Jüdische Geschichte

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Als Jüdische Geschichte bezeichnet man die Geschichte des Judentums als Volk wie als Religion. Sie wird in der Regel in zwei große Hauptepochen unterteilt:

  • von den Anfängen des antiken Volkes Israel um 1500 v. Chr. bis zur Niederlage Simon Bar Kochbas 135 n. Chr.: Diese Epoche deckt sich in etwa mit dem Zeitraum, in dem der Tanach, die Hebräische Bibel, entstand, wuchs und kanonisiert wurde;
  • vom rabbinischen Judentum bis zur Gegenwart: Diese Epoche ist durch die Konsolidierung der jüdischen Religion in der Diaspora, vor allem mittels des Talmud, und durch sehr unterschiedliche Situationen und Selbstverständnisse von Minderheiten jüdischer Herkunft in Europa, Nordamerika und vielen weiteren Ländern geprägt.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte des antiken Israel

Quellenproblematik

Für die Frühzeit des Judentums ist die Geschichtswissenschaft weithin auf die biblische Darstellung angewiesen, die nur von wenigen archäologischen Funden und Angaben in außerisraelitischen Quellen ergänzt und gegebenenfalls korrigiert wird.

Das Selbstverständnis der Hebräer als Volk Israel entwickelte sich erst mit dem Entstehen eines Stämmebundes im Raum des heutigen Palästina. Dort wuchsen die heterogenen Traditionen der Einzelsippen und -stämme zu einer gemeinsamen Ursprungsgeschichte zusammen. In diesen lange Zeit nur mündlich überlieferten Vätergeschichten der Genesis sind sehr verschiedene Stoffe zusammengestellt: Kultlegenden und Mythen aus der altorientalischen Umwelt Mesopotamiens und Kanaans, Ortsätiologien und Erinnerungen an Einzelbegebenheiten. Diese wurden viel später in eine zeitliche Abfolge gebracht, mehrfach theologisch gedeutet und überarbeitet. Sie unterliegen den Beschränkungen mündlicher Überlieferung, die höchstens 200 Jahre lang unverändert tradiert wurde. Deshalb sind Herkunft, Alter und historische Auswertbarkeit dieser ältesten Stoffe des Pentateuch umstritten.

Die Tora als ältester Teil der Bibel entstand nach heutigem Forschungskonsens seit etwa 1200 v. Chr., wurde aber erst seit etwa 450 v. Chr. fixiert. Sie beschreibt Israels Geschichte als Kontinuität unter einheitlicher Führung des Moses und des Josua vom Auszug aus Ägypten bis zur Landeroberung. Die neuzeitliche Bibelforschung hat die biblische Eigendarstellung in vielerlei Hinsicht bestritten und durch ein historisch-kritisch gewonnenes Geschichtsbild ersetzt. Sie gewinnt daraus dennoch viele Einblicke in die Kultur, Lebensweise und Religion der Halbnomaden, aus denen allmählich ein gemeinsames Volk mit gemeinsamer Religion entstand.

Frühzeit

Erzväter

Der erste Erzvater Abraham stammt laut Angaben der Bibel aus Ur, am östlichen Ende des Fruchtbaren Halbmondes. Er bekam laut der Genesis von Gott den Befehl: Geh weg von deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus, in ein Land das ich dir zeigen will (Gen 12). Daraufhin zog er auf dem Weg über die nördlichen Städte des Fruchtbaren Halbmondes nach Kanaan, einer Gegend an der Ostküste des Mittelmeeres zwischen dem Libanongebirge und der Negevwüste.

Abrahams Enkel Jakob geriet dem Bericht der Genesis zufolge am östlichen Ufer des Flusses Jabbok in einen Ringkampf mit einem Engel (Gen 32). Er erhielt darauf hin von Gott den Namen "Israel" (hebräisch Jisrael = Kämpfer mit o. für Gott). Er hatte zwölf Söhne, die zu den Stammvätern der Zwölf Stämme Israels (Israeliten) wurden: Ruben, Simeon, Levi, Juda, Issaschar, Sebulon, Benjamin, Dan, Naftali, Gad, Ascher und Josef. Josef, Jakobs Lieblingssohn, wurde nach Gen 37-50 aus Neid von seinen Brüdern an ägyptische Sklavenhändler verkauft. Durch seine Talente gelangte er in eine einflussreiche Position am Pharaonenhof und konnte seine Angehörigen nachholen.

Die historischen Prozesse hinter diesen Erzählungen sind nur in groben Zügen bekannt. Einige der Israelstämme sickerten von Osten und Norden her in die Region Kanaans ein, andere von Südwesten her. Bei letzteren nimmt man an, dass Halbnomaden im Zuge des Weidewechsels auch in das fruchtbare Nildelta gelangten, in Gefangenschaft gerieten und von den Pharaonen als Sklavenarbeiter eingesetzt wurden, etwa zum Bau der Vorratsstädte für Ramses II. (um 1250 v. Chr.).

Die Israeliten in Ägypten

In Ägypten wuchsen nach dem Bericht der Bibel die Israeliten zu einem Volk heran. Über den dortigen Aufenthalt im Lande Goschen (östliches Nil-Delta) und den anschließenden Exodus gibt es keine außerbiblischen Quellen, weshalb die Historizität der Ereignisse von manchen Gelehrten ganz verworfen wird. Jedoch spiegeln die biblischen Berichte einige historische Erscheinungen des späten zweiten Jahrtausends v.Chr. recht deutlich wider. Die "Einwanderung" nomadischer Gruppen in Ägypten erfolgte zusammen mit anderen kanaanäischen Gruppen, die bereits Ende des dritten Jahrtausends einsetzte und wohl wirtschaftlich motiviert war. Einige der Einwanderer erlangten vielleicht hohe Stellungen; die Einwanderer insgesamt fügten sich aller Wahrscheinlichkeit relativ nahtlos in die ägyptische Gesellschaft ein (siehe die spätere griechisch-jüdische Militärkolonie Elephantine).

Ein indirekter historischer Beleg für den Aufenthalt der Israeliten in Ägypten könnte die Erwähnung von Volksgruppen Namens habiru in ägyptischen Urkunden aus dem 15. bis 12. Jahrhundert sein. Einige Forscher setzen diese habiru mit den hibri, den Hebräern gleich. Der Begriff stand aber vermutlich weniger für ein Volk als eher für einen sozialen Status (etwa die Fremden oder die Anderen) und muss nicht unbedingt die Israeliten gemeint haben.

Aller Wahrscheinlichkeit nach handelte es sich bei dem in der Bibel beschriebenen Pharao um Ramses II.. In seine Amtszeit fielen umfangreiche Bauvorhaben, zu denen die habiru, ebenso wie das gewöhnliche Volk, zwangsweise zur Saisonarbeit herangezogen wurden. Wegen seiner außenpolitischen Orientierung nach Asien verlegte Ramses seine Residenzen in das östliche Nil-Delta, also in die Nähe des biblischen Goschen.

Exodus und Offenbarung am Berg Sinai

(→ Auszug aus Ägypten)

Schenkt man dem Bericht in Exodus 2 Glauben, so muss der Auszug der Israeliten aus Ägypten unter Merenptah, dem Nachfolger Ramses II., stattgefunden haben. Auf seiner Siegesstele von ca. 1220, dessen fünftem Amtsjahr, rühmt sich Merenptha, die Israeliten besiegt zu haben. Dies ist zugleich die erste außerbiblische Erwähnung des Namens Israel. Das kriegerische Zusammentreffen fand auf kanaanäischem Boden statt. Die Israeliten indessen waren dem biblischen Bericht zufolge zu diesem Zeitpunkt noch (?) nicht aus Ägypten ausgewandert. Die Bezeichnung Israel kann hier nicht die noch ausziehende Exodusgruppe, sondern muss anderweitige Bewohner Kanaans meinen. Der Begriff Israel ist hier also kritisch zu sehen. Einige Historiker glauben, dass der Exodus nicht geschlossen, sondern in mehreren Schüben geschah. Andere nehmen an, dass es sogar nie eine nennenswerte Auswanderung aus Ägypten gegeben habe.

