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Aus der "Geschichte
des jüdischen Volkes", Ein Schulbuch auf
traditioneller jüdischer Grundlage, Band I, Kapitel XV, von Gilbert und Lilly
Klapermann
MOHAMMED UND DIE JUDEN
Während der Talmud im Leben der Juden
immer stärker Wurzel fasste, begann eine neue Religion die übrige Welt zu
erobern. Sie wurde "Mohammedanismus", nach dem Namen ihres Gründers, Mohammed,
oder "Islam" genannt. Diese Religion ist, wie das Christentum, aus dem
Judentum hervorgegangen. Die neue Religion hatte ihren Rückhalt in der
mittelöstlichen Welt, unter den Bewohnern der arabischen Halbinsel. Als der
Islam sich ausbreitete, ergab es sich, dass die Juden unter zwei mächtigeren
Religionen, die beide ihren Ursprung dem Judentum verdanken, leben mussten.
Die Araber lernten von den Juden
Arabien, das Land, in dem Mohammed
aufwuchs, ist eine große Halbinsel zwischen dem Roten Meer und dem Persischen
Golf. Der nördlichste Teil Arabiens bildet die Landbrücke zwischen Palästina
und Babylonien. Die Araber waren ein götzendienerisches Volk. Sie glaubten an
viele böse Geister wie die Kanaaniter in den Tagen Jehoschuas und der Richter.
Im Süden Arabiens lebten Nomadenstämme, auch Beduinen genannt, in der Wüste.
Sie wanderten von Ort zu Ort, stellten dort ihre Zelte auf, wo immer sie
Wasser finden konnten.
Unter diesen Menschen lebten auch
Juden. Juden hatten sich in Arabien vielleicht schon zur Zeit König Schelomos
(um das Jahr 950 v.) angesiedelt. Nach der Zerstörung des ersten sowie
des zweiten Tempels und später, nach dem Aufstand Bar Kochbas gegen Rom,
ließen sich mehr und mehr Juden in Arabien nieder.
Es bestand eine Verwandtschaft zwischen
Arabern und Juden durch Herkunft und Sprache. Die Araber waren Nachkommen
Jischmaels, der ein Sohn Abrahams und ein Halbbruder Jizchaks war. Von Abraham
und Jizchak stammen wir Juden ab. Die Sprachen der Araber und die der Juden
sind beide semitischen Ursprungs und weisen große Ähnlichkeit auf. Wegen
dieser Beziehungen fühlten sich die Araber mit den Juden verbunden und
erlaubten ihnen, friedlich in ihrer Mitte zu leben.
Die Juden, die in Arabien lebten,
wurden von der Götzenverehrung der Araber ringsherum nicht beeinflusst. Sie
lebten treu nach den Geboten der Tora und hielten an ihren Gebräuchen und den
Überlieferungen des Judentums fest. Sie glaubten an den einen Gott als den
Schöpfer des Weltalls und ließen sich durch sein Wort leiten.
Andererseits wurden aber viele Araber
durch die Juden, die unter ihnen lebten, beeinflusst. Manche fühlten, dass es
nur einen Gott gab und dass ihr eigener Götzendienst irrig war.
Als Mohammed geboren wurde (571),
hatten die Juden, die schon während Jahrhunderten überall in Arabien gelebt
hatten, bereits ihren Einfluss auf die arabischen Gemeinschaften ausgeübt. Im
Jahre 500 zum Beispiel wurden der König von Jemen und alle seine Untertanen
Juden. Das zeigt, wie tief der Glaube der Juden die Leute, unter denen sie
lebten, beeinflusst hatte.
Der Einfluss der Juden auf Mohammed
Mohammed selbst war jüdischen
Einflüssen und Ideen ausgesetzt, die sich in seinen Gedanken niederschlugen.
Ein Onkel Mohammeds, der Jude geworden war, lehrte ihn die Grundsätze der
Tora. Als Mohammed heranwuchs, kam er in Berührung mit weiteren Juden und mit
ihrem Glauben an einen Gott, an Wahrheit und Gerechtigkeit. Er war auch tief
beeindruckt vom Inhalt des Tenach, des Buches, das die Juden in ihrem
täglichen Leben leitet. Mohammed nannte daher die Juden "das Volk des Buches".
