Holocaustkenntnis von Zeitzeugen

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Die Kenntnis damaliger Deutscher und Nichtdeutscher vom Holocaust in der Zeit des Nationalsozialismus wurde in den letzten 20 Jahren ein besonderes Forschungsthema. Ausgangspunkt dafür war der Zugang zu neuen Quellen und die Verlagerung von Forschungsschwerpunkten.

Inhaltsverzeichnis

Überblick

Davon haben wir nichts gewusst!: Diese oder ähnliche Aussagen begegneten den Alliierten ab 1945 als häufiges Stereotyp, mit dem sehr viele Deutsche, etwa bei Vernehmungen und angeordneten Besuchen von befreiten Konzentrations- und Vernichtungslagern, auf die Frage nach den NS-Massenmorden, besonders an den Juden, reagierten. Sie galt schon damaligen Beobachtern als Schutzbehauptung, die eine befürchtete Bestrafung abwehren sollte, oder als Verdrängung.

Deren Wahrheitsgehalt wurde lange Zeit nicht mit wissenschaftlicher Methodik überprüft. Erst in den letzten Jahrzehnten nähert sich die Forschung einem der letzten „Tabus der Zeitgeschichte“, das durch verschiedene Faktoren begünstigt wurde:

Dass die innere und äußere Haltung der deutschen Bevölkerung zu den NS-Verbrechen erst nach gut 50 Jahren in den Blickpunkt der historischen Forschung rückte, wird zum einen aus weiterwirkender Verdrängung, die auch die relativ abstrakte, von Opferschicksalen losgelöste Gedenkkultur bestimmt habe (Karola Fings), zum anderen aus der Forschungslogik erklärt: Erst nachdem die Bedingungen und Verläufe der NS-Verbrechen weitgehend aufgeklärt worden seien, hätten Historiker die Frage nach der Haltung der Zivilbevölkerung sinnvoll stellen können (Dieter Pohl).<ref>Funkhausgespräche vom 9. November 2006 um 20.05 Uhr auf WDR 5</ref>

Damals bekannte Vorgänge der Judenverfolgung

Vorkriegszeit

Sämtliche staatlichen Maßnahmen (Gesetze, Verordnungen) gegen die Juden wurden bis 1939 vom NS-Regime selbst veröffentlicht. Einige wie der Judenboykott vom 1. April 1933 wurden vom Regime gezielt auch dazu in die Wege geleitet, um die Reaktionen der Bevölkerung darauf zu testen.

In den ab 1933 für Regimegegner und andere unerwünschte Personenkreise eingerichteten Konzentrationslagern wurden die Juden bereits deutlich schlechter behandelt als die meisten anderen KZ-Insassen. Erfahrungsberichte entlassener Häftlinge bestätigten dies auch für Nichtjuden,<ref>Nikolaus Wachsmann: Gefängnisse, Ghettos, Lager: Die Juden in Gefangenschaft im Dritten Reich</ref> waren freilich während des Regimes (und noch lange danach) nicht allgemein zugänglich. Viele der vor und im Krieg eingerichteten Lager lagen jedoch nahe bei deutschen Ortschaften, so dass die dortigen Vorgänge vielen Einwohnern vor Ort bekannt waren oder werden konnten. So gab es anfangs im Konzentrationslager Dachau einen „Tag der offenen Tür“ für die Bevölkerung, und die Staatsanwaltschaft Weimar nahm sogar einige einschlägige Strafanzeigen an, bis dies unterbunden wurde. Die Häftlinge der 23 innerdeutschen KZs und ihrer zahlreichen Außenlager wurden täglich durch deutsche Dörfer und Städte zu den Arbeitsorten geführt. Zudem waren einige Deutsche zeitweise in den KZs und Lagern beschäftigt oder leisteten Hilfsdienste, z. B. als Warenlieferanten, die sie zu Augenzeugen machten.

Die Enteignung („Arisierung“) jüdischen Besitzes machte viele Deutsche zu direkten oder indirekten Nutznießern eines wichtigen Teilschrittes auf dem Weg zum Holocaust. Die Frage, was mit den enteigneten und nun vielfach nicht mehr ausreisefähigen Juden geschehen sollte, drängte sich besonders seit den Novemberpogromen 1938 allgemein auf. Darauf reagierten die NS-Zeitungen mit verstärkter antisemitischer Propaganda, die weitere Schritte wie die Errichtung von Ghettos und Lagern im Osten vorbereiteten.

Kriegszeit

Für NSDAP-Mitglieder und Mitarbeiter der NS-Behörden wurde die Absicht zur Judenvernichtung ab Herbst 1941 fast unverhüllt ausgesprochen. Spätestens seit der Wannseekonferenz im Januar 1942 waren die oberen Ebenen der Ministerien und NS-Behörden in die Planungen zur Deportation von Millionen Juden in Arbeits- und Vernichtungslager eingeweiht. Dass „Endlösung“ Vernichtung bedeutete, war den Konferenzteilnehmern bewusst (siehe dazu z. B. die Aussagen von Adolf Eichmann in seinem Prozess). In seiner berüchtigten „Posener Rede“ sagte Heinrich Himmler gegenüber an Massenerschießungen beteiligten SS-Offizieren am 6. Oktober 1943:

Der Satz 'Die Juden müssen ausgerottet werden' mit seinen wenigen Worten, meine Herren, ist leicht ausgesprochen. Für den, der durchführen muss, was er fordert, ist es das Allerhärteste und Schwerste, was es gibt.(...)Sie wissen nun Bescheid, und Sie behalten es für sich. Man wird vielleicht in ganz später Zeit sich einmal überlegen können, ob man dem deutschen Volke etwas mehr darüber sagt. Ich glaube, es ist besser, wir - wir insgesamt - haben das für unser Volk getragen, haben die Verantwortung auf uns genommen (die Verantwortung für eine Tat, nicht für eine Idee) und nehmen dann das Geheimnis mit in unser Grab.

