Identifikation mit dem Aggressor

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Identifikation mit dem Aggressor bezeichnet ein tiefenpsychologisches Phänomen, bei dem eine Person, die von einem Aggressor körperlich und/oder emotional misshandelt oder unterdrückt wird, sich unbewusst mit ihm identifiziert.

Diese Identifikation gilt als ein psychologischer Abwehrmechanismus und wird in einer zumeist traumatischen Situation zum eigenen Schutz unbewusst eingesetzt, um sich vor beängstigender und demütigender Unterlegenheit und massiver Bedrohung zu schützen. Da das Ziel, selbst in einer gefährlichen und demütigenden Lage Herr der Situation zu sein, andere Interessen überwiegt, kann sogar ein Angriff auf das eigene Leben als legitim erachtet werden.

Die Person verinnerlicht/introjiziert dabei unbewusst und ungewollt Persönlichkeitseigenschaften, Werte und Verhaltensweisen des Aggressors, die der eigenen Selbstentfaltung und der wahren Persönlichkeit entgegen stehen. Neben traumatischen Erfahrungen im Erwachsenenleben führen vor allem solche in der Kindheit, bei denen das Maß subjektiv erlebter Ohnmacht und Abhängigkeit in der Regel besonders groß ist, zur Ausbildung dieser Reaktion – angefangen bei einer autoritären und repressiven Erziehungsstruktur.

Ein auf diese Weise einmal „installierter“ Selbstanteil bleibt potenziell lebenslang wirksam, weil er bei seiner Erschaffung gegen die Einflussnahme der Kernpersönlichkeit abgesichert wird. Denn natürlich möchte beispielsweise das Kind nicht freiwillig die Dinge tun, die ihm entgegen seiner Natur auferlegt oder aufgezwungen werden. Es möchte sich seiner Natur gemäß entfalten und sich selbst wichtig nehmen. Da das jedoch in seiner Situation mit permanenten Sanktionen beantwortet worden wäre, steuert der neu installierte Selbstanteil des Kindes das vom Aggressor erwünschte Verhalten. Die Sanktionierung wird dadurch vermieden, allerdings auf Kosten der eigenen Selbstentfaltung des Kindes. Da das Kind so seine eigene Persönlichkeit nur mangelhaft ausbilden kann und auch in den erwachsenen Bezugspersonen nur ungeeignete Modelle finden wird, ist die Gefahr groß, dass dieselben Konflikte auf die nächste Generation übertragen werden. In vielen Familiengeschichten lässt sich eine Kette innerfamiliärer Gewalt über mehrere Generationen feststellen.

Inhaltsverzeichnis

Zwei theoretische Positionen

Anna Freud beschreibt im Kapitel „Die Identifikation mit dem Angreifer“ ihres Buches Das Ich und die Abwehrmechanismen (1936) lebhafte Gewaltausbrüche von Kindern als Reaktion auf eher geringfügige oder auch nur vermutete Bedrohungen. Damit bleibt sie im Rahmen des theoretischen Modells ihres Vaters Sigmund Freud, der die Rolle äußerer Faktoren bei der Entstehung von Neurosen, nachdem er die "Verführungstheorie" (in der reale Umweltbedingungen für die Entstehung von Neurosen angenommen werden) aufgegeben hatte, gering veranschlagte und die Hauptursache in der innerpsychischen Disposition und Dynamik sah.

Schon Sándor Ferenczi stellte diese Theorie 1932 in einem Vortrag, Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind, infrage, indem er auf die Häufigkeit realer Missbrauchserfahrungen hinwies. In diesem Zusammenhang formulierte er erstmals, dass die von den Kindern erlebte Angst und Hilflosigkeit sie zwinge, „sich selbst ganz vergessend sich mit dem Angreifer vollauf zu identifizieren“<ref>Schriften zur Psychoanalyse II, S. 308, kursiv im Original.</ref>. Ferenczi zufolge ist das Kind erfüllt vom Wunsch nach zärtlichen, aber nicht sexuellen und nicht gewalttätigen Beziehungen zu den Erwachsenen, was dazu führt, dass es den Angreifer „introjiziert“, also in seiner (unbewussten) Phantasie in sich hineinnimmt, um ihn als äußere Realität zum Verschwinden zu bringen: Statt sich aktiv mit ihm auseinanderzusetzen, wozu es nicht fähig ist, macht es ihn zu einem fremden Teil seiner selbst, was bei wiederholten Gewalterfahrungen zu einer regelrechten Zerstückelung der Persönlichkeit (Ferenczi sagt „Atomisierung“) führt. Heute werden die realen Bedingen, die zu einer Psychopathologie führen, innerhalb der Psychoanalyse stärker akzentuiert und systematisch untersucht.

