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[Pessach-Entrance]
Gedanken zu Pessach:
Es führt ein mühsamer Weg ans Licht
von Rabbiner Pinchas Paul
Biberfeld
Die g'tliche
Vision des Propheten Jecheskel (G'T blickt herab auf sein unmenschlich
gequältes Israel in Ägypten): »Da ging ich an Dir vorüber und sah Dich wälzend in Deinem Blute, und sprach
zu Dir: In Deinem Blute - lebe! ... Du gingest umher im schönsten Reiz ...
aber Du warst unbedeckt und bloß.«
Unser
Talmud-authentischer Bibelinterpret - erklärt die Vision so: Im Moment des
Exodus war Israel unbedeckt und entblößt. In unserer mystisch-allegorischen
Zeichensprache werden die Mizwot, die Gebote G'Tes, Kleider benannt. Die
jüdische Nation - war bloß, bar von Mizwot! Er konnte
sie nicht erlösen ohne dieses Lösegeld - Mizwot maasiot,
positive Tatengebote!
Es erhebt sich wie
von selbst die Frage: Israel hatte während mehrerer Jahrhunderte unsägliche
Qualen und Todesmartern erlitten, und die Tora bezeugt persönlich
(Exod. 4,31): Wajaamin ha-Am - und das Volk glaubte warum
waren sie denn der himmlischen Beurteilung nicht reif zur Erlösung? »...
und sprach zu Dir: In Deinem Blute - lebe!«
Gemeint ist: Das Blut
der Mila, der Beschneidung und das Blut des Korban (Opfer)
Pessach-Lammes dessen Blut sie an die Türpfosten streichen mußten. Diese
beiden Mizwot erfüllten sie unter Hingabe und Aufopferung in der
Seder-Nacht. Bei der Circumcision ist das einleuchtend, aber auch das
Blut am Türpfosten war eine eklatante Provokation gegen das ägyptische
Wirtsvolk, für die das heilige Lamm heidnisch-g’tliche Immunität
besaß. Es war eine höchst riskante messirus nefesch, etwa zu
vergleichen mit jemandem der in den Vatikan eindringt und alle religiösen
Embleme dort zerschmettert. Das mag der Sinn obiger Worte sein. 200 Jahre
Leidensexil und Gläubigkeit - aber ohne Erfüllung von Tatgeboten war Jisroel
nicht reif zur Ge'ulla.
In den vergangenen
Assimilationsperioden hörte man oft die billige Phrase: »Ich halte keine
Gebote, aber ich trage das Judentum im Herzen«.
Hierzu ein Gleichnis:
Ein Patient lag im Spital, eine bösartige Krankheit hatte fast alle seine
Organe angegriffen oder zerstört, nur das Herz arbeitet noch gut. Da fragte
seine Frau den Oberarzt: »Wie ist die Lage des Patienten?« Der Arzt,
um keine Lüge zu sagen, antwortete: »Das Herz arbeitet gut.«
Die Tora fordert von
uns, da wir Ihm dienen mit allen Gliedern und Organen unseres Körpers, dann
werden wir mit G’Tes Hilfe bald würdig sein zur großen Erlösung. Wenn wir
das glückliche Privileg haben, mit Familie, Kindern und Kindeskindern um die
feierliche Seder-Tafel zu sitzen, mögen wir uns vor Augen halten: Dank einer
langen, langen Ahnenkette von Ur- und Urgroßvätern, die bereit waren, für
Tora und Mizwot freudig auf den Scheiterhaufen zu schreiten, hat unser Volk
allen Anstürmen getrotzt und in ihrem Schatten feiern wir das Fest.
(Denken wir nur an Marranen, jene Scheinchristen im Spanien der Inquisition,
die versteckt im Keller todesängstlich den Seder abhielten).
Wir können G’T sei
Dank in Freiheit und Freude dieses biblische, nationale Frühlings- und
Erlösungsfest abhalten. Aber auf uns liegt die heilige Pflicht, die goldene
Kette der Generationen weiter zu schmieden. Das Herz soll jüdisch schlagen
aber auch der Kopf und die Hand (Tefillin), der Magen und Leib (Kaschrut)
soll von jüdischem Tora-Geist getragen und durchdrungen sein. Rettet nicht
die Tora! Rettet uns und unsere Kinder für die Tora! Nur ein ganz von Tora
und Mizwot erfülltes Leben - Schabbat keHalacha, Kaschruth und
Festtage - wird den kommenden Doroth, einen schönen Seder
garantieren. Groß, gewaltig groß liegt auf Euren Schultern die
Verantwortung! Denkt an den Patienten mit dem gesunden Herzen!
