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Heinrich Heines Nachwort
zum »Romanzero«
Ich habe dieses Buch
Romanzero
genannt, weil der Romanzenton vorherrschend in den Gedichten, die hier
gesammelt. Mit wenigen Ausnahmen schrieb ich sie während der letzten drei Jahre,
unter mancherlei körperlichen Hindernissen und Qualen.
Gleichzeitig mit dem Romanzero lasse ich in derselben Verlagshandlung ein
Büchlein erscheinen, welches »Der Doktor Faust, ein Tanzpoem, nebst kuriosen
Berichten über Teufel, Hexen und Dichtkunst« betitelt ist. Ich empfehle solches
einem verehrungswürdigen Publiko, das sich gern ohne Kopfanstrengung über
dergleichen Dinge belehren lassen möchte; es ist eine leichte Goldarbeit,
worüber gewiß mancher Grobschmied den Kopf schütteln wird. Ich hegte
ursprünglich die Absicht, dieses Produkt dem Romanzero einzuverleiben, was ich
aber unterließ, um nicht die Einheit der Stimmung, die in letzterem waltet und
gleichsam sein Kolorit bildet, zu stören. Jenes Tanzpoem schrieb ich nämlich im
Jahre 1847, zu einer Zeit, wo mein böses Siechtum bereits bedenklich
vorgeschritten war, aber doch noch nicht seine grämlichen Schatten über mein
Gemüt warf.
Ich hatte damals noch etwas Fleisch und Heidentum an mir, und ich war noch nicht
zu dem spiritualistischen Skelette abgemagert, das jetzt seiner gänzlichen
Auflösung entgegenharrt. Aber existiere ich wirklich noch? Mein Leib ist so sehr
in die Krümpe gegangen, daß schier nichts übrig geblieben als die Stimme, und
mein Bett mahnt mich an das tönende Grab des Zauberers Merlinus, welches sich im
Walde Brozeliand in der Bretagne befindet, unter hohen Eichen, deren Wipfel wie
grüne Flammen gen Himmel lodern. Ach, um diese Bäume und ihr frisches Wehen
beneide ich dich, Kollege Merlinus, denn kein grünes Blatt rauscht herein in
meine Matratzengruft zu Paris, wo ich früh und spat nur Wagengerassel, Gehämmer,
Gekeife und Klaviergeklimper vernehme. Ein Grab ohne Ruhe, der Tod ohne die
Privilegien der Verstorbenen, die kein Geld auszugeben und keine Briefe oder gar
Bücher zu schreiben brauchen - das ist ein trauriger Zustand. Man hat mir längst
das Maß genommen zum Sarg, auch zum Nekrolog, aber ich sterbe so langsam, daß
solches nachgerade langweilig wird für mich, wie für meine Freunde. Doch Geduld,
alles hat sein Ende. Ihr werdet eines Morgens die Bude geschlossen finden, wo
euch die Puppenspiele meines Humors so oft ergötzten.
Was soll aber, wenn ich tot bin, aus den armen Hauswürsten werden, die ich seit
Jahren bei jenen Darstellungen employiert hatte? Was soll z. B. aus Maßmann
werden? Ungern verlaß ich ihn, und es erfaßt mich schier eine tiefe Wehmut, wenn
ich denke an die Verse:
Ich sehe die kurzen Beinchen nicht mehr,
Nicht mehr die platte Nase;
Er schlug wie ein Pudel frisch, fromm, fröhlich, frei,
Die Purzelbäume im Grase.
Und er versteht Latein. Ich habe freilich in meinen Schriften
so oft das Gegenteil behauptet, daß Niemand mehr meine Behauptung bezweifelte,
und der Ärmste ein Stichblatt der allgemeinen Verhöhnung ward. Die Schulbuben
frugen ihn, in welcher Sprache der Don Quixote geschrieben sei? und wenn mein
armer Maßmann antwortete: in spanischer Sprache - erwiderten sie, er irre sich,
derselbe sei lateinisch geschrieben und das käme ihm so spanisch vor. Sogar die
eigene Gattin war grausam genug, bei häuslichen Mißverständnissen auszurufen,
sie wundere sich, daß ihr Mann sie nicht verstehe, da sie doch Deutsch und kein
Latein gesprochen habe. Die Maßmännische Großmutter, eine Wäscherin von
unbescholtener Sittlichkeit und die einst für Friedrich den Großen gewaschen,
hat sich über die Schmach ihres Enkels zu Tode gegrämt; der Onkel, ein wackerer
altpreußischer Schuhflicker, bildete sich ein, die ganze Familie sei
schimpfiert, und vor Verdruß ergab er sich dem Trunk.