Das Kind identifiziert sich dabei mit den eigenen Schuldgefühlen des Angreifers, die ihm zunächst eine große Verwirrung auferlegen; abgewehrt werden sie, indem es Hass entwickelt, der seinerseits aber wiederum Schuldgefühle beim Kind hervorruft und daher verdrängt und in der Folge häufig unbewusst gegen das eigene Selbst gewendet werden muss. So kommt es zu Depressionen, aber auch nach außen gerichteter Aggressivität, was zur Fortsetzung der Gewalt führt.

Die Identifikation mit einem Aggressor erfolgt jedoch nicht nur in der Kindheit als Versuch der psychischen Abwehr massiver Gewaltanmutungen. In entsprechenden Konstellationen kann auch ein Erwachsener in dieselbe Situation geraten und sich mit demjenigen, der ihn verfolgt oder ihm Gewalt antut, identifizieren.

Als Täter, mit dem ein Kind oder Erwachsener sich unbewusst identifiziert, kommen alle Personen in Frage, die sich in einer aus Sicht des Opfers absoluten Machtposition ihm gegenüber befinden und denen das Opfer physisch und/oder psychisch ausgeliefert ist. Die Person, mit der die Identifikation geschieht, kann älter oder jünger, gleich- oder andersgeschlechtlich, innerfamiliär oder außerfamiliär positioniert sein – es sei nochmals daran erinnert, dass es sich bei der Identifikation mit einem Aggressor um einen unbewussten Vorgang handelt. Eine gewalttätige Mutter, ein sexualisierte Gewalt anwendender Vater oder Bruder, ein sadistischer Lehrer, ein grandios auftretender Besatzungssoldat, ein Folterer in einem Konzentrationslager können Personen sein, mit denen die unbewusste Identifikation erfolgt. Wer für das Bewusstsein der ärgste Feind ist, kann psychisch gerade der sein, mit dem eine Identifikation eintritt. In Autobiografien von Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung wird der Mechanismus, soweit er erkannt wurde, gelegentlich zur Sprache gebracht.

Entscheidend sind allgemein die Heftigkeit der Überwältigung und u.a. die Dauer und Schwere des Traumas; bei Kindern als Opfer kommen zusätzliche Parameter hinzu. Grundsätzlich gilt, dass eine Identifikation mit einem Aggressor als Abwehr gegenüber der Unfähigkeit des Opfers geschieht, einen Angriff auf die eigene körperliche und psychische Integrität zu verstehen und psychisch zu integrieren.

Aufgedeckt und ggf. aufgehoben werden kann eine unbewusste Identifikation mit einem Aggressor im Zuge einer analytisch orientierten Psychotherapie. Die Erkenntnis und Aufhebung der Identifikation mit einem Aggressor ist die Voraussetzung dafür die eigenen Gewalterfahrungen nicht (auch unwillentlich) bewusstlos weiterzugeben.

Ein weiteres bekanntes Beispiel einer Identifikation mit dem Aggressor ist das sogenannte Stockholm-Syndrom.

Siehe auch

Literatur

  • Sándor Ferenczi: „Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind“ (1932), in: Schriften zur Psychoanalyse II, hg. von Michael Balint, Gießen: Psychosozial Verlag 2004, S. 303−313
  • Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen (1936), Frankfurt: Fischer 1984
  • Mathias Hirsch: „Zwei Arten der Identifikation mit dem Aggressor − nach Ferenczi und Anna Freud“, in: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, Heft 45/6 (1996), S. 198−205
  • Horst-Eberhard Richter: Eltern, Kind und Neurose. Die Rolle des Kindes in der Familie / Psychoanalyse der kindlichen Rolle (1962), Neuauflage Reinbek: Rowohlt 1969
  • Arno Gruen: Der Fremde in uns. Stuttgart: Klett-Cotta-Verlag, 2000. ISBN 3608942823
  • Dr. Jochen Peichl: Innere Kinder, Täter, Helfer & Co. Ego-State-Therapie des traumatisierten Selbst. Mit Selbst-Anteilen arbeiten, Reihe Leben Lernen 202, Stuttgart: Klett-Cotta 2007 ISBN 9783608890471 [1]

Weblinks

Fußnoten

<references/>

Persönliche Werkzeuge