Dass der Exodus in zeitgenössischen Quellen keinen Niederschlag gefunden hat, kann bedeuten, dass der biblische Bericht bezüglich der Größe der Exodusgruppe eine volkstümliche Übertreibung darstellt. Der Auszug aus Ägypten hatte möglicherweise kaum dieselbe 'weltpolitische' Bedeutung, wie er sie für ein kleines Volk hatte, das der Sklaverei entflohen war. Zudem kann eine "israelitische Landnahme" in Palästina archäologisch nicht nachgewiesen werden; im Gegenteil: Die materielle Kultur blieb konstant. Die meisten Archäologen glauben daher, dass die meisten Nomaden, die sich zum "Volk Israel" zusammenschlossen, bereits seit langem in Kanaan gelebt hatten und nur durch kleine Gruppen von Rückwanderern aus Ägypten, die vielleicht von dort als neuen Gott Jahwe mitbrachten, verstärkt wurden.

Ein großer Fluchtversuch, wie ihn die Bibel beschreibt, scheint hingegen kaum möglich - zumal dann, wenn der Pharao davon Kenntnis hatte und ihn militärisch zu verhindern suchte. Das Land Kanaan selbst war zumindest teilweise ägyptisch besetzt, und auf der Route dorthin lagen gleich mehrere ägyptische Befestigungen samt ganzer Garnison - eine Flucht aus Ägypten endete wieder in Ägypten.

Die Marschroute, welche die Israeliten angeblich nach Kanaan nahmen, lässt sich trotz der biblischen Wegbeschreibung nicht genau rekonstruieren. Die genauen Lagen des Jam-suf (Schilfmeer) und des Berges Sinai sind ebenfalls nicht geklärt. Auch dies wird von einigen Gelehrten als Beleg dafür angeführt, dass es einen nennenswerten "Auszug aus Ägypten" vermutlich nicht gab.

Nach dem biblischen Bericht war es Mose, der die Israeliten aus Ägypten führte. Er, dessen Existenz ebenfalls von Historikern bezweifelt wird, gilt noch heute im Judentum als der bedeutendste Prophet. Daher auch die Bezeichnung "Mosaischer Glauben" für das Judentum. Am Berg Sinai offenbarte sich den Juden der Gott Jahwe, der sich ihnen als der Gott ihrer Erzväter vorstellte. Hier erhielten die Juden durch Mose die Tora (Weisung) und schlossen einen Bund mit Gott, dieses Gesetz zu halten. Der Bund umfasst eine vollentwickelte soziale und moralische Botschaft, die in den Zehn Geboten (Dekalog) zusammengefasst ist.

Der Glaube an den einzigen Gott (Monotheismus) stellt eine Neuerung in der Religionsgeschichte dar. Er unterscheidet sich vom monolatrischen Glauben der Patriarchen, der die Existenz anderer Götter nicht negierte. Allerdings belegt sowohl die Archäologie als auch die Bibel selbst den Fortbestand monolatrischer Verhältnisse in Israel bis weit in die nach-exilische Zeit. Auch wurden zahlreiche Gebote - etwa das Verbot von Schweinefleisch - damals offensichtlich höchstens von einer Minderheit befolgt. Ob der Monotheismus wirklich schon um 1100 entstand oder nicht eher erst Jahrhunderte später im babylonischen Exil entwickelt wurde, wird in der Forschung seit langem kontrovers diskutiert.

Landnahme und Ansiedlung

(→ Landnahme Kanaans)

Das Buch Exodus erzählt, dass die Israeliten, nachdem sie sich in Ägypten angesiedelt hatten, dort in die Sklaverei gerieten. Mose führt sie in die Freiheit. Der historische Nachweis dieser Schilderung ist nach heutiger Forschungslage nicht zu führen, aus archäologischer Sicht ist es mehr als fragwürdig, ob der biblische Bericht mehr als kleine Faktenkerne bewahrt hat. Viele der Städte, die laut Bibel von den einwandernden Israeliten erobert worden sein sollen, existierten damals in Wahrheit nicht mehr oder noch nicht: Die Erzählungen stammen offenkundig aus späterer Zeit.

Nach dem biblischen Bericht erhielten die Israeliten auf diesem Weg die Tora durch Mose und schlossen mit Gott einen Bund, dieses Gesetz zu halten. Die Israeliten kehrten dem Bericht zufolge in das Land Kanaan zurück, das sie unter der Führung Josuas erobern mussten. Man bezeichnet diese Epoche auch als Landnahme.

Die Ansiedlung israelitischer Volksstämme im Gebiet des heutigen Staates Israel und den umgebenden Regionen ist ab ca. 1250 v. Chr. nachweisbar. Die Einnahme der kanaanitischen Stadtstaaten durch israelitische Nomaden (die wohl wie gesagt höchstens zu einem kleinen Teil aus Ägypten eingewandert waren), die den historischen Kern der Landnahme-Berichte bilden dürften, erfolgte sukzessive in den Jahrzehnten um 1100.

Die Richterzeit

Die historisch einigermaßen nachweisbare Zeit beginnt mit der sogenannten Richterzeit. Dieser Epoche von etwa 1250 bis 1000 v. Chr. folgte dem Einsickern und Sesshaftwerden der verschiedenen Nomadenstämme im Kulturland Palästinas. Das Land war von strategischer Bedeutung für die altorientalischen Großmächte und war Schauplatz vieler Konflikte zwischen ihnen und den Israeliten, die sich bereits in den ältesten biblischen Überlieferungen spiegeln.

Die Israeliten lebten angeblich etwa 200 Jahre in loser Stammesorganisation - in einer 12er Stammesamphiktionie - jeweils um ihr Stammesheiligtum herum - zusammen, und wurden in Kriegsfällen von kurzweilig auftretenden Volkshelden, den sogenannten großen Richtern, angeführt. Das Wort Richter hatte dabei die tiefere Bedeutung "die zum Recht verhelfen". Ob diese Volkshelden auch Richter im Sinne von Juristen waren, ist umstritten (heute wird dies von den meisten Gelehrten abgelehnt). Unter ihrer Führung wurde das Land gegen angreifende Völker verteidigt. Einen ständigen Heerbann kannte das vorstaatliche Israel noch nicht - im Kriegsfall war man auf die Unterstützung der Mehrheit der in Sippen und Stämmen organisierten Männer angewiesen, die sich freiwillig zur Erreichung beschränkter militärischer Ziele miliz-ähnlich zusammenschlossen, nach dem Krieg aber sofort wieder nach Hause zurückkehrten.

Das Königtum bis zum Untergang des 1. Tempels

Das Königreich Davids und Salomos

Um 1000 v. Chr. mussten die Israelitischen Stämme sich laut dem biblischen Bericht auf Grund des stärker werdenden militärischen Druckes durch die Philister zu einem Königreich zusammenschließen. Die Bibel gibt mit ziemlicher Sicherheit die Jerusalemer Tradition wieder, wonach der erste König Saul war. Seine Nachfolger David und dessen Sohn Salomo begründeten ein unabhängiges Königreich mit Jerusalem als Hauptstadt. Historisch gesehen dürfte die tatsächliche Bildung von nennenswerten Königreichen in Israel und Juda, die über die Größe eines Stadtstaates samt Umland hinausgehen, sehr viel später anzusetzen sein. Gerade das karge und bevölkerungsarme Juda scheint erst besonders spät, ggf. erst ab dem 8. Jahrhundert v. Chr., einen funktionierenden zentralistisch gelenkten Staatsapparat erhalten zu haben. Das Nordreich Israel hingegen war in seinen weiten Ebenen weitaus fruchtbarer und bevölkerungsreicher und stieg alsbald zu einer lokalen Größe auf, die Neid und Interessen der benachbarten Großreiche auf sich zog. Ein einheitliches Nordsüdreich, zu dem auch Jerusalem unter Führung der Daviden gehörte, hat es also vermutlich nicht gegeben.

