|

Besprechung zum
Wochenabschnitt
PARASCHAT
MISCHPATIM
(Schmoth 21.1-24.18):
Handeln und Verstehen
Aus der Torah
Schmoth/Ex 18:1-20:23
und
Schmoth/Ex 21:1-24:18
von Dr. Zwi Braun
"Er nahm das Buch
des Bundes und las es dem Volk vor. Da sprachen sie: alles, was Gott
gesprochen, wollen wir tun und hören"
(Schmoth 24,7).
In der
Reihenfolge "N'ase venischma" drückte das Volk seine Bereitschaft aus,
der praktischen Ausführung der Mizwoth Priorität zukommen zu lassen.
Erst dann sollte das Suchen nach deren Bedeutung, das Nachdenken und
Verstehen folgen. Diese "umgekehrte" Reihenfolge rief bereits in der
Vergangenheit den Spott unserer Gegner hervor. Der Talmud berichet uns
folgende Episode:
"Ein Ungläubiger
sah, wie Rawa so in das Studium der Tora vertieft war, dass (im Sitzen)
seine Hand unter den Fuss geriet und er sie so stark quetschte, dass sie
zu bluten begann. Da sprach er zu ihm: 'Voreiliges Volk, die ihr den
Mund den Ohren vorangeschickt habt, noch immer befindet ihr euch in
eurer Gedankenlosigkeit. Ihr solltet vorher hören, ob ihr die Lehre auf
euch nehmen könnt oder nicht.' Da antwortete ihm Rawa: 'Von uns, die wir
in Aufrichtigkeit wandeln, heisst es (Mischle 11,3): 'Die
Rechtschaffenen leitet ihre Unschuld. Von jenen, die in Verdrehungen
wandeln, heisst es (Mischle 11,3): 'Die Treulosen richtet ihre
Bosheit zugrunde"'
(Schabbat 88b).
Das aufrichtige
Befolgen der Mizwoth führt den jüdischen Menschen auf den richtigen
Lebensweg und lässt ihn auch mit der Zeit den vollen Sinn seiner
Lebenshaltung verstehen. Mit der Bedeutung der Mizwot ("T'ame
haMizwoth") hat sich unter vielen jüdischen Denkern auch
Maimonides auseinandergesetzt. Seine Worte haben bis heute
nichts an Aktualität verloren:
"Ebenso wie die
Theologen in der Frage geteilter Meinung sind, ob die Handlungen Gottes
das Ergebnis Seiner Weisheit oder nur Seines Willens ohne jegliche
Absicht sind, so sind sie es, was den Zweck der Gebote anbetrifft, die
Gott uns gab. Einige denken, dass die Gebote überhaupt keinen Zweck
haben und nur durch den Willen Gottes angeordnet wurden. Andere sind der
Meinung, dass alle Gebote und Verbote durch Seine Weisheit
vorgeschrieben wurden und ein bestimmtes Ziel verfolgen; daher gibt es
einen Grund für jede Vorschrift; sie werden uns eingeschärft, weil sie
nützlich sind. Wir alle, das gewöhnliche Volk wie die Gelehrten glauben,
dass es einen Grund für jedes Gebot gibt, obwohl Gebote vorkommen, deren
Grund uns unbekannt ist und die Wege göttlicher Weisheit uns
unverständlich sind. Diese Ansicht wird klar in der Schrift ausgedrückt:
'Gerechte Satzungen und Vorschriften' (Dew. 4,8) und 'Die
Aussprüche des Ewigen sind wahr und alle zusammen gerecht' (Teh. 19,
10).
Folglich gibt es
einen Grund für jedes Gebot, jede positive oder negative Vorschrift
dient einem nützlichen Zweck; in manchen Fällen ist der Sinn
augenscheinlich, z.B. das Verbot zu morden und zu stehlen; in anderen
nicht so sehr, wie z.B. das Verbot eine Baumfrucht in den ersten drei
Jahren zu geniessen (Waj. 19,23).