Mitteilungen über die Massenmorde hinter der Ostfront und in den Arbeits- und Vernichtungslagern waren den Beteiligten strengstens untersagt. Jedoch gab es außer den Tätern relativ viele nicht direkt beteiligte Tatzeugen aus den dort stationierten Militärverbänden. Außerdem machten einige an der Ostfront stationierten Soldaten, die einen privaten Fotoapparat hatten, auch Aufnahmen von Mißhandlungen einzelner Juden bis hin zu Hinrichtungen. Das Thema ist in manchen privaten Fotoalben vertreten gewesen. Auf dem Weg in den Heimaturlaub fuhren viele Züge von der Ostfront auf Strecken neben den Vernichtungslagern und durch die eindeutig riechenden Verbrennungswolken hindurch.

Gleichzeitig erzeugte die NS-Informationspolitik mit allgemeinen Andeutungen in Zeitungs- und Wochenschauberichten, die auf organisierte Judenvernichtung schließen ließen, bewusst eine Art Mitwisserschaft der Deutschen. So sprach Adolf Hitler in reichsweit ausgestrahlten Reden offen von der „Vernichtung“ der Juden, die er schon am 30. Januar 1939 für den Fall eines neuen Weltkriegs „prophezeit“ hatte. Darauf kam er bis 1943 öfter - 1942 allein fünfmal - in wortgleicher Formulierung zurück: Von den Juden, die ihn für seine „Prophezeiung“ früher verlacht hätten, lachten inzwischen viele nicht mehr; bald würde keiner mehr von ihnen lachen. Auch die deutsche Presse erwähnte diese Reden oft. Dass Hitler damit die laufende Vernichtung der Juden meinte, verstanden laut Saul Friedländer viele Zuhörer, deren Tagebucheinträge die Reden vermerkten: darunter der Osnabrücker Bischof Hermann Wilhelm Berning, dem der Vollzug von Hitlers Vernichtungsabsicht im Februar 1942 klar war.<ref>Christian Semler, Stefan Reinicke (taz, 10. November 2006): Die Juden waren der ideale Feind. Interview mit Saul Friedländer</ref>

Seit der auf den Polenfeldzug folgenden ersten Urlaubswelle für Wehrmachtssoldaten im Winter 1939/40 sickerten immer mehr Einzelheiten über die Vorgänge in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten durch. An Massenerschießungen beteiligte Deutsche berichteten ihren Verwandten in Briefen oder beim Heimaturlaub davon. In Verbindung mit den Pressemeldungen ergab die „Flüsterpropaganda“ dann allmählich immer genauere Vorstellungen davon, was mit Juden „im Osten" geschah. Die im Oktober 1941 begonnenen Deportationen aus den deutschen Großstädten vollzogen sich öffentlich auf Versammlungsplätzen und Bahnhöfen und waren vielfach von großen Mengen Schaulustiger begleitet. So wurden manche Schulklassen zum Zuschauen des Vorgangs auf den Bahnhöfen vom Unterricht befreit.<ref>Funkhausgespräche vom 9. November 2006 um 20.05 Uhr auf WDR 5</ref> Auch die Einrichtung von Ghettos und großen Lagern wurden in Deutschland öffentlich bekannt gegeben. Ihr Zweck wurde jedoch für die meisten Deutschen mit der typischen NS-Tarnsprache bemäntelt und verschleiert. Die Transporte dorthin wurden als „Umsiedelung“ oder „Evakuierung“ ausgegeben und waren von einer intensiven Hetzpropaganda begleitet. Deutsche Juden wurden dabei als „Volksfeinde“, Verbrecher, Verbündete der Kriegsgegner beschrieben, die entsprechend keine „Vorzugsbehandlung“ verdient hätten. Dass damit nicht nur Arbeitsdienste, sondern auch Massenexekutionen gemeint waren, war etwa in der westfälischen Stadt Minden seit Dezember 1941 bekannt. So schrieb Ruth Andreas-Friedrich am 2. Dezember 1942 in ihr Tagebuch:<ref>[Ruth Andreas-Friedrich: Der Schattenmann. Schauplatz Berlin. Tagebuchaufzeichnungen 1938-1948, Frankfurt am Main 2000, S. 98</ref>

In Scharen tauchen die Juden unter. Furchtbare Gerüchte gehen um über das Schicksal der Evakuierten. Von Massenerschießungen und Hungertod, von Folterungen und Vergasungen.

Seit der Niederlage in der Schlacht von Stalingrad und den alliierten Luftangriffen auf deutsche Städte trat die offene antisemitische Propaganda etwas zurück, da diese nun vermehrt auf Unverständnis und Unmut in Teilen der Bevölkerung stieß, den die Gestapo registrierte. Besonders der Versuch, das Massaker von Katyn als Vernichtungsabsicht der Sowjetunion gegenüber allen Deutschen auszugeben, scheiterte: Nach den Stimmungsberichten der SS hielt „ein großer Teil der Bevölkerung“ die Aufregung um Katyn für „heuchlerisch, weil deutscherseits in viel größerem Umfang Polen und Juden beseitigt worden seien“.<ref>Guido Knopp, Holokaust S. 333</ref> Die regelmäßigen geheimen Lageberichte des Propagandministeriums Meldungen aus dem Reich erfassten diesen Stimmungswandel der Bevölkerung derart genau, dass sie schließlich 1944 abgeschafft wurden. Ihre Detailangaben werden durch Justiz- und Polizeiakten, Tagebücher usw. bestätigt.<ref>Bernward Dörner, Rezension von Peter Longerich, a.a.O.</ref>