Die Zeit der zwei Reiche

Die Tradition berichtet nun von einer Spaltung nach Salomo in die beiden Kleinstaaten Israel und Juda. Was vermutlich auch bedeutet, dass es eine Einheit nicht gegeben hatte. Das Nordreich war in der Folge ein wirtschaftlich und politisch erstarkender Pufferstaat, der in der Zeit politischer Schwäche Ägyptens und Mesopotamiens gedeihen konnte. Erst das Erstarken der Assyrischen Großmacht beendete diesen Zustand.

Zerstörung des Nordreiches Israel

Das Nordreich Israel wurde zwischen 722 und 721 v. Chr. von Assyrien erobert und in einen Vasallenstaat verwandelt. Ein Teil der Einwohner wurde zwangsumgesiedelt und durch deportierte Bewohner anderer Teile des assyrischen Großreichs ersetzt. Jerusalem und Juda waren noch zu unbedeutend, um das Interesse Assyriens zu wecken.

Untergang des Südreiches Juda

Nach der Zerschlagung des Nordreichs durch die Assyrer konnte der Staat um Jerusalem, das Südreich Juda, das von den Assyrern verschont geblieben war, erstarken. Die Könige bemühten sich in der Folge um eine Ausdehnung der Macht Judas auf die Nordgebiete und Städte des Nordens. Unter Joschija kam es zu einer Tempelreform, in deren Verlauf vermutlich die Biblischen Bücher in einer vorläufigen Revision zusammengeführt wurden. Die verschiedenen Schriften wurden zusammengefasst und vereinheitlicht, ein Prozess, der im babylonischen Exil fortgeführt und abgeschlossen wurde. Der Monotheismus und Herrschaftsanspruch JHWH's wurden mit großer Energie durchgesetzt. Es wurde der Versuch unternommen, unter dem Tanach das gesamte Volk, auch die nichtjüdischen Stämme, die zum Teil unter den Assyrern eingewandert und deportiert worden waren, in Palästina zu einen. Beendet wurde diese Periode durch den Angriff des Neubabylonischen Reiches unter Nebukadnezar II.. Unter König Jojakim, dem letzten König des Südreiches, wurde auch Juda zum Vasallenstaat der Babylonier. Jojakim versuchte aber die Unabhängigkeit zu erlangen, indem er eine Niederlage Nebukadnezars ausnutzte. Schließlich eroberte Nebukadnezar 586 v. Chr. Jerusalem und verschleppte das jüdische Volk - zumindest die Oberschicht - in die babylonische Gefangenschaft.

Vom Exil bis zum Ende der Hasmonäerherrschaft

Babylonisches Exil

Im babylonischen Exil konnten die Juden ihre nationale und religiöse Identität bewahren. Die in und um Babylon angesiedelten Juden assimilierten sich dann recht schnell in die babylonische Gesellschaft. So wurde die babylonische Gefangenschaft ironischerweise zu einer der fruchtbarsten Zeiten der jüdischen Theologie. Mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch Nebukadnezar endete die Fixierung der Juden auf den Tempel als alleinigen Ort des Gebets, und es entstanden die ersten Synagogen.

Rückkehr der Exilierten, Wiederaufbau des Tempels, Kanonisierung der Tora

Kyros II. eroberte 539 v. Chr. Babylon und beendete damit das neubabylonische Reich. Er ordnete 538 v. Chr. den Wiederaufbau des Tempels und die Rückgabe der geraubten Tempelgeräte an, aber - entgegen Vorlage:B - noch nicht die Rückkehr der Exilierten (Vorlage:B; Vorlage:B). Seine Nachfolger, die Achämeniden, behielten seine tolerante Religionspolitik bei.

Nachdem Darius I. einem Teil der Judäer in Babylon die Rückkehr erlaubt hatte und diese unter dem Davididen Serubbabel und dem Hohenpriester Josua in Jerusalem eingetroffen waren, wurde der Tempel 520 bis 515 v. Chr. neugebaut Vorlage:Bibel. Die Propheten Haggai und Sacharja förderten daraufhin messianische Hoffnungen auf das baldige Ende der persischen Fremdherrschaft und weltweite Anerkennung JHWHs ausgehend vom neuen Tempelkult. Dabei sah Haggai nur die Rückkehrer als zum Tempelbau beauftragte Gottesgemeinde an, was die in Palästina gebliebenen Juden ausschloss. Die Samaritaner hielten dagegen neben dem Tempel an ihrem Heiligtum auf dem Garizim fest. Aus diesem Konflikt entwickelte sich ab 450 v. Chr. unter Esra und Nehemia die endgültige Kanonisierung der Tora als alleingültiges Gottesgesetz, die die Spaltung von Judäern und Samaritanern verfestigte.

Hellenismus

Seit Alexander der Große 333 v. Chr. Kleinasien eroberte, wurde auch Palästina Teil seines Großreichs. Damit einher ging die Verbreitung von griechischer Bildung und Kultur - des Hellenismus - im ganzen Orient und Mittelmeerraum. Dieser prägte zunehmend auch das Judentum, besonders in der nun wachsenden Diaspora.

In den Diadochenkriegen fiel Palästina an Ptolemaios I.. Judäa blieb von 301 bis 198 v. Chr. unter den Ptolemäern relativ autonome Provinz. Viele Juden wanderten als Händler nach Ägypten und übernahmen dort die hellenistische Kultur, wie etwa die Zenon-Papyri zeigen.

198 v. Chr. eroberte der Seleukide Antiochos III. Palästina. Er überließ Jerusalem religiöse Autonomie auf der Basis der Tora. Während die Priesterschicht sich der herrschenden Kultur anpasste, führte die Hellenisierung zu wachsenden Spannungen zwischen Juden und zugewanderten Bevölkerungsgruppen in Judäa (vgl. Jesus Sirach 50,25f).

Der Hohepriester Jason erlaubte 172 v. Chr. den Bau eines griechischen Gymnasiums als Bildungszentrum und sogar den heidnischen Herrscherkult des Agon in Jerusalem. Dennoch stürzte ihn der noch radikalere, vom reichen Bürgertum gestützte Hellenist Menelaos 175 v. Chr.. Dies löste einen Bürgerkrieg zwischen den Anhängern beider Richtungen aus, in den schließlich Antiochos IV. Epiphanes zugunsten des Menelaos eingriff. Damit provozierte er die Landbevölkerung, die ihre monotheistische Religion und Existenz in Gefahr sah. Als Antiochos 167 ein Dekret erließ, das ein regelmäßiges Opfer für den Herrscher vorsah und den Jerusalemer Tempel dem Zeus weihte, kam es zum offenen Aufstand gegen die seleukidische Herrschaft in Israel unter Führung der Makkabäer.

Judas Makkabäus gelang es 164 nach dem überraschenden Tod des Antiochos, die seleukidische Armee aus Judäa zu vertreiben und die Tora als theokratische Verfassung wiederherzustellen. Doch er ließ Menelaos mit Rücksicht auf die gegnerische jüdische Partei im Hohepriesteramt. Erst 161 besiegte er den Feldherrn Nikanor und gewann damit Judäas volle Autonomie zurück. Mit einem Vertrag sicherte er sich den Beistand der Römer gegen die Seleukiden, die nun wieder Thronfolgekämpfe austrugen.

Mit der Einsetzung Jonatans zum Hohenpriester wurde dieses Amt erblich und beinhaltete auch politische und militärische Führung. Damit begann die Dynastie der Hasmonäer. Simon, Jonatans Sohn, erreichte 142 mit geschickter Pendeldiplomatie, dass die Seleukiden Judäas Unabhängigkeit offiziell anerkannten. 139 beschloss eine große Versammlung des Sanhedrin, die sakrale, zivile und militärische Führung Judäas in einem Königs- und Priesteramt zu vereinen. Johannes Hyrkanus (134-104 v. Chr.) erreichte den größten Machtzuwachs der Hasmonäer, als der Seleukide Antiochos VII. 129 gegen die Parther unterlag und starb. Er sorgte für die Zwangsjudaisierung der Idumäer, um sein Herrschaftsgebiet religiös zu vereinen.

