Ghetto

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25px Dieser Artikel handelt von Randgruppen-Bezirken; für die Filmemacherin siehe Almut Getto.

Ein Ghetto oder Getto ist ein Stadtviertel, in dem eine bestimmte Bevölkerungs- oder kulturell geprägte Gruppe in einer mehr oder weniger strengen Isolation zu leben gezwungen ist.

Inhaltsverzeichnis

Etymologie und Geschichtliches

Der Name selbst stammt möglicherweise vom venezianischen Ghetto im Stadtteil Cannaregio, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft sich eine Gießerei befand (Dialektbegriff ghèto von getto = Guss). Mit einem Dekret vom 29. März 1516 beschloss die Regierung der Republik Venedig, die jüdische Gemeinde dort in einem einzigen Stadtviertel zusammenzufassen.

Juden leben in Europa seit der Antike (besonders in den Ländern um das Mittelmeer) und auch in Deutschland seit der Spätantike. Ursprünglich konnten sie fast allen Berufen nachgehen. Es wurde ihnen auch meist volle Handelsfreiheit gewährt, sie durften auch Grundeigentum erwerben. In der mittelalterlichen Stadt lebten die einzelnen sozialen Gruppen und Berufsgruppen meist überwiegend in einem bestimmten Stadtviertel oder einer Straße. Im Sinn dieser jeweils verdichteten Siedlungsweise lebte auch die Mehrzahl der Juden üblicherweise in einer (dann nach ihnen so genannten) Judengasse oder einem Judenviertel, unter anderem deshalb, weil ihnen deren Absperrbarkeit (nicht wörtlich zu verstehen: eine symbolische Absperrung durch eine Schnur oder Kette reichte) nach außen durch die Bildung eines sogenannten „Eruv“ (deklarierter Bezirk, innerhalb dessen auch am Sabbat bestimmte Arbeiten gestattet waren) die Einhaltung der Sabbatgebote erleichterte. So, wie meistens auch einige Juden außerhalb dieses Stadtteils lebten, lebten andererseits auch Christen innerhalb des Judenviertels.

Seit dem 13. Jahrhundert (erstmals beim Provinzialkonzil von Breslau 1267) kam es aber von Seiten der Kirche zunehmend zur Forderung nach räumlicher Trennung der Juden von der christlichen Bevölkerung. So kam es seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert in Spanien, seit den 1420er Jahren in Savoyen, seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in einigen deutschen Städten und im 16. Jahrhundert in Italien zunehmend zur Einrichtung von Ghettos, also von Stadtvierteln, die nur für Juden vorgesehen waren, außerhalb derer in der betreffenden Stadt keine Juden wohnen durften und die nächtens und oft auch an Feiertagen von außen abgeschlossen wurden. Solche Ghettos führten zwar aufgrund der Bevölkerungszunahme oft zu bedrückender räumlicher Enge, waren aber nicht von vornherein Armutsviertel: Viele Einwohner waren wohlhabende Handwerker oder Händler. Allerdings waren die Ghettobewohner meist erheblichen, zum Teil diskriminierenden Restriktionen unterworfen.

Im Jahre 1555 ließ Papst Paul IV. das Römische Ghetto errichten und verpflichtete die Juden durch einen Kanon, in diesem besonderen Bereich zu leben. Papst Pius V. befahl allen Grenzländern die Errichtung von Ghettos. Anfang des 17. Jahrhunderts wiesen alle Hauptstädte ein Ghetto auf (ausgenommen Livorno und Pisa). Um die Ghettos verliefen Mauern, und nachts wurden die Tore geschlossen. Oft wurden die jüdischen Ghettobewohner gezwungen, außerhalb des Ghettos bestimmte Kennzeichen zu tragen, die sie als Juden auswiesen. Die Ghettos wurden zur Gefangenschaft für ihre Bewohner, die dorthin zwangsweise umgesiedelt wurden, und sie wurden immer wieder zum Ziel von brutalen Angriffen, Raubzügen und Plünderungen.