In den letzten beiden Kriegsjahren gaben NS-Zeitschriften auch für die nicht direkt beteiligten Partei- und Regimemitglieder immer deutlicher Details zum Holocaust bekannt. Die bisherige Geheimhaltungspolitik seitens der Wehrmacht wurde immer mehr gelockert, und es kam 1943 zu einem regelrechten „Hinrichtungstourismus“ (Ernst Klee) von Angehörigen, die bei einer Massenerschießung zuschauen wollten.<ref>Ernst Klee: 'Schöne Zeiten'. Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer. Fischer, Frankfurt am Main 1988, ISBN 310039304X, S. 7f</ref> Die Vernichtungslager waren davon jedoch weiterhin ausgeschlossen. In einem Artikel des Danziger Vorposten vom 13. Mai 1944 hieß es zu deren Ergebnissen, mittlerweile seien fünf Millionen Juden „ausgeschaltet“.<ref>Armin Pfahl-Traughber, Rezension zu Frank Bajohr, Dieter Pohl: Der Holocaust als offenes Geheimnis, S. 8 (pdf)</ref>

Alliierte Medien

Der beginnende Holocaust war den Alliierten seit Herbst 1941 in immer mehr Details bekannt geworden. Dieses allmählich aus vielen Einzelteilen zusammengesetzte Wissen wurde in den Regierungen anfangs kaum Ernst genommen und dann nur zögernd an die Deutschen weitergegeben.<ref>Armin Pfahl-Traughber, a.a.O. S. 8 (pdf)</ref> Doch ab 1942 sendeten die Auslandsabteilungen etwa der BBC regelmäßig auch in deutscher Sprache Details zur Judenvernichtung. Eine frühe Reportage nannte erste Zahlen, noch ohne daraus auf eine Ausrottungsabsicht zu schließen:<ref>MDR-Info zum Beginn der Deportationen</ref>

Eine internationale Kommission gibt folgende Ziffern. In Deutschland sind von den etwa 200.000 Juden, die es 1939 dort gab, mindestens 160.000 verschleppt worden oder zugrunde gegangen. In Österreich leben von 75.000 Juden höchstens noch 15.000, in Böhmen und Mähren, wo es auch 80.000 Juden gab, gibt es nunmehr an die 10.000.

Thomas Mann sprach über den britischen Sender Anfang 1942 bereits von „Massentötungen durch Giftgas“. Unter den millionenfach über deutschem Gebiet abgeworfenen Flugblättern der Alliierten war ein Text der Weißen Rose, der von dem „fürchterlichsten Verbrechen“ berichtete, „dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschheitsgeschichte an die Seite stellen kann“.<ref>Guido Knopp, a.a.O. S. 333</ref>

Das Abhören ausländischer Radiosender war in Deutschland zwar streng verboten und konnte mit der Todesstrafe geahndet werden, war aber dennoch weit verbreitet. Meist bezog sich die Neugier der Hörer, vor allem nach 1943, dabei freilich auf die Frontverläufe. Da solche Meldungen oft mit Propaganda gegen die deutsche Kriegführung vermischt waren, war ihre Glaubwürdigkeit für die Deutschen nicht immer erkennbar. Gleichwohl zeigen Tagebücher und andere private Aufzeichnungen, dass der Holocaust nun auch Zivilisten als Tatsache erschien. Diese setzten aus vielen allgemein zugänglichen Teilinformationen, umlaufenden Gerüchten und Augenzeugenberichten – etwa von den Todesmärschen, die gegen Kriegsende zum Teil durch bewohnte Gegenden verliefen – ihrerseits ein recht deutliches Wissen von den NS-Verbrechen zusammen.

Die systematische Judenvernichtung mittels industrieller Methoden blieb den allermeisten Deutschen verborgen und war auch für diejenigen, die über Auslandssender oder Erfahrungsberichte von Soldaten davon gehört hatten, meist unvorstellbar. Ein damaliges Gesamtwissen über Ausmaß und Durchführung des Holocaust nehmen Historiker daher nicht an. Doch auch dieses Defizit wird weniger auf Verbote, Restriktionen und Mängel zugänglicher Informationen, sondern eher auf psychologische Mechanismen zurückgeführt. Das eigentliche Rätsel blieb, warum trotz vieler Andeutungen von so Vielen so effektiv „weggehört“ wurde.

Juden und Nichtdeutsche

Holocaustüberlebende berichteten, dass die unmittelbar betroffenen Opfer trotz oder wegen der Gerüchte von den Vernichtungslagern ihr bevorstehendes Schicksal nicht ahnten oder nicht wahr haben wollten:<ref>Wir sind die letzten - FRAGT UNS AUS! (Arno Lustiger) Unterrichtsimpulse für Sekundarstufe I und II, zum 60. Jahrestag des Kriegsendes</ref>

Der mit bürokratischer Gründlichkeit geplante, fabrikmäßig betriebene millionenfache Mord - diese nie erlebte Dimension des Verbrechens überforderte die Vorstellungskraft selbst derer, die den Nazis alle nur möglichen Schandtaten zutrauten. Das Undenkbare zu denken, Auschwitz für wirklich zu halten - dagegen sträubte sich ein psychischer Selbstschutzreflex. Das galt auch für die designierten Opfer, vor allem für die Juden Westeuropas. Bis zuletzt hielten sie die Deutschen eines solchen Verbrechens nicht für fähig...

