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OR - das Licht.
Bildung gegen Dummheit und Antisemitismus.
[Reihe: Jüdisches Denken - Philosophie, Religion und
Gesellschaft]
An Rosch haSchanah
feiern wir die Erschaffung der Welt und der Menschheit und am Ende der
Feiertage des Tischri beginnt ein neuer Zyklus der Torahlesung.
Bereshith, die erste
Paraschah des ersten Buches der Torah (I. Buch Moses, Genesis), berichtet
uns von der Erschaffung der Welt.
In Shalom Rosenbergs Buch "Von
der Macht des Bösen" habe ich ein Kapitel gefunden, welches sich mit
dieser Welt und dem Kampf des Guten gegen das Böse beschäftigt. Ein Kampf,
der gerade heute wieder in aller Munde ist.
Wenn wir uns die Ereignisse der letzten Monate - oder auch Jahre - Revue
passieren lassen, so finden sich etliche gute Gründe pessimistisch in die
Zukunft zu blicken. Es ist aber gerade der Pessimismus, verbunden mit einer
Geringschätzung dieser Welt, der dazu führt, dass Gleichgültigkeit immer
weiter um sich greift und die Geschichte immer mehr von Fanatikern
geschrieben wird.
Simply the best:
Die beste aller möglichen Welten
Das Judentum musste sich
im Laufe seiner Geschichte immer wieder gegen die Weltanschauung des
Pessimismus behaupten. Für den Pessimismus ist das Dasein ein Übel und, was
noch schlimmer ist, der Lebenswille selbst, jener tiefsitzende Instinkt, der
in uns allen steckt, ist die eigentliche Quelle dieses Übels.
Rosenberg bietet in
seinem Buch Einblick in eine ganze Reihe pessimistischer Welterklärungen. Zu
den ältesten gehört der Buddhismus, der im Kreislauf des Daseins ein Übel
erblickt, die Flucht aus dem Leben als sein Ziel betrachtet und das
Freiwerden von den Gesetzmäßigkeiten der Welt predigt. Es ist dies eine
Pessimismus-Version, die von einem Ende des Willens träumt, vom eigenen Tod
oder von der Auflösung im Nichts, im Nirwana.
Moderne Ansätze, die
stark vom Buddhismus beeinflusst sind und aus der Faszination durch das
buddhistische Denken entstanden, sind etwa die Philosophie Schopenhauers
oder die seines Schülers und Anhängers Eduard von Hartmann. Der Wille ist
für diese beiden Denker, mit Kant gesprochen, das "Ding an sich", die
Realität, so wie sie ist, und sollte ihrem Postulat nach ausgelöscht werden.
Von Hartmann entwarf die Vision einer dualistischen Schlacht — ein Gedanke,
der interessanterweise ganz ähnlich in den Schriften von Nathan von Gaza
auftaucht, dem 'Propheten' des falschen Messias Schabbetai Zwi. Laut von
Hartmann herrscht in dieser Welt ein erbitterter Krieg zwischen dem Willen,
der böse ist, und der Weisheit, die gut ist. Der Wille ist darauf aus, dass
wir sind, während die Weisheit, die gut ist, uns in die Auflösung
zurückführen möchte, in die Nicht Existenz, einen Zustand, den man als
'Nihilierung' beschreiben könnte und in dem sich Sein in Nichts verwandelt.
Die Weisheit möchte das Böse im Universum dadurch korrigieren, dass sie die
Welt vom Sein ins Nichtsein überführt. Das wäre dann der endgültige Triumph
des Guten über das Böse, der unser aller Ziel sein sollte.
--- Diese Welt kommt von G'tt
"Es werde gut!"
