kontakt zu ihrer jüdischen Tradition haben. Sie werden besonders von sog. „messianischen Juden“, die an der jüdischen Tradition festhalten und gleichzeitig Jesus von Nazaret als Messias anerkennen, sowie von evangelikalen Gruppen umworben. Gerade Christen jüdischer Herkunft unternehmen oft weiterhin Bekehrungsversuche an Juden nicht nur in der Diaspora, sondern auch in Israel selbst.

Kritik aus dem Christentum

Auch unter den Christen selber ist die Judenmission heute äußerst umstritten. Seit dem Holocaust wird sie von einer wachsenden Zahl christlicher Theologen, Gemeinschaften und Kirchen als endgültig diskreditiert und nicht mehr fortsetzbar verworfen. Hier wird das Missionieren und der Begriff zugleich abgelehnt. Stattdessen wird das messianische Versöhnungszeugnis mit den und für die Juden an den Völkern, das eine fundamentale Bejahung des Judentums und des Staates Israel einschließt, als christlicher Auftrag in den Vordergrund gerückt.

Fortgesetzte Judenmission

Andere christliche Gruppen aus vor allem pietistischen und evangelikalen Richtungen halten dagegen an der Judenmission fest und sehen sie als biblisch begründete Pflicht. Dabei berufen sie sich auf Bibelstellen wie Vorlage:B, das eine Erlösung ohne ausdrückliche Anerkennung der Gottessohnschaft Jesu auszuschließen scheint. Doch betonen viele dieser Gruppen heute zugleich die Solidarität mit Israel.

Literatur

  • Julius H. Schoeps: Neues Lexikon des Judentums, Gütersloh 2000, ISBN 3579023055
  • B. Pernow: Judenmission. Artikel in Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Mohr-Siebeck Tübingen, 3. Auflage 1959 (da dürfte ein Vergleich mit der 4. Auflage interessant sein)

Weblinks

Persönliche Werkzeuge