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Heinrich Heine:
Zur Geschichte der Religion
und Philosophie
in Deutschland
Zuerst
in: "Revue des deux Mondes", "De L'Allemagne depuis Luther" (Première Partie:
März, Deuxième Partie: November, Troisième Partie: Dezember 1834). In: Der Salon
Bd. II (1835).
Vorrede
Drittes Buch
Es geht die Sage, daß ein englischer Mechanikus, der schon die
künstlichsten Maschinen erdacht, endlich auch auf den Einfall geraten, einen
Menschen zu fabrizieren; dieses sei ihm auch endlich gelungen, das Werk seiner
Hände konnte sich ganz wie ein Mensch gebärden und betragen, es trug in der
ledernen Brust sogar eine Art menschlichen Gefühls, das von den gewöhnlichen
Gefühlen der Engländer nicht gar zu sehr verschieden war, es konnte in
artikulierten Tönen seine Empfindungen mitteilen, und eben das Geräusch der
innern Räder, Raspeln und Schrauben, das man dann vernahm, gab diesen Tönen eine
echtenglische Aussprache; kurz dieses Automat war ein vollendeter Gentleman, und
zu einem echten Menschen fehlte ihm gar nichts als eine Seele. Diese aber hat
ihm der englische Mechanikus nicht geben können, und das arme Geschöpf, das sich
solchen Mangels bewußt worden, quälte nun Tag und Nacht seinen Schöpfer mit der
Bitte, ihm eine Seele zu geben.
Solche Bitte, die sich immer dringender wiederholte, wurde jenem Künstler
endlich so unerträglich, daß er vor seinem eignen Kunstwerk die Flucht ergriff.
Das Automat aber nahm gleich Extrapost, verfolgte ihn nach dem Kontinente, reist
beständig hinter ihm her, erwischt ihn manchmal, und schnarrt und grunzt ihm
dann entgegen: give me a soul! Diesen beiden Gestalten begegnen wir nun in allen
Ländern, und nur wer ihr besonderes Verhältnis kennt, begreift ihre sonderbare
Hast und ihren ängstlichen Mißmut. Wenn man aber dieses besondere Verhältnis
kennt, so sieht man darin wieder etwas Allgemeines, man sieht, wie ein Teil des
englischen Volks seines mechanischen Daseins überdrüssig ist und eine Seele
verlangt, der andere Teil aber aus Angst vor solcherlei Begehrnis in die Kreuz
und die Quer getrieben wird, beide aber es daheim nicht mehr aushalten können.
Dieses ist eine grauenhafte Geschichte. Es ist entsetzlich, wenn die Körper, die
wir geschaffen haben, von uns eine Seele verlangen. Weit grauenhafter,
entsetzlicher, unheimlicher ist es jedoch, wenn wir eine Seele geschaffen und
diese von uns ihren Leib verlangt und uns mit diesem Verlangen verfolgt. Der
Gedanke, den wir gedacht, ist eine solche Seele, und er läßt uns keine Ruhe, bis
wir ihm seinen Leib gegeben, bis wir ihn zur sinnlichen Erscheinung gefördert.
Der Gedanke will Tat, das Wort will Fleisch werden. Und wunderbar! der Mensch,
wie der Gott der Bibel, braucht nur seinen Gedanken auszusprechen, und es
gestaltet sich die Welt, es wird Licht oder es wird Finsternis, die Wasser
sondern sich von dem Festland, oder gar wilde Bestien kommen zum Vorschein. Die
Welt ist die Signatur des Wortes.
Dieses merkt Euch, Ihr stolzen Männer der Tat. Ihr seid nichts als unbewußte
Handlanger der Gedankenmänner, die oft in demütigster Stille Euch all Euer Tun
aufs Bestimmteste vorgezeichnet haben. Maximilian Robespierre war nichts als die
Hand von Jean Jaques Rousseau, die blutige Hand, die aus dem Schoße der Zeit den
Leib hervorzog, dessen Seele Rousseau geschaffen. Die unstete Angst, die dem
Jean Jaques das Leben verkümmerte, rührte sie vielleicht daher, daß er schon im
Geiste ahnte, welch eines Geburtshelfers seine Gedanken bedurften, um leiblich
zur Welt zu kommen?
Der alte Fontenelle hatte vielleicht recht als er sagte: wenn ich alle Gedanken
dieser Welt in meiner Hand trüge, so würde ich mich hüten sie zu öffnen. Ich
meinesteils, ich denke anders. Wenn ich alle Gedanken dieser Welt in meiner Hand
hätte - ich würde Euch vielleicht bitten, mir die Hand gleich abzubauen; auf
keinen Fall hielte ich sie lange verschlossen. Ich bin nicht dazu geeignet, ein
Kerkermeister der Gedanken zu sein. Bei Gott! ich laß sie los. Mögen sie sich
immerhin zu den bedenklichsten Erscheinungen verkörpern, mögen sie immerhin, wie
ein toller Bacchantenzug, alle Lande durchstürmen, mögen sie mit ihren
Thyrsusstäben unsere unschuldigsten Blumen zerschlagen, mögen sie immerhin in
unsere Hospitäler hereinbrechen, und die kranke alte Welt aus ihren Betten jagen
- es wird freilich mein Herz sehr bekümmern und ich selber werde dabei zu
Schaden kommen! Denn ach! ich gehöre ja selber zu dieser kranken alten Welt, und
mit Recht sagt der Dichter: wenn man auch seiner Krücken spottet, so kann man
darum doch nicht besser gehen. Ich bin der krankste von Euch allen und um so
bedauernswürdiger, da ich weiß was Gesundheit ist. Ihr aber, Ihr wißt es nicht,
-Ihr Beneidenswerten! Ihr seid kapabel zu sterben, ohne es selbst zu merken. ja,
viele von Euch sind längst tot und behaupten, jetzt erst beginne ihr wahres
Leben. Wenn ich solchem Wahnsinn widerspreche, dann wird man mir gram und
schmäht mich - und entsetzlich! die Leichen springen an mich heran und
schimpfen, und mehr noch als ihre Schmähworte belästigt mich ihr Moderduft
...... Fort, Ihr Gespenster! ich spreche jetzt von einem Manne, dessen Name
schon eine exorzierende Macht ausübt, ich spreche von Immanuel Kant!
