Anwar as-Sadat

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Anwar as-Sadat (1978)

Muhammad Anwar as-Sadat, Vorlage:ArS, (* 25. Dezember 1918 in Mit Abul-kum, einem Dorf im Nildelta; † 6. Oktober 1981 in Kairo, ermordet) war ein ägyptischer Staatsmann. Neben Nasser und anderen war er Mitgründer des Geheimbunds der Freien Offiziere, seit dem Staatsstreich 1952 bekleidete er hohe Ämter. Als Nachfolger Nassers wurde er 1970 Staatspräsident. Sadat lockerte das diktatorische Regime, führte Ägypten in den Jom-Kippur-Krieg 1973, löste das Land aus der engen Bindung an die Sowjetunion und schloss 1979 Frieden mit Israel. Für seine Bemühungen im Friedenprozess mit Israel erhielt er zusammen mit Menachem Begin 1978 den Friedensnobelpreis. Sadat fiel einem Attentat zum Opfer, das Gegner seiner Politik der Aussöhnung mit Israel verübten.

Inhaltsverzeichnis

Kindheit und Jugend

Anwar Sadat wurde unter dem Familiennamen Sadati geboren. Er war sehr mit seiner Heimat verbunden, was sich auch daran ablesen lässt, dass er die gesamten Erlöse seiner Biographie sowie das Preisgeld seines Nobelpreises dem Dorf schenkte, aus dem er stammte. Sadat war stets stolz auf seine ländliche Herkunft und betonte, dass er ursprünglich ein Fellache (Bauer) sei.

Sadat wuchs mit seinen 13 Geschwistern in Mit Abul-Kum bei seiner Großmutter auf, während sein Vater, Mohammed Mohammed el-Sadaty, mit seiner zweiten Frau Kheirallah im Sudan lebte, wo er bei einem britischen Sanitätstrupp als Dolmetscher arbeitete. Sadat erlebte in seiner Kindheit Krankheit, Armut und Analphabetismus. Diese frühen Eindrücke spiegelten sich in seiner späteren Sozialpolitik wieder, in der er sich für Armenfürsorge, ein gutes Gesundheitssystem und Bildung für alle einsetzte. 1924 bezog er mit seinem Vater eine Wohnung im Kairoer Vorort Kubri el-Kubba.

Sadat, der Revolutionär

Die folgenden Jahre in Kairo waren für Sadat geprägt von der Suche nach sich selbst. Nachdem sich Sadat kurze Zeit für die Schauspielerei interessiert hatte und sich auch für Rollen bewarb, entschied er sich schließlich doch für den Eintritt in die Armee, die zu dieser Zeit ein hohes Ansehen genoss. Mit einigen Schwierigkeiten schaffte er es, in die Militärakademie aufgenommen zu werden, welche er nach einem neunmonatigen Kurzlehrgang im Februar 1938 als Leutnant der Infanterie verließ.

Nach seiner Entlassung von der Militärakademie heiratete er die Tochter des Ortsvorstehers von Mit Abul-Kum Eqbal Affifi. Er wurde in den Kairoer Vorort Ma’adi zu einer Signaleinheit versetzt und hier begann sein politisches Interesse zu keimen. Und dies bedeutete vor allem, dass die Frustration über den Status Ägyptens als Quasi-Vasallenstaat Großbritanniens in ihm wuchs. Er fand es empörend, dass Ägypten von einer Monarchie abhängig war, die nicht ägyptisch war und dass die ägyptischen Politiker die britische Besatzung tolerierten und sogar legitimierten.

Sadat war zu der Überzeugung gekommen, dass Ägypten nur durch Gewalt sowohl von den Engländern als auch von der korrupten Regierung jener Zeit befreit werden konnte. Dazu wollte er eine Organisation innerhalb der Streitkräfte bilden, um die Revolution auszuführen. Während seiner Stationierung in Manquabad fand er einige Gleichgesinnte. Zu dieser Zeit begegnet er auch erstmals Gamal Abdel Nasser. 1939 gründete sich dann die erste geheime Organisation von Militärs, die sich „The Free Officers (Freie Offiziere)“ nannte und von Nasser geleitet wurde.

