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[BESTELLEN] Die Hetzkampagne gegen Jitzhak Rabin in Israel mochte noch so roh und schrill sein - verglichen mit der Kampagne in den USA, die sich gemeinhin eines zivilen Umgangstons im politischen Streit rühmen kann, konnte sie einem fast maßvoll vorkommen. Aus Kapitel 5: Es beginnt mit Worten: Nach außen hin, vor dem Kongress und der allgemeinen Presse, zeigten die Gegner Rabins noch eine gewisse Zurückhaltung, dies galt aber nicht in den "eigenen Reihen". ... Fortsetzung von Teil
3
» Vor ihren eigenen Gemeinden schlugen die führenden
Vertreter der Orthodoxen und Rechten jedoch ganz andere Töne an.
Beispiele für solche Brandreden gibt es genug. Der World Likud (ein
Ableger der israelischen Partei) überschwemmte orthodoxe Synagogen
in Brooklyn und Miami mit Flugblättern, auf denen die israelische
Regierung angegriffen wurde. Während die Gemeinderabbiner ihre Offensive vorantrugen, achteten sie sorgfältig darauf, ihre Flanken zu schützen. Den IDF-Offizieren, die nach Amerika geschickt wurden, um die Umsetzungsschritte des Osloer Abkommens zu erläutern, verwehrten sie den Zutritt zu ihren Synagogen. Die Mitglieder ihrer Gemeinden, so die Rabbiner, seien der gegenwärtigen israelischen Regierung nicht gewogen, und sie könnten daher nicht für die Sicherheit der Offiziere einstehen. Wenigstens ersparten sie den Militärs die Demütigung ihrer diplomatischen Weggefährten: Talia Lador etwa, Konsul für Öffentlichkeitsarbeit in New York, wurde bei der Eröffnung der Jerusalemwoche in Queens mit den Rufen «Verräter» und «Nazi» empfangen.
Auch Colette Avital kam bald unter Sperrfeuer. So
beschimpfte man sie am Telefon als «Nazi» und drohte, sie zu
«erledigen». Hörer, die bei Zev Brenners Radioshow «Talkline»
anriefen, bezeichneten sie als «Feind Israels» und «Verräterin, die
vor Gericht gestellt werden sollte». «Wir sorgen dafür, dass sie vor
ein Erschießungskommando gestellt wird», raunzte ein Anrufer.
Brenner, der nach eigenem Bekunden derlei noch nie erlebt hat,
beobachtete, daß die Hasstiraden gegen die Regierung Rabin zweimal
besonders explosiv waren: nach der Bekanntgabe des
Friedensnobelpreises im Oktober 1994 und nach der Unterzeichnung des
Abkommens Oslo II im September 199s. Anfang 1995 sprach Rabbiner Sholom Gold (Paraschoth bei http://www.yeshiva.org.il - http://www.613.org...) vor einer Rabbinerversammlung in New York, und das Algemeiner Journal druckte lange Passagen seiner Rede ab. Gold verglich zunächst die Gefahren, die in Rabins Politik lauerten, mit dem Holocaust, und rechtfertigte dann seine Charakterisierung von Rabins Kabinett als «unmoralische Regierung» mit einem Gerücht, das ihm zu Ohren gekommen war. Dem Algemeiner Journal zufolge behauptete Gold: «Vor zwei Wochen, an dem Abend, als ein junger israelischer Taxifahrer von Terroristen auf offener Straße ermordet wurde, hatte das israelische Kabinett zu einer Party eingeladen. Auf die Frage, ob es nicht angebracht sei, diese abzusagen, nachdem ein Jude von einem Terroristen getötet wurde, hat Rabin geantwortet: 'Solche Dinge passieren in Israel jeden Tag'.» Das Publikum reagierte erwartungsgemäß mit Zornesschreien, woraufhin Gold seine Zuhörer mahnte: «Die Zeit der politischen Höflichkeiten ist um. Machen Sie jedem Mitglied der Regierung, das nach Amerika kommt, das Leben schwer.» Ein in den orthodox-jüdischen Kreisen Amerikas besonders beliebtes Klagelied, das in Israel selbst nur von den Mitgliedern der radikalen Zo Artzenu zu hören war, handelte von der angeblichen Neigung der Regierung Rabin, die eigenen Bürger zu tyrannisieren. 