Man sagt, die Nachtgeister erschrecken, wenn sie das Schwert eines
Scharfrichters erblicken - wie müssen sie erst erschrecken, wenn man ihnen Kants
"Kritik der reinen Vernunft" entgegenhält! Dieses Buch ist das Schwert, womit
der Deismus hingerichtet worden in Deutschland.
Ehrlich gestanden, Ihr Franzosen, in Vergleichung mit uns Deutschen seid Ihr
zahm und moderant. Ihr habt höchstens einen König töten können, und dieser hatte
schon den Kopf verloren, ehe Ihr köpftet. Und dabei mußtet Ihr so viel trommeln
und schreien und mit den Füßen trampeln, daß es den ganzen Erdkreis
erschütterte. Man erzeigt wirklich dem Maximilian Robespierre zu viel Ehre, wenn
man ihn mit dem Immanuel Kant vergleicht. Maximilian Robespierre, der große
Spießbürger von der Rue Saint - Honoré, bekam freilich seine Anfälle von
Zerstörungswut, wenn es das Königstum galt, und er zuckte dann furchtbar genug
in seiner regiziden Epilepsie; aber sobald vom höchsten Wesen die Rede war,
wusch er sich den weißen Schaum wieder vom Munde und das Blut von den Händen,
und zog seinen blauen Sonntagsrock an, mit den Spiegelknöpfen, und steckte noch
obendrein einen Blumenstrauß vor seinem breiten Brustlatz.
Die Lebensgeschichte des Immanuel Kant ist schwer zu beschreiben. Denn er hatte
weder Leben noch Geschichte. Er lebte ein mechanisch geordnetes, fast abstraktes
Hagestolzenleben, in einem stillen abgelegenen Gäßchen zu Königsberg, einer
alten Stadt an der nordöstlichen Grenze Deutschlands. Ich glaube nicht, daß die
große Uhr der dortigen Kathedrale leidenschaftsloser und regelmäßiger ihr
äußeres Tagewerk vollbrachte, wie ihr Landsmann Immanuel Kant. Aufstehn,
Kaffeetrinken, Schreiben, Kollegienlesen, Essen, Spazierengehn, alles hatte
seine bestimmte Zeit, und die Nachbarn wußten ganz genau, daß die Glocke halb
vier sei, wenn Immanuel Kant, in seinem grauen Leibrock, das spanische Röhrchen
in der Hand, aus seiner Haustüre trat, und nach der kleinen Lindenallee
wandelte, die man seinetwegen noch jetzt den Philosophengang nennt. Achtmal
spazierte er dort auf und ab, in jeder Jahrzeit, und wenn das Wetter trübe war
oder die grauen Wolken einen Regen verkündigten, sah man seinen Diener, den
alten Lampe, ängstlich besorgt hinter ihm drein wandeln, mit einem langen
Regenschirm unter dem Arm, wie ein Bild der Vorsehung.
Sonderbarer Kontrast zwischen dem äußeren Leben des Mannes und seinen
zerstörenden, weltzermalmenden Gedanken! Wahrlich, hätten die Bürger von
Königsberg die ganze Bedeutung dieses Gedankens geahnt, sie würden vor jenem
Manne eine weit grauenhaftere Scheu empfunden haben als vor einem Scharfrichter,
vor einem Scharfrichter, der nur Menschen hinrichtet - aber die guten Leute
sahen in ihm nichts anderes als einen Professor der Philosophie, und wenn er zur
bestimmten Stunde vorbeiwandelte, grüßten sie freundlich, und richteten etwa
nach ihm ihre Taschenuhr.
Wenn aber Immanuel Kant, dieser große Zerstörer im Reiche der Gedanken, an
Terrorismus den Maximilian Robespierre weit übertraf, so hat er doch mit diesem
manche Ähnlichkeiten, die zu einer Vergleichung beider Männer auffordern.
Zunächst finden wir in beiden dieselbe unerbittliche, schneidende, poesielose,
nüchterne Ehrlichkeit. Dann finden wir in beiden dasselbe Talent des Mißtrauens,
nur daß es der eine gegen Gedanken ausübt und Kritik nennt, während der andere
es gegen Menschen anwendet und republikanische Tugend betitelt. Im höchsten
Grade jedoch zeigt sich in beiden der Typus des Spießbürgertums - die Natur
hatte sie bestimmt Kaffee und Zucker zu wiegen, aber das Schicksal wollte, daß
sie andere Dinge abwögen, und legte dem einen einen König und dem anderen einen
Gott auf die Wagschale .....
Und sie gaben das richtige Gewicht!