Etwa gleichzeitig brach der Zweite Weltkrieg aus und auch Ägypten wurde zum Kampfschauplatz. Die Sympathien der Ägypter lagen dabei auf Seiten der Deutschen, die die verhassten Briten bekämpften und mit denen man, mangels Gelegenheit, nie schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Die Erfolge, die General Rommel in Nordafrika verbuchen konnte, wurden bewundert. Auch Sadat, der im Sommer 1941 nach Marsa Matruh versetzt wurde, war von diesem Mann fasziniert. Doch bei ihm blieb es nicht bei der bloßen Bewunderung für den Feind seines Feindes, sondern er schmiedete heimlich Pläne, wie man sich die Deutschen nützlich machen könnte. Er geriet in Kontakt mit einem Geheimbund innerhalb der ägyptischen Luftwaffe, dessen Ziel es war, Kontakt mit den Deutschen aufzunehmen und die Briten mit deren Hilfe zu vertreiben. Sadat wurde Mitglied dieser Truppe und es kam tatsächlich zu einem Verschwörungsversuch mit zwei deutschen Spionen. Sadat sollte diesen dabei behilflich sein, einen Sender bei den Briten einzuschleusen. Das Komplott flog auf und Sadat wurde von der britischen Sicherheitspolizei verhaftet. Er wurde zunächst ins Ausländergefängnis in Kairo gebracht und dann Ende 1942 in ein Gefängnis im 260 Kilometer südlich gelegenen Minieh verlegt.

Im Oktober 1944 gelang es Sadat, aus einem Militärhospital zu fliehen, nachdem er zwei Jahre in verschiedenen Gefängnissen verbracht hatte. Fortan musste er als Flüchtling im Untergrund leben. Die Jahre der Inhaftierung waren nicht spurlos an Sadat vorübergegangen. Im Gefängnis hatte er viel Zeit, sich auf sich zu besinnen und über den Sinn des Lebens nachzudenken. Obwohl er nun von seiner Gruppe isoliert war, hörte er nicht auf, sich als Teil dieser Gemeinschaft zu fühlen und weiter an das Ziel der Revolution zu glauben.

Nach seiner Flucht - der Krieg war beendet - wurde Sadat zum politischen Kämpfer, als Ziel immer noch die Beseitigung der Briten vor Augen. Er verstrickte sich in verschiedene Mordkomplotte gegen die ägyptische Führungsriege, die mit der britischen Besatzungsmacht zusammenarbeitete. Das erste Ziel der Verschwörer war Nahhas Pascha, der Führer der Wafd-Regierung, die mit Hilfe eines britischen Ultimatums 1942 installiert worden war. Als ein Attentat auf ihn scheiterte, wurde Amin Osman, ebenfalls ein Mitglied der Regierung Nahhas, zur nächsten Zielscheibe. Diesmal gelang der Anschlag und Osman wurde am 6. Januar 1946 erschossen. Sadat und seine Komplizen wurden festgenommen.

Zwei Jahre wartete Sadat auf seinen Prozess, der ab Januar 1948 stattfand und 84 Sitzungen beanspruchte. Kritiker bezeichnen ihn als "Farce". Der Vorsitzende Richter des Kollegiums, das schließlich elf der Angeklagten einschließlich Sadat freisprach, sollte später aus seinen Händen die höchste ägyptische Auszeichnung, die ‚Nil-Kette’ erhalten.