1995 brachte The Jewish Press während des ganzen Sommers auf den ersten Seiten großformatige Fotos israelischer Polizisten, die haredische Demonstranten vom Ort einer Protestaktion wegschleiften. Die Fotos waren nicht gefälscht; die begleitenden Schlagzeilen, in denen behauptet wurde, Rabbiner seien bei Demonstrationen verhaftet worden, waren Mummenschanz. Berichte dieser Art häuften sich: Die israelische Regierung ließe Rabbiner systematisch verprügeln und verhaften und dann während der Haft foltern; die Regierung versuche jeglichen Protest zu ersticken, indem sie Demonstrationen verbiete, die Polizei anweise, Demonstranten mit brutaler Gewalt zu vertreiben und sie vor allem dazu anhalte, dabei auch Frauen und Kinder zu schlagen. Allenthalben behauptete die orthodox-jüdische Presse, Jitzhak Rabin habe das Land in eine «Diktatur» verwandelt, während dieselben Blätter in großer Aufmachung über die vielen Demonstrationen berichteten, die zum Teil von ihren Lesern finanziert wurden. Die Parteilichkeit dieser Blätter tat dem Vertrauen in ihre Berichterstattung keinen Abbruch. Die Jewish Press und ihr Herausgeber Sholom Klass waren für ihre Sympathien für jüdische Fanatiker bekannt. Rabbiner Kahane und sein Sohn Benjamin hatten in der Zeitung ihre festen Kolumnen, ein Forum, das letzterer nutzte, um «das apathische jüdische Volk gegen die israelische Regierung zu mobilisieren, die israelische Kinder mit Drogen, AIDS und anderen Annehmlichkeiten der westlichen Kultur vollgestopft hat». Die Schlagzeile, mit der das Blatt 1994 seinen Bericht über das Massaker an Palästinensern in der Höhle der Stammesväter schmückte, überging solche Einzelheiten wie die Zahl der Opfer und den Namen des Mörders, um gleich auf den Punkt zu kommen: «Hintergründe des Massakers: Regierung Rabin auf der Anklagebank». In einem Artikel dieser Ausgabe wurde Goldstein als «Heiliger von Kiryat Arba» bezeichnet. Und in nicht mehr zu unterbietender Niederträchtigkeit zitierte man seine Bewunderer mit den Worten: «Die Araber, die Goldstein töteten, hatten vor, Juden zu töten.» Der Wunsch, das Schlimmste über die von der Arbeitspartei geführte Koalitionsregierung zu denken, trieb die Leser dieser Zeitungen dazu, jedem Bericht zu glauben und dann die israelischen Vertretungen in New York und Washington mit Anrufen und Faxen zu überfluten, in denen Rabin und seine Minister als «Verräter» und «Regierung der Nazis» beschimpft wurden. «Woche für Woche bezeichnen sie die israelische Regierung als Nazis», klagte Avital in einem Interview mit der New York Times, während der Sprecher des Konsulats sich regelmäßig bei Klass über die giftige Sprache seines Blattes beschwerte - doch es nützte nichts.
Die orthodoxen Wochenblätter standen mit ihren Feindseligkeiten
gegenüber Rabin und dem Vertrag von Oslo nicht allein. Und der
Ministerpräsident war nicht das einzige Objekt von unverfrorenen
Ausfällen und Tiraden. Seine militärische Laufbahn, von den Tagen an,
da er sich als Jugendlicher dem Palmach-Untergrund anschloß, bis zu
seiner Ernennung zum Stabschef der IDF im Sechstagekrieg, verlieh
ihm gerade in den Augen nationalistischer Kreise einen
unangreifbaren Rang im Pantheon israelischer Helden und bekräftigte
sein Image als Verkörperung eines «echten Eingeborenen», eines Sabra:
Er stand für Bodenständigkeit und Aufrichtigkeit, ja sogar Reinheit.