Rosenberg kommt hier
einmal mehr auf die Philosophie von Maimonides zurück, die man im
Gegensatz zu dem oben geschilderten Entwurf als grundlegend optimistisch
bezeichnen könnte. Sein und Existenz sind nach dieser Auffassung per se als
gut zu betrachten, ja angesichts der großen Kette des Seins wird der
Anspruch erhoben, dass die Welt auf Gottes Geheiß geschaffen wurde: "Es
werde gut" bzw. "es werde alles". Beide Formulierungen sind letztlich
identisch. Dem liegt die Erkenntnis zu Grunde, dass nicht der Mensch die
Krone der Schöpfung oder ihr eigentlicher Zweck ist, vielmehr liegt der
Zweck der Schöpfung in allem. Jedes einzelne Ding trägt seinen Sinn in sich
selbst, besser gesagt, das Gesamt der Realität ist Zweck und Ziel in sich.
Der Mensch ist nur ein Glied in dieser großen Kette.
Die Welt als Akt göttlicher
Güte
Dabei ist der hier
vertretene Optimismus von Maimonides durchaus nüchterner Natur. Es ist ein
eingeschränkter Optimismus, denn er enthält noch eine dritte Vorannahme, das
Postulat nämlich, dass dies die beste aller möglichen Welten sei. Im ersten
Teil dieser Prämisse steckt die Behauptung, dass das Sein und die Existenz
an sich gut sind, auch wenn die Menschen dies oft nicht verstehen. Das
impliziert die Überzeugung, dass das bloße Dasein der Welt ein Akt
göttlicher Güte uns gegenüber ist. Dieser Gedanke wurde in den Schriften der
jüdischen Philosophen des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts noch
breiter entfaltet und entwickelte sich zu einem fundamentalen Dogma ihrer
Systeme. Einer der letzten großen jüdischen Philosophen Spaniens, Rabbi
Chasdai Crescas, sagte zum Beispiel, dass die Welt als Akt der Gnade und
Liebe geschaffen wurde. Die biblischen Worte "und es war sehr gut" sind
damit Ausdruck einer Bewertung des gesamten Universums, nicht der
Schöpfertätigkeit Gottes, sondern des Aktes der Gnade und Liebe, der seinen
Ausdruck in der Welt findet.
Die Welt ist nicht nur gut,
sondern auch schön!
Ein anderer Denker,
Rabbi Isaac Arama, der Verfasser des berühmten philosophischen
Bibelkommentars Akedat Jizchak, malt uns eine Welt vor Augen, die nicht nur
gut ist, sondern auch schön, eine Welt, die nicht nur geschaffen wurde, um
unser ethisches Empfinden anzusprechen, sondern auch unser ästhetisches
Gefühl. "Denn der Heilige, er sei gepriesen, hätte", so schreibt Rabbi Isaac
Arama, "den Menschen auch ohne den Himmel und die Sterne schaffen können,
ohne all die Pflanzen und Tiere. Doch das wäre kein so schönes und
herrliches Dasein gewesen, wie es nun geschaffen ist, und Er, gepriesen sei
er, beschloss, das vollkommenste und herrlichste Dasein daraus zu machen."
Laut Rabbi Isaac Arama wurden in die Schöpfung ganz bewusst auch scheinbar
überflüssige Dinge einbezogen. So haben Farben und Farbschattierungen
vielleicht keine unmittelbar produktive Funktion, doch sie tragen einen
ästhetischen Zweck in sich selbst. In Aramas Augen ist die Welt ein
Orchester. Er schreibt: "Dem Vergleich und Gleichnis nach, das wir
gebrauchten, wollte er, dass die Musik der Welt einen vollkommenen Wohlklang
in seiner Schöpfung bildete." Es ist, als ob die ganze Welt eine Melodie
spiele, und jeder Teil der Welt ist ein Instrument in dem großen Orchester,
das da spielt. Würde auch nur ein einziges Instrument fehlen, dann würde die
ganze Welt, der Wohlklang des Ganzen, leiden.
Das alles sind Aussagen,
aus denen ein Grundgefühl des Optimismus im Blick auf die Güte und Schönheit
der Welt spricht. Wir müssen uns jedoch nochmals bewusst machen, dass es ein
eingeschränkter Optimismus ist, beschränkt schon durch die bloße Tatsache,
dass die Welt aus Materie erschaffen wurde. Unter der Einschränkung, die in
der Tatsache steckt, dass die Welt aus Materie geschaffen wurde, ist dies
also die beste aller möglichen Welten. Natürlich ist es möglich, dass auch
andere Welten existiert haben könnten, doch diese Welten waren rein imaginär
und fanden keinen Niederschlag in der Materie.