Mit dem Hellenismus trat das Judentum in das Bewusstsein der Oberschichten Griechenlands, Ägyptens und Roms ein. Besonders in Alexandria kam es zur kulturellen und religiösen Begegnung. Es bildete sich ein Hellenistisches Judentum, das jüdische und griechische Traditionen miteinander in Einklang zu bringen versuchte. Wichtigstes Projekt dazu war die griechische Bibelübersetzung der Septuaginta, die um 350 v. Chr. begonnen wurde. Während der griechische Polytheismus in Judäa überwiegend abgelehnt wurde, fand die hellenistische Kultur und Philosophie im jüdischen Bürgertum besonders der Diaspora wohlwollende Aufnahme (Philo). Seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. zeigte sich in Alexandria jedoch eine zunehmend aggressive antijüdische Haltung (Strabo): Hier fand eine Antike Judenfeindschaft ersten literarischen Niederschlag.

Unter den Römern bis zum Ende der Eigenstaatlichkeit

Pompejus und Caesar

Im Jahr 66 v. Chr. eroberte Gnaeus Pompeius Magnus Kleinasien für das expandierende Römische Reich. 65 beendete er die Seleukidenherrschaft in Syrien, 63 die der Hasmonäer in Jerusalem. Aristobul und seine Söhne führte er gefangen nach Rom. Aber er ließ den Priester Hyrkan im Amt und erlaubte ihm religiöse Autonomie über Judäa, Idumäa, Galiläa und Peräa, jedoch ohne die hellenistischen Städte des Ostjordanlandes (Dekapolis) und Samaria.

Palästina und Syrien wurden zur römischen Provinz Syria vereint und dem Statthalter Scaurus unterstellt. Dessen Nachfolger Gabinius schlug einen Aufstand der Anhänger der Hasmonäer nieder, zerstörte deren Festungen und stärkte die Rechte des Hohenpriesters als Oberhaupt des Sanhedrins, dem die religiöse und teils auch weltliche Rechtsprechung oblag.

In der Folgezeit rivalisierten die jüdischen Parteien im Machtkampf zwischen Julius Caesar mit Pompejus mit wechselnden Allianzen. Caesar entließ Aristobul aus der römischen Gefangenschaft, um Pompejus in Syria zu schwächen. Doch als dessen Anhänger Aristobul vergiftet und seinen Sohn enthauptet hatten, wechselten der Priester Hyrkan und der Idumäer Antipatros auf Cäsars Seite und halfen ihm, Pompejus in Alexandria zu besiegen. Dafür belohnte er Hyrkan mit dem erblichen Amt des Hohenpriesters und machte Antipatros zum Herrscher Judäas. Die Hafenstadt Joppe fiel an Judäa, und Jerusalem durfte neu befestigt werden. Der Tempel behielt seine eigene Gerichtshoheit über Judäa, Idumäa, Peräa und Galiläa.

Die Herodianer

Die jüdischen Aufstände

Ein im Jahr 66 n. Chr. begonnener Aufstand gegen das römische Reich scheiterte im Jahr 70 und endete mit dem Fall Jerusalems und der Zerstörung des Herodianischen Tempels (Flavius Josephus: Jüdischer Krieg). Juden konnten weiter in ihrem Land leben, bis der Aufstand unter Simon Bar Kochba und der folgende Gegenschlag viele Juden um Leben oder Freiheit brachte.

Geschichte des Judentums

Spätantike

Mischna

Um 100 hatten die nun führenden Pharisäer bereits den Tanach kanonisiert und alle wesentlich davon abweichenden Richtungen aus dem Judentum ausgeschlossen: vor allem Hellenismus, Gnostizismus und Christentum. Zudem hatten ihre verschiedenen Lehrhäuser seit etwa 100 v. Chr. begonnen, die mündlichen Auslegungen der Tora (Halacha) zu sammeln und schriftlich zu fixieren.

Von diesen verschiedenen Kodifizierungen setzte sich bis etwa 300 n. Chr. die Mischna der Tannaiten durch und wurde zur zweiten normativen Heiligen Schrift neben der Tora. Dadurch erreichten die Rabbiner Zusammenhalt und einheitliche Religionsausübung der noch bestehenden Judengemeinden in Palästina und in der Diaspora, aber auch die flexible situationsgerechte Auslegung der Tora. Historiker sehen darin eine entscheidende Bedingung für das Überleben des Judentums in feindlicher Umwelt seit dem Tempel- und Staatsverlust.

Diaspora

Seit dem babylonischen Exil gab es große jüdische Gemeinden in vielen Metropolen des Orients und im gesamten Mittelmeerraum: vor allem in Babylon, Antiochia, Alexandria und Rom. Sie bestanden aus den durch die Exilierungen und Aufstände vertriebenen und verschleppten Juden zusammen mit Proselyten und Konvertierten. Sie bildeten die jüdische Diaspora ohne Heimatland, erkannten aber bis 70 den Jerusalemer Tempelkult als religiöses Zentrum an.

Babylon wurde seit den letzten jüdischen Aufständen wieder Zuflucht vieler verfolgter Juden. Dort vertrat ein Exilarch die autonome jüdische Kolonie gegenüber den Herrschern der Parther, später der Perser. Obwohl die Juden unter dem Zoroastrismus dort verfolgt wurden, hielten sie gegenüber Rom weiter zu den Persern.

Im römischen Reich hob Kaiser Antoninus Pius die meisten Religionsverbote seines Vorgängers Hadrian gegen die Juden wieder auf und erlaubte Beschneidung, Sabbatruhe, Lehrhäuser und Ordination von Schriftgelehrten. Caracalla gewährte den Bürgern der Provinzen 212 das römische Bürgerrecht; damit durften auch Juden Verwaltungsposten bekleiden, mussten auber auch am Militärdienst teilnehmen.

Unter Konstantin I. begann ihre Degradierung unter dem Einfluss der nun zur Staatsreligion aufgestiegenen christlichen Kirche. Zwar blieb das Judentum erlaubt (religio licita), wurde aber von Wohlwollen und Gesetzgebung christlicher Herrscher abhängig. Theodosius II. erließ 417 und 423 Mischehen- und Missionsverbote und andere Beschränkungen. Justinian I. verfolgte Ketzer, Samaritaner und Juden, verbot die Mazzen zum Pessach, hebräische Bibellesungen und den Mischnaunterricht. Sein Corpus Iuris Civilis wurde für das folgende Kirchen- und Staatsrecht des Mittelalters maßgebend.

Talmud

Die Amoräer hatten die mündliche Kommentierung der Tora und deren Sammlung fortgesetzt. Aus ihrer Tätigkeit entstanden gleichzeitig in Galiläa und Babylon der palästinische und babylonische Talmud. In ihm wurden bis 500 die Mischna mit der Gemara vereint. Zudem kamen weitere Midraschim (freie Torapredigten) zur Tora und zu den jüdischen Jahresfesten (Megillot) hinzu.

In Babylon vertrat der Exilarch die autonomen Diasporagemeinden seit 628 (Ausrottung und Vertreibung der Juden aus Medina durch Mohammed) auch gegenüber dem islamischen Kalifat. Hinzu kamen die Schulhäupter der Lehrhäuser, die Gaonen: Diese schufen vor allem eine umfangreiche Gutachtenliteratur über Fragen der Toraauslegung und alltäglichen Religionsausübung. Auch diese wurde bis etwa 1050 kodifiziert (Halachot gedolot).

Jüdische Renaissance

Die Karäer vertraten seit 750 die Alleingeltung der Tora gegen das am Talmud orientierte Judentum. Daraufhin begannen die Rabbiner erneut das Hebräische zu studieren und die jüdischen Lehren zu systematisieren. Saadja von Fajjum (†942), der Gaon von Sura, schrieb dazu die erste jüdische Religionsphilosophie: Glaubenslehren und Erkenntnisgründe.

Um den Text des Tanach vor Fehldeutungen und Willkür zu schützen, fixierten die Masoreten nach dem Konsonantentext bis etwa 1050 auch die Vokalisierung des Tanach. Zudem begann mit spekulativer Literatur über Gott und die Engel die Hinwendung zur jüdischen Mystik. Das von Stammvater Abraham hergeleitete apokryphe Buch Jesira war ein erster Entwurf einer Buchstabenmystik wie später die Kabbala.

