Jom Kipur:
Das jährlich wiederkehrende himmlische Gericht
-
Ein Fest der Läuterung
-
Ritual und Gebet
-
Umkehr und Vergebung
-
Viduj und Ne'ilah
Fest der Läuterung
Stille, weiße Bekleidung,
statt lederner schlichte Schuhe aus Stoff und eine ehrfürchtige Stimmung gehören
zu dem Tag, an dem jeder um die eigene Reinheit vor Gott ringt. Auch wer das
ganze Jahr nicht in die Synagoge geht, kommt an diesem Abend, um »mit den
Sündern« zu beten. Das Licht vieler Kerzen, weiße, silberdurchwirkte Vorhänge
und Decken schmücken die Synagoge.
In diesem Licht, in dieser Stille,
beginnt die Weihe des höchsten Festes, erklingt das Gebet, das nur am Vorabend
des Jom Kippur vorgetragen wird:
Kol-Nidrej.
Man fleht, daß die Worte aufsteigen
mögen, daß Er die Stimme höre, Gebet und Bekenntnis wohlwollend aufnehme.
Die osteuropäischen Chassidim legten
besonderen Wert auf Hingabe und innige Ausrichtung im Gebet. Ein aufrichtig
Betender war auch derjenige, der mit Gott haderte.
Die Hemmung
Am Vorabend eines Jom Kppur machte er
sich bereit, Kol Nidrej zu sagen, hüllte sich in den Tallit, stellte sich
vor die Lade, verharrte aber in Schweigen. Ein Schauer ergriff die Gemeinde, die
Sonne war untergegangen, Nacht war es in der Welt, die Kerzen flackerten, doch
Rabbi Levi Jizchaq schwieg.
Nach einer geraumen Weile wendete er sein Antlitz zur Gemeinde und fragte: »Ist
Berl, der Schneider, im Bethaus?«
Man hielt Umschau und meldete ihm:
»Nein!« Da sprach der Rabbi zu seinem Diener: »Geh hin und sag, ich hätte
befohlen, daß er ins Bethaus kommen soll!«
Der ging und kam mit ihm.
Der Rabbi redete ihn an: »Berl, warum hemmst Du den Aufstieg der Gebete an
diesem heiligen Abend?« Berl erwiderte: »Ich habe einen Rechtsstreit mit Gott.
Würdet Ihr, heiliger Rabbi, das Richteramt annehmen, dann will ich die Gebete in
ihrem Aufstieg nicht hemmen!«
»Leg mir den Rechtsstreit vor!« sagte der Rabbi.
Berl hub zu erzählen an: »Vor einigen
Wochen schickte der Gutsherr von Janoschkowitz um mich, daß ich ihm einen
Reisepelz mache. Er übergab mir eine große Anzahl von Wieselfellen, denn der
Pelz sollte breit und lang sein. Ich stellte den Pelz fertig, breit und lang,
und ersparte dennoch zehn Wieselfelle; Ihr wißt doch, Rabbi, daß mich Gott mit
vielen Kindern gesegnet hat und daß ich auch eine Tochter zum Verheiraten habe.
Nun zerbrach ich mir den Kopf, wie ich die Felle nach Hause bringe, daß man im
Hofe nicht darauf komme. Endlich kam mir ein guter Gedanke: ich hatte vom
Gutsherrn ein großes Brot geschenkt bekommen. Ich machte es hohl und versteckte
die Felle darin, legte das Brot in einen Sack und ging nach Hause.
Ich hatte bereits eine Meile hinter mir,
als ich den Galopp von Pferden vernahm. Mein Herz pochte stark, denn ich
fürchtete, daß die Sache entdeckt sei, und beeilte mich, das Bündel in einem
hohlen Baum zu verstecken. Und nun wartete ich. Bald rollte der herrschaftliche
Wagen heran und Jasik, der gräfliche Kutscher knallte mit der Peitsche: 'He,
Berko, zurück!' Ich erschrak: 'Die Wieselfelle!' dachte ich und kehrte um. Doch
das Ganze war nicht der Rede wert: ich hatte vergessen, einen Hänger anzunähen.
So nähte ich den Hänger an und ging wieder nach Hause. Als ich aber an jene
Stelle kam, da fehlte das Bündel. Finster ward es um mich, ich legte mich hin
und weinte bitterlich in meinem großen Schmerz. Ich sagte mir: 'Gott hat es
getan, weil es ihm mißfiel, daß ein Jude, ein Glied seines auserwählten Volkes,
stehle.' Nun dachte ich: ihnen, den Bauern, erlaubt er zu stehlen, uns Juden
verbietet er es. Da will ich ihm zeigen: ich werde nicht mehr zu den
'Auserwählten' gehören. So sann ich im Herzen.
Als ich nach Hause kam, empfing mich mein
Weib liebevoll und sprach: 'Berl, wasch Dir die Hände und setz Dich zu Tisch!'
Ich nahm aber Speise und Trank, ohne mich zu waschen, unterließ es auch, den
Segen zu sprechen. Seit jenem Tage habe ich nicht gebetet und kein Gesetz
beobachtet. Es kamen die
Slichah-Tage
— ich machte mir nichts daraus. Zu Neujahr
brachte ich es über mich, nicht in die Synagoge zu gehen, und unterließ es auch,
das Blasen des Schofar zu hören. Ich war fest entschlossen, die
'Auserwählte Gemeinschaft' zu verlassen und zu 'ihnen' zu gehen. Doch es kam der
heilige Tag, der Versöhnungstag. Ich dachte:
'Heute muß ich ihm verzeihen, vergibt
doch auch er die Sünden, die man gegen ihn begeht'. Aber ich stellte eine
Bedingung: Ich verzeihe nur, wenn er allen Missetätern, ohne Ausnahme, und mag
ihre Schuld noch so schwer sein, verzeihen wird. Ich sprach zu Gott: 'Vergibst
Du alle Sünden, dann will ich auch Dir die gegen mich begangene Sünde vergeben,
wenn nicht, dann verzeihe ich auch nicht.' Und nun bitte ich Euch, heiliger
Rabbi, zu entscheiden, ob ich recht habe oder nicht.«
Rabbi Jizchaq überlegte eine Weile, dann
rief er mit Inbrunst: »Das Recht ist bei Dir! Das Recht ist bei Dir!«
Dann stimmte er das
Kol-Nidrej an - und noch nie
rief er den Satz: »Und Gott sprach: 'Ich habe vergeben!'« mit so großer Inbrunst
wie an jenem Jom Kipur-Abend.
>> weiter:
Ritual und Gebet
Rosch haSchanah und Jom Zom Kipur

Click!
|