In diesem Sinn erklärten
die jüdischen Philosophen des Mittelalters, angefangen mit Maimonides, eine
bekannte Legende im Midrasch Bereschit (Genesis) Rabba: "Und es ward Abend
und es ward Morgen". Nach Rabbi Abbahu ist daraus zu schließen, dass Gott
Welten erschuf und wieder zerstörte, bis er endlich diese erschuf. Der Satz
"und es ward Abend und es ward Morgen" deutet an, dass es offenbar noch
andere Welten vor der jetzigen gab, doch diese Welten wurden von Gott
vernichtet, weil sie nicht seinen Vorstellungen entsprachen. "Gott sprach
nämlich: 'diese gefällt mir, jene gefällt mir nicht'."
Noch nicht vollkommen, aber
schon jetzt
die beste aller möglichen Welten...
Man kann diese Aggada
ganz konkret verstehen. Manche modernen Denker sehen in ihr tatsächlich
einen Hinweis auf neuere Hypothesen zum geologischen Entstehungsprozess der
Erde, soweit er sich naturwissenschaftlich erklären lässt. Das hat jedoch
nichts mit dem Verständnis unserer mittelalterlichen Philosophen und ganz
besonders der Auffassung von Maimonides zu tun. Maimonides und seine
Anhänger lasen diese Legende nicht als Bericht über etwas, das in der
äußeren Welt geschieht, der Welt vor unseren Augen, sondern als Zeugnis
eines inneren Prozesses, der sich gleichsam in Gottes Denken abspielte. Es
standen sozusagen verschiedene Projekte zur Wahl. Die Worte "dass Gott
Welten erschuf und wieder zerstörte" beziehen sich auf die verschiedenen
Möglichkeiten, die sich dem göttlichen Architeken eröffneten. Es gab
zahlreiche mögliche Welten, doch Gott "zerstörte" sie alle bis auf eine und
blieb bei dieser einen Welt. All die Welten, die zerstört wurden — all die
Pläne, die, um im religiösen Sprachgebrauch zu bleiben, wieder verworfen
wurden —, sind alternative Entwürfe, doch sie sind schlechtere Alternativen
als die existierende Welt. Damit haben wir es mit einer klaren Entscheidung
Gottes zu tun. Ebenjener Rabbi Isaac Arama, Verfasser der Akedat Jizchak,
bringt es auf den Punkt: "Denn seine Kenntnis aller Seiten bedeutet -
Aufbau, seine Entscheidung zu Gunsten der Seite, die ihm als die beste
erscheint, bedeutet die Zerstörung der anderen Seite."
In seiner mittelalterlichen Sprache macht uns Rabbi Isaac Arama plastisch
deutlich, dass wir es mit einer unüberschaubaren Zahl von Möglichkeiten zu
tun haben, zahlreichen Welten, die zerstört, das heißt verworfen wurden, und
nun mit unserer ureigenen Welt dasitzen, einer Welt, die in den Augen dieses
eingeschränkten Optimismus zwar nicht vollkommen ist, aber immer noch die
beste der möglichen Welten.
---
Die Rechtfertigung G'ttes
und die vollkommene Gesellschaft
Wenn wir es dabei
bewenden ließen, dann wären wir in derselben Position wie der König, der auf
die Bitte des kleinen Prinzen (Le petit prince von Antoine de Saint-Exupéry)
antwortet, er könne ihm nicht jetzt gleich einen Sonnenuntergang
verschaffen. Er musste zuerst seine astronomischen Tabellen konsultieren, um
dann in Übereinstimmung mit ihnen diesem speziellen Stern Anweisung geben zu
können unterzugehen.
Bis dahin, so scheint
es, haben wir es mit der klassischen aristotelischen Auffassung von der
Begrenztheit der göttlichen Macht zu tun. Sie ist wie (in vorherigen
Kapiteln des Buches) bereits gesagt nicht die Auffassung von Maimonides, und
an dieser Stelle müssen wir unserer bisherigen Darstellung seines Ansatzes
ein weiteres Mosaiksteinchen hinzufügen. Dieses Detail führt uns in Neuland.
