|
Zeit:
Gedichte von Jehuda Amichai

Zeit. Gedichte von Jehuda Amichai
Suhrkamp Verlag 1998
Euro 14,80
Bestellen? |
Als
ich
Kind war
Als ich Kind war,
standen Gräser und Masten am Strand,
und ich, wenn ich dort lag,
unterschied nicht zwischen ihnen,
weil sie alle in den Himmel über mir stiegen.
Nur die Worte meiner Mutter waren bei mir
wie eine Brotscheibe, eingepackt in raschelndes Papier,
und ich wußte nicht, wann mein Vater zurückkehren würde,
da ein anderer Wald hinter der Waldlichtung war.
Alle Dinge reichten mir die Hand,
ein Bulle stieß die Sonne mit seinen Hörnern,
und in den Nächten streichelte das Licht der Straße
meine Wange mit den Wänden,
und der Mond, wie eine große Kanne,
neigte sich und begoß meinen durstigen Schlaf.
|
Jehuda Amichai:
Der Ort, an dem wir recht haben
"Das Thema Zeit ist allgemein
genug, um für viele Gedichte Amichais zuzutreffen. Denn immer verklammert er
die alte Geschichte Israels mit der Geschichte des jungen Staates, die mit
seiner eigenen Lebensgeschichte koinzidiert. Die Spannung zwischen gelebter
Gegenwart und kollektiver Erinnerung im weitesten Sinne zieht sich durch
sein gesamtes Werk: die Anbindung an die biblische, rabbinische und
liturgische Tradition, mit der Amichai aufwuchs, ist als Kontrast oder
Analogie immer präsent, so dass der gegenwärtige Augenblick nie aus der Zeit
herausfällt. Die vielen Vergleiche und Metaphern, die Amichais Stil prägen,
sind Brücken durch Zeit und Raum: Sie verlängern die Gegenwart in die
Vergangenheit, sie heben die Dinge und Menschen aus ihrer Vereinzelung und
verbinden und verschmelzen das Konkrete mit dem Abstrakten."
Claudia Wenner - Neue Zürcher Zeitung
|