Die Mischna in
Pessachim
(Perek X) beschreibt das Redaktionsprinzip der Haggada folgendermaßen: Matchilim bigendut umesajmim beschewach, das bedeutet: In der
Darstellung des geschichtlichen Ablaufs von Exil und Erlösung stellt die
Haggada die unangenehmen Tatsachen immer vor den positiv-erfreulichen, z.B.
Awadim hajinu, wir waren Knechte in
Mizrajim bis Er uns erlöste -
oder - ursprünglich waren es unsere Ahnen, bis Er uns zum wahren Glauben
hinzog.
Hierzu bemerkt der
Maharal, der hohe Rabbi Löw von Prag (nach einer Legende wurde er berühmt
als Schöpfer des Golems), daß dieses Prinzip auch ein Geheimnis der
Schöpfung und der Natur in sich birgt. So wie man ein Saatkorn in die Erde
versenkt, so sprießt im finstren Schoß der Erde, inmitten faulendem
Blätterwerks und Dünger, aus diesem trüben Grund ein Baum hervor, gekrönt
und geschmückt mit Blättern, Blüten und Früchten. So ist auch unser
Lebensgang und Entwicklung des einzelnen Individuums - durch Leiden,
Straucheln und Misserfolg gelangen wir zu schöpferischen Errungenschaften
von Licht und Befriedigung. Würde der Mensch an das geistige Endziel seiner
Wünsche - nenne es Gan Eden oder Olam Haba - ohne den Weg der
Mühsal gelangen, dann wäre der ganze Komplex von jenseitiger Belohnung in
der kommenden Welt Lechem Chessed – Gnadenbrot (Nahama di kessifa).
Alle Skepsis, die
sich fast in jedem Glauben mischt, sie ist ebenso notwendig auf dem Weg zum
reinen Glauben - so lang wir in unserer dualistischen Koexistenz von Seele
und Körper leben. Im Moment, wo wir von allen Zweifeln, Leiden und geistiger
Mühsal befreit wären, würden wir auch aufhören Menschen zu sein und uns in
die Stufen der Engel verwandeln. Von hier aus auch eine Erklärung für das
Erscheinen der Zeichendeuter und Zauberer im alten Ägypten ihr relativer
Erfolg gegen Mosche Rabbenu. Wäre sie nicht da - Glaube ohne Skepsis - so
wäre dies der Anbruch des messianischen Zeitalters, jener Zeit, von der
gesagt wurde, es kommen die Tage ohne Lust am Leben. Die Zweifel wurden nur
geschaffen, damit wir sie überwinden. Zu allen Zeiten und überall, neben jedem Mosche Rabbenu muß in irgendeiner
Form der falsche Prophet oder Zauberer erscheinen. Der Satan - seine
Absicht ist positiv -, sagten unsere Weisen, er handelt im Auftrage des
Herrn und er will von uns überwunden werden, damit wir unseren himmlischen
Lohn zu Recht erarbeitet haben. »Der Mensch kann nicht erschauen solange er lebt.«
So wenig wir in die
Sonne blicken können, so wenig kann unsere Seele den g'tlichen Glanz
erschauen ohne den Dunkelschleier der Skepsis und der Mühsal. Neben jeder
Offenbarung muß ein Verdunklungsschleier liegen. In der
religionsphilosophischen Literatur wird das genannt, das Gleichgewicht der
Willensfreiheit, Offenbarung und Verhüllung. Die Männer der großen Versammlung beteten zu G'T, da Er den Lusttrieb
zum Götzendienst den Menschen abnehmen möge, denn sie konnten nicht länger
seinen Verlockungen widerstehen. Da wurden sie vom Himmel beschieden: Dann
müssen wir zum Ausgleich die Prophetie von Israel wegnehmen, damit das
Gleichgewicht nicht gestört sei und die Männer der Versammlung stimmten zu.
So lange wir zusammengesetzt sind durch Körper und Seele, sind wir auf
diesen Weg angewiesen.
Matchilim
biGenut
- Welt der Mühsal, Scherarbeit und Enttäuschungen umesajmin beSchewach
- die Welt des Ewigen Lichtes, die kommende Welt des Gan Eden und das
Olam Haba.
(aus: Jüdische Zeitung,
6. April 1987) in: © Chaim Frank
(hrsg.) Rabbiner Pinchas Paul Biberfeld: Kommentare. Biographische
Notizen, Erinnerungen und Anekdoten; München, 1998
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