Wir haben erfahren, wie
uns die Auseinandersetzung mit dem Problem von Gut und Böse in Bereiche
verschlagen hat, die scheinbar weit vom Wege lagen, etwa in einen Streit um
den Daseinszweck der Welt überhaupt, in die Diskussion über ethische Fragen
und die Frage nach der göttlichen Vorsehung, die wir an den Anfang dieses
Buches gestellt haben, und schließlich stießen wir auf Fragen, die man als
Vertrauensfragen an Gott bezeichnen könnte: Wie soll ich leben und was darf
ich vom Leben erwarten? Der Aspekt oder Seitenweg, mit dem wir uns nun
befassen wollen, wird in der philosophischen Terminologie als Theodizee
bezeichnet. Der Begriff steht dem jüdisch-halachischen Terminus Zidduk
Ha-Din (die Rechtfertigung von Gottes Ratschluss) nahe, nur steht hier
nicht die Rechtfertigung von Gottes Ratschluss zur Debatte, sondern
die Rechtfertigung Gottes selbst. Und genau hier liegt der
Unterschied zwischen dem philosophischen und dem halachischen
Sprachgebrauch.
Der Stellenwert des Bösen und
des Guten
Es geht um die Frage,
welchen Stellenwert das Böse und das Gute vom kosmischen oder theologischen
Standpunkt aus einnehmen und wie beide ihren Ursprung in Gott haben können.
Damit berühren wir ein weiteres Problem, das eng mit dem von Gut und Böse
verquickt ist: das Problem der Erlösung. Man könnte die beiden Aspekte
allerdings auch an einander entgegengesetzten Polen lokalisieren — auf der
einen Seite Gut und Böse und auf der anderen, am diametral entgegengesetzten
Ende, die Erlösung. Was aber ist eigentlich die Bedeutung von Gut und Böse?
Wir befinden uns hier möglicherweise in einer ähnlichen Situation wie Adam
und Eva und essen vom Baum der Erkenntnis.
Exegetische Fragen
sollen zunächst einmal außen vor bleiben; wir werden uns an späterer Stelle
genauer mit der Geschichte vom Garten Eden befassen. Fürs Erste halten wir
uns einfach an eine der möglichen Bedeutungen dieser Geschichte. Wir essen
Früchte, in denen sich Gut und Böse mischen. Wir empfinden Freude und
Schmerz. Der Durchschnittsleser wird wohl kaum ein so radikaler Pessimist
sein wie Schopenhauer noch ein solch naiver Optimist, wie ihn Voltaire in
"Gandide" vorführt. Er weiß, dass wir alle unser Päckchen zu tragen haben,
und ist sich im Klaren darüber, dass man seine Last nicht mit einem anderen
tauschen muss oder tauschen möchte. Unser Leben ist im Allgemeinen von einer
Mischung aus Gut und Böse geprägt.
Im Gegensatz zu dieser
mehr oder weniger ausgewogenen Mischung gibt es aber auch noch eine andere
Vorstellung, die in einer ganzen Reihe von Quellen vorkommt, besonders in
Birkat ha-Mason: "ein Tag, der ganz gut ist". Die Rede ist von einer Welt,
die ganz und gar gut ist, von einer Vision, die den Triumph über das Böse
und sein endgültiges Verschwinden erschaut. Das ist, auf das Wesentliche
reduziert, das Konzept der Erlösung oder des Heils.