Europäisches Mittelalter

Juden in West- und Mitteleuropa

Viele Juden wanderten nach den jüdischen Aufständen durchs gesamte Römische Reich und ließen sich besonders an dessen Grenzen, so z.B. in vielen rheinischen Städten wie Worms, Speyer, Mainz und Köln, aber auch in Bayern (Regensburg) nieder.

Im heutigen Deutschland wurden in Köln 321 die ersten Juden erwähnt und bis ins 11. Jahrhundert nicht aufgrund ihrer Religion verfolgt. Obwohl Christen der Verkehr mit Juden untersagt war und Juden zumeist in eigenen Stadtvierteln lebten, durften sie unbehelligt ihre Religion ausüben, fast jedem Handwerk nachgehen, Waffen führen und Zweikämpfe austragen (ein Privileg freier Männer). Bis zur Klosterreform im 11. Jahrhundert verliehen nur reiche Klöster Bargeld. Danach mussten sie das lukrative Geschäft aufgeben. Im Zuge des Ersten Kreuzzuges, nach dem Massaker am Rhein, stellte Heinrich IV. die Juden unter seinem Schutz, somit durften sie aber keine Waffen mehr tragen, wurden also zu Knechten degradiert. 1147, während des Zweiten Kreuzzuges, kam der Vorwurf des Ritualmordes auf, der seither immer wieder erhoben wurde. Kaiser Friedrich II. setzte einen Untersuchungsausschuss ein. Das Ergebnis war der Freispruch und das Verbot, jemals wieder solche Anklagen zu erheben. Trotzdem häuften sich diese Anklagen und wurde sogar auf angebliche Hostienschändung ausgeweitet. Papst Gregor IX. drängte deutsche Priester, die Übergriffe von Juden einzudämmen, da sie mancherorts noch immer hohe Ämter bekleideten und hetzte damit die Bevölkerung weiter auf. 1290 wurden alle 16.511 Juden aus England verbannt, nachdem der König sie ausgeplündert hatte. Die meisten gingen nach Frankreich, aber 1306 ließ der hochverschuldete Philipp IV. alle 100.000 Juden einsperren. Schließlich mussten sie, nur mit dem was sie auf dem Leib trugen, das Land verlassen, und Philipp IV. konnte damit das Loch in der Staatskasse stopfen.

Im Mittelalter bildeten die christliche Kirche und der Staat eine Einheit. Seit dem Hochmittelalter betrachteten Christen Juden als Angehörige einer fremden, veralteten Religion. Sie begegneten dieser religiösen Minderheit mit Misstrauen und Feindschaft. Wo Krieg, Krankheit, Hunger auftraten, gaben die Menschen den Juden die Schuld. Massenmorde an Juden, Verbrennungen und Folterungen erhielten den kirchlichen Segen, wodurch die Täter von ihrem schlechten Gewissen befreit wurden. Über Jahrhunderte durften Juden, die stark zusammenhielten, nur in bestimmten Wohnbezirken (Ghettos) leben. Sie waren in den Zünften der christlichen Handwerker nicht zugelassen, konnten keine öffentlichen Ämter bekleiden und keinen Grundbesitz erwerben. Daher waren sie immer stärker in Handel und Geldgeschäften tätig. Da Christen kein Geld gegen Zinsen verleihen durften, übernahmen dies die Juden und kamen so in den schlechten Ruf Wucherer zu sein und zu hohe Zinsen zu nehmen; besonders wurde dies von Schuldnern, die ihren Kredit nicht zurückzahlen konnten, aufgebracht. Für die christliche Kirche waren alle Juden "Gottesmörder und Brunnenvergifter". Einen vorläufigen Höhepunkt der religiös begründete Judenfeindschaft bildeten die mittelalterlichen Kreuzzüge. Kreuzritter plünderten auf dem Weg ins Heilige Land jüdische Stadtviertel und Dörfer, vor allem im Rheinland. Viele Juden flüchten in andere Regionen Deutschlands und nach Osteuropa und nahmen ihre deutschen Namen und ihre Sprache, das Jiddische mit.

Siehe auch: Wormser Privileg, Kammerknechtschaft, Geschichte der Juden in Ostfriesland

Auch die Spanische Inquisition ermordete tausende Juden, was eine verstärkte Ansiedlung im Osten Europas zur Folge hatte.

Juden in Osteuropa

Vermutlich sind Juden seit Ende des 7. Jahrhundert von Konstantinopel kommend in der heutigen Ukraine ansässig. Bis in das 10. Jahrhundert können jüdisch-chasarische Siedlungen zurück verfolgt werden. In der Zeit zwischen 786-809 n.Chr. trat die gesamte Oberschicht der Chasaren zum Judentum über. Die Chasaren werden daher gelegentlich auch "der 13. Stamm Israels" genannt.

Die Zahl der Bekehrten belief sich angeblich auf etwa 4.000 Menschen, die jüdische Lehre durchdrang also auch das gesamte Volk. Im Laufe der Zeit mischten sich Juden und turksprachigen Chasaren. In den Jahrzehnten nach Einfall der Russen um 944 und durch innere Zwistigkeiten zerbrach das Chazaren-Reich schließlich. In der Zeit der Kiewer Rus (980-1015) erlebten die Juden eine weitere Blütezeit.

Polen

Hauptartikel: Geschichte der Juden in Polen

Während des 12. und 13. Jahrhundert mit seinen zahllosen regionalen Verfolgungen und des 14. Jahrhundert mit deren vorläufigen Höhepunkt zur Zeit der großen Pest, kam es zu einer ständigen Zuwanderung von Juden nach Polen. Sie siedelten zunächst in den dem Deutschen Reich nahegelegenen Städten und Provinzen. Unter Mecheslav III. und weiteren Prinzen hielten Juden die Münze von Groß- und Kleinpolen. 1264 erhielten die Juden durch den damaligen Herrscher Großpolens Boleslav V, der Fromme weitreichenden Schutz und Privilegien. Das sogenannte Statut von Kalisch, das sich eng an die Privilegien die Ottokar II. den mährener Juden gewährte anlehnt, sah unter anderem vor, dass ein Rechtsstreit zwischen einem Juden und einem Christen vor dem Prinzen selbst oder dessen Vertreter in der Provinz, dem Wojwoden geführt werden. Rechtsstreite zwischen Juden wurden unter die Jurisdiktion eines "jüdischen Richters" gestellt. Auch sollte nach §32 der Statuten, "Ritualmord"-Anklagen von sechs "Zeugen" untersucht werden, von denen drei Christen und drei Juden sein sollten. Dank dieser und anderer für die Juden Polens positiven Gesetzgebung konnten sich die jüdischen Gemeinden relativ sicher entwickeln. Diese Sicherheit war zum Nutzen beider Seiten. Auch wenn schon bald Versuche unternommen wurde diese Freiheiten einzuschränken (Synoden von Breslau 1267 und Ofen 1279), so war es diese Sicherheit die beiden Seiten nutzte. Denn es waren jüdische Händler die wichtige Handelslinien nach Westen und Osten eröffneten oder ausbauten und somit nicht unwesentlich zur Orientierung Polens nach Westen beitrugen. König Kazimierz Wielki (der Große) bestätigte nicht nur die Privilegien während seiner Regierungszeit, sondern er erweiterte oder präzisierte sie in einigen Punkten und dehnte ihre Rechtsgültigkeit auch auf das Gebiet Kleinpolens aus. Jagiello, Großfürst Litauens heiratete im Jahre 1386 die Kronerbin Jadwiga. Nach seiner Taufe wird er zum König gewählt. Sein gesamtes bis zu diesem Zeitpunkt heidnisches Fürstentum wird zwangschristianisiert. Kein gutes Zeichen für alle die anderen Glaubens waren. Doch Witold, der Bruder des Königs, der zunächst den Widerstand gegen Jagiello und dessen Politik der Christianisierung leitete, gewährte den jüdischen Gemeinden von Troki, Brest-Litowsk und Grodno weitreichende Privilegien, die letztendlich einer Gleichstellung mit der sonstigen Bevölkerung gleichkamen.