Ich bedaure, daß meine jugendliche Unbesonnenheit solches Unheil angerichtet.
Die würdige Waschfrau kann ich leider nicht wieder ins Leben zurückrufen, und
den zartfühlenden Oheim, der jetzt zu Berlin in der Gosse liegt, kann ich nicht
mehr des Schnapses entwöhnen; aber ihn selbst, meinen armen Hanswurst Maßmann,
will ich in der öffentlichen Meinung wieder rehabilitieren, indem ich alles was
ich über seine Lateinlosigkeit, seine lateinische Impotenz, seine magna linguae
romanae ignorantia jemals geäußert habe, feierlich widerrufe.
So hätte ich denn mein Gewissen erleichtert. Wenn man auf dem Sterbebette liegt,
wird man sehr empfindsam und weichselig, und möchte Frieden machen mit Gott und
der Welt. Ich gestehe es, ich habe Manchen gekratzt, Manchen gebissen, und war
kein Lamm. Aber glaubt mir, jene gepriesenen Lämmer der Sanftmut würden sich
minder frömmig gebärden, besäßen sie die Zähne und die Tatzen des Tigers. Ich
kann mich rühmen, daß ich mich solcher angebornen Waffen nur selten bedient
habe.
Seit ich selbst der Barmherzigkeit Gottes bedürftig, habe ich allen meinen
Feinden Amnestie erteilt; manche schöne Gedichte, die gegen sehr hohe und sehr
niedrige Personen gerichtet waren, wurden deshalb in vorliegender Sammlung nicht
aufgenommen. Gedichte, die nur halbweg Anzüglichkeiten gegen den lieben Gott
selbst enthielten, habe ich mit ängstlichstem Eifer den Flammen überliefert. Es
ist besser, daß die Verse brennen als der Versifex. Ja, wie mit der Kreatur,
habe ich auch mit dem Schöpfer Frieden gemacht, zum größten Ärgernis meiner
aufgeklärten Freunde, die mir Vorwürfe machten über dieses Zurückfallen in den
alten Aberglauben, wie sie meine Heimkehr zu Gott zu nennen beliebten. Andere,
in ihrer Intoleranz, äußerten sich noch herber.
Der gesamte hohe Klerus des Atheismus hat sein Anathema über mich ausgesprochen,
und es gibt fanatische Pfaffen des Unglaubens, die mich gerne auf die Folter
spannten, damit ich meine Ketzereien bekenne. Zum Glück stehen ihnen keine
andern Folterinstrumente zu Gebote als ihre Schriften. Aber ich will auch ohne
Tortur alles bekennen. Ja, ich bin zurückgekehrt zu Gott, wie der verlorene
Sohn, nachdem ich lange Zeit bei den Hegelianern die Schweine gehütet. War es
die Misère, die mich zurücktrieb? Vielleicht ein minder miserabler Grund. Das
himmlische Heimweh überfiel mich und trieb mich fort durch Wälder und
Schluchten, über die schwindlichsten Bergpfade der Dialektik. Auf meinem Wege
fand ich den Gott der Pantheisten, aber ich konnte ihn nicht gebrauchen.
Dies arme träumerische Wesen ist mit der Welt verwebt und verwachsen, gleichsam
in ihr eingekerkert, und gähnt dich an, willenlos und ohnmächtig. Um einen
Willen zu haben, muß man eine Person sein, und, um ihn zu manifestieren, muß man
die Ellbogen frei haben. Wenn man nun einen Gott begehrt, der zu helfen vermag -
und das ist doch die Hauptsache - so muß man auch seine Persönlichkeit, seine
Außerweltlichkeit und seine heiligen Attribute, die Allgüte, die Allweisheit,
die Allgerechtigkeit u.s.w. annehmen. Die Unsterblichkeit der Seele, unsre
Fortdauer nach dem Tode, wird uns alsdann gleichsam mit in den Kauf gegeben, wie
der schöne Markknochen, den der Fleischer, wenn er mit seinen Kunden zufrieden
ist, ihnen unentgeltlich in den Korb schiebt.
Ein solcher schöner Markknochen wird in der französischen Küchensprache la
réjouissance genannt, und man kocht damit ganz vorzügliche Kraftbrühen, die für
einen armen schmachtenden Kranken sehr stärkend und labend sind. Daß ich eine
solche réjouissance nicht ablehnte und sie mir vielmehr mit Behagen zu Gemüte
führte, wird jeder fühlende Mensch billigen.