Unser Verständnis von
Gut und Böse in der Welt ist also letztlich mit zwei Begriffen verknüpft: a)
dem Begriff der göttlichen Vorsehung, dessen tiefste Bedeutung ist, dass
Gott Macht über das Böse im täglichen Leben hat; b) und noch stärker mit dem
Gedanken der Erlösung, des Sieges über das Böse am Ende der Zeit. Wenn wir
von der besten aller möglichen Welten sprechen, dürfen wir darüber nicht
vergessen, dass selbst die beste aller möglichen Welten keine vollkommene
Welt ist. Und wir können den Gedanken und den Traum von der Vollkommenheit
fortspinnen, von einer Wirklichkeit, in der, um die Worte des Propheten (Jes
25, 8) in leicht abgewandelter Form zu gebrauchen, er (Gott) das Böse im
Sieg verschlingen wird — einer Realität, in der das Böse nicht mehr
existiert.
Wenn wir versuchen
wollten, einen Katalog der verschiedenen Vorstellungen von Erlösung zu
erstellen, müssten wir, wie ich einmal in einem Artikel ausgeführt habe, mit
einem Katalog der möglichen Anfechtungen anfangen. Wer sich mit dem Gedanken
der Erlösung intensiver auseinandersetzt, wird schnell merken, dass er es
hier nicht mit einem einzigen, gut bündelbaren Problem, nicht mit dem
Material für ein Seminar zu tun hat, sondern mit einer ganzen Bibliothek,
einem Lebenswerk. Der Gedanke der Erlösung ist so komplex und vielgestaltig,
dass man sich auf einen bestimmten Blickwinkel beschränken muss. In einem
der früheren Kapitel habe ich eine Einteilung in drei Ebenen vorgeschlagen,
in denen das Böse wirkt und Macht hat: die kosmische Region, die Region der
Geschichte und die Region des persönlichen oder individuellen Lebens. Im
Folgenden möchte ich versuchen, den Gedanken der Erlösung im Hinblick auf
ebendiese drei Bereiche zu erörtern.
Im Bereich der
Geschichte stoßen wir auf nationaler und internationaler Ebene auf das
Böse, auf das Leiden des Volkes Israel wie auf die Leiden der ganzen
Menschheit. Daneben steht die kosmische Region, in der das Böse in
Gestalt von Krankheit und Tod die ganze Welt des Lebendigen im Würgegriff
hält. Und schließlich ist da der Bereich des Individuellen, das
Leiden jedes einzelnen Menschen. Interessanterweise geht Maimonides nicht
von der Möglichkeit einer kosmischen Erlösung aus. Er glaubt oder erwartet
nicht, dass es zu Änderungen in der Ordnung der Natur kommen wird, wie Gott
sie geschaffen hat. Er denkt nicht an eine Welt, in der die Menschen nicht
mehr sterben müssen, aber er träumt mit der Gewissheit des Gläubigen von dem
Tag, an dem die Menschheit zur Fülle ihrer geschichtlichen Entwicklung
gelangen wird. Das ist das Herzstück von Maimonides' Vorstellung vom Ende
der Zeit.
Natürlich gibt es auch
den persönlichen eschatologischen Gedanken vom Weiterleben der Seele des
einzelnen Menschen und vom künftigen Leben. Neben diese individuelle Vision
setzte Maimonides jedoch wiederum eine historische:
Die
Menschheitsgeschichte als Ganze muss sich erfüllen. In gewissem Sinne sah
Maimonides in der Erlösung das Ende des Schöpfungsprozesses. In dem
Augenblick, in dem die ideale Gesellschaft entstanden ist, wird der
Schöpfungsprozess abgeschlossen sein. Wir sind lediglich ein Produkt der
Anfangsstadien seines gestalterischen Wirkens. In der menschlichen
Gesellschaft unserer Zeit haben wir es immer noch, wie wir bereits
feststellten, mit der Herrschaft des Irrationalen, des Verbrechens, der
Korruption und der menschlichen Dummheit zu tun. Doch der Tag wird
kommen, an dem wir die letzte Stufe unserer Entwicklung erreichen und eine
gerechte und vollkommene Gesellschaft bilden, in der kein Mangel mehr
herrschen wird, und zwar nicht nur im einfachen Sinn dieses Wortes, sondern
in seiner sublimsten Wortbedeutung. Es wird kein Mangel an Brot sein,
aber auch kein Mangel an Wissen. Dann wir der Mensch zur Entfaltung all
seiner Möglichkeiten gelangt sein. Er wird im Stande sein, sich selbst
vollständig zu verwirklichen, und das Ideal des Menschseins erreicht haben.
Das ist Maimonides' Vorstellung von der Erlösung in der Geschichte.
---
Der uneingeschränkte Optimismus:
Es gibt Vollkommenheit und es gibt die Fähigkeit zur Vervollkommnung
Von diesem Ansatz der
klassischen jüdischen Philosophie aus möchte ich noch einmal ein paar
Jahrhunderte über springen und meine Leserinnen und Leser einmal mehr mit
nehmen zu Raw Abraham Isaac Kook. Wie ging Raw Kook, der von der Kabbala und
vom Chassidismus geprägt war, dabei aber anderen zeitgenössischen Ansätzen
jeder Spielart durchaus offen gegenüberstand, mit dieser klassischen
Position um?
Wir haben gesehen (in
früheren Kapiteln des Buches), dass Maimonides das Böse und Satan als Null
ansetzt, eine Privation, ein Problem, mit dem uns unsere materiegebundene
Existenz konfrontiert. Das ist der optimistische Standpunkt, dem wir die
pessimistische Auffassung gegenübergestellt haben.
Raw Kooks Aussage zu
diesem Punkt mag im ersten Moment befremdlich erscheinen, enthält jedoch
eine tiefe Wahrheit. In Orot Ha-Kodesch, Teil zwei, schreibt er: "Wir werden
in der Existenz des Bösen im Universum, sei es nun ein überindividuelles
oder ein individuelles Böses, sei es ethischer oder praktischer Natur, ganz
gleich in welchem Gewand es uns auch begegnen mag, wenn wir es im Ganzen und
im Detail betrachten, immer eine Ordnung finden, ein organisches Ganzes,
einen Aufbau, sodass es nicht als zufällig bezeichnet werden kann."
Auch wenn es vielleicht
ein wenig Mühe kostet, so lohnt es sich doch, Raw Kooks Worten wirklich
nachzudenken. Wenn wir das Böse anschauen, sei es nun das Böse im
Allgemeinen oder das Böse im Einzelschicksal, das moralische Böse — das
Böse, das der Mensch tut, oder das praktische Böse — das Böse, das der
Mensch erleidet —, in jedem Fall tritt uns eine Ordnung, ein organisches
Gefüge und etwas Strukturiertes entgegen. Es geht Raw Kook darum, deutlich
zu machen, dass "die andere Seite" oder das Böse kein bloßer Zufall ist. Es
tritt uns als etwas Wirkliches vor Augen, das praktisch gleich aufgebaut ist
wie das Gute. Wir haben festgestellt, dass die optimistische philosophische
Sichtweise in der Welt einen Aufbau wahrnahm, der gut ist. Neben diesem
geordneten Bereich wuchert der Zufall, und in solch zufälliger Weise
erscheint auch das Böse in der Welt. Ganz anders hier. Nach Raw Kook müssen
wir erkennen lernen, dass wir mit dem Bösen in seiner vollen
Strukturiertheit und Effektivität konfrontiert sind.
Steht es so, so steht es
offenbar schlimm. Doch an dieser Stelle spüren wir gleich auch etwas von der
paradoxen Seite Raw Kooks. Er macht im Folgenden klar, dass das Böse im
Sinne von Maimonides ein Übel ist, das wir letztlich nie ganz werden
abstreifen können. Es ist eine Privation, die nicht einmal am Ende der Tage
völlig verschwinden wird. Raw Kook dagegen träumte, wie viele Philosophen
und Kabbalisten, die sich mit Maimonides' eingeschränktem Optimismus nicht
zufrieden geben wollten, von einer Welt, in der wirklich alles gut sein
wird, einer Welt, in der wir sogar das kosmische Böse überwinden werden, das
gleichsam in unsere Welt integriert ist. Sie träumten von einer Welt, in der
der Satz "der Wolf wird neben dem Lamm liegen" keine bloße Allegorie im
Blick auf die politischen Beziehungen zwischen verfeindeten Staaten ist,
sondern in der die Natur wirklich verwandelt wird.