Oft dachte er, wie gut es für die Araber wäre, wenn auch sie ihr eigenes
"Buch" zur Leitung ihres Lebens hätten.
Mohammed hatte Zeit genug, um über den
Glaubensinhalt der Juden nachzudenken. Als Karawanenführer, der seine Kamele
durch den brennenden Sand in der Einsamkeit der Wüste führte, dachte Mohammed
immer mehr an eine neue Religion für sein Volk, die Araber.
Mohammed begann an einen Gott, den er
Allah nannte, zu glauben. Er hielt sich selbst für Allahs Propheten, dessen
Sendung es war, den Namen Allahs zu verbreiten und zu lehren. Der Gedanke des
einen Gottes, der Grundgedanke des jüdischen Glaubens, wurde die Grundlage von
Mohammeds Denken und der Lehre, die er vertrat und anderen verkündete.
Viele Araber schlossen sich Mohammed
begeistert an, aber es gab ebenso viele, die sich ihm heftig entgegenstellten.
Um sein Leben zu retten, musste Mohammed aus seinem eigenen Geburtsort, der
Stadt Mekka, fliehen, weil ihre Bürger einen Anschlag gegen ihn geplant
hatten.
Es war im Jahre 622, als Mohammed nach
Medina floh. Diese Flucht wird "Hegira" oder "Hedschra" genannt. Dieses Jahr
gilt den Mohammedanern oder Moslems als der Beginn ihrer Religion und wird als
das Jahr 1 des mohammedanischen Kalenders gezählt.
Warum wandte sich Mohammed gegen die Juden?
Die ersten Anhänger
Mohammeds waren Araber, die vom Glauben an einen Gott durch die Juden
schon früher gehört hatten. Zu Beginn waren sie so wie Mohammed den Juden
freundlich gesinnt. Lange Zeit hielt Mohammed sogar einen Juden als Schreiber,
da er selbst des Schreibens unkundig war.
Mohammed war überzeugt,
dass die Juden ihn als den Propheten Allahs annehmen würden. Er betonte, er
sei ein Nachkomme Abrahams genau wie sie und auch er glaube an den einen Gott.
Die Juden waren Söhne Jizchaks, sagte Mohammed, und die Araber waren Söhne
Jischmaels. Sicher würden sie ihn daher annehmen.
Mohammed rechnete damit, dass
irgendwelche Einwände der Juden gegen seine Religion durch den "Koran", den er
verfasste, überwunden würden. Der Koran ist das Glaubensbuch des Islams, und
vieles darin ist dem Tenach entnommen.
Aber die Juden weigerten sich, Mohammed
als Propheten anzuerkennen, und nahmen infolgedessen den Islam nicht an. Als
die neue Religion sich unter den Arabern ausbreitete, wurden diese von einer
leidenschaftlichen Hingabe ergriffen. Sie glaubten, sie könnten die
Andersdenkenden durch das Schwert zur Einwilligung zwingen. Ihr Schlacht ruf
war: "Für Allah und Mohammed! Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed
ist sein Prophet!"
Ihr Schwert schwingend und ihren
Kampfruf ausstoßend, fielen die Araber über eine Gemeinschaft nach der anderen
her. Die Juden, die sich weigerten, ihren Glauben aufzugeben, wurden
erschlagen. Viele andere waren gezwungen, Arabien zu verlassen und sich an
anderen Orten der Diaspora niederzulassen.
Die Ausbreitung des Islams
Die neue Religion verbreitete sich wie
ein Feuer über Arabien. Mit dem Schwert und dem Koran eroberten die Araber
Land um Land. Nach Mohammeds Tod überrannten seine Nachfolger, die Kalifen,
Palästina, Syrien, Persien, Babylonien und Nordafrika. Dann überquerten sie
sogar das Mittelmeer und eroberten die ganze spanische Halbinsel bis zu den
Pyrenäen. So waren die Mohammedaner am Anfang des 8.Jahrhunderts im Besitz
aller Länder, die sich von Indien über Asien und Afrika und entlang dem
Südrand des Mittelmeers bis zum Atlantischen Ozean er strecken.