Die "Kritik der reinen Vernunft" ist das Hauptwerk von Kant, und wir müssen uns
vorzugsweise damit beschäftigen. Keine von allen Schriften Kants hat größere
Wichtigkeit. Dieses Buch, wie schon erwähnt, erschien 1781 und wurde erst 1789
allgemein bekannt. Es wurde anfangs ganz übersehen, nur zwei unbedeutende
Anzeigen sind damals darüber erschienen, und erst spät wurde durch Artikel von
Schütz, Schulz und Reinhold die Aufmerksamkeit des Publikums auf dieses große
Buch geleitet. Die Ursache dieser verzögerten Anerkenntnis liegt wohl in der
ungewöhnlichen Form und schlechten Schreibart. In Betreff der letzteren verdient
Kant größeren Tadel als irgend ein anderer Philosoph. Um so mehr, wenn wir
seinen vorhergehenden besseren Stil erwägen. Die kürzlich erschienene Sammlung
seiner kleinen Schriften enthält die ersten Versuche, und wir wundern uns da
über die gute, manchmal sehr witzige Schreibart. Während Kant im Kopfe schon
sein großes Werk ausarbeitete, hat er diese kleinen Aufsätze vor sich
hingeträllert. Er lächelt da wie ein Soldat, der sich ruhig waffnet, um in eine
Schlacht zu gehn, wo er gewiß zu siegen denkt. Unter jenen kleinen Schriften
sind besonders merkwürdig: "Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels",
geschrieben schon 1755, "Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und
Erhabenen", geschrieben zehn Jahre später, sowie auch "Träume eines
Geistersehers" voll guter Laune in der Art der französischen Essays. Der Witz
eines Kant, wie er sich in diesen Schriftchen äußert, hat etwas höchst
Eigentümliches. Der Witz rankt da an dem Gedanken, und trotz seiner Schwäche
erreicht er dadurch eine erquickliche Höhe. Ohne solche Stütze freilich kann der
reichste Witz nicht gedeihen; gleich der Weinrebe die eines Stabes entbehrt, muß
er alsdann kümmerlich am Boden hinkriechen und mit seinen kostbarsten Früchten
vermodern.
Warum aber hat Kant seine "Kritik der reinen Vernunft" in einem so grauen,
trockenen Packpapierstil geschrieben? Ich glaube, weil er die mathematische Form
der Descartes-Leibniz-Wolfianer verwarf, fürchtete er, die Wissenschaft möchte
etwas von ihrer Würde einbüßen, wenn sie sich in einem leichten, zuvorkommend
heiteren Tone ausspräche. Er verlieh ihr daher eine steife, abstrakte Form, die
alle Vertraulichkeit der niederen Geistesklassen kalt ablehnte. Er wollte sich
von den damaligen Popularphilosophen, die nach bürgerlichster Deutlichkeit
strebten, vornehm absondern, und er kleidete seine Gedanken in eine hofmännisch
abgekältete Kanzeleisprache. Hier zeigt sich ganz der Philister. Aber vielleicht
bedurfte Kant zu seinem sorgfältig gemessenen Ideengang auch einer Sprache, die
sorgfältig gemessener, und er war nicht im Stande eine bessere zu schaffen. Nur
das Genie hat für den neuen Gedanken auch das neue Wort. Immanuel Kant war aber
kein Genie. Im Gefühl dieses Mangels, ebenso wie der gute Maximilian, war Kant
um so mißtrauischer gegen das Genie, und in seiner "Kritik der Urteilskraft"
behauptete er sogar, das Genie habe nichts in der Wissenschaft zu schaffen,
seine Wirksamkeit gehöre ins Gebiet der Kunst.
Kant hat durch den schwerfälligen, steifleinenen Stil seines Hauptwerks sehr
vielen Schaden gestiftet. Denn die geistlosen Nachahmer äfften ihn nach, in
dieser Äußerlichkeit, und es entstand bei uns der Aberglaube, daß man kein
Philosoph sei, wenn man gut schriebe. Die mathematische Form jedoch konnte, seit
Kant, in der Philosophie nicht mehr aufkommen. Dieser Form hat er in der "Kritik
der reinen Vernunft" ganz unbarmherzig den Stab gebrochen. Die mathematische
Form in der Philosophie, sagte er, bringe nichts als Kartengebäude hervor, so
wie die philosophische Form in der Mathematik nur eitel Geschwätz hervorbringt.
Denn in der Philosophie könne es keine Definitionen geben wie in der Mathematik,
wo die Definitionen nicht diskursiv, sondern intuitiv sind, d. h. in der
Anschauung nachgewiesen werden können; was man Definitionen in der Philosophie
nenne, werde nur versuchsweise, hypothetisch, vorangestellt; die eigentlich
richtige Definition erscheine nur am Ende als Resultat.
Wie kommt es, daß die Philosophen so viel Vorliebe für die mathematische Form
zeigen? Diese Vorliebe beginnt schon mit Pythagoras, der die Prinzipien der
Dinge durch Zahlen bezeichnete. Dieses war ein genialer Gedanke. In einer Zahl
ist alles Sinnliche und Endliche abgestreift, und dennoch bezeichnet sie etwas
Bestimmtes und dessen Verhältnis zu etwas Bestimmtem, welches letztere, wenn es
ebenfalls durch eine Zahl bezeichnet wird, denselben Charakter des
Entsinnlichten und Unendlichen angenommen. Hierin gleicht die Zahl den Ideen,
die denselben Charakter und dasselbe Verhältnis zueinander haben. Man kann die
Ideen, wie sie in unserem Geiste und in der Natur sich kundgeben, sehr treffend
durch Zahlen bezeichnen; aber die Zahl bleibt doch immer das Zeichen der Idee,
nicht die Idee selber. Der Meister bleibt dieses Unterschieds noch bewußt, der
Schüler aber vergißt dessen, und überliefert seinen Nachschülern nur eine
Zahlenhieroglyphik, bloße Chiffern, deren lebendige Bedeutung niemand mehr
kennt, und die man mit Schulstolz nachplappert. Dasselbe gilt von den übrigen
Elementen der mathematischen Form. Das Geistige in seiner ewigen Bewegung
erlaubt kein Fixieren; ebensowenig wie durch die Zahl läßt es sich fixieren
durch Linie, Dreieck, Viereck und Kreis. Der Gedanke kann weder gezählt werden
noch gemessen.