Konrad Löw schrieb dazu in der FAZ am 1. März 2007:<ref>Professor Dr. Konrad Löw in der F.A.Z., 01.03.2007, Nr. 51 / Seite 7</ref>

Das Urteil über den wahren Sachverhalt fällt noch schwerer, wenn man sich vergegenwärtigt, dass selbst zahlreiche jüdische Opfer ganz entschieden ihr Nichtwissen beteuern. Der Auschwitz-Flüchtling Friedemann Bedürftig glaubte zu wissen: „Die in Auschwitz Ankommenden hatten samt und sonders nicht nur keine Ahnung, wo sie waren, sondern auch nicht die geringste davon, was ihnen zugedacht war. Sie ließen sich nicht etwa wegen ihrer 'rassischen Minderwertigkeit', wie die Nazis gerne behaupteten, fast widerstandslos zur Schlachtbank führen, sondern weil sie gar nicht wussten, dass sie sich auf die Reise dahin begaben.“

Löw warf Historikern wie Peter Longerich, Saul Friedländer, Ian Kershaw u. a. vor, solche Aussagen jüdischer Quellen in ihren Untersuchungen zum Thema zu übergehen.

Während des Krieges in den USA vorgenommene Umfragen zeigen, dass der Holocaust selbst für die von freien Medien informierte US-Bevölkerung bis Ende 1944 vielfach nicht geglaubt wurde: Das Ausmaß des Holocaust erleichterte seine Tarnung....<ref>Guido Knopp, a.a.O. S. 334</ref>

Andererseits weisen jüngere historische Untersuchungen darauf hin, dass die NS-Verbrechen ohne ein großes Heer von Helfern nicht nur unter Deutschen, sondern auch in den Bevölkerungen von Deutschland besetzter Staaten undurchführbar gewesen wären. Das NS-Regime konnte vielfach auf Kollaborateure zurückgreifen, die etwa im Baltikum von sich aus aktiv wurden, um Juden aufzuspüren, auszuliefern oder selbst zu ermorden.

Zeitzeugen-Aussagen

Während des Krieges

Die Frage, was die Deutschen von den Verbrechen ihrer Regierung wussten, bewegte einfache Bürger ebenso wie dem Regime kritisch gegenüberstehende Verantwortungsträger schon seit etwa 1938. Doch ihre Einschätzungen zu dieser Frage waren verschieden.

Als ein für die Informationsmöglichkeiten gewöhnlicher Deutscher aufschlussreiches Zeitzeugnis gilt das erst 1983 veröffentlichte Tagebuch des Celler Ingenieurs Karl Dürkefelden, das dieser etwa 1938 zu führen begann. Er war nicht politisch gebunden und schrieb persönliche Eindrücke, Nachrichten und Erlebnisse aller Art auf, befragte Kollegen, Bekannte, Verwandte nach weiteren Informationen und versuchte sogar, verbotene Fotos zu machen. So kommentierte er die Novemberpogrome 1938 in Celle:<ref>Ortwin Runde zum 60. Jahrestag der Reichspogromnacht</ref> Am 9. November sind alljährlich die Brandreden der NSDAP ... nachts um drei ging dann das Demolieren los, angeblich durch das Volk... Den Mord an einem Diplomaten habe ... die deutsche Regierung nur als Grund genommen - sie suchte schon lange nach einem solchen.

Im Februar 1942 hörte Dürkefelden auf einer Bahnfahrt einen deutschen Soldaten von Massenvernichtungen im Osten reden. Kurz darauf las er in der Niedersächsischen Tageszeitung, dass Hitler die Ausrottung der Juden angekündigt habe. Schon diese beiden Bruchstücke führten ihn zu dem eigenen Schluss: Die Juden werden systematisch vernichtet. Im Juni 1942 bestätigten persönliche Berichte seines Schwagers und seines Arbeitgebers von Massenexekutionen bei Kiew und Bialystok ihn darin. Weitere Berichte von Soldaten auf Heimaturlaub kamen im Sommer dazu. Im Herbst 1942 hörte Dürkefelden eine deutschsprachige BBC-Sendung mit Zahlenangaben über Massenmorde an Juden. So drängte sich ihm in diesem Jahr die Erkenntnis, dass die Deportationen der Juden aus Deutschland auf deren Vernichtung zielten, unabweisbar auf, ohne dass er selbst je an der Front oder in der Nähe von NS-Lagern war.<ref>Jörg Später: Was die Deutschen wissen konnten. Rezension zu Peter Longerichs Buch (Süddeutsche Zeitung, 27. Dezember 2006)</ref> Von einem in Wilna stationierten Soldaten, der zuvor Angestellter seiner Firma gewesen war, erfuhr er zudem im Januar 1943, dass „die Juden aus Frankreich und anderen besetzten Ländern nach Polen geholt und dort teils erschossen, teils vergast“ würden. Daraus kombinierte er ein relativ genaues Bild von der Dimension des Judenmordes, auch ohne etwas über die Todesfabriken selbst zu erfahren.<ref>Unterrichtsimpulse Bistum Augsburg, a.a.O. S. 18 (pdf)</ref>

1943 schrieb Helmut James Graf von Moltke, der gerade durch die Judenverfolgung zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus gebracht wurde, noch: Mindestens neun Zehntel der Bevölkerung weiß nicht, dass wir Hunderttausende von Juden umgebracht haben ... Sie haben immer noch die Vorstellung, dass die Juden nur ausgegrenzt worden sind und nun im Osten in ähnlicher Weise wie vorher in Deutschland weiterlebten.<ref>Professor Dr. Konrad Löw in der F.A.Z., 01.03.2007, Nr. 51 / Seite 7</ref> Dagegen schrieb Landesbischof Theophil Wurm am 21. September 1944 an einen Pastor der Deutschen Christen:<ref>Günter Brakelmann, Evangelische Kirche und Judenverfolgung S. 74</ref>

Jedermann weiß oder kann wissen, wie das Dritte Reich mit den Juden verfahren ist, besonders seit der Nacht vom 9. zum 10. 11. 1938 und im Kriege bis zur völligen Vernichtung draußen in Polen und Russland. Auch dürfte das nicht unbekannt sein, dass in den besetzten Gebieten über die Wiedereinführung des in barbarischen Zeiten üblichen Geiselsystems an völlig unschuldigen Personen schweres Unrecht verübt worden ist. Dann erinnere ich an den systematischen Mord der Geisteskranken und an das ganze System der Gestapo und der Konzentrationslager, an die Tatsache, dass es eine unabhängige Rechtsprechung nicht mehr gibt ... Ich frage nur: Kann ein Christ Segen erhoffen für ein Volk, das dies alles hat geschehen lassen ... ?