Als 1953 Gerüchte um die Welt gingen, Hitler habe in Brasilien überlebt, startete die Wochenzeitung Al-Musawaar eine Umfrage unter bekannten Leuten, was sie diesem denn (fiktiv) mitteilen würden. Sadat liess veröffentlichen: Lieber Hitler, ich begrüße Sie von ganzem Herzen als Rückkehrer. Sie sind geschlagen worden, aber tatsächlich sollte man Sie als den wahren Sieger sehen. Es wird nicht eher Frieden in der Welt geben, als bis Deutschland wieder den ersten Platz einnimmt. Ihr Hauptfehler bestand darin, zu viele Fronten gleichzeitig zu eröffnen, aber das ist jetzt vergeben. Denn Sie sind ein leuchtendes Beispiel dafür, was der Glaube an das eigene Vaterland und eigene Volk vermag. Sie sind ewig, und wir werden nicht überrascht sein, wenn wir Sie wiedersehen, oder einen zweiten Hitler, der nach Deutschland zurückkehrt.

Sadat wird Präsident

Am 18. Juni 1953 wurde die Republik Ägypten ausgerufen. König Faruq ging am 26. Juli 1953 ins Exil und fortan hatte der Revolutionäre Kommandorat, wie sich der Führungsrat der Freioffiziere nun nannte, das Sagen. Nach einigen internen Debatten wurde Ägypten im März 1953 zur Republik erklärt. Ali Muhammad Nagib wurde zum ersten Präsidenten ernannt und viele Mitglieder des revolutionären Kommandorats wurden zu Ministern; Nasser bekleidete den Posten des Innenministers.

Sadat erhielt keinen Ministerposten, da ihm Einige aus der revolutionären Führung skeptisch gegenüberstanden. Er wurde zunächst Herausgeber der Tageszeitung „Gumhuriyya“, die als Sprachrohr des Revolutionären Kommandorats fungierte. Nach der Vereinigung Ägyptens mit Syrien zur Vereinigten Arabischen Republik 1958 wurde Sadat zum Sprecher des gemeinsamen Parlaments ernannt. Diese Einrichtung erwies sich jedoch als Illusion und zerfiel bereits 1961 wieder. 1966 wurde Sadat zum Sprecher des ägyptischen Parlaments gewählt.

Das Jahr 1967 brachte mit dem Sechstagekrieg eine empfindliche Niederlage für die arabischen Staaten und damit auch für Ägypten. Nach dem Suizid des ägyptischen Verteidigungsministers Abd al-Hakim Amr blieben von dem Revolutionären Kommandorat nur noch Hussein Shafei, Zakarah Muhi ad-Din und Anwar as-Sadat übrig. Nasser arbeitete am Wiederaufbau der Armee und des Landes. Nasser vereidigte Sadat vor seinem Abflug zur Arabischen Gipfelkonferenz in Rabat als Vizepräsidenten. In dieser Position blieb Sadat bis zu Nassers Tod am 28. September 1970. Sadat übernahm nun das Präsidentenamt - wie von der Verfassung vorgesehen - kommissarisch. Hiernach gab es eine Übergangszeit von 60 Tagen, in der durch eine Volksbefragung ein neuer Präsident bestimmt werden sollte. Am 15. Oktober 1970 wurde Sadat als neuer Präsident der Ägyptischen Republik durch eine Volksabstimmung bestätigt, in der er 90 Prozent der Stimmen erhielt.

Der lange Weg zum Frieden

Die gescheiterte Friedensinitiative von 1971

Anwar Sadat stand zu Beginn seiner Amtszeit vor großen Herausforderungen. Der Sechs-Tage-Krieg von 1967 hatte in Ägypten und in der gesamten arabischen Welt ein Trauma hinterlassen. Man wollte sich mit den Folgen des Krieges nicht abfinden, zu groß waren Schmach und Demütigung gewesen. Die Bevölkerungen suchten nach Gründen für die Niederlage, versuchten, einen Schuldigen zu finden und verloren sich in Selbstzweifeln und Depression. Ein anderer Effekt der bitteren Niederlage war das Wiederaufkeimen des Islamismus, der auch Sadat vereinnahmte. Er verband mit der Stimme des Volkes die Stimme Gottes und glaubte, dass er Ausführender einer göttlichen Mission sei. Die außenpolitischen Ambitionen Ägyptens standen seit dem Krieg fest: Rückeroberung der besetzten Gebiete, Rache an Israel und Unterstützung der Palästinenser.

