Mit dem Holocaust weiterleben:
Juden in der Schweiz
erzählen, wie sie den Holocaust überlebt haben
Geboren zwischen 1913 und 1935 in
Bratislava, Berlin, in Antwerpen oder dem polnischen Kielce, in Rumänien
oder Ungarn, aufgewachsen in orthodoxen oder assimilierten Familien, im
Handwerkermilieu oder als Kind von Kaufleuten, haben die zehn
Interviewpartner einen sehr unterschiedlichen religiösen, kulturellen und
auch sprachlichen Hintergrund. In ausführlichen Gesprächen schildern sie ihr
Leid während der nationalsozialistischen Verfolgung und ihre Erfahrungen
nach der Aufnahme in der Schweiz.
Neben der individuell erlittenen
Diskriminierung, den Erfahrungen im Versteck oder Konzentrationslager, bei
der Zwangsarbeit oder auf der Flucht, zeugen ihre Erinnerungen von der
kollektiven Verfolgung und Ermordung des jüdischen Volkes. Zugleich zeigen
die Interviews, wie Überlebende in ihren Berufen, den neu gegründeten
Familien, der Kunst oder in religiösen wie politischen Verpflichtungen einen
Weg finden mussten, mit dem Holocaust weiterzuleben.
Die Herausgeber: Raphael
Gross, geboren 1966 in Zürich, Assistent am Lehrstuhl für Neuere und
Neueste Geschichte der Ruhr-Universität Bochum.
Eva Lezzi, geboren 1963 in New York, Dissertation über literarische
Kindheitsautobiographien zur Shoah, Lehrbeauftragte an der Universität
Potsdam.
Marc R. Richter, geboren 1961 in Bern, engagiert sich als
Rechtsanwalt für Themen im Zusammenhang mit dem Verhalten der Schweiz
während des Zweiten Weltkrieges. |
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung
«Das einzige, was mir geblieben ist, ist
das Denken. Das hat mir
niemand verbieten können.»
Interview mit Jan Noach Trajster
«Dieses völlige Alleinsein – so bin ich
durch die Welt gegondelt.»
Interview mit Golda L.
«Es war eine Welt, die ihre Wirklichkeit
verloren hatte.»
Interview mit Josef H.
«Ich habe die Schweiz immer als meine
Heimat betrachtet.»
Interview mit Reine Seidlitz
«Die Schweiz hatte gar keine andere Wahl
als zu kollaborieren, und
sie kollaborierte …»
Interview mit Roland Kirilovsky
«Die Welt muß wissen.»
Interview mit Fischl Rabinowicz
«Ich war immer Ausländerin, seit meiner
Geburt.»
Interview mit Theodora D.
«Wie wird man mit dieser Wut fertig?»
Interview mit Judith Meyer-Glück
«Wenn der Messias käme, der würde uns hier
nie finden.»
Interview mit Eduard Kornfeld
«In der Tiefe meines Herzens bin ich ein
Jude. Das kann man nicht
aus mir herausschlagen, nicht einmal Auschwitz.»
Interview mit Otto Klein
«Wir Überlebenden, wir sollten die Toten
nicht alleine lassen …»
Interview mit B-8326
Glossar |
| Rezensionen
Jüdische Rundschau vom 4.
November 1999
«Wichtiges Zeichen gegen Revisionismus»
Ein neues Buch dokumentiert erstmals Leben
und Alltag von Holocaust-Überlebenden in der Schweiz
Der Zürcher Rechtsanwalt Dr. Marc R. Richter
hat jetzt, gemeinsam mit den Historikern Raphael Gross und Eva Lezzi, im
Limmat Verlag ein Buch veröffentlicht, das hierzulande eine eigentliche
Premiere ist: In «Eine Welt, die ihre Wirklichkeit verloren hatte ...»
schildern jüdische Überlebende des Holocaust, die alle in der Schweiz
wohnen, ihren Alltag und ihre Geschichte. Die in diesem Band versammelten
Interviews wollen nicht die Erinnerung an den Holocaust wachhalten, sondern
auch bewusst ein Zeichen gegen den Revisionismus setzen. Der Historiker
Prof. Dr. Jakob Tanner (Universität Zürich) wird dieses Zeitdokument am
kommenden 27. November in Zürich der Öffentlichkeit vorstellen.