Nach Kriegsende

Besonders die Besatzungsvertreter der USA konfrontierten die Deutschen in der Zeit nach 1945 mit den Folgen ihrer teils aktiven, teils passiven Zustimmung zum NS-Regime. Sie zwangen zum Beispiel 1000 Einwohner Weimars, das am 11. April 1945 befreite KZ Buchenwald, das ganz nahe der Stadt lag, fünf Tage darauf zu besuchen, um Lebensmittelkarten zu erhalten. Margaret Bourke-White, Korrespondentin der Illustrierten Life im Nachkriegsdeutschland, beobachtete die Szene:<ref>zitiert nach Volker Ullrich: Das offene Geheimnis - Peter Longerich untersucht ein heikles Kapitel unserer jüngeren Geschichte: Was wussten die Deutschen vom Holocaust? (DIE ZEIT 20. April 2006)</ref>

Frauen fielen in Ohnmacht oder weinten. Männer bedeckten ihr Gesicht und drehten die Köpfe weg. Als die Zivilisten immer wieder riefen: ›Wir haben nichts gewußt! Wir haben nichts gewußt!‹, gerieten die Ex-Häftlinge außer sich vor Wut. ›Ihr habt es gewußt‹, schrien sie. ›Wir haben neben euch in den Fabriken gearbeitet. Wir haben es euch gesagt und dabei unser Leben riskiert. Aber ihr habt nichts getan.‹

Diese Szene veranschaulichte nach ihrer Aussage beispielhaft, was sich so oder ähnlich in vielen Orten des besiegten Deutschlands abspielte:

Wir alle bekamen diese Worte so häufig und monoton zu hören, daß sie uns wie eine deutsche National-Hymne vorkamen.

Volker Ullrich beschrieb die Reaktionen der meisten Deutschen angesichts des Grauens in der ZEIT am 21. April 1995 wie folgt:

Nur wenige Deutsche waren bereit, sich den grauenvollen Bildern aus den befreiten Konzentrationslagern auszusetzen und eigene Schuld zu bekennen. Die meisten reagierten mit einer erschreckenden Gefühlsstarre und jenem eingeübten Wegseh-Reflex, den Stephan Hermlin während der Vorführung von Dokumentarfilmen über Buchenwald und Dachau beobachtete: „Im halben Licht des Projektionsapparats sah ich, wie die meisten nach Beginn des Films das Gesicht abwandten und so bis zum Ende der Vorstellung verharrten.“
Die Neigung, die eigene Beteiligung zu leugnen und sich aus der Verantwortung zu stehlen, reichte hinauf bis in die Spitzen des gestürzten Regimes. Wenn einer Schuld an den Verbrechen hatte, dann war es Hitler, dann waren es Himmler und die SS-Clique - man selbst hatte damit nichts zu tun gehabt und wollte damit auch nicht mehr behelligt werden. „Niemand ist ein Nazi. Niemand ist je einer gewesen“, bemerkte die amerikanische Journalistin Martha Gellhorn im April 1945. „Ein ganzes Volk, das sich vor der Verantwortung drückt, ist kein erbaulicher Anblick.“ ...

Manche Zeitzeugen unter den Deutschen wiesen die Behauptung, nichts gewusst zu haben, bereits bei ihrem Aufkommen als Zwecklüge zurück. Kurt Scharf, Mitglied der Bekennenden Kirche und später Landesbischof von Berlin-Brandenburg, schrieb dazu in einem Interview:<ref>Heinrich W. Grosse, Bewährung und Versagen S. 31f</ref>

Wer behauptet, er habe damals von alledem nichts gewusst, der hat nichts wissen wollen! Der hat aus Angst weggehört oder sich Augen und Ohren zugehalten. Man sah ja doch die Juden mit dem Stern. [...]
Wer in seiner Gemeinde eine jüdische Familie hatte, der wusste, was an den Juden geschah. Und er erlebte mit, dass sie abtransportiert wurden. In Berlin erlebte man das in großem Ausmaß. Schon 1932 gab es Hakenkreuzschmierereien auf dem Kurfürstendamm, 1938 dann die brennenden Synagogen, das Zertrümmern der jüdischen Geschäfte - die sogenannte Kristallnacht: Das hat ganz Deutschland gewusst. Das haben Goebbels und Streicher im Rundfunk verkündet, und das wurde in den Wochenschauen der Filmtheater gezeigt. [...]
Wir haben die Sammellager in der Oranienburger Straße in Berlin erlebt, wo die Juden zusammengetrieben wurden. [...] Die Theorie von der Herrenrasse wurde in jeder Zeitung verbreitet. [...]
Was in unserer Gemeinde dann wirklich die letzten Zweifel an der menschenverachtenden Brutalität des Nationalsozialismus beseitigt hat, das war von 1941 an die Ankunft der Transporte mit russischen Kriegsgefangenen. [...] Nacht für Nacht kamen Transporte an auf unserem kleinen Sachsenhausener Bahnhof, Viehwagentransporte, in denen die russischen Kriegsgefangenen zusammengepfercht waren, in den Viehwagen stehend, wochenlang unterwegs, oft kaum mit Nahrung versorgt. Sie kamen nachts an, und unter grellen Scheinwerfern nahmen SS-Leute mit Peitschen und Hunden die Transporte in Empfang. Die Gefangenen stolperten heraus und fielen auf den Bahnsteig, soweit sie sich noch bewegen konnten. Ein Teil von ihnen waren Leichen: auf dem Transport Gestorbene hatten noch zwischen den anderen gestanden. Diejenigen, die sich noch bewegen konnten, wurden von den Hunden gehetzt und unter Peitschenschlägen vom Bahnhof in das KZ getrieben. Auf diesem Weg verendeten dann auch wieder soundsoviele. Dies alles hörten wir mit...
Wenn jemand behauptet, er habe von all dem nichts gewusst, ist meine Kontrollfrage immer: Hättest du dich denn damals gern in ein Konzentrationslager einliefern lassen? Da hätte jeder gesagt: Um Gottes willen!