Im Jahre 1399 kommt es in Posen zur ersten bekannten Beschuldigung wegen Hostienfrevels. Der Rabbi der Gemeinde, sowie dreizehn Gemeindeälteste und die Frau, die ihnen angeblich geweihte Hostien besorgt hatte, werden öffentlich verbrannt. Die jüdische Gemeinde zu Posen wird zur jährlichen Zahlung einer Geldstrafe an die Dominikaner verurteilt. 1407 kommt es in Krakau zur ersten bekannten Ritualmordklage. Von der Kanzel der St. Barbara-Kirche verkündet der Priester Budek der Gemeinde, die Juden hätten ein christliches Kind in der Nacht ermordet und sein Blut für rituelle Zwecke verwendet. Der Mob stürmte die jüdischen Häuser und steckte sie in Brand. Viele jüdischen Mitbürger wurden ermordet oder suchten Zuflucht in der Taufe. Alle Kinder der Ermordeten wurden zwangsgetauft.

Die Neuzeit

Die Umwälzungen der Reformation im 16. Jahrhundert brachte einige Änderungen in der Haltung der europäischen Gesellschaft gegenüber den Juden mit sich. Die aus der Spaltung der christlichen Kirche hervorgegangenen Gruppen standen sich feindselig mit einem neuen Religionsfanatismus gegenüber, der zu blutigen Auseinandersetzungen führte, letzten Endes aber auch zu der Einsicht, das sich religiöse Fragen nicht durch Kriege entscheiden lassen. Während die großen Konfliktparteien, die protestantische und die katholische Kirche, zu einem Kompromiss fanden, wurden religiöse Minderheiten weiterhin stark bedrängt.

So gingen neue Ideen der Toleranz nicht von den Kirchen aus, sondern von relgiösen Randgruppen und philosophischen Strömungen, wie z.B. durch Locke und Montesquieu. Einflussreicher war aber die wachsende Bedeutung der hebräischen Literatur für das europäische Geistesleben. Neben der hebräischen Bibel wurden im wachsendem Maße auch der Talmud und andere jüdische Literatur studiert, was dem Judentum zu einigem Ansehen verhalf. Antijüdische Polemiken waren zunächst selten, wurden teilweise sogar verboten (z.B. Eisenmenger).

Ein weiterer Grund für die Veränderung der Lage der Juden in Europa waren neue Ansätze im politischen und ökonomischen Denken. Der Mensch wurde nicht länger nach seiner Religionszugehörigkeit bewertet, sondern nach seiner Nützlichkeit für den Staat. Mehrere bedeutende Verfechter der merkantilistischen Theorien waren den Juden gegenüber jedoch weiterhin feindselig gesinnt (z.B. William Petty, Johann Joachim Becher). So waren es jüdische Apologeten selbst, die für mehr Rechte der Juden mit utilitaristischen Argumenten eintraten, wie z.B. Simone Luzzatto, dessen Schriften auf einflussreiche Denker wie Montesquieu wirkten.


Aufklärung

Die Ideale der Aufklärung, die unter den europäischen Bildungsschichten während des 18. Jahrhunderts aufkamen, hatten widersprüchliche Auswirkungen. Auf der einen Seite respektierte man das Individuum unabhängig von seiner Religion und Abstammung als "menschliches Wesen", war aber andererseits nicht bereit, historisch gewachsene Gruppen anzuerkennen, die nicht beabsichtigten, ihre Identität aufzugeben. Juden, die in die Gesellschaft aufgenommen werden wollten, zugleich aber Juden bleiben wollten, wurden der Heuchelei verdächtigt. Während Lessings Ideal von Toleranz die Identität des Menschen respektierte ("Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch?" (Nathan)), verlangte Herder von den Juden, sich anzupassen so dass sie "nach europäischen Gesetzen leben und zum Besten des Staates beitragen".

Neben der Befürchtung, die Juden könnten, wenn sie ihre Identität bewahren, einen Staat im Staate bilden, kamen auch antikirchliche Bestrebungen zum Tragen. So versuchten Deisten, Anhänger von Naturreligionen und Religionsgegner die Fundamente der christlichen Kirchen anzugreifen, indem sie behaupteten, das Alte Testament sei eine jüdische Fälschung. Zahlreiche antisemitische Stereotypen wurden neu belebt und von führenden Denkern ins Feld geführt: "ein unwissendes und barbarisches Volk, das seit langem den schmutzigen Geiz mit dem verachtungswürdigen Aberglauben verbindet" (Voltaire). Fichte sah keine andere Möglichkeit als "in der Nacht ihnen die Köpfe abzuschneiden und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee sei."

Auch andere Bestrebungen zielten auf die "Besserung" der Juden ab. Man bekannte sich zur Verantwortung für die Verfolgung, Isolation und Diskriminierung der Juden. Die entwickelten Integrationsmodelle (z.B. von C.W.Dohm) sollten Nachteile in Bildung und Beruf zu verringern, waren aber von den alten Vorurteilen geprägt. Sie liefen außerdem stets darauf hinaus, die Faktoren, welche die Juden von ihrer Umwelt unterschieden, auf ein Minimum zu beschränken. <ref>Geschichte des jüdischen Volkes, herausgegeben von Ben-Sasson, Beck 1995</ref>

Emanzipation in Europa und deren Scheitern

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Die französische Revolution 1789 ´

Juden in Osteuropa

Siehe hierzu: Geschichte der Juden in Polen

Juden in den Vereinigten Staaten

Siehe hierzu: Geschichte der Juden in den Vereinigten Staaten

Juden in Deutschland vor dem Nationalsozialismus

Seit der Französischen Revolution im Jahr 1789 erhielten die Juden in Europa nach und nach die Bürgerrechte und wurden zunehmend rechtlich gleichgestellt. Sie waren jetzt mehr oder minder anerkannte Mitbürger, die eben nur einer anderen Religion angehörten. In Deutschland fühlten sie sich als deutsche Bürger jüdischen Glaubens. Viele Juden traten sogar zum Christentum über. Zum Teil wurden jüdische Familien auch in den erblichen Adelsstand erhoben, zum Beispiel die Oppenheims oder die Familie Hirsch auf Gereuth, die in Bayern bereits 1815 in den Erbadelsstand erhoben wurden. Die Rothschilds wurden in Österreich 1822 in den Erbadelsstand erhoben, in England wurde erst 1885 mit Nathaniel de Rothschild der erste praktizierende Jude zum Lord erhoben. Ihr Bekenntnis zu Deutschland zeigten sie mit ihrer Teilnahme an den Befreiungskriegen 1813 bis 1815, am Deutsch- Französischen Krieg 1870/71 und am ersten Weltkrieg. Im Laufe des 19. Jahrhunderts passten sich die Juden nahezu vollständig an ihre christliche Umwelt an und galten fast als gleichberechtigte Mitbürger. Sie waren Mitglieder bei Feuerwehren oder Schützenvereinen oder stellten Bürgermeister. Teilweise akzeptierten die Christen auch die religiösen Sitten der Juden. Sie nahmen z.B. an Einweihungen von Synagogen teil oder verlegten - wie die Stadt Oberkirchen 1854 - den Markttag, wenn er auf einen jüdischen Feiertag fiel. Die Juden blieben in der Minderheit, sie stellten weniger als zwei Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung. Doch die Zahl der jüdischen Ärzte, Rechtsgelehrten, Maler, Dichter, Musiker und Regisseure war überproportional hoch. Der Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy, die Arbeiterführer Karl Marx und Rosa Luxemburg, der Arzt und Psychiater Sigmund Freud, der Physiker Albert Einstein sind nur einige von vielen jüdischen Persönlichkeiten, die das deutschsprachige Geistes- und Kulturleben über die Landesgrenzen hinaus belebten. Unter 40 deutschen Nobelpreisträgern bis 1933 waren 11 Juden. Im 1. Weltkrieg kämpften jüdische Offiziere und Soldaten mit und es wurden einige mit hohen Orden ausgezeichnet.