Als sich die Araber in ihrer Herrschaft
sicherer fühlten und mächtiger waren, wurden sie toleranter und friedlicher.
Sie wandten ihre Kräfte und Begabungen der Kultur und den schönen Künsten zu.
Sie förderten den Ackerbau, den Bergbau und machten den Boden fruchtbarer und
ertragreicher. Sie erbauten schnelle und sichere Flotten, um mit den Märkten
ihres großen Reiches Handel zu treiben und diese mit allem zu versorgen, was
sie brauchten. Sie erbauten herrliche Städte, deren Moscheen, Paläste und
Wohnhäuser sie zu farbenreichen und eindrucksvollen Orten machten.
Ihre Gold- und Silberschmiede schufen
Kunstgegenstände von größter Vollkommenheit. Ihre Weber verfertigten
wunderbare Teppiche und Tücher; ihre Schreiner machten feinste Holzarbeiten.
Ihre Denker und Gelehrten aber entwickelten eine reiche und ausdrucksvolle
Sprache, und ihre Wissenschafter entdeckten neue Welten der Medizin,
Astronomie und Mathematik.
Die Moslems hatten große Bibliotheken,
in denen sich Übersetzungen der griechischen Philosophen und neue Werke der
Poesie und Philosophie befanden. Ihre Gelehrten schrieben auch viele
zusätzliche Erklärungen und Auslegungen zum Koran.
Viele Kalifen, die als Nachfolger
Mohammeds die Araber anführten, waren weltmännisch und gebildet. Sie liebten
Dichtkunst und Philosophie und verehrten die Wissenschaft. Einer der Kalifen
machte Bagdad in Babylonien zu seiner Hauptstadt. Der Hof in Bagdad war so
groß und so prunkvoll wie irgendein Hof eines großen Kaisers.
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Ben Esra Synagoge in Kairo
(erbaut im
12. Jhdt).
Beachte den starken arabischen Einfluss in Architektur und künstlerischer
Gestaltung
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Der Einfluss auf die Juden
Für die Juden, die unter dieser
sanfteren arabischen Herrschaft lebten, begann ein neues Zeitalter der
Freiheit. Die Moslems waren viel toleranter als die christlichen Herrscher
dieser Zeit. Die Juden lebten im allgemeinen in Frieden unter moslemischer
Herrschaft.
Die Juden wurden von der Liebe der
Araber zur Dichtkunst und Philosophie beeinflusst. Sie hatten sich bisher nur
selten der Dichtkunst zugewandt. Jetzt erschienen hebräische Gedichte, ebenso
wie neue Werke der Philosophie. Immerhin ist zu sagen, dass die Araber von
Krieg, Reichtum und Liebe, dass die Juden hingegen von Gott und Seiner Größe,
Seiner Weisheit und Herrlichkeit sangen.
Beide Völker förderten so ihre eigene
Bildung und Kultur. Die Atmosphäre der Freiheit und Toleranz war beiden von
großem Nutzen.
Wer war Bustanai?
Zum erstenmal seit dem Jahre 500
empfanden die Juden Babyloniens wieder die wunderbare und erfrischende Luft
der Freiheit. Die Akademien von Sura und Pumpedita, die beide durch engherzige
und harte persische Herrscher geschlossen worden waren, wurden wieder
geöffnet. Babylonien wurde noch einmal Mittelpunkt jüdischer Gelehrsamkeit für
die ganze damalige Welt.
Obwohl die Juden den Arabern Steuern zu
zahlen hatten, besaßen sie ihre eigenen Gerichtshöfe und ihren eigenen Führer,
den Exilarchen oder Resch Galluta. Sie lebten jetzt als freie jüdische
Gemeinschaft wie in der früheren Zeit der persischen Herrschaft.
Der Resch Galluta errang wieder seine
ursprüngliche Stellung mit ihrem Glanz und ihrer Herrlichkeit. Der erste Resch
Galluta, der öffentlich durch den Kalifen anerkannt wurde, hieß Bustanai.