In der Bundesrepublik

Nach Gründung der Bundesrepublik 1949 erklärten Politiker wie Theodor Heuss, Richard von Weizsäcker oder Helmut Schmidt<ref>Bryan Mark Rigg, in: Hitlers jüdische Soldaten, Kap. 9</ref>, vom Holocaust keine Kenntnis gehabt zu haben. Helmut Schmidt etwa äußerte verschiedentlich, er habe weder von der „Reichskristallnacht“ etwas mitbekommen noch je einen Judenstern gesehen. In einem Interview der FAZ vom 9. April 2005<ref>“Die Deutschen bleiben ein gefährliches Volk – Warum man nach dem Zusammenbruch des ‘Dritten Reiches’ in die Politik ging und was heute fehlt: Helmut Schmidt erinnert sich”, FAZ 9. April 2005, S. 36</ref> antwortete er auf die Frage, wann er zum ersten Mal eine Idee davon gehabt habe, dass die Nationalsozialisten Verbrecher seien:

Nach dem Krieg [...] Ich habe von dem Genozid an den Juden nichts gewusst, wie viele Menschen damals.

Auf die Rückfrage, man habe doch gewusst, dass es Konzentrationslager gab, entgegnete Schmidt:

Ich habe davon nichts gewusst, mein Vater auch nicht.

Auf den Hinweis auf die bei Hamburg gelegenen Konzentrationslager KZ Neuengamme und KZ Bergen-Belsen sagte Schmidt:

Mein Vater und auch meine Schwiegereltern, die Juden versteckten – nicht auf Dauer, nur für eine Nacht auf dem Boden und eine Nacht im Keller, und ein paar Tage später kam jemand anders für eine Nacht -, wir haben davon nichts gewusst.

Demgegenüber schrieb Franz Josef Strauß in seinen Lebenserinnerungen, er sei als Wehrmachtssoldat mehrfach Zeuge von Massenerschießungen von Juden im Osten gewesen.<ref>Peter Lieb: Verbrechen der Wehrmacht - Was konnten Wehrmachtsoldaten von den NS-Verbrechen hinter der Front wissen? Tagebuch eines Täters</ref>

Albert Speer, der im Nürnberger Prozess wie alle übrigen angeklagten NS-Täter ein Nichtwissen vom Holocaust beteuert und dies bis zu seinem Tod glaubhaft zu machen versucht hatte, wurde durch neue Dokumentenfunde nachträglich belastet: Er trieb selbst die Enteignung von Juden voran, profitierte persönlich davon und genehmigte Lieferungen von Baumaterial für das KZ Auschwitz-Birkenau. Er bestritt jedoch stets, bei Himmlers Posener Rede anwesend gewesen zu sein. Dies stellt ein auch für seine Biografen zuvor unbekannter Briefwechsel in Frage, in dem Speer als Reaktion auf ein Buch des Holocaustüberlebenden Erich Goldhagen am 23. Dezember 1971 schrieb:

Es besteht kein Zweifel, ich war zugegen, als Himmler am 6. Oktober 1943 ankündigte, dass alle Juden umgebracht werden würden.

Unabhängig von der umstrittenen Deutung der Passage - Bekenntnis oder Ausdruck eines Selbstzweifels, wie Speer seine Adressatin glauben machen wollte? - gilt sein Wissen vom Holocaust als sicher, da er in engem Kontakt mit Zeugen der Posener Rede Himmlers stand.<ref>Berliner Morgenpost 12. März 2007: Briefe Speers versteigert</ref>

Studien zu Verdrängung und Nachkriegsmentalität

Hannah Arendt, vom nationalsozialistischen Regime 1937 ausgebürgert, publizierte seit 1943 vor allem über den Holocaust. Sie schrieb Ende 1944 in ihrem amerikanischen Exil den Artikel Organisierte Schuld:

Während die Verbrechen, die seit Beginn des Regimes in den Konzentrationslagern zur täglichen Routine gehören, früher ein eifersüchtig gehütetes Monopol der SS und der Gestapo waren, werden zu den Massenmorden heute beliebige Wehrmachtangehörige abkommandiert. Die Berichte über diese Verbrechen, welche am Anfang möglichst geheimgehalten wurden ..., wurden erst auf dem Weg der von den Nazis selbst inszenierten Flüsterpropaganda verbreitet, und sie werden heute von ihnen völlig offen als Liquidationsmaßnahmen zugestanden, um diejenigen 'Volksgenossen', welche man aus organisatorischen Gründen nicht hat in die 'Volksgemeinschaft' des Verbrechens aufnehmen können, wenigstens in die Rolle der Mitwisser und Komplizen zu drängen. <ref> Hannah Arendt: Die verborgene Tradition. Acht Essays, Frankfurt a. M. 1976, S.33. In der Zeitschrift Jewish Frontier im Januar 1945 erstmals veröffentlicht. </ref>