Jüdisches Leben nach 1945

In Israel

siehe Geschichte Israels

In Europa

Deutschland

Die Auswanderung der Displaced Persons

Noch während des 2. Weltkriegs hatten die Siegermächte beschlossen, alle Juden, die den Holocaust überlebt hatten oder nach Deutschland verschleppt worden waren oder vor Nachkriegspogromen dorthin flohen, wie alle anderen Displaced Persons („entwurzelte Personen“) nach einer Übergangszeit in ihre Heimatländer zurückzubringen. Überlebende deutsche Juden sollten von anderen Ländern aufgenommen werden, da man nach der Shoah nicht mit einer Erneuerung des deutschen Judentums rechnete.

Nur eine kleine Zahl der etwa 400.000 Juden, die Deutschland in der NS-Zeit rechtzeitig verlassen hatten, kehrte nach Deutschland zurück. Es gab ungefähr 15.000 deutsche Juden, die im Konzentrationslager, im Untergrund oder als Ehepartner von Nichtjuden überlebt hatten. Eine große Zahl von Juden, mehr als 200.000, kamen aus Osteuropa nach Deutschland. Sie waren aus Konzentrationslagern oder als Zwangsarbeiter befreit worden oder flohen vor neuen Pogromen nach Deutschland. Die zionistische Fluchtorganisation Brichah förderte den Massenexodus aus Polen, vorwiegend in die amerikanische Besatzungszone. Zum einen war der Antisemitismus der Nachkriegszeit in Polen und anderen Ländern Osteuropas unerträglich, zum anderen gab es keine Möglichkeit, aus diesen Ländern auszuwandern. Als displaced Persons waren sie nun zwar "befreit, aber nicht frei". Die amerikanische Armee und die UNRAA richteten vor allem in Bayern große Lager ein, in denen sie hinter Stacheldraht und mit uniformierter Bewachung lebten. Der überwiegende Teil strömte in die amerikanische Besatzungszone, in der britischen waren in der Höchstphase gerade 15.000 jüdische DPs untergebracht, in der französischen sogar nur etwa 1.000. Die Auswanderung in das von Großbritannien verwaltete Mandatsgebiet Palästina war nur auf illegalem Weg möglich, und die USA blieb ihnen durch eine restriktive Immigrationspolitik zunächst ebenfalls verschlossen. In den ersten Nachkriegsjahren entstand daher eine Vielzahl sozialer und politischer jüdischer Organisationen in Deutschland. Es waren aber kaum noch deutsche Juden unter denen, die nun in Lagern und in wiederbegründeten Gemeinden lebten.

Mit der Gründung des Staates Israel verließen die meisten von ihnen Deutschland. Im September 1948 war ihre Zahl bereits auf 30.000 geschrumpft, es blieben lediglich 10.000 bis 15.000. Ein Teil von ihnen war zu schwach oder zu krank um weiterzuwandern, ein Teil hatte in der langen Wartezeit eine berufliche Existenz gründen können oder einen deutschen Ehepartner geheiratet. 1950 wurde das Büro der Jewish Agency, die in Deutschland für die Auswanderung von Juden nach Israel zuständig war, geschlossen. 1953 schloss auch das israelische Konsulat in München, das ebenfalls vor allem für die Auswanderung errichtet worden war. Konsul Chaim Yachil ging davon aus, dass die in Deutschland verbliebenen jüdischen Gemeinden sich innerhalb weniger Jahre selbst auflösen würden; ihre Liquidation wäre angesichts ihrer kleinen Mitgliederzahl und ihrer Überalterung nicht aufzuhalten. Die meisten Juden, die in Deutschland blieben, galten als „heimatlose Ausländer“ und blieben staatenlos. Israel betrachtete Deutschland damals als Tabuzone, mit der es keinerlei Dialog geben durfte. Wer im Besitz eines israelischen Passes war, durfte damit nicht nach Deutschland einreisen. Im Pass stand der Vermerk „not valid for travel to or in Germany“ und die deutschen Behörden waren angewiesen, keine Genehmigungen zur Einreise zu erteilen.

Rückwanderung

Bereits kurz nach Kriegende kehrten frühere deutsche Juden zurück, vorwiegend aus politischen Gründen. Der Philosoph Ernst Bloch (1949), der Komponist Hanns Eisler (1948), der Karikaturist John Heartfield (1950), die Literaturhistoriker Hans Meyer (1945) und Alfred Kantorowicz (1946), die Schriftstellerin Anna Seghers (1947), Stefan Heym (1945) und Arnold Zweig (1948) sowie die beiden späteren Mitglieder des Zentralkomitees der SED Gerhard Eisler und Albert Norden gingen in die sowjetische Besatzungszone bzw. die DDR. Die meisten der Genannten traten allerdings keiner jüdischen Gemeinde bei, weil der religiöse und der nationale Aspekt des Judentums beide letztlich mit der Parteilinie schwer vereinbar waren. Viele der Rückkehrer verstanden sich als antifaschistische Kommunisten und spielten eine wichtige Rolle beim Aufbau der DDR. Auch in den westlichen Teil Deutschlands kamen prominente Juden zurück, so die Politologen Ernst Fraenkel (1951) und Richard Löwenthal (1948), die beide Professoren an der Freien Universität Berlin wurden. Die Stadt Frankfurt veranlaßte die Rückkehr von Max Horkheimer und Theodor Adorno und ermöglichte die Wiedereröffnung des Instituts für Sozialforschung im Jahre 1950.

Die jüdischen Gemeinden in Deutschland

Die Nachkriegszeit

Die ersten jüdischen Institutionen, die in Westdeutschland nach dem Krieg entstanden, waren nicht Synagogen und Gemeindezentren, sondern soziale Einrichtungen: Krankenstationen, Pflegeheime, Altersheime, Küchen für die Versorgung bedürftiger Juden. Die jüdischen Nachkriegsgemeinden sahen sich als Provisorium auf Zeit und wollten bis zu ihrer Auflösung karitativ tätig sein. Sie verstanden sich nicht als Erben der früheren deutsch-jüdischen Gemeinden, die von 1933 bis 1941 vernichtet worden waren. Deren Mitglieder waren ausgewandert oder ermordet worden.

In der Anfangszeit verwaltete die Jewish Restitution Successor Organisation (IRSO) die Vermögenswerte, die noch verblieben oder zurückerstattet worden waren. Mit diesen Geldern konnte sie den deutschen und europäischen Juden helfen. Daraus entstand später die Jewish Claims Conference. Als 1949 die Bundesrepublik gegründet wurde, sahen die inzwischen schon etwas konsolidierten jüdischen Gemeinden die Notwendigkeit, sich eine überregionale Organisation zu schaffen, um ihre Interessen selbst zu vertreten. Delegierte von Gemeinden und Landesverbänden gründeten 1949 den Zentralrat der Juden in Deutschland als Dachorganisation. Zu dieser Zeit hatten die jüdischen Gemeinden der Bundesrepublik eine Gesamtzahl von 15.000 Mitgliedern. Die jüdischen Gemeinden in Westdeutschland wurden erst seit dem Besuch Nahum Goldmanns vom Jüdischen Weltkongress (WJC) 1953 von jüdischer Weltorganisationen anerkannt. So durften sie ihre Synagogen und Gemeindehäuser nach dem Luxemburger Abkommen zur Wiedergutmachung behalten und mussten sie nicht zum Verkauf freigeben. Trotzdem wurden die in Deutschland lebenden Juden von jüdischen Institutionen und Gemeinschaften in Israel und Amerika als Juden zweiter Klasse behandelt. Man verstand nicht, warum sie in Deutschland blieben und nahm sie nicht als Teil der jüdischen Diaspora wahr.
In der DDR kam es in der Folge des Slansky-Prozesses in Prag 1952/53 zu einer Verfolgung von „Kosmopoliten“, die der Spionage oder des Zionismus bezichtigt wurden. Betroffen waren vor allem diejenigen, die während der NS-Zeit in westlichen Ländern im Exil gelebt hatten. Sie wurden nun einer Zusammenarbeit mit dem Westen bezichtigt und als Werkzeuge des Imperialismus bezeichnet. Das ZK-Mitglied Paul Merker wurde als zionistischer Agent verhaftet, die Büros der jüdischen Gemeinden durchsucht. Im Januar 1953 flüchtete Julius Meyer, Präsident der jüdischen Gemeinden in der DDR und Volkskammer-Mitglied, zusammen mit fünf der acht Gemeindevorsitzenden nach Westdeutschland. Bis zum Bau der Mauer 1961 schrumpfte die Zahl der in den Gemeinden registrierten Juden auf etwa 1.500. In der DDR wurden Juden zwar als Opfer des Faschismus anerkannt und erhielten eine Staatspension sowie andere Vergünstigungen, aber auch in der Bundesrepublik konnten sie wegen des Wiedergutmachungsgesetzes auf eine Entschädigung hoffen. Die DDR weigerte sich, Wiedergutmachung zu leisten, weil sie eine Mitverantwortung der DDR an den Verbrechen des NS-Staates ablehnte. Erst im April 1990 wurde ein ein offenes Bekenntnis zur Mitverantwortung abgelegt, nach dem Fall der Mauer und von einer demokratisch gewählten Volkskammer.