Da es mir hauptsächlich darum zu tun ist das Studium der deutschen Philosophie
in Frankreich zu erleichtern, so bespreche ich immer zumeist diejenigen
Äußerlichkeiten, die den Fremden leicht abschrecken, wenn man ihn nicht vorher
darüber in Kenntnis gesetzt hat. Literatoren, die den Kant für das französische
Publikum bearbeiten wollen, mache ich besonders darauf aufmerksam, daß sie
denjenigen Teil seiner Philosophie ausscheiden können, der bloß dazu dient, die
Absurditäten der Wolfschen Philosophie zu bekämpfen. Diese Polemik, die sich
überall durchdrängt, kann bei den Franzosen nur Verwirrung und gar keinen Nutzen
hervorbringen.
Die "Kritik der reinen Vernunft" ist, wie ich bereits gesagt das Hauptbuch von
Kant, und seine übrigen Schriften sind einigermaßen als entbehrlich, oder
allenfalls als Kommentare zu betrachten. Welche soziale Bedeutung jenem
Hauptbuche innewohnt, wird sich aus folgendem ergeben.
Die Philosophen vor Kant haben zwar über den Ursprung unserer Erkenntnisse
nachgedacht, und sind, wie wir bereits gezeigt, in zwei verschiedene Wege
geraten, je nachdem sie Ideen a priori oder Ideen a posteriori annahmen; über
das Erkenntnisvermögen selber, über den Umfang unseres Erkenntnisvermögens, oder
über die Grenzen unseres Erkenntnisvermögens ist weniger nachgedacht worden.
Dieses ward nun die Aufgabe von Kant, er unterwarf unser Erkenntnisvermögen
einer schonungslosen Untersuchung, er sondierte die ganze Tiefe dieses Vermögens
und konstatierte alle seine Grenzen. Da fand er nun freilich, daß wir gar nichts
wissen können von sehr vielen Dingen, mit denen wir früher in vertrautester
Bekanntschaft zu stehen vermeinten. Das war sehr verdrießlich. Aber es war doch
immer nützlich zu wissen, von welchen Dingen wir nichts wissen können. Wer uns
vor nutzlosen Wegen warnt, leistet uns einen ebenso guten Dienst, wie derjenige,
der uns den rechten Weg anzeigt. Kant bewies uns, daß wir von den Dingen wie sie
an und für sich selber sind, nichts wissen, sondern daß wir nur insofern etwas
von ihnen wissen, als sie sich in unserem Geiste reflektieren. Da sind wir nun
ganz wie die Gefangenen, wovon Plato, im siebenten Buche vom "Staate", so
Betrübsames erzählt: Diese Unglücklichen, gefesselt an Hals und Schenkeln, so
daß sie sich mit dem Kopfe nicht herumdrehen können, sitzen in einem Kerker, der
oben offen ist, und von obenher erhalten sie einiges Licht. Dieses Licht aber
kömmt von einem Feuer, welches hinter ihnen oben brennt, und zwar noch getrennt
von ihnen durch eine kleine Mauer. Längs dieser Mauer wandeln Menschen, welche
allerlei Statuen, Holz- und Steinbilder, vorübertragen und miteinander sprechen.
Die armen Gefangenen können nun von diesen Menschen, welche nicht so hoch wie
die Mauer, gar nichts sehen und von den vorbeigetragenen Statuen, die über die
Mauer hervorragen, sehen sie nur die Schatten, welche sich an der ihnen
gegenüberstehenden Wand dahinbewegen; und sie halten nun diese Schatten für die
wirklichen Dinge und getäuscht durch das Echo ihres Kerkers, glauben sie, es
seien diese Schatten, welche miteinander sprechen.
Die bisherige Philosophie, die schnüffelnd an den Dingen herumlief, und sich
Merkmale derselben einsammelte und sie klassifizierte, hörte auf, als Kant
erschien, und dieser lenkte die Forschung zurück in den menschlichen Geist und
untersuchte, was sich da kundgab. Nicht mit Unrecht vergleicht er daher seine
Philosophie mit dem Verfahren des Kopernikus. Früher, als man die Welt
stillstehen und die Sonne um dieselbe herumwandeln ließ, wollten die
Himmelsberechnungen nicht sonderlich übereinstimmen; da ließ Kopernikus die
Sonne stillstehen und die Erde um sie herum wandeln, und siehe! alles ging nun
vortrefflich. Früher lief die Vernunft, gleich der Sonne, um die
Erscheinungswelt herum und suchte sie zu beleuchten; Kant aber läßt die
Vernunft, die Sonne, stillstehen, und die Erscheinungswelt dreht sich um sie
herum und wird beleuchtet, je nachdem sie in den Bereich dieser Sonne kömmt.
Nach diesen wenigen Worten, womit ich die Aufgabe Kants angedeutet, ist jedem
begreiflich, daß ich denjenigen Abschnitt seines Buches, worin er die
sogenannten Phänomena und Noumena abhandelt, für den wichtigsten Teil, für den
Mittelpunkt seiner Philosophie, halte. Kant macht nämlich einen Unterschied
zwischen den Erscheinungen der Dinge und den Dingen an sich. Da wir von den
Dingen nur insoweit etwas wissen können, als sie sich uns durch Erscheinung
kundgeben, und da also die Dinge nicht, wie sie an und für sich selbst sind,
sich uns zeigen: so hat Kant die Dinge, insofern sie erscheinen Phänomena, und
die Dinge an und für sich Noumena genannt. Nur von den Dingen als Phänomena
können wir etwas wissen, nichts aber können wir von den Dingen wissen als
Noumena. Letztere sind nur problematisch, wir können weder sagen sie existieren,
noch sie existieren nicht. ja, das Wort Noumen ist nur dem Wort Phänomen
nebengesetzt um von Dingen, insoweit sie uns erkennbar, sprechen zu können, ohne
in unserem Urteil die Dinge, die uns nicht erkennbar, zu berühren.