Die Geschichte derjenigen
Holocaustüberlebenden, die sich in der Schweiz eine neue Existenz aufgebaut
haben, ist bislang nur ungenügend erforscht. Dies lässt s ich zum einen
darauf zurückführen, dass Forschung und Publizistik erst vor wenigen Jahren
damit begonnen haben, ihr Augenmerk auf diese lang verdrängte
Thematik werfen. Zum andern hängt es auch damit zusammen, dass viele
Holocaustüberlebende das selbst erlebte Trauma des Zweiten Weltkrieges
(Flucht, Aufenthalte in Konzentrationslagern, Verlust von Bekannten und
Familienangehörigen) auch über 50 Jahre nach Kriegsende nicht bewältigt
haben. Wie wissenschaftliche Untersuchungen der Organisation Amcha – die
Überlebende des Holocaust in Israel psychologisch betreut – zeigen, leidet
das Gros dieser von der nazistischen Verfolgung unmittelbar Betroffenen bis
heute an den Spätfolgen des Erlittenen. Selbst mittels aufwendiger
psychologischer Betreuung können die entstandenen Verletzungen meist nie
ganz geheilt werden. Viele Überlebende ziehen es vor, ganz in ein «neues»
Leben einzutauchen und die dunkle Vergangenheit zu verdrängen. Oft erzählen
sie auch ihren nächsten Nachkommen nichts über das, was sie unter Hitler
erlebten.
Elf Holocaustüberlebende im
Gespräch
Umso erstaunlicher mag es scheinen, dass im
jetzt erschienenen Interview-Band «Eine Welt, die ihre Wirklichkeit verloren
hat ... » elf in der Schweiz lebende jüdische Überlebende offen und direkt
über ihre schmerzliche Geschichte Auskunft geben. Es sind dies Erfahrungen,
die auf unprätentiöse Weise von Verfolgung und Verlust, aber auch dem Aufbau
einer neuen Existenz berichten.
Was diesen Menschen widerfahren ist, wird
meist in einfachen Worten erzählt, ohne Ausschmückung und unnötige
Dramatisierung. Stellvertretend für viele stehen die Aussagen des Josef H.,
der aus Rücksicht auf seine Privatsphäre anonym bleiben will. Als
Vierzehnjähriger wurde' er aus der Tschechoslowakei in das
Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert, studierte später in der
Schweiz Medizin und praktiziert heute als Arzt in Zürich. Wie viele
Zeitzeugen erinnert er sich noch immer präzise an die Details seines
Aufenthalts im KZ. «Das wer entsetzlich», antwortet er im Buch auf die
Frage, wie es im Lagerblock gewesen sei. «Wir lagen etwa m zweit oder dritt
in einem Bett, jeder mit seiner Decke, auf die er aufpasste, denn sonst wäre
man erfroren. Wir waren abgestumpft, keiner kümmerte sich um den anderen.
Manchmal stand man am Morgen auf, und ein Teil blieb tot liegen. jede Nacht
starben fünfzehn bis zwanzig Häftlinge. Es war ein richtiges
Vemicht@gslageuegime.» Diese einfache und zugleich exakt beschreibende
Sprache findet sich in nahezu allen in diesem Band versammelten Interviews
und unterstreicht den ausgeprägt dokumentarischen Charakter des 220 Seiten
starken Werkes. Viele Interviews sind von einer solchen sprachlichen Dichte,
dass man sie mehrmals lesen muss, um die ganze Fülle der Aussagen zu
erfassen.