Juden in Deutschland heute

Obwohl es immer eine kleine Zuwanderung gab, überschritt die Zahl der in Westdeutschland lebenden Juden bis 1989 30.000 nicht. Darunter waren schon zwei Generationen, die bereits in Deutschland geboren wurden. 1990 begann die Zuwanderung von Juden aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Bis Ende 1998 kamen etwa 45.000 Juden nach Deutschland und mit ihnen nochmals etwa 40.000 nichtjüdische Familienmitglieder aus interkonfessionellen Ehen. Es war nur ein kleiner Teil der Auswanderer aus der Sowjetunion. 800.000 Juden gingen in diesem Zeitraum nach Israel, weitere 400.000 in die USA.

Heute leben etwa 100.000 Juden in Deutschland und es bestehen 99 jüdische Gemeinden in Deutschland, die in 12 Landesverbänden und im Zentralrat der Juden in Deutschland zusammengeschlossen sind. Sie stellen 95 Prozent aller organisierten deutschen Juden. Die übrigen fünf Prozent verteilen sich auf etwa 40 jüdische Kulturvereine und liberale Gemeinden, die den Zentralrat entgegen dessen Selbstverständnis als orthodox gelenkt ablehnen. Der Zentralrat mischt sich allerdings nicht in das Eigenleben der Gemeinden ein. Die größten Stadtgemeinden - Berlin mit etwa 11.000, München mit 8.600 und Frankfurt/Main mit 7.000 Mitgliedern - sind Einheitsgemeinden: diese Einheitsgemeinden stellen Verwaltungsorganisationen dar, unter derem Dach unterschiedliche religiöse Ausrichtungen existieren. Etwa 40.000 weitere Juden sind nicht religiös gebunden.

Die Gemeinden errichten neue Zentren, bilden Jugendgruppen und Kulturorganisationen - sind aber auch von scharfen Konflikten zwischen den Zuwanderern und den früheren Gemeindemitgliedern belastet. Ein religiöser Pluralismus (liberale Gemeinden, weibliche Rabbiner) ist entstanden.

Im September 2006 wurden drei Absolventen des Abraham-Geiger-Kollegs Potsdam in Dresden zu Rabbinern ordiniert. Sie sind die ersten Rabbiner, die nach dem Krieg in Deutschland ausgebildet wurden.

Wegmarken jüdischen Lebens in Westdeutschland

  • die seit 1950 jährlich stattfindenden „Wochen der Brüderlichkeit“ Anfang März, die seitdem gegründeten Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit, der jüdisch-christliche Dialog seit den Kirchentagen der 1960er Jahre,
  • die Auschwitzprozesse 1963-1966
  • die Bundestagsdebatte um die Verjährung der NS-Verbrechen 1965. Sogar die Beteiligung am NS-Völkermord wäre nach geltendem deutschen Recht in dem Jahr verjährt gewesen. Die Frist wurde um zunächst fünf Jahre, dann ganz aufgehoben.
  • die von der Studentenbewegung ab 1965 angestoßene Erforschung der historischen Bedingungen für den Nationalsozialismus und Holocaust
  • die vermehrte Einrichtung von deutsch-israelischen Städtepartnerschaften und Freundschaftsgesellschaften seit 1970, die nach Israel emigrierten ehemaligen deutschen Juden einen Besuch ihrer alten Heimat ermöglichten
  • Verträge von Bund, Ländern und Kommunen zum polizeilichen Schutz und finanzieller Absicherung der jüdischen Gemeinden: zuerst in West-Berlin unter Klaus Schütz 1971, nachdem der Aussteiger Hans-Joachim Klein einen Mordplan der Rote Armee Fraktion gegen Heinz Galinski bekannt gemacht hatte
  • die Einrichtung der Jüdischen Hochschule in Heidelberg 1978 neben judaistischen Seminaren im Verbund von christlichen und jüdischen Historikern und Theologen an vielen Universitäten
  • die Bildung neuer „Geschichtswerkstätten“ seit der Ausstrahlung der Fernsehserie Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß 1979, die nicht mehr nur nach allgemeinen sozialen und ökonomischen Strukturen für das Entstehen der NS-Diktatur fragten, sondern die Judenverfolgung in Einzelorten und –regionen im Detail aufhellten
  • die Rede Richard von Weizsäckers zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985, der von der Befreiung vom Nationalsozialismus und nicht von der Niederlage Deutschlands sprach und die jüdische Weisheit des Baal Schem Tow (1700-1760), eines Lehres des Chassidismus, zitierte:
(Das Vergessen führt in die Verbannung –) das Geheimnis der Erlösung liegt in der Erinnerung!
Im Oktober 1985 besuchte Richard von Weizsäcker als erster amtierender Bundespräsident Israel
  • die Einrichtung nationaler Gedenktage für die Opfer des Holocaust, vor allem das seit 1988 bundesweit verstärkte Gedenken an die Novemberpogrome 1938.<ref>Albrecht Lohrbächer u.a. (Hrsg.): Was Christen vom Judentum lernen können, Kohlhammer 2006, ISBN 3170181335, S. 43-49</ref>


Referenzen

<references/>

Siehe auch

Literatur

  • Eli Bar-Chen, Anthony Kauders (Hrsg.): Jüdische Geschichte. Alte Herausforderungen, neue Ansätze. Herbert Utz Verlag, München 2003, ISBN 3-8316-0291-3
  • Klaus Bringmann: Die Geschichte der Juden im Altertum, Stuttgart 2005.
  • Herbert Donner: Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in Grundzügen. Grundrisse zum Alten Testament 4/2 (=ATD.E). 2 Bde. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1984 u. 1986. Bd. 1: 3. Aufl. 2000 ISBN 3-525-51679-7; Bd. 2: 2. Aufl. 1995 ISBN 3-525-51680-0 (von den Anfängen bis zum 2. jüd. Krieg; historisch-kritische Auslegung der hebräischen Bibel)
  • Emil Schürer: The History of the Jewish People in the Age of Jesus Christ (175 B.C. - A.D. 135). 3 Bde. T. & T. Clark, Edinburgh 1973ff. (überarb. Übersetzung aus dem Deutschen, Standardwerk für diesen Zeitraum)
  • Arno Herzig: Jüdische Geschichte in Deutschland - Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Beck 2002, ISBN 3-406-39296-2
  • Geschichte der Juden im Mittelalter von der Nordsee bis zu den Südalpen (kommentiertes Kartenwerk), hg. von Alfred Haverkamp (Forschungen zur Geschichte der Juden; Abteilung A: Abhandlungen; Band 14/3; 105 Karten), Hannover 2002, 3-7752-5623-7

Weblinks

fr:Histoire du peuple juif he:היסטוריה של עם ישראל nl:Joodse geschiedenis pdc:Yiddische Gschicht

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