Kant hat also nicht, wie manche Lehrer, die ich nicht nennen will, die Dinge
unterschieden in Phänomena und Noumena, in Dinge, welche für uns existieren, und
in Dinge, welche für uns nicht existieren. Dieses wäre ein irländischer Bull in
der Philosophie. Er hat nur einen Grenzbegriff geben wollen.
Gott ist, nach Kant, ein Noumen. In Folge seiner Argumentation, ist jenes
transzendentale Idealwesen, welches wir bisher Gott genannt, nichts anders als
eine Erdichtung. Es ist durch eine natürliche Illusion entstanden. Ja, Kant
zeigt wie wir von jenem Noumen, von Gott, gar nichts wissen können, und wie
sogar jede künftige Beweisführung seiner Existenz unmöglich sei. Die Danteschen
Worte "Laßt die Hoffnung zurück!" schreiben wir über diese Abteilung der "Kritik
der reinen Vernunft". Ich glaube, man erläßt mir gern die populäre Erörterung
dieser Partie, wo "von den Beweisgründen der spekulativen Vernunft, auf das
Dasein eines höchsten Wesens zu schließen" gehandelt wird. Obwohl die
eigentliche Widerlegung dieser Beweisgründe nicht viel Raum einnimmt und erst in
der zweiten Hälfte des Buches zum Vorschein kommt, so ist sie doch schon von
vornherein aufs absichtlichste eingeleitet, und sie gehört zu dessen Pointen. Es
knüpft sich daran die "Kritik aller spekulativen Theologie". Bemerken muß ich,
daß Kant, indem er die drei Hauptbeweisarten für das Dasein Gottes, nämlich den
ontologischen, den kosmologischen und den physikotheologischen Beweis angreift,
nach meiner Meinung die zwei letzteren, aber nicht den ersteren zugrunde richten
kann. Ich weiß nicht, ob die obigen Ausdrücke hier bekannt sind, und ich gebe
daher die Stelle aus der "Kritik der reinen Vernunft", wo Kant ihre
Unterscheidungen formuliert:
"Es sind nur drei Beweisarten vom Dasein Gottes aus spekulativer Vernunft
möglich. Alle Wege, die man in dieser Absicht einschlagen mag, fangen entweder
von der bestimmten Erfahrung und der dadurch erkannten besonderen Beschaffenheit
unserer Sinnenwelt an, und steigen von ihr nach Gesetzen der Kausalität bis zur
höchsten Ursache außer der Welt hinauf; oder sie legen nur unbestimmte
Erfahrung, d. i. irgend ein Dasein, zum Grunde, oder sie abstrahieren endlich
von aller Erfahrung und schließen gänzlich a priori aus bloßen Begriffen auf das
Dasein einer höchsten Ursache. Der erste Beweis ist der physikotheologische, der
zweite der kosmologische, der dritte ist der ontologische Beweis. Mehr gibt es
ihrer nicht, und mehr kann es ihrer auch nicht geben."
Nach mehrmaligem Durchstudieren des Kanteschen Hauptbuchs, glaubte ich zu
erkennen, daß die Polemik gegen jene bestehenden Beweise für das Dasein Gottes
überall hervorlauscht, und ich würde sie weitläuftiger besprechen, wenn mich
nicht ein religiöses Gefühl davon abhielte. Schon daß ich jemanden das Dasein
Gottes diskutieren sehe, erregt in mir eine so sonderbare Angst, eine so
unheimliche Beklemmung, wie ich sie einst in London zu New-Bedlam empfand, als
ich, umgeben von lauter Wahnsinnigen, meinen Führer aus den Augen verlor. "Gott
ist alles was da ist", und Zweifel an ihm ist Zweifel an das Leben selbst, es
ist der Tod.
So verwerflich aber jede Diskussion über das Dasein Gottes ist, desto
preislicher ist das Nachdenken über die Natur Gottes. Dieses Nachdenken ist ein
wahrhafter Gottesdienst, unser Gemüt wird dadurch abgezogen vom Vergänglichen
und Endlichen, und gelangt zum Bewußtsein der Urgüte und der ewigen Harmonie.
Dieses Bewußtsein durchschauert den Gefühlsmenschen im Gebet oder bei der
Betrachtung kirchlicher Symbole; der Denker findet diese heilige Stimmung in der
Ausübung jener erhabenen Geisteskraft, welche wir Vernunft nennen, und deren
höchste Aufgabe es ist die Natur Gottes zu erforschen. Ganz besonders religiöse
Menschen beschäftigen sich mit dieser Aufgabe von Kind auf, geheimnisvoll sind
sie davon schon bedrängt, durch die erste Regung der Vernunft. Der Verfasser
dieser Blätter ist sich einer solchen frühen, ursprünglichen Religiosität aufs
Freudigste bewußt, und sie hat ihn nie verlassen. Gott war immer der Anfang und
das Ende aller meiner Gedanken. Wenn ich jetzt frage: was ist Gott? was ist
seine Natur? so frug ich schon als kleines Kind: wie ist Gott? wie sieht er aus?