Die Auflösung des Ghettosystems verdankt sich weitgehend der Französischen Revolution und den liberalen Bewegungen des 19. Jahrhunderts. Im Jahre 1870 war das römische Ghetto schließlich das einzige der Welt und wurde durch den italienischen König Viktor Emanuel II. bei der Besetzung des Kirchenstaats aufgelöst.

Eine parallele Erscheinung in der arabischen Welt sind die Mellahs in marokkanischen Städten.

Ghettos im Nationalsozialismus

Vor allem in den während des Zweiten Weltkriegs von der deutschen Wehrmacht besetzten Ländern Osteuropas, also Polens und der europäischen Teile der Sowjetunion, aber auch etwa in Griechenland, fand die systematische Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung der jeweiligen Länder durch die deutschen Besatzer ab der ersten Jahreshälfte 1940 statt. Den Ausgang machte, dem Verlauf des deutschen Vormarschs entsprechend, Polen, genauer gesagt das Generalgouvernement. Vorbereitende Maßnahmen waren hier zum einen die hier erstmalig von den Deutschen eingeführte Kennzeichnungspflicht für Juden, die von der Zivilverwaltung des Generalgouvernements, dem Generalgouverneur Hans Frank, schon Ende November 1939 auf dem Verordnungsweg durchgesetzt wurde (weiße Armbinde mit Davidsstern), somit ein Vorläufer der später im „Altreich“ erfolgten einschlägigen Maßnahmen war. Damit einher gingen Maßnahmen, verordnet von dem durch Himmler eingesetzten „Höheren SS- und Polizeiführer Ost“ Friedrich-Wilhelm Krüger, welche die Bewegungsfreiheit der jüdischen Bevölkerung einschränkten, namentlich nächtliche Ausgangssperren und das Verbot sich außerhalb des derzeitigen Wohnbezirkes niederzulassen. Eine weitere Maßnahme, die im Zusammenhang mit dem Ghettoisierungsprozess Bedeutung erlangen sollte, war die Bildung von sogenannten Judenräten, welche als jüdische Selbstverwaltungsorgane von der deutschen Besatzung als Ansprechpartner für die Belange ihrer Politik gegenüber den jüdischen Gemeinden zwangsweise geschaffen wurden. Sie waren zuerst der deutschen Zivilverwaltung gegenüber verantwortlich, später den SS-und Polizeikräften. In der Praxis kam diesen „Judenräten“ vor und während der Ghettoisierung etwa die Aufgabe zu, Mannschaften für Zwangsarbeitseinsätze zusammenzustellen, die Auslieferung der verbleibenden Vermögenswerte der jüdischen Bevölkerung zu organisieren, und schließlich sogar, im Zuge der Auflösung der Ghettos ab dem Jahr 1942, lokale Maßnahmen zur Unterstützung der Deportation der Ghettoinsassen in die verschiedenen Vernichtungslager zu ergreifen.

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Armbinden aus einem jüdischen Ghetto (Privatbesitz NORLU)

Die Ghettoisierung an sich, die Konzentration der jüdischen Bevölkerung in – teils (etwa im Warschauer Ghetto) mit Mauern und Kontrollposten abgesperrten – Stadtteilen erfolgte in Polen im großen und ganzen von April 1940 bis Ende 1941. Die drei größten Ghettos waren das Warschauer Ghetto (Oktober 1940, errichtet in einem 1939 von der Militärverwaltung zum Seuchensperrgebiet deklarierten Teil der Stadt), das Ghetto in Lodz (April 1940) sowie – nachdem die Deutschen das eroberte sowjetische Galizien als fünften Distrikt in das von ihnen so bezeichnete „Generalgouvernement“ eingegliedert hatten – das Ghetto in Lemberg (Dezember 1943).

Darüber hinaus gab es Ghettos beträchtlichen Ausmaßes in verschiedenen Städten des besetzten Teiles der Sowjetunion, zum Beispiel das Rigaer Ghetto. Dort wurde zum einen die verbliebene örtliche jüdische Bevölkerung konzentriert, also die Personen, die nicht bei der ersten Tötungswelle durch die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD in der zweiten Jahreshälfte 1941 umgebracht worden waren. Zum anderen, vor allem ab Ende 1941, wurden dorthin aus dem „Altreich“ und den eingegliederten Gebieten in Polen deportierte Juden verbracht; diese wurden nicht mehr in die Ghettos des Generalgouvernements transportiert, weil sich die dortige Zivilverwaltung bereits im Frühjahr 1940 aus Kapazitätsgründen gegen solcherartige Pläne wehrte.