Diese Mitwisserschaft und das behauptete Nichtwissen der Deutschen vom Holocaust wurden bereits in der Nachkriegszeit von verschiedenen Wissenschaftlern analysiert. In ihrem zunächst nur in den USA erschienenen Essay Besuch in Deutschland. Die Nachwirkungen des Naziregimes<ref> In: Zur Zeit. Politische Essays. Hamburg 1999, S.43–70</ref> (1950) beschrieb Hannah Arendt die Teilnahmslosigkeit der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Während in Europa wegen der deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager tiefe Trauer herrsche, würde nirgends weniger über den Verbrechen des Nationalsozialismus gesprochen als in Deutschland:

Die Gleichgültigkeit, mit der sich die Deutschen durch die Trümmer bewegen, findet ihre genaue Entsprechung darin, dass niemand um die Toten trauert.

Stattdessen hörte sie von zahlreichen Geschichten über die Leiden der Deutschen, die gegen die Leiden der anderen aufgerechnet würden, wobei die „Leidensbilanz“ in Deutschland stillschweigend als ausgeglichen gelte:

Der Durchschnittsdeutsche sucht die Ursachen des letzten Krieges nicht in den Taten des Naziregimes, sondern in den Ereignissen, die zur Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies geführt haben.

Diese Verdrängung erklärten Margarete und Alexander Mitscherlich in ihrer sozialpsychologischen Studie der Nachkriegsgesellschaft „Die Unfähigkeit zu trauern“ 1967 anhand ihrer Therapiearbeit mit Zeitzeugen aus einer unbewussten Abwehr heraus. Diese diene ihnen dazu, sich der Konfrontation mit den NS-Verbrechen und ihrer passiven oder aktiven Beteiligung daran zu entziehen. Die Folgen seien „eine eingeschränkte Realitätswahrnehmung und die Verbreitung stereotyper Vorurteile“. <ref> Margarete und Alexander Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu trauern – Grundlagen kollektiven Verhaltens. 1967, Zitat aus der Rezension von CI Leipzig (19. März 2007)</ref>

Historische Untersuchungen

Neu erschlossene Quellen

US-Nachrichtendienste und Psychologen sammelten ihre Erfahrungen mit verhörten Deutschen in den letzten Kriegsmonaten. Die Verhörprotokolle der alliierten Armeen wurden jedoch erst Jahrzehnte später veröffentlicht. Als einer der Ersten hat der israelische Historiker David Bankier die Verhöre der US-Armee 1995 ausgewertet. Er bezeichnete ihr eindeutiges Ergebnis als „Geheimnis, das keines geblieben ist“: Fast jeder Deutsche habe gegen Kriegsende irgendeine Kenntnis von den NS-Verbrechen gehabt. Auch die Methode der Vergasung sei in „weiten Kreisen“ Gesprächsthema gewesen. Viele Befragte hätten sich erleichtert gezeigt, erstmals frei darüber sprechen zu können. Die Vernehmer beobachteten, dass „ein merkwürdiges Schuldgefühl bezüglich der Juden im Vordergrund gestanden“ habe, „eine unbehagliche Stimmung und häufig ein offenes Eingeständnis“ von einem „großen Unrecht“.<ref>zitiert nach Georg Bönisch: Ort des Unfassbaren (Der Spiegel 24. Januar 2005)</ref>

Bankiers Urteil folgten 2006 mit Peter Longerich, Frank Bajohr und Dieter Pohl auch einige deutsche Historiker. Longerich versuchte, die Verbreitung und Inhalte des Wissens der Deutschen vom Holocaust genauer zu erfassen. Er untersuchte dazu alle verfügbaren Quellen unter der Fragestellung, welche Informationen über NS-Verbrechen welchen Kreisen damals zugänglich waren und sich in der deutschen Bevölkerung herumsprechen konnten:

  • geheime Lage- und Stimmungsberichte der Gestapo und Sicherheitsdienste
  • Protokolle der täglichen Konferenzen des Goebbels-Ministeriums aus den Jahren 1941/42
  • regionale und überregionale Presseberichte
  • Tagebücher und Briefe von Zeitgenossen, darunter Feldpost von Frontsoldaten
  • neu zugängliche, bisher unberücksichtigte Akten auch aus der ehemaligen Sowjetunion, darunter noch unveröffentlichte Protokolle der 14-tägigen „Ministerkonferenz“ im Reichspropagandaministerium, die das Staatliche Militärarchiv in Moskau verwahrt.

Seit den letzten Jahren konzentriert sich die Holocaustforschung auf konkrete lokale und regionale Abläufe bei den Deportationen von Juden aus deutschen Städten: zum einen, um Einzelschicksale der Opfer weitmöglichst aufzuklären, zum anderen, um damalige Reaktionen und Beteiligung der Nichtjuden genauer zu ermitteln. Auch das Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin widmet sich seit einigen Jahren verstärkt der Aufhellung der Bevölkerungshaltung: So leitet Bernward Dörner ein Forschungsprojekt zum Thema Der Mord an den europäischen Juden und die deutsche Gesellschaft. Wissen und Haltung der Deutschen 1941 bis 1945.