Und damals konnte ich ganze Tage in den Himmel hinaufsehen, und war des Abends
sehr betrübt, daß ich niemals das allerheiligste Angesicht Gottes, sondern immer
nur graue, blöde Wolkenfratzen erblickt hatte. Ganz konfus machten mich die
Mitteilungen aus der Astronomie, womit man damals, in der Aufklärungsperiode,
sogar die kleinsten Kinder nicht verschonte, und ich konnte mich nicht genug
wundern, daß alle diese tausendmillionen Sterne ebenso große, schöne Erdkugeln
seien wie die unsrige, und über all dieses leuchtende Weltengewimmel ein
einziger Gott waltete. Einst im Traume, erinnere ich mich, sah ich Gott, ganz
oben in der weitesten Ferne. Er schaute vergnüglich zu einem kleinen
Himmelsfenster hinaus, ein frommes Greisengesicht mit einem kleinen
Judenbärtchen, und er streute eine Menge Saatkörner herab, die, während sie vom
Himmel niederfielen, im unendlichen Raume gleichsam aufgingen, eine ungeheure
Ausdehnung gewannen, bis sie lauter strahlende, blühende, bevölkerte Welten
wurden, jede so groß wie unsere eigne Erdkugel. Ich habe dieses Gesicht nie
vergessen können, noch oft im Traume sah ich den heiteren Alten aus seinem
kleinen Himmelfenster die Weltensaat herabschütten; ich sah ihn einst sogar mit
den Lippen schnalzen, wie unsere Magd, wenn sie den Hühnern ihr Gerstenfutter
zuwarf. Ich konnte nur sehen wie die fallenden Saatkörner sich immer zu großen
leuchtenden Weltkugeln ausdehnten: aber die etwanigen großen Hühner, die
vielleicht irgendwo mit aufgesperrten Schnäbeln lauerten, um mit den
hingestreuten Weltkugeln gefüttert zu werden, konnte ich nicht sehen.
Du lächelst, lieber Leser, über die großen Hühner. Diese kindische Ansicht ist
aber nicht allzusehr entfernt von der Ansicht der reifsten Deisten. Um von dem
außerweltlichen Gott einen Begriff zu geben, haben sich der Orient und der
Okzident in kindischen Hyperbeln erschöpft. Mit der Unendlichkeit des Raumes und
der Zeit hat sich aber die Phantasie der Deisten vergeblich abgequält. Hier
zeigt sich ganz ihre Ohnmacht, die Haltlosigkeit ihrer Weltansicht, ihrer Idee
von der Natur Gottes. Es betrübt uns daher wenig, wenn diese Idee zugrunde
gerichtet wird. Dieses Leid aber hat ihnen Kant wirklich angetan, indem er ihre
Beweisführungen von der Existenz Gottes zerstörte.
Die Rettung des ontologischen Beweises käme dem Deismus gar nicht besonders
heilsam zu statten, denn dieser Beweis ist ebenfalls für den Pantheismus zu
gebrauchen. Zu näherem Verständnis bemerke ich, daß der ontologische Beweis
derjenige ist, den Descartes aufstellt und der schon lange vorher im
Mittelalter, durch Anselm von Canterbury, in einer rührenden Gebetform,
ausgesprochen worden. ja, man kann sagen, daß der heilige Augustin schon im
zweiten Buche "De libero arbitrio" den ontologischen Beweis aufgestellt hat.
Ich enthalte mich, wie gesagt, aller popularisierenden Erörterung der Kanteschen
Polemik gegen jene Beweise. Ich begnüge mich zu versichern, daß der Deismus
seitdem im Reiche der spekulativen Vernunft erblichen ist. Diese betrübende
Todesnachricht bedarf vielleicht einiger Jahrhunderte, ehe sie sich allgemein
verbreitet hat - wir aber haben längst Trauer angelegt. De profundis!
Ihr meint, wir könnten jetzt nach Hause gehn? Bei Leibe! es wird noch ein Stück
aufgeführt. Nach der Tragödie kommt die Farce. Immanuel Kant hat bis hier den
unerbittlichen Philosophen tragiert, er hat den Himmel gestürmt, er hat die
ganze Besatzung über die Klinge springen lassen, der Oberherr der Welt schwimmt
unbewiesen in seinem Blute, es gibt jetzt keine Allbarmherzigkeit mehr, keine
Vatergüte, keine jenseitige Belohnung für diesseitige Enthaltsamkeit, die
Unsterblichkeit der Seele liegt in den letzten Zügen - das röchelt, das stöhnt -
und der alte Lampe steht dabei mit seinem Regenschirm unterm Arm, als betrübter
Zuschauer und Angstschweiß und Tränen rinnen ihm vom Gesichte. Da erbarmt sich
Immanuel Kant und zeigt, daß er nicht bloß ein großer Philosoph, sondern auch
ein guter Mensch ist, und er überlegt, und halb gutmütig und halb ironisch
spricht er: "Der alte Lampe muß einen Gott haben, sonst kann der arme Mensch
nicht glücklich sein - der Mensch soll aber auf der Welt glücklich sein - das
sagt die praktische Vernunft - meinetwegen - so mag auch die praktische Vernunft
die Existenz Gottes verbürgen." In Folge dieses Arguments, unterscheidet Kant
zwischen der theoretischen Vernunft und der praktischen Vernunft, und mit
dieser, wie mit einem Zauberstäbchen belebte er wieder den Leichnam des Deismus,
den die theoretische Vernunft getötet.
Hat vielleicht Kant diese Resurrektion nicht bloß des alten Lampe wegen, sondern
auch der Polizei wegen unternommen? Oder hat er wirklich aus Überzeugung
gehandelt? Hat er uns eben dadurch, daß er alle Beweise für das Dasein Gottes
zerstörte, recht zeigen wollen, wie mißlich es ist, wenn wir nichts von der
Existenz Gottes wissen können? Er handelte da fast ebenso weise wie mein
westfälischer Freund, welcher alle Laternen auf der Grohnderstraße zu Göttingen
zerschlagen hatte, und uns nun dort, im Dunkeln stehend, eine lange Rede hielt
über die praktische Notwendigkeit der Laternen, welche er nur deshalb
theoretisch zerschlagen habe, um uns zu zeigen, wie wir ohne dieselben nichts
sehen können.