Bustanai wurde so hoch geachtet, dass er einen Siegelring tragen durfte, um
damit allen seinen Dokumenten und Erlassen ein offizielles Siegel
aufzudrücken. Die babylonischen Juden erlangten durch Bustanai wieder Gewicht
und Ansehen, denn er wurde häufig mit großer Ehre und Würde am Hof des Kalifen
von Bagdad empfangen.
Das Zeitalter der Geonim
Die Akademien von Sura und Pumpedita
wurden im Leben der Juden bedeutender als je zuvor. Die Häupter der beiden
Akademien wurden "Geonim", Exzellenzen, genannt. Der Resch Galluta und die
Geonim waren im Range gleich. Der Unterschied bestand darin, dass das Amt des
Exilarchen politisch war. Die Geonim dagegen befassten sich mit den religiösen
und geistigen Problemen der Juden. Sehr oft übertraf indessen der Einfluss und
das Ansehen der Geonim die des Exilarchen.
Der Gaon von Sura war das
Oberhaupt des gesamten religiösen Lebens der Juden. Juden aus all den
verschiedenen Ländern der Diaspora schrieben an ihn um Rat in
gottesdienstlichen Fragen und Gesetzesentscheidungen. Viele dieser Fragen und
Antworten sind bis auf unsere Zeit erhalten geblieben und sind sehr wichtig,
weil sie neues Licht auf religiöse Fragen werfen, die seit der Zeit der
Amoraim aufgetaucht waren.
Die Akademien von Sura und
Pumpedita wurden unterstützt von den Juden Europas, Asiens und Afrikas ebenso
wie von den Juden Babyloniens. Die Briefe, die bei den Geonim eintrafen,
enthielten Spenden, um Not leidende Studenten zu ernähren und zu kleiden, und
außerdem Geld, um Abschriften von Talmudtraktaten herstellen zu lassen.

Eine Zeitlang hatte es so
ausgesehen, als würde mit dem Untergang des neupersischen Reiches der Faden
der Tora zerreißen. Aber das Erscheinen der Mohammedaner und die Freiheit und
Kultur, die sie brachten, halfen dem Judentum, stark zu werden und weiter zu
gedeihen.
Die Geonim waren so
wichtig als Repräsentanten der Hochschulen von Sura und Pumpedita, dass der
Zeitabschnitt von ca. 65o1000 als das Zeitalter der Geonim in die Geschichte
eingegangen ist.
Zur Wiederholung:
-
1. Neue Begriffe: Geonim;
Islam, Koran, Allah, Moschee, Hegira (Hedschra), Beduine, semitisch.
-
2. Wie entsprang der
Islam dem Judentum?
-
3. Wie verhielten sich
die Moslems gegenüber den Juden?
-
4. Welchen Einfluss übte
die Welt des Islams auf die jüdische Bildung und Gelehrsamkeit aus?
Zum Überlegen:
-
1. Glaubt ihr, der Weg
der Mohammedaner zur Verbreitung ihrer Religion war richtig? Begründet eure
Antwort.
-
2. Wer war wichtiger für
das jüdische Leben, der Resch Geluta oder der Gaon? Warum?
-
3. In welcher Beziehung
glaubt ihr, dass der Islam den Juden hilfreich war?
Aufgabe:
1. Unterstreiche das Wort,
welches am spätesten in der Geschichte vor
kommt.
-
a) Islam
Christentum Judentum
-
b) Amoraim
Geonim Tannaim
-
c) Tora
Koran Talmud
-
d) Bustanai
Mar Schemuel Hillel
-
e) Prokurator
Kalif Pharao

2. Zeichne die folgenden
Länder ein:
-
a) Arabische Halbinsel
-
b) Babylonien
-
c) Persien
-
d) Aegypten
-
e) Judäa
Aus KAPITEL XV
Die Geschichte des jüdischen Volkes
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Gilbert und Lilly Klapermann:
Geschichte des jüdischen Volkes
Ein Schulbuch auf traditioneller
jüdischer Grundlage mit vielen Karten, Bildern und Fragen.
Band I: 220 S.; Band II: 300 S.
pro Band 29.-SFr / im Set 50.-SFr
Morascha Basel/Zürich
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