Rabin hatte an der politischen Börse Israels zwei beneidenswerte
Beinamen: «Mr. Sicherheit» und «Teflon», letzterer, weil der
Schmutz, mit dem ihn seine politischen Feinde bewarfen, nicht an ihm
haftenblieb.
Was in New York als durchaus vernünftige Frage klingen mochte, erwies sich bald als trügerisch. Denn Milsteins Buch - in dem er Rabin der blamablen Feigheit während des Unabhängigkeitskriegs bezichtigt - wurde von seinen Historikerkollegen in Israel in der Luft zerrissen. «Die kommentierenden Ausführungen Milsteins ergänzen nicht die Tatsachen, sie ersetzen sie und werden als Tatsachen aufgetischt», schrieb Dr. Levy Yagil in der Ha'aretz in einer trockenen, aber vernichtenden Kritik. (Anm.: Trotzdem erscheinen auch heute immer wieder Bezugnahmen auf Milsteins Buch, zB im Internet Magazin ourjerusalem.com zur 8. Jahrzeit nach Rabins Ermordung). Isaacs Artikel ist in klarem und nüchternem Stil verfaßt und war -
wenn auch auf Schlußfolgerungen aus zweifelhaften Forschungen
beruhend - als ernsthafter Beitrag zur demokratischen
Auseinandersetzung gemeint. Doch in derselben Ausgabe von
Outlook findet sich auch der Beitrag eines gewissen J. S. Sorkin,
der sich alle Mühe gibt, den Ruf des Ministerpräsidenten zu
vernichten, und sich über Rabins angebliche Feigheit hermacht. Die
Autoren in Outlook werden immer kurz mit Hinweis auf ihre
wissenschaftliche oder organisatorische Tätigkeit vorgestellt, doch
unter Sorkins Beitrag hieß es nur, «bevor die Order ausgegeben
wurde, man habe dem Händedruck zu applaudieren», habe der Autor
«Arbeiten in verschiedenen Blättern veröffentlicht». Ein Wink mit
dem Zaunpfahl: Sorkin macht erst gar nicht den Versuch, Isaacs
nüchternem Stil zu folgen. Im Gegenteil, er beklagt die
«gespenstische Charade der Nobelpreiszeremonie in Norwegen» und den
Glauben, wonach der «Weg zum Frieden über einen Staat westlich des
Jordan für das alte palästinensische Volk führt, ein Glaube, der in
die besten Köpfe Israels eingedrungen ist wie eine 'Invasion der
Körperfresser'». Er stempelt Rabin zum «Borderline-Alkoholiker, der
bekanntermaßen sein Leben lang immer wieder psychische und
militärische Rückzüge angetreten hat», und holt am Ende zu folgendem
Schlag aus: *) Als Verteidigungsminister in der Regierung der nationalen Einheit 1984-1988. Rabins «Feigheit vor dem Feind» im Jahr 1948 ist eine «Tatsache»,
die Sorkin bei Milstein auflas. Von anderen Historikern des
Unabhängigkeitskrieges wird sie allerdings als die Entscheidung
eines Feldkommandeurs bewertet, seine Männer nicht in eine Schlacht
zu werfen, die nichts weiter gebracht hätte, als die ohnehin schon
ausgebluteten Einheiten noch weiter zu dezimieren. Außerdem griff
Rabins Harel-Brigade den Feind 1948 mehrmals an, bis sie die Straße
nach Jerusalem freigekämpft und gesichert hatte.
Aus
dem Buch von [BESTELLEN] hagalil.com 04-11-2004 |