Der Alltag der Ghettos war geprägt von Unterernährung, Krankheit und Tod. Seuchen, zum Beispiel Fleckfieber, grassierten aufgrund der unsäglichen hygienischen Bedingungen und der katastrophalen Ernährungssituation. Nahrungsmittel wurden von den deutschen Besatzungsbehörden streng kontingentiert, und man bemühte sich, die Kosten für die katastrophale Versorgung der Ghettos noch dadurch zu minimieren, dass man – wo aufgrund der Größe des Ghettos möglich – in ghettoeigenen Wirtschaftsbetrieben und in externen Betrieben oder Arbeitslagern die Gefangenen quasi als Leiharbeiter vermietete und dadurch Einnahmen erzielte.

Im Jahr 1942 – nachdem im Januar auf der Wannseekonferenz die „Endlösung“ der Judenfrage beschlossen worden war – wurde damit begonnen, die Ghettos schrittweise aufzulösen. Zum größeren Teil wurden die Ghettobewohner in die Tötungszentren der Vernichtungslager deportiert, was im Warschauer Ghetto schließlich zum Aufstand führte. Teilweise wurden die Ghettos aber auch dadurch liquidiert, dass ihre Bewohner an Ort und Stelle erschossen wurde. Auf diese Weise verfuhr man vor allem in den besetzten Teilen Sowjetunion, zum Beispiel in Minsk und Riga.

Verwendung des Begriffs „Ghetto“ im übertragenen Sinn

Der Begriff „Ghetto“ wurde und wird auch in einem teilweise etwas prekär übertragenen Sinn im Zusammenhang mit sozial desolaten Vierteln mit einem hohen Anteil afroamerikanischer oder hispanischer Bevölkerung in Städten der USA verwendet. Grundlage waren hier die implizit sozialen und ökonomischen wie auch unmittelbar legislativen Zwänge der Segregation (einer historischen Rassentrennung), welche tatsächlich zu einer weitgehenden Konzentration der afroamerikanischen Bevölkerung in bestimmten Vierteln der jeweiligen Städte führten.

Diese Tatsache, aber vor allem auch der Umstand, dass die Bewohner dieser Viertel im Gegensatz zu den sich ebenfalls in den großen Städten lokal konzentrierenden Minderheitengruppen der „nichtangelsächsischen“ europäischen Einwanderer wie der Italiener, Polen und Iren zusätzlich noch rechtlichen Beschränkungen unterworfen waren, legte den Vergleich der afroamerikanischen Stadtviertel mit tatsächlichen, „klassischen“ Ghettos oder Ghetti zumindest nahe. Diese rechtlichen Beschränkungen wurden zwar während der fünfziger und sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts durch Einzelklagen und die Bemühungen der amerikanischen „Civil Rights“-Bewegung überwunden, an der ökonomischen Benachteiligung der afroamerikanischen Bevölkerung allerdings änderte sich nur wenig, so dass nicht nur in den Großstädten der USA häufig soziale Brennpunkte mit größtenteils homogen afroamerikanischer, im Südwesten des Landes in zunehmenden Maße auch hispanischer Bevölkerung weiter existierten und existieren, und auch der Begriff des „Ghetto“ in diesem Zusammenhang vor allem aus europäischer Perspektive gerne weiterhin verwendet wird.

Die prominentesten Beispiele eines „Ghettos“ in dieser Hinsicht waren vor allem in den siebziger und achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts – einem Zeitraum im Übrigen, in dem der Begriff des Ghettos in diesem Zusammenhang in der deutschsprachigen Publizistik überhaupt zum Durchbruch kam – Teile des New Yorker Bezirks Bronx und Harlem. Schlagzeilen diesbezüglich machten im selben Zeitraum auch die südlichen Stadtbezirke Chicagos und zunehmend große Teile von Los Angeles, das wie viele andere Städte der Vereinigten Staaten auch besonders wieder in den neunziger Jahren eine prekäre Mischung aus flächendeckender Armut und einer exorbitanten Rate an Gewaltverbrechen in den entsprechenden Distrikten erlebte.