Die Gebote, deren
Absicht im allgemeinen klar ist, werden 'Mischpatim'
(Rechtsvorschriften) genannt, diejenigen, bei denen dies nicht der Fall
ist, 'Chukim' (Satzungen). Es heisst: 'Es ist nicht ein leeres
Wort für euch' (Dew. 32,47). Das will sagen, die Anordnung dieser
Gebote ist nicht eine vergebliche Sache, ohne sinnvolle Absicht. Und
wenn dies bei irgendeinem Gebot der Fall zu sein scheint, dann ist dies
auf dein fehlendes Verständnis zurückzuführen".
(More
Newuchim, Buch 3, Kap. 26).
Da es also Gebote
gibt, die uns nur schwer oder gar nicht verständlich sind, kann deren
Befolgung nicht von ihrem Verständnis abhängig gemacht werden, denn der
menschliche Geist ist unvollkommen. So findet jede Generation in der
Torah und den Mizvoth die Antwort auf ihre spezifisch zeitgebundenen
Fragen, und es gilt das Wort unserer Weisen: "Forsche in ihr und forsche
in ihr, denn alles ist in ihr enthalten!" (Pirke
Awoth 5,25). Viele unserer Weisen haben zu jeder Zeit den
Mizvot sehr verschiedene und sich ändernde Bedeutungen beigelegt, die
praktische Verwirklichung der Mizwa blieb stets dieselbe.
Kaum von einer
Mizwa kann man behaupten, dass ihr geistiger Hintergrund voll
ausgeleuchtet sei. Ein Beispiel aus der Naturwissenschaft möge diese
Vielfalt der Erklärungen für eine Mizwa verdeutlichen. Die Chemie kennt
die Erscheinung, dass die Struktur eines Moleküls nicht durch eine
Formel allein, sondern erst durch mehrere Formeln zu beschreiben ist
(Mesomerie). Alle Formeln zusammen erst ergeben das wahre Bild des
Moleküls. Genauso verhält es sich mit den Mizvot und ihrer Bedeutung.
Jeder Grund für ein Gebot hat einen gewissen Wahrheitscharakter, aber
erst alle Bedeutungen zusammen erfassen die Mizvah im ganzen.
Rabbi Me'ir
Simcha von Dvinsk macht uns in seinem Kommentar "Meschech Chochma"
darauf aufmerksam, dass wir den anfangs zitierten Passuk bereits in
einer leicht abgewandelten Form in der vorangehenden Parascha
angetroffen haben:
"Das ganze Volk
antwortete einstimmig und sprach: Alles was Gott gesprochen, wollen wir tun"
(Schmot 19,8).
Natürlich kann
nicht jeder Jude alle Mizvoth erfüllen. Es gibt z.B. Gebote nur für
Leviim oder Kohanim, nur für Frauen oder Männer. Doch wenn jeder die
Mizvah erfüllt, die ihm obliegt, so erfüllt das ganze Volk die ganze
Torah, im Sinne der Mitverantwortung jedes einzelnen für seinen
Mitmenschen. Und wenn wir weiter auf die Gebote hören, d.h. uns mit
ihnen beschäftigen, sie studieren und uns in sie vertiefen, selbst wenn
wir sie nicht ausüben können, so ist ebenfalls das ganze Volk an der
Realisierung der ganzen Tora beteiligt!
 |
Quelle:
Aktuelle Betrachtungen zum Wochenabscbnitt
und zu den jüdischen Feiertagen
3 MINUTEN
EWIGKEIT
von Dr. Zwi Braun
Das Buch enthält drei kurze Betrachtungen zu
jedem Wochenabschnitt der Tora und zu den jüdischen Feiertagen.
Es versteht sich als ein Kommentar für den modernen Menschen, der aber
eine Vielzahl von klassischen und neuzeitlichen rabbinischen Quellen
einbezieht. Ein Glossar und ein Literaturnachweis der benutzten Quellen
ergänzen die Betrachtungen.
MORASCHA - sFr. 42.-...
|
Bitte beachten Sie: Viele der hier wiedergegebenen Texte sind heilig - der
hebräische Text enthält u.U. den Namen G'ttes. Wenn Sie sich diese Seiten
ausgedruckt haben, werfen Sie sie nicht weg. Bewahren Sie sie an einem
reinen Ort oder geben Sie sie beim nächsten Rabbinat ab.
Zum Inhaltsverzeichnis: haParashah
Zum Inhaltsverzeichnis:
Jahaduth
|