Ich habe schon früher erwähnt, daß die "Kritik der reinen Vernunft", bei ihrem
Erscheinen, nicht die geringste Sensation gemacht. Erst mehre Jahre später, als
einige scharfsinnige Philosophen Erläuterungen über dieses Buch geschrieben,
erregte es die Aufmerksamkeit des Publikums, und im Jahr 1789 war in Deutschland
von nichts mehr die Rede als von Kantescher Philosophie, und sie hatte schon in
Hülle und Fülle ihre Kommentare, Chrestomathien, Erklärungen, Beurteilungen,
Apologien u. s. w. Man braucht nur einen Blick auf den ersten besten
philosophischen Katalog zu werfen und die Unzahl von Schriften, die damals über
Kant erschienen, zeugt hinreichend von der geistigen Bewegung, die von diesem
einzigen Manne ausging. Bei den einen zeigte sich ein schäumender Enthusiasmus,
bei den anderen eine bittere Verdrießlichkeit, bei vielen eine glotzende
Erwartung über den Ausgang dieser geistigen Revolution. Wir hatten Erneuten in
der geistigen Welt ebenso gut wie Ihr in der materiellen Welt, und bei dem
Niederreißen des alten Dogmatismus echauffierten wir uns ebenso sehr wie Ihr
beim Sturm der Bastille. Es waren freilich ebenfalls nur ein paar alte
Invaliden, welche den Dogmatismus, d. i. die Wolfsche Philosophie, verteidigten.
Es war eine Revolution, und es fehlte nicht an Greuel. Unter der Partei der
Vergangenheit waren die eigentlichen guten Christen über jene Greuel am
wenigsten ungehalten. Ja, sie wünschten noch schlimmere Greuel, damit sich das
Maß fülle, und die Contrerevolution desto schneller als notwendige Reaktion
stattfinde. Es gab bei uns Pessimisten in der Philosophie wie bei Euch in der
Politik. Manche unserer Pessimisten gingen in der Selbstverblendung so weit, daß
sie sich einbildeten, Kant sei mit ihnen in einem geheimen Einverständnis und
habe die bisherigen Beweise für das Dasein Gottes nur deshalb zerstört, damit
die Welt einsehe, daß man durch die Vernunft nimmermehr zur Erkenntnis Gottes
gelange, und daß man sich also hier an der geoffenbarten Religion halten müsse.
Diese große Geisterbewegung hat Kant nicht sowohl durch den Inhalt seiner
Schriften hervorgebracht, als vielmehr durch den kritischen Geist der darin
waltete, und der sich jetzt in alle Wissenschaften eindrängte. Alle Disziplinen
wurden davon ergriffen. ja, sogar die Poesie blieb nicht verschont von ihrem
Einfluß. Schiller z. B. war ein gewaltsamer Kantianer und seine Kunstansichten
sind geschwängert von dem Geist der kanteschen Philosophie. Der schönen
Literatur und den schönen Künsten wurde diese kantesche Philosophie, wegen ihrer
abstrakten Trockenheit, sehr schädlich. Zum Glück mischte sie sich nicht in die
Kochkunst.
Das deutsche Volk läßt sich nicht leicht bewegen, ist es aber einmal in irgend
eine Bahn hineinbewegt, so wird es dieselbe mit beharrlichster Ausdauer bis ans
Ende verfolgen. So zeigten wir uns in den Angelegenheiten der Religion. So
zeigten wir uns nun auch in der Philosophie. Werden wir uns eben so konsequent
weiterbewegen in der Politik?
Deutschland war durch Kant in die philosophische Bahn hineingezogen, und die
Philosophie ward eine Nationalsache. Eine schöne Schar großer Denker sproßte
plötzlich aus dem deutschen Boden, wie hervorgezaubert. Wenn einst, gleich der
französischen Revolution, auch die deutsche Philosophie ihren Thiers und ihren
Mignet findet, so wird die Geschichte derselben eine eben so merkwürdige Lektüre
bieten, und der Deutsche wird sie mit Stolz und der Franzose wird sie mit
Bewunderung lesen.
Unter den Schülern Kants ragte schon frühe hervor Johann Gottlieb Fichte.
Ich verzweifle fast, von der Bedeutung dieses Mannes einen richtigen Begriff
geben zu können. Bei Kant hatten wir nur ein Buch zu betrachten. Hier aber kommt
außer dem Buche auch ein Mann in Betrachtung; in diesem Manne sind Gedanke und
Gesinnung eins, und in solcher großartigen Einheit wirken sie auf die Mitwelt.
Wir haben daher nicht bloß eine Philosophie zu erörtern, sondern auch einen
Charakter, durch den sie gleichsam bedingt wird, und um beider Einfluß zu
begreifen, bedürfte es auch wohl einer Darstellung der damaligen
Zeitverhältnisse. Welche weitreichende Aufgabe! Vollauf sind wir gewiß
entschuldigt, wenn wir hier nur dürftige Mitteilungen bieten.
Schon über den Fichteschen Gedanken ist sehr schwer zu berichten. Auch hier
stoßen wir auf eigentümliche Schwierigkeiten. Sie betreffen nicht bloß den
Inhalt, sondern auch die Form und die Methode; beides Dinge, womit wir den
Ausländer gern zunächst bekannt machen. Zuerst also über die Fichtesche Methode.