Ein Zeitzeugnis schaffen
Der Zürcher Dr. Marc Richter ist Anfang 1997-
inmitten der Diskussionen um die Schweizer Holocaustgelder-auf die Idee
gekommen, das jetzt vorliegende Buch zu erarbeiten. Als Rechtsanwalt
beschäftigt er sich oft mit Themen, die mit dem Verhalten der Schweiz im
Zweiten Weltkrieg in Zusammenhang stehen. «D@als habe ich realisiert, dass
es hierzulande kein historisches Buchdokument gibt, das klar aufzeigen
würde, was in der Schweiz lebenden Opfern der Schoah als Einzelschicksal
widerfahren ist», sagt er. «Ich habe deshalb beschlossen, gemeinsam mit den
Historikern Raphael Gross und Eva Lezzi, die sich in ihrer Dissertation dem
Thema (Literarische Kindheitsautobiographien zur Schoah) gewidmet hat, ein
aussagekräftiges Dokument zu erarbeiten, das gleichzeitig als Zeitzeugnis
dient.» Das Hauptproblem bei den fast zweijährigen Recherchearbeiten lag
nicht so sehr darin, Holocaustüberlebende für die sehr persönlich
gestalteten Interviews ausfindig zu machen, sondern einen repräsentativen
Querschnitt von gesprächswilligen Personen zu finden. «Die im Buch
vorgestellten Menschen kommen aus den verschiedensten sozialen Schichten»,
weiße Richter. «Und sie üben auch die unterschiedlichsten Berufe aus. Viele
von ihnen sind in ihrem Tagesprogramm so ausgefüllt, dass es oft nicht
einfach war, einen Interviewtermin zu finden.» Dass sie nirgendwo zur Ruhe
kommen und von der Geschichte beinahe wieder eingeholt werden, beschäftigt
viele der Interviewten. So befassen sie sich auch mit dem hiesigen
Antisemitismus, der anlässlich der jüngsten Debatten uni die Rolle der
Schweiz im Zweiten Weltkrieg wieder aufgeflammt ist. «Ich glaube», sagt
Josef H. stellvertretend für viele andere, «Antisemitismus ist eine Sache
des Charakters. Solche Züge werden verstärkt durch Begebenheiten wie
beispielsweise die Debatte um die Holocaustgelder. Die Leute sagen dann:
‹Aha, wir haben es ja immer gewusst, die Juden wollen immer nach Geld und
Macht greifen!› Dass einer ganz plötzlich Antisemit wird, weil amerikanische
Juden sich für Zahlungen an die Opfer einsetzen, kann ich mir nicht wirklich
vorstellen. Sich Schuld einzugestehen macht niemand gerne. Dass die
Schweizer Regierung letztlich nur unter extremem Druck dazu bereit war, ist
noch kein Beweis für einen schweizerischen Antisemitismus.»
Ein Werk gegen den
Revisionismus
Dass notorische Holocaustlügner - wie etwa
Jürgen Graf - trotz der Einführung des Antirassismus-Gesetzes auch bei uns
nach wie vor äusserst aktiv sind, ist eine Tatsache, die auch Anwalt Richter
beschäftigt: «Heute genügt es nicht mehr, auf die Geschichte und die
verbundenen Fakten hinzuweisen. Denn Zahlen sind oft nur wenig plausibel.
Wenn man jedoch anhand von einzelnen, konkreten Schicksalen aufzeigt, dass
es den Holocaust und die Judenverfolgungen auch wirklich gegeben hat, dann
kann mm die Menschen oft besser informieren als durch das reine Zitieren von
Zahlenmaterial.» Das vorliegende Buch will denn auch klar ein historisches
Werk sein, «ein Beitrag zum Kampf gegen den Revisionismus». Zudem will es
einen kleinen Beitrag zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit bezüglich der
geplanten Solidaritätsstiftung leisten. Mit «Eine Welt, die ihre
Wirklichkeit verloren hatte ...» liegt jetzt ein Buch vor, das in der
Schweiz erstmals in Wort und Bild dokumentiert, wie Überlebende des
Holocaust dem Unvorstellbaren entronnen sind und in der Schweiz zu einem
neuen Lebengefunden haben - finden mussten. Die unsäglichen Torturen des
Naziregimes, die sie vor einem halben Jahrhundert erlitten, haben bis heute
ihre Narben hinterlassen. «Leider hat die Vernichtung des europäischen
Judentums, der Genozid an den Juden, die Völker Europas auch nach dem
Zweiten Weltkrieg kalt gelassen», konstatiert Josef H. «Erst jetzt, 50 Jahre
danach, regt sich das Gewissen der Völker, Und dennoch: Man wird immer
wieder Zeuge von Genoziden, und was wird dagegen getan?»
Marc D. Herzka
© Jüdische Rundschau
haGalil 12-99
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