Die erste Aufgabe, die Sadat bewältigen musste, war, den innenpolitischen Machtkampf für sich zu entscheiden. Es gab viele Kritiker und Konkurrenten, vor allem in der Armeeführung. Manche hatten auf Sadats Schwäche gesetzt und warteten in Lauerstellung, um einen günstigen Moment zur Machtübernahme abzupassen. Große Differenzen gab es vor allem mit der pro-sowjetischen Gruppe um Ali Sabri, die alles daran setzte, Sadats Macht zu beschneiden. Doch dieser zeigte schnell, dass er mit der Macht umzugehen wusste: er besetzte alle wichtigen Positionen in Regierung, Kabinett und Massenmedien mit loyalen Unterstützern.

Sadats erster und unerwarteter außenpolitischer Schritt war das Verkünden einer „Friedensinitiative“ am 4. Februar 1971, also nur vier Monate nach seiner Machtübernahme. Er hatte das Jahr 1971 als „Jahr der Entscheidung“ proklamiert, das er nicht verstreichen lassen wollte, ohne einen Fortschritt im Streit mit Israel errungen zu haben. Da er nicht dazu in der Lage war, militärisch den Krieg gegen Israel fortzuführen, wollte er nun Israel mit dieser Initiative politisch in die Defensive treiben. Der Inhalt seines Friedensplans war folgender: Israel sollte sich aus dem Sinai bis zu den Pässen zurückziehen; im Gegenzug würde Ägypten den Sueskanal wiedereröffnen. Im Anschluss sollte ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet werden, Ägypten würde die diplomatischen Beziehungen zu den USA wiederherstellen und schließlich sollte mit Hilfe des UN-Sondergesandten für den Nahen Osten, Gunnar Jarring, ein Friedensvertrag mit Israel geschlossen werden.

Die 1971 von Sadat verkündete Friedensinitiative hatte bei weitem nicht die Wirkung wie sein Vorstoß sechs Jahre später. Es schien, dass die Zeit für eine solche Initiative noch nicht reif war und es bestehen ernsthafte Zweifel in Hinsicht auf die Glaubwürdigkeit Sadats, der nur durch fehlende militärische Mittel an einer Fortsetzung des Abnutzungskriegs mit Israel gehindert worden war Quelle?. Die erste offizielle Reaktion aus Israel kam von Premierministerin Golda Meïr in einem NBC Interview vom 6. Februar 1971. Eine detailliertere und vorsichtigere Reaktion der Premierministerin gab es am 9. Februar nach einer langen Debatte in der Knesset. Ihr seien die Äußerungen Sadats "viel zu vage", sagte sie, und sie sehe in ihnen die "Wiederholung üblicher Phrasen".

Die erste größere außenpolitische Tat Sadats war die Unterzeichnung eines Freundschafts- und Bündnisvertrags mit der Sowjetunion am 27. Mai 1971. Dies verwirrte nicht zuletzt die Amerikaner, denn es war ihnen unverständlich, warum Sadat zuerst die ägyptischen pro-sowjetischen Regierungsmitglieder beseitigt hatte und anschließend einen solchen Vertrag unterzeichnete. Sadat gelang es trotz stärkster Überwachung durch die Amerikaner, Saudis und Russen, seine außenpolitischen Motive zu verbergen. Insgeheim hatte er sich aber wohl schon längst dazu entschieden, was er am 8. Juli 1972 in die Tat umsetzte: Die Ausweisung aller sowjetischen Experten. Anlass für diesen drastischen Schritt war das erneute Ausbleiben sowjetischer Waffenlieferungen. Sadat verfügte, dass alle Experten (ca. 15.000) Ägypten binnen einer Woche verlassen sollten und sämtliche Ausrüstung, darunter vier MiG-25-Flugzeuge, in die UdSSR zurück gebracht werden sollten.