Diese ist anfänglich ganz dem Kant entlehnt. Bald aber ändert sich diese Methode
durch die Natur des Gegenstandes. Kant hatte nämlich nur eine Kritik, also etwas
Negatives, Fichte aber hatte späterhin ein System, folglich etwas Positives
aufzustellen. Wegen jenes Mangels an einem festen System, hat man der Kanteschen
Philosophie manchmal den Titel "Philosophie" absprechen wollen. In Beziehung auf
Immanuel Kant selber hatte man recht, keineswegs aber in Beziehung auf die
Kantianer, die aus Kants Sätzen eine hinlängliche Anzahl von festen Systemen
zusammengebaut. In seinen früheren Schriften bleibt Fichte, wie gesagt, der
Kanteschen Methode ganz treu, so daß man seine erste Abhandlung, als sie anonym
erschien, für ein Werk von Kant halten konnte. Da Fichte aber später ein System
aufstellt, so gerät er in ein eifriges, gar eigensinniges Konstruieren, und wenn
er die ganze Welt konstruiert hat, so beginnt er ebenso eifrig und eigensinnig
von oben bis unten herab seine Konstruktionen zu demonstrieren. In diesem
Konstruieren und Demonstrieren bekundet Fichte eine sozusagen abstrakte
Leidenschaft. Wie in seinem System selbst, so herrscht bald die Subjektivität
auch in seinem Vortrag. Kant hingegen legt den Gedanken vor sich hin, und
seziert ihn, und zerlegt ihn in seine feinsten Fasern, und seine "Kritik der
reinen Vernunft" ist gleichsam das anatomische Theater des Geistes. Er selber
bleibt dabei kalt, gefühllos, wie ein echter Wundarzt.
Wie die Methode, so auch die Form der Fichteschen Schriften. Sie ist lebendig,
aber sie hat auch alle Fehler des Lebens: sie ist unruhig und verwirrsam. Um
recht lebendig zu bleiben, verschmäht Fichte die gewöhnliche Terminologie der
Philosophen, die ihm etwas Totes dünkt; aber wir geraten dadurch noch viel
weniger zum Verständnis. Er hat überhaupt über Verständnis ganz eigene Grillen.
Als Reinhold mit ihm gleicher Meinung war, erklärte Fichte, daß ihn niemand
besser verstehe wie Reinhold. Als dieser aber später von ihm abwich, erklärte
Fichte: er habe ihn nie verstanden. Als er mit Kant differenzierte, ließ er
drucken: Kant verstehe sich selber nicht. Ich berühre hier überhaupt die
komische Seite unserer Philosophen. Sie klagen beständig über
Nichtverstandenwerden. Als Hegel auf dem Totbette lag, sagte er: "nur Einer hat
mich verstanden", aber gleich darauf fügte er verdrießlich hinzu: "und der hat
mich auch nicht verstanden".
In Betreff ihres Inhalts an und für sich hat die Fichtesche Philosophie keine
große Bedeutung. Sie hat der Gesellschaft keine Resultate geliefert. Nur
insofern sie eine der merkwürdigsten Phasen der deutschen Philosophie überhaupt
ist, nur insofern sie die Unfruchtbarkeit des Idealismus in seiner letzten
Konsequenz beurkundet, und nur insofern sie den notwendigen Übergang zur
heutigen Naturphilosophie bildet: ist der Inhalt der Fichteschen Lehre von
einigem Interesse. Da dieser Inhalt also mehr historisch und wissenschaftlich
als sozial wichtig ist, will ich ihn nur mit den kürzesten Worten andeuten.
Die Aufgabe, welche sich Fichte stellt, ist: welche Gründe haben wir anzunehmen,
daß unseren Vorstellungen von Dingen auch Dinge außer uns entsprechen? Und
dieser Frage gibt er die Lösung: alle Dinge haben Realität nur in unserem
Geiste.
Wie die "Kritik der reinen Vernunft" das Hauptbuch von Kant, so ist die
"Wissenschaftslehre" das Hauptbuch von Fichte. Dieses Buch ist gleichsam eine
Fortsetzung des ersteren. Die Wissenschaftslehre verweist den Geist ebenfalls in
sich selbst. Aber wo Kant analysiert, da konstruiert Fichte. Die
Wissenschaftslehre beginnt mit einer abstrakten Formel (Ich = Ich), sie
erschafft die Welt hervor aus der Tiefe des Geistes, sie fügt die zersetzten
Teile wieder zusammen, sie macht den Weg der Abstraktion zurück, bis sie zur
Erscheinungswelt gelangt. Diese Erscheinungswelt kann alsdann der Geist für
notwendige Handlungen der Intelligenz erklären.
Bei Fichte ist noch die besondere Schwierigkeit, daß er dem Geiste zumutet sich
selber zu beobachten, während er tätig ist. Das Ich soll über seine
intellektuelle Handlungen Betrachtungen anstellen, während es sie ausführt. Der
Gedanke soll sich selber belauschen, während er denkt, während er allmählich
warm und wärmer und endlich gar wird. Diese Operation mahnt uns an den Affen,
der am Feuerherde vor einem kupfernen Kessel sitzt und seinen eigenen Schwanz
kocht. Denn er meinte: die wahre Kochkunst besteht nicht darin, daß man bloß
objektiv kocht, sondern auch subjektiv des Kochens bewußt wird.
Es ist ein eigener Umstand, daß die Fichtesche Philosophie immer viel von der
Satire auszustehen hatte. Ich sah mal eine Karikatur die eine Fichtesche Gans
vorstellt. Sie hat eine so große Leber, daß sie nicht mehr weiß, ob sie die Gans
oder ob sie die Leber ist. Auf ihrem Bauch steht: Ich = Ich. Jean Paul hat die
Fichtesche Philosophie aufs heilloseste persifliert, in einem Buche betitelt
"Clavis Fichteana". Daß der Idealismus in seiner konsequenten Durchführung am
Ende gar die Realität der Materie leugnete, das erschien dem großen Publikum als
ein Spaß, der zu weit getrieben. Wir mokierten uns nicht übel über das
Fichtesche Ich, welches die ganze Erