Neila ist voller Bilder der Endgültigkeit: Die Tore, die geschlossen
werden, das Buch, das gesiegelt wird, das Urteil, das Israel und der Welt
ausgehändigt wird. Alle äußeren Bilder im Neila-Gottesdienst umschreiben eine
Dringlichkeit, eine Entscheidungssituation, eine letzte Chance, in eine
Sicherheit zu fliehen. Es ist, als sähen wir tausende von Seelen, die zu den
sich schließenden Türen strömen und verzweifelt versuchen, noch hineinzukommen,
bevor die Türen zuschlagen.
Dies ist ein Teil der Wahrheit dieser letzten Momente des Jom Kippur - und
doch gibt es auch noch eine andere, eine innere Dimension. Denn da gibt es auch
ein Gefühl von Erleichterung, von Ruhe und Gewissheit. Denn wenn Israel seine
Aufgabe heute erfüllt hat, wird auch Gott das tun, was Gott durch die
Jahrhunderte hindurch immer wieder neu verheißen hat: „Auf dein Wort hin habe
ich vergeben" (Num 14,19-20). Denn dies ist der weiße Fasttag, nicht der
schwarze. Es ist eine Zeit der Freude über die Gewissheit der Versöhnung und des
Nach-Hause-Kommens.
Für wieviele Menschen gibt es keine Erleichterung, keine Linderung des Leids,
kein Gefühl, eine Reise gut hinter sich gebracht zu haben und jetzt nach Hause
zu kommen. Wir sind von unserem inneren Leben, von dem inneren Leben unserer
Tradition so entfremdet, dass diese jährliche Inszenierung zu wenig bringt und
zu spät kommt, vielleicht zu spät. Vielleicht ist es wahr, dass es mehr darauf
ankommt, was du mitbringst, als darauf, was du mitnimmst. Aber dabei wird oft
vorausgesetzt, was man mitbringen solle, seien die formalen Maßstäbe der
Beachtung der Regeln, der Glaubenspraxis und die Beachtung jüdischer Formen, und
allein diese machten die Reise erst möglich.
Es ist wahr, dass sie für viele der Weg sind, aber es gibt kein Leben ohne
seine Verpflichtungen, ohne seinen Kampf um Werte und seine Suche nach Sinn. In
der heutigen, bruchstückhaften Welt, wo wir von den Resten unserer Tradition
leben, als Teil des Restes unseres Volkes, ist es nicht leicht zu wissen, worin
die Wahrheit unserer jüdischen Aufgabe besteht. Doch wir sollten uns nicht von
Gefühlen des Augenblicks betrügen lassen - oder sogar von der Abwesenheit
solcher Gefühle.
Denn die Reise durch den Jom Kippur war eine wirkliche Reise, eine Reise, die
wir nicht danach beurteilen dürfen, was wir an ihrem Ende fühlen, sondern
danach, wie wir unser Leben in den folgenden Tagen, Wochen und Jahren führen,
nach dem der letzte Schofar-Ton nicht nur die höchsten Höhen des Himmels
durchdrungen hat, sondern auch die tiefsten Tiefen unserer Seelen.