Der Jom-Kippur-Krieg und die Folgen

Sadat hatte schon länger an den 1972 vollzogenen Kurswechsel in der ägyptischen Außenpolitik gedacht. Vor allem durch die Saudis waren ihm Andeutungen zugespielt worden, die USA könnten ihm bei der Rückgewinnung der besetzten Gebiete behilflich sein. Sadat begann, einen “begrenzten” Krieg zu planen mit einer doppelten Zielsetzung: die Ehre der ägyptischen Armee, die sie in der Schmach von 1967 eingebüßt hatten, durch eine Revanche an Israel zurückzugewinnen und die Supermächte - insbesondere die USA - zu alarmieren, um sie zum Eingreifen in den Friedensprozess zu bewegen.

Die Folge dieser Politik war der Jom-Kippur-Krieg. Er wurde sorgfältig in Abstimmung mit Syrien vorbereitet und startete am 6. Oktober 1973 mit einem Überraschungsangriff. Schon kurz vor und während des Krieges begann sich eine entscheidende Entwicklung abzuzeichnen: das Engagement der USA in Person des Außenministers Henry Kissinger in der 1972 gewählten Nixon-Regierung. Er kontaktierte Sadat bereits vier Tage nach Kriegsbeginn, um ihm mitzuteilen, dass durch einen Waffenstillstand eine gute Chance auf eine befriedigende Lösung für beide Kriegsparteien bestünde. Diese Initiative und eine zwei Tage später durch den britischen Premierminister Edward Heath angeregte Initiative mit demselben Ziel wurden von Sadat, der unter dem Eindruck der ägyptischen Anfangserfolge stand, abgelehnt. Dies und die Eröffnung der zweiten ägyptischen Angriffswelle am 14. Oktober veranlassten Washington zur Freigabe der Waffenluftbrücke nach Israel. Letztlich aber führte der Druck der USA und auch derjenige der Sowjetunion, die ebenfalls für einen Waffenstillstand plädierte, dazu, dass der ägyptische Staatspräsident in einen Waffenstillstand auf der Grundlage der UN-Resolutionen 242 und 338 einwilligte. Dasselbe tat Israel, und am 24. Oktober wurde das Feuer eingestellt.

Im November 1973 stimmte Sadat einem Sechs-Punkte-Plan von Golda Meïr zu, in dem vereinbart wurde, am Kilometerstein 101 an der Straße Kairo-Sues ägyptisch-israelische Gespräche über eine Zurücknahme der Streitkräfte und eine Rückkehr zu den Frontlinien vom 22. Oktober zu beginnen. Diese Verhandlungen wurden unter Aufsicht der Vereinten Nationen geführt, zogen sich aber lange hin. Im Januar 1974 wurde das erste Abkommen zur Truppenentflechtung zwischen Ägypten und Israel unterzeichnet.

Das Verhältnis zu den USA begann sich trotz der Vorbehalte auf beiden Seiten zu intensivieren. Washington verfolgte als Reaktion auf den Oktoberkrieg und auf das arabische Ölembargo eine Umarmungstaktik gegenüber den arabischen Frontstaaten, vor allem Ägypten, die eine Revision der bisherigen Prämissen bedeutete. Diese neue Außenpolitik fand symbolisch ihren Niederschlag in Nixons Kairo-Besuch im Juni 1974. Mit der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen und dem demonstrativen Abschluss eines Wirtschaftsabkommens war die amerikanische Bereitschaft, Ägypten und Syrien nunmehr scheinbar gleichrangig neben Israel zu behandeln, kundgetan. Die Nixon- bzw. Ford-Regierung machte allmählich ihre Vorankündigung wahr und räumte der Nahost- und Ölpolitik nach dem Abschluss des Vietnam-Abkommens 1973 Priorität ein. Im Gegensatz zu diesen Interessen der USA, die auch eine starke wirtschaftliche Motivation beinhalteten, standen die Forderungen der arabischen Staaten: Rückzug der israelischen Truppen aus den 1967 besetzten Gebieten, Wiederherstellung der nationalen Rechte der Palästinenser und ein Ende der Siedlungspolitik. Der wichtigste Faktor in der Strategie Sadats war die Zurückgewinnung des besetzten Landes. Der Nixon-Besuch 1974 weckte in Sadat neue Hoffnungen. Er machte deutlich, dass sich Ägypten seine verlorenen Territorien zurückholen werde, ob mit Gewalt oder ohne. Kissinger, der auch unter Ford Außenminister blieb, überzeugte Sadat schließlich davon, dass ein schrittweises Vorgehen einem umfassenden Friedensvertrag vorzuziehen sei. Am 1. September wurde ein zweites Truppenentflechtungsabkommen unterzeichnet.

Von der Sadat-Initiative bis Camp David

Die Einsetzung der neuen US-Regierung unter Carter markierte den Beginn eines Versuchs, die Konfliktparteien und Streitpunkte umfassender anzusprechen. Während des Wahlkampfes 1976 hatte Carter eine ehrgeizigere Strategie gefordert, die zu diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und den arabischen Staaten führen sollte. Die neue US-Strategie schien jedoch noch nicht aufzugehen. Sie rückte zwar ab von einer für die arabischen Staaten wenig hoffnungsvollen eindimensionalen Nahostpolitik, doch wurde die einseitige Parteinahme für Israel in allen strittigen Fragen beibehalten. Dies äußerte sich in einer Fortführung der US-Vetopolitik im UN-Sicherheitsrat, wo man 1976 und 1977 gegen eine überwältigende Mehrheit Resolutionen blockierte, die einen vollständigen Rückzug Israels ultimativ forderten sowie den Palästinensern legitime Rechte auf Selbstbestimmung zugestanden.

Sadat entschloss sich, sich direkt selbst vor die Knesset zu begeben, um den Repräsentanten des israelischen Volkes klarzumachen, dass es an ihnen lag, zu entscheiden, ob sie wirklich den Frieden wollten. So kam es zu jener historischen Rede anlässlich der ägyptischen Parlamentseröffnung am 9. November 1977, in der Sadat verkündete, er würde bis ans Ende der Welt - und selbst nach Israel in die Knesset - gehen, wenn er dadurch den Tod eines einzigen Soldaten vermeiden könne.

Der israelische Ministerpräsident Menachem Begin war zu Verhandlungen bereit, stellte aber auch Bedingungen. Die Reaktionen seitens der arabischen Staaten waren verheerend. Syrien, Irak, Libyen und Algerien brachen die diplomatischen Kontakte mit Ägypten ab, die PLO verurteilte die Initiative energisch. Sadat hatte gehofft, dass die arabischen Staaten an den Verhandlungen teilnehmen würden und glaubte auch weiterhin, dass ein ägyptisch-israelischer Friede eine Art Domino-Effekt auf die Region haben könnte. Sadats Hauptinteresse galt der Rückgewinnung des Sinai; ein Ziel, für dessen Erreichung zu kämpfen er bis zum Äußersten bereit war. Quelle?

Am 19. November begann dann der spektakuläre Israel-Besuch Sadats mit seiner Landung auf dem Ben-Gurion-Flughafen bei Tel Aviv. Begin und sein gesamtes Kabinett begrüßten Sadat; tausende Israelis bejubelten ihn auf seinem Weg nach Jerusalem. Am Tag darauf sprach Sadat vor dem israelischen Parlament, der Knesset. Erstmals erkannte ein arabischer Staatschef Israels Existenzrecht an, ohne "Wenn und Aber".

In seiner Rede erklärt Sadat, er sei nicht nach Israel gekommen, um ein Separat-Abkommen mit Israel zu schließen, denn ein solches könne nicht zu einem dauerhaften Frieden in der Region führen. Dazu sei eine Lösung des Palästinenserproblems nötig und er wolle dieses Problem nicht verschieben, sondern jetzt eine umfassende Lösung herbeiführen. Als Grundlage für einen Frieden nannte er den vollständigen israelischen Abzug aus den besetzten Gebieten einschließlich Ost-Jerusalems, die Anerkennung eines Palästinenserstaates inkl. dessen international anerkannte und sichere Grenzen, die Begründung bilateraler Beziehungen auf Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen; in der Summe also Gewaltverzicht im Interesse der Lösung von Meinungsverschiedenheiten und die Beendigung des Kriegszustandes im Nahen Osten.