Die Aufgabe zur
Vervollkommnung der Welt:
Tikun Olam
Nach Ansicht von Raw
Kook machen wir aus dem Bösen, solange wir es uns nur als eine Privation,
als einen Zufall denken, etwas, mit dem wir immer werden leben müssen. Für
ihn selbst ist das Böse dagegen eine Realität, allerdings eine Realität, die
verschwinden kann und ausgelöscht wird, wenn die Welt ihrer Vervollkommnung
entgegengeht. Raw Kooks Hauptthese spiegelt das kabbalistische und das
chassidische Denken, mit dem wir uns später noch intensiver auseinander
setzen werden. Sie läuft darauf hinaus, dass es zwei Dinge in der Welt gibt:
Es gibt Vollkommenheit — das ist Gott —, und es gibt die Fähigkeit zur
Vervollkommnung, etwas, das darauf abzielt, vollkommen zu werden, und
vollkommen werden möchte. Lassen Sie uns an dieser Stelle noch einmal zu
unserer Legende von Rabbi Abbahu zurückkehren. Für Maimonides besagte die
Legende, dass Gott sich für die beste aller möglichen Welten entschieden
hat. Der Denkansatz, dem wir uns hier anzunähern versuchten, sieht das
anders. Gott hat nicht die beste aller möglichen Welten gewählt. Er hat
vielmehr ganz bewusst eine Welt gewählt, die nicht vollkommen gut ist, die
noch nicht zur Vollkommenheit gelangt ist, damit die Menschen die
Möglichkeit haben, sie in eine vollkommenere Welt zu verwandeln. Der
Kosmos enthält ein gewisses Maß an Unvollkommenheit, ohne das die
Wirklichkeit nicht vollkommen ist. Es ist eine Welt, die erst "vollkommen
wird". Die Möglichkeit, vollkommen zu werden, ist ihr inhärent, und unsere
Aufgabe ist es, dazu beizutragen, denn wir allein sind im Stande, sie besser
zu machen.
Die Verbesserung dieser
Welt wird so zur Aufgabe des Menschen, einer Aufgabe, vor die wir noch immer
gestellt sind. Diese Welt ist zugegebenermaßen nicht die beste aller
möglichen Welten, aber sie ist eine gute Welt, weil es eine letzte Stufe
gibt, einen Zielpunkt, auf den wir zustreben und dem wir immer näher kommen
können, und an diesem Punkt wird der Tod für immer ausgelöscht sein.
(Aus dem V.Kapitel des
Buches "Von der Macht des Bösen", von Shalom Rosenberg -
Zwischenüberschriften und Hervorhebungen haGalil onLine)
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise,
nur mit Genehmigung des Verlages gestattet.
Midrasch Bereschit
Rabba. Ins Deutsche übertr. v. Lic. Dr. Aug. Wünsche. S. 53.
[DISKUSSION]
Rosenberg,
Shalom
Von der Macht des Bösen
Eine Reise zu
den Abgründen Gottes
Pb., ca. 144 Seiten, Format: 14,5 x 22 cm
Preis DM 39,90/ öS 291,--/ sFr 36,80/ Euro[D] 19,90
[Bestellen]
ISBN: 3-934658-15-6
Wenn es einen Schöpfergott gibt, und dieser
gut ist, woher kommen dann die Übel: Krankheit, Krieg und Kummer? Shalom
Rosenberg stellt die Frage nach dem Problem des Bösen in der Welt.
Rosenberg erzählt auf spannende Weise die gegensätzlichen Antworten, die Bibel,
rabbinische Literatur, mittelalterliche Religionsphilosophie, Kabbala,
Chassidismus und das heutige Denken nach der Schoah geben.
Eine leicht lesbare erzählerische Einführung in dieses existenzielle Problem des
jüdischen Denkens.
- Jahre der Hoffnung:
Die Geschichte von
G‘tt und der Welt
- BeReschith bara Elohim...
Das Gute und das
Böse
- Ej Hewel Achikha?
Jenseits von Eden
Zum Inhaltsverzeichnis:
Jahaduth
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