Selbst in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren eine Debatte entzündet, in der teilweise im Zusammenhang mit der von manchen als misslungen bewerteten Ausländer- und Integrationspolitik der letzten zwanzig Jahre – unter Heraufbeschwörung des Szenarios einer Entwicklung hin zu den vielzitierten „amerikanischen Verhältnissen“ in deutschen Großstädten – von einer „Ghettoisierung“ bestimmter Stadtviertel gesprochen wird.

Im subkulturellen Jargon, besonders in der Hip-Hop-Szene hat der Begriff in den letzten Jahren einen bemerkenswerten Bedeutungswandel und eine Romantisierung erfahren.

„Traditionelle“ Ghettos

  • Silke Berg: Il ghetto di Venezia. Das erste jüdische Getto in Europa. Frankfurt/Main 1996.
  • Riccardo Calimani: Die Kaufleute von Venedig. Die Geschichte der Juden in der Löwenrepublik. München 1990.
  • Gabriele von Glasenapp: Aus der Judengasse. Zur Entstehung und Ausprägung deutschsprachiger Ghettoliteratur im 19. Jahrhundert. Tübingen 1996.
  • Ronnie Po-chia Hsia (ed.): In and out of the Ghetto. Jewish-Gentile Relations in Late Medieval and Early Modern Germany. Cambridge 1995.
  • Markus J. Wenninger: Grenzen in der Stadt? Zu Lage und Abgrenzung mittelalterlicher deutscher Judenviertel. In: Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 14 (2004) S. 9-29.

Ghettos während des Zweiten Weltkriegs

  • Andrej Angrick, Peter Klein: Die „Endlösung“ in Riga. Ausbeutung und Vernichtung 1941-1944. Darmstadt 2006. ISBN 3534191498
  • Christopher R. Browning: Die nationalsozialistische Ghettoisierungspolitik in Polen 1939-1941. in: Ders.: Der Weg zur 'Endlösung'. Entscheidungen und Täter. Hamburg 2002, S. 39-70.
  • Adam Czerniaków: Im Warschauer Ghetto. Das Tagebuch des Adam Czerniaków 1939 - 1942. München 1986.
  • Bernard Goldstein: Die Sterne sind Zeugen. Hamburg 1950.
  • Bernard Mark: Der Aufstand im Warschauer Ghetto. Entstehung und Verlauf. Berlin 1959.
  • Eric J. Sterling: Life in the Ghettos During the Holocaust. Syracuse 2005.
  • Michal Unger: The Last Ghetto. Life in the Lodz Ghetto 1940 - 1944. Jerusalem 1995.
  • Erhard Roy Wiehn: Ghetto Warschau. Aufstand und Vernichtung. Fünfzig Jahre danach zum Gedenken. Konstanz 1993
  • Avraham Tory: Surviving the Holocaust. The Kovno Ghetto Diary. Herausgegeben von Martin Gilbert, Cambridge 1990.

„Ghetto“ im übertragenen Sinn

  • Ulrich Best, Dirk Gebhardt: Ghetto-Diskurse. Geographie der Stigmatisierung in Marseille und Berlin. Potsdam 2001.
  • Gerhard Milchram (Hg.): Walled Cities und die Konstruktion von communities – das europäische Ghetto als urbaner Raum. Wien 2001.
  • Jens Sambale, Volker Eick: Das Berliner Ghetto – ein Missverständnis. In: Clara Meister, Anna Schneider, Ulrike Seifert (Hrsg.): Ghetto – Image oder Realität?. Berlin 2005, ISSN: 1861 - 4590, Leseprobe (PDF, 1,6 MB)
  • Louis Wirth: The Ghetto. New Brunswick 1998.
  • Rauf Ceylan: Ethnische Kolonien. Entstehung, Funktion und Wandel am Beispiel türkischer Moscheen und Cafés. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006

Siehe auch

Weblinks

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