Ich habe vom Gott der Pantheisten geredet, aber ich kann nicht umhin zu
bemerken, daß er im Grunde gar kein Gott ist, so wie überhaupt die Pantheisten
eigentlich nur verschämte Atheisten sind, die sich weniger vor der Sache als vor
dem Schatten, den sie an die Wand wirft, vor dem Namen, fürchten. Auch haben die
meisten in Deutschland während der Restaurationszeit mit dem lieben Gotte
dieselbe funfzehnjährige Komödie gespielt, welche hier in Frankreich die
konstitutionellen Royalisten, die größtenteils im Herzen Republikaner waren, mit
dem Königtume spielten. Nach der Juliusrevolution ließ man jenseits wie
diesseits des Rheines die Maske fallen. Seitdem, besonders aber nach dem Sturz
Ludwig Philipps, des besten Monarchen, der jemals die konstitutionelle
Dornenkrone trug, bildete sich hier in Frankreich die Meinung: daß nur zwei
Regierungsformen, das absolute Königtum und die Republik, die Kritik der
Vernunft oder der Erfahrung aushielten, daß man Eins von Beiden wählen müsse,
daß alles dazwischen liegende Mischwerk unwahr, unhaltbar und verderblich sei.
In derselben Weise tauchte in Deutschland die Ansicht auf, daß man wählen müsse
zwischen der Religion und der Philosophie, zwischen dem geoffenbarten Dogma des
Glaubens und der letzten Konsequenz des Denkens, zwischen dem absoluten
Bibelgott und dem Atheismus.
Je entschiedener die Gemüter, desto leichter werden sie das Opfer solcher
Dilemmen. Was mich betrifft, so kann ich mich in der Politik keines sonderlichen
Fortschritts rühmen; ich verharrte bei denselben demokratischen Prinzipien,
denen meine früheste Jugend huldigte und für die ich seitdem immer flammender
erglühte. In der Theologie hingegen muß ich mich des Rückschreitens
beschuldigen, indem ich, was ich bereits oben gestanden, zu dem alten
Aberglauben, zu einem persönlichen Gotte, zurückkehrte. Das läßt sich nun einmal
nicht vertuschen, wie es mancher aufgeklärte und wohlmeinende Freund versuchte.
Ausdrücklich widersprechen muß ich jedoch dem Gerüchte, als hätten mich meine
Rückschritte bis zur Schwelle irgend einer Kirche oder gar in ihren Schoß
geführt. Nein, meine religiösen Überzeugungen und Ansichten sind frei geblieben
von jeder Kirchlichkeit; kein Glockenklang hat mich verlockt, keine Altarkerze
hat mich geblendet. Ich habe mit keiner Symbolik gespielt und meiner Vernunft
nicht ganz entsagt. Ich habe nichts abgeschworen, nicht einmal meine alten
Heidengötter, von denen ich mich zwar abgewendet, aber scheidend in Liebe und
Freundschaft. Es war im Mai 1848, an dem Tage, wo ich zum letzten Male ausging,
als ich Abschied nahm von den holden Idolen, die ich angebetet in den Zeiten
meines Glücks. Nur mit Mühe schleppte ich mich bis zum Louvre, und ich brach
fast zusammen, als ich in den erhabenen Saal trat, wo die hochgebenedeite Göttin
der Schönheit, Unsere liebe Frau von Milo, auf ihrem Postamente steht. Zu ihren
Füßen lag ich lange, und ich weinte so heftig, daß sich dessen ein Stein
erbarmen mußte. Auch schaute die Göttin mitleidig auf mich herab, doch zugleich
so trostlos, als wollte sie sagen: siehst du denn nicht, daß ich keine Arme habe
und also nicht helfen kann?
Ich breche hier ab, denn ich gerate in einen larmoyanten Ton, der vielleicht
überhandnehmen kann, wenn ich bedenke, daß ich jetzt auch von Dir, teurer Leser,
Abschied nehmen soll. Eine gewisse Rührung beschleicht mich bei diesem Gedanken;
denn ungern trenne ich mich von Dir. Der Autor gewöhnt sich am Ende an sein
Publikum, als wäre es ein vernünftiges Wesen. Auch dich scheint es zu betrüben,
daß ich Dir Valet sagen muß; du bist gerührt, mein teurer Leser, und kostbare
Perlen fallen aus deinen Tränensäckchen. Doch beruhige Dich, wir werden uns
wiedersehen in einer besseren Welt, wo ich dir auch bessere Bücher zu schreiben
gedenke. Ich setze voraus, daß sich dort auch meine Gesundheit bessert und daß
mich Swedenborg nicht belogen hat. Dieser erzählt nämlich mit großer Zuversicht,
daß wir in der andern Welt das alte Treiben, ganz wie wir es in dieser Welt
getrieben, ruhig fortsetzen, daß wir dort unsere Individualität unverändert
bewahren und daß der Tod in unserer organischen Entwickelung gar keine
sonderliche Störung hervorbringe. Swedenborg ist eine grundehrliche Haut, und
glaubwürdig sind seine Berichte über die andere Welt, wo er mit eigenen Augen
die Personen sah, die auf unserer Erde eine Rolle gespielt. Die meisten, sagt
er, blieben unverändert und beschäftigen sich mit denselben Dingen, mit denen
sie sich auch vormals beschäftigt; sie blieben stationär, waren veraltet,
rokoko, was sich mitunter sehr lächerlich ausnahm.
So z. B. unser teurer Doktor Martinus Luther war stehen geblieben bei seiner
Lehre von der Gnade, über die er während dreihundert Jahren tagtäglich dieselben
verschimmelten Argumente niederschrieb - ganz in derselben Weise wie der
verstorbene Baron Eckstein, der während zwanzig Jahren in der Allgemeinen
Zeitung einen und denselben Artikel drucken ließ, den alten jesuitischen
Sauerteig beständig wiederkäuend. Aber, wie gesagt, nicht alle Personen, die
hienieden eine Rolle gespielt, fand Swedenborg in solcher fossilen Erstarrung;
sie hatten im Guten wie im Bösen ihren Charakter weidlich ausgebildet in der
anderen Welt, und da gab es sehr wunderliche Erscheinungen. Helden und Heilige
dieser Erde waren dort zu Lumpen und Taugenichtsen herabgesunken, während auch
das Gegenteil stattfand.
So z. B. stieg dem heiligen Antonius der Hochmut in den Kopf, als er erfuhr,
welche ungeheure Verehrung und Anbetung ihm die ganze Christenheit zollt, und
er, der hienieden den furchtbarsten Versuchungen widerstanden, ward jetzt ein
ganz impertinenter Schlingel und liederlicher Galgenstrick, der sich mit seinem
Schweine um die Wette in den Kot wälzt. Die keusche Susanne brachte der Dünkel
ihrer Sittlichkeit, die sie unbesiegbar glaubte, gar schmählich zu Falle, und
sie, die einst den Greisen so glorreich widerstanden, erlag der Verlockung des
jungen Absalon, Sohn Davids. Die Töchter Lots hingegen hatten sich im Verlauf
der Zeit sehr vertugendhaftet und gelten in der andern Welt für Muster der
Anständigkeit; der Alte verharrte leider bei der Weinflasche.
So närrisch sie auch klingen, so sind doch diese Nachrichten eben so bedeutsam
wie scharfsinnig. Der große skandinavische Seher begriff die Einheit und
Unteilbarkeit unserer Existenz, so wie er auch die unveräußerlichen
Individualitätsrechte des Menschen ganz richtig erkannte und anerkannte. Die
Fortdauer nach dem Tode ist bei ihm kein idealer Mummenschanz, wo wir neue
Jacken und einen neuen Menschen anziehen; Mensch und Kostüm bleiben bei ihm
unverändert. In der anderen Welt des Swedenborg werden sich auch die armen
Grönländer behaglich fühlen, die einst, als die dänischen Missionäre sie
bekehren wollten, an diese die Frage richteten: ob es im christlichen Himmel
auch Seehunde gäbe? Auf die verneinende Antwort erwiderten sie betrübt: der
christliche Himmel passe alsdann nicht für Grönländer, die nicht ohne Seehunde
existieren könnten.
Wie sträubt sich unsere Seele gegen den Gedanken des Aufhörens unserer
Persönlichkeit, der ewigen Vernichtung! Der horror vacui, den man der Natur
zuschreibt, ist vielmehr dem menschlichen Gemüte angeboren. Sei getrost, teurer
Leser, es gibt eine Fortdauer nach dem Tode, und in der anderen Welt werden wir
auch unsere Seehunde wiederfinden.
Und nun, lebe wohl, und wenn ich Dir etwas schuldig bin,
so schicke mir Deine Rechnung. -
Geschrieben zu Paris, den 30. September 1851.
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[Romanzero] von [Heinrich
Heine]
Von Heinrich Heine außerdem:
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