Entwicklung und Funktion der Bevölkerungshaltung

Die neueren historischen Studien untersuchen die gegenseitige Beeinflussung von Regime und Bevölkerung und die verschiedenen längerfristigen und kurzfristigen Interessenlagen der Deutschen, die ihre Haltung zur Judenverfolgung erklären. Nach Auffassung der für den Regionalbereich Köln mit solchen Forschungen befassten Historikerin Karola Fings ist die historische Hauptfrage dabei nicht, was die Deutschen von den NS-Verbrechen wussten, sondern was sie wissen konnten, wenn sie es hätten wissen wollen.<ref>Funkhausgespräche vom 9. November 2006 um 20.05 Uhr auf WDR 5</ref>

Longerich hat zunächst die Entwicklung der antisemitischen Propaganda und die Bevölkerungsreaktionen darauf für jede Phase der NS-Herrschaft untersucht. Er kam mit dieser wissenschaftlichen Methodik zu dem dreifachen Ergebnis:

  • Das NS-Regime habe die Bevölkerung durch eine Mischung aus Schweigen und Vernichtungsankündigung in Mithaftung für die Verbrechen nehmen wollen und dabei flexibel auf die sich verändernde Bevölkerungsstimmung reagiert, um diese zu lenken.
  • Informationen über die Judenvernichtung seien unter den Deutschen viel weiter verbreitet gewesen als bisher angenommen: Nicht die Mehrheit, aber doch ein erheblicher Anteil der Bevölkerung und nicht etwa nur eine kleine, auf eine bestimmte Region, Berufssparte oder auf ein soziales Milieu beschränkte Minderheit habe trotz der Geheimhaltung der genauen Details vom Holocaust gewusst und dessen Ausmaß und Formen realistisch einschätzen können.
  • Die meisten Deutschen hätten dieses Wissen nicht in Handlungen für die Juden und gegen deren Verfolgung umgesetzt; zwar habe man die NS-Verbrechen nicht gewollt, sich aber der staatlichen Propaganda gefügt. <ref>Rezensionsnotiz - Süddeutsche Zeitung, 27.12.2006</ref>

Antisemitische Kampagnen des Regimes seien im Kriegsverlauf zunehmend auf Skepsis, Unverständnis und Kritik gestoßen, ohne jedoch auch nur Ansätze einer öffentlichen Opposition zur Judenverfolgung auszulösen. Die vorherrschende Gleichgültigkeit und Passivität hätten dazu gedient, sich jeder Eigenverantwortung für Krieg, Kriegsverbrechen und Kriegsfolgen durch ostentative Ahnungslosigkeit zu entziehen. Dies habe dann in der verbreiteten Distanzierung vom eigenen Wissen gegenüber den Siegern resultiert.

Anders als Longerich vermutet Armin Pfahl-Traughber in der mangelnden aktiven Beteiligung vieler Deutscher an antisemitischen NS-Kampagnen keine Distanz zum Antisemitismus, sondern nur eine Abneigung gegen das gewalttätige Vorgehen der Nationalsozialisten.<ref>Armin Pfahl-Traughber: Rezension von Davon haben wir nichts gewusst! für „Blick nach Rechts“</ref>

Als sicher gilt, dass die Aussage in der unmittelbaren Situation der Kriegsniederlage die befürchteten Strafaktionen der Sieger abwehren und die persönliche wie auch die nationale Mitverantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus zurückweisen sollte. Dies verband sich mit der Debatte um eine mögliche deutsche Kollektivschuld. Diese wurde jedoch auch von einigen Vertretern der Kriegsgegner Deutschlands zurückgewiesen. Diese bemühten sich im Nürnberger Prozess intensiv darum, erstmals nach einem Weltkrieg nicht nur direkt Ausführende, sondern vor allem die Initiatoren und Planer des Völkermords haftbar zu machen. Die innerdeutsche Kollektivschulddebatte wurde daher zum Teil ebenfalls als Ablenkung von eigener, individuell zurechenbarer Verantwortung gedeutet.

Quellen

<references/>

Siehe auch

Literatur

  • Frank Bajohr, Dieter Pohl: Der Holocaust als offenes Geheimnis. Die Deutschen, die NS-Führung und die Alliierten. Beck, 2006, ISBN 3406549780
  • David Bankier: Die öffentliche Meinung im Hitler- Staat. Die 'Endlösung' und die Deutschen (1. Auflage 1995), BWV Berliner-Wissenschaft 2002, ISBN 3870614781
  • David Bankier: Warum “Die Endlösung” ein öffentliches Geheimnis war, in: Ludmila Nesládková (Hrsg.): Nisko 1939-1994
  • Heinrich W. Grosse (hrsg. von Friedrich W. Marquardt): Bewährung und Versagen. Die Bekennende Kirche im Kirchenkampf. Verlag: Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V., 1991, ISBN 3892460248
  • Detlev Kuchta: Das Tagebuch des Karl Dürkefelden. Verein zur Förderung politischer Literatur (Hrsg.), Celle 1983
  • Otto D. Kulka, Eberhard Jäckel: Die Juden in den geheimen NS-Stimmungsberichten 1933-1945, Droste, 2004, ISBN 3770016165
  • Peter Longerich: Davon haben wir nichts gewusst! Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933-1945. Siedler Verlag, München 2006. ISBN 3886808432
  • Saul K. Padover: Lügendetektor. Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45. Econ Tb 2001, ISBN 3548750060
  • Harald Welzer, Sabine Moller, Karoline Tschuggnall: Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Fischer TB, Frankfurt/Main 2002, ISBN 3596155150
  • Jörg Wollenberg (Hrsg.): „Niemand war dabei und keiner hat’s gewußt.“ Die deutsche Öffentlichkeit und die Judenverfolgung 1933-1945, München 1989
  • Sabine Würich, Karola Fings, Rolf Sachsse, Martin Stankowski: Das Gedächtnis der Orte. Emons, 2004, ISBN 3897053497

Weblinks

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