Es dauerte fast ein ganzes Jahr, bis sich Sadat und Begin nach zähen bilateralen Verhandlungen - und durch das Eingreifen Jimmy Carters bewegt - zu Friedensgesprächen nach Camp David zurückzogen. Nach 13 harten Verhandlungstagen wurde schließlich ein Friedensabkommen mit historischem Stellenwert vereinbart, denn es war das erste zwischen einem arabischen Staat und Israel überhaupt. Schnell hatte sich jedoch gezeigt, dass die Vorstellungen, die Sadat in seiner Knesset-Rede der Weltöffentlichkeit präsentiert hatte, illusorisch und realistisch nicht umsetzbar waren: zu einem umfassenden Frieden, den es ja bis heute noch nicht gibt, war die Zeit lange nicht reif. Die übrigen arabischen Staaten reagierten verletzt, fühlten sich verraten und waren so zu keinen weiteren Verhandlungen bereit. Die Palästinenser, ebenfalls in einem schockähnlichen Zustand durch den Alleingang Ägyptens, hatten immer noch keine ausreichend legitimierte Führung, die an Verhandlungen hätte teilnehmen können. Letztlich war auch Israel zu keinen größeren Zugeständnissen bereit. Sadat konnte allerdings den Sinai für Ägypten zurückgewinnen, was die arabische Moral stärkte und den Mythos von Israels Unbesiegbarkeit zunichte machte. 1978 erhielten Begin und Sadat für ihren Einsatz für den Frieden den Friedensnobelpreis.

Am 6. Oktober 1981 wurde Mohammed Anwar as-Sadat während einer Militärparade in Kairo im Zuge eines Attentats von einem islamistischen Soldaten - Khalid Islambouli - seiner Armee erschossen. Die Islamisten begründeten die Ermordung Sadats damit, dass nach der Lehre Ibn Taimiyyas ein Herrscher, der andere Gesetze als die der Scharia zur Anwendung bringt, kein Muslim mehr sei und als Murtadd rechtmäßig getötet werden dürfe. Zu seiner Beerdigung reiste kein einziger arabischer Staatschef an. In Libyen und im Südlibanon wurde sein Tod sogar gefeiert. Im Iran wurde eine Straße nach dem Mörder Sadats benannt. Im Jahre 2001 wurde die Straße in Teheran in Intifada-Straße umbenannt, um die iranisch-ägyptischen Beziehungen zu verbessern.

Nachfolger Sadats wurde Mohammed Hosni Mubarak.

Literatur

  • El - Sadat, Anwar: Unterwegs zur Gerechtigkeit, Wien u. a., 1978 - Deutsche Übersetzung der Memoiren Sadats. Sehr subjektiv, wenig selbstkritisch, zum Teil beschönigend. Aber auch aufschlussreich in Hinblick auf seine Persönlichkeit.
  • Heikal, Mohammed: Sadat, das Ende eines Pharao: eine politische Biographie, Düsseldorf, Wien, 1984 - Sehr kritische Biographie von Mohammed Heikal, ägyptischem Journalist und ehemaligem Freund Sadats. Bei ihm ist jedoch fraglich ob er die nötige Distanz zur einer objektiven Sicht der Dinge besitzt.
  • Finklestone, Joseph: Anwar Sadat: visionary who dared, London [u.a.], 1996
  • Israeli, Raphael: Man of defiance: a political biography of Anwar Sadat, To-towa, NJ, 1985 - Sowohl Finklestone als auch Israeli orientieren sich eher an der Biographie Sadats

Filme

  • Days of Sadat (Ayam El-Sadat). Ein Film aus der Perspektive von Sadat und seiner Frau Jehan. Grundlage des Filmes waren laut Vorspann die jeweiligen Memoiren der beiden. Sadat wird meisterhaft gespielt von Ahmed Zaki, der kurz vorher schon Nasser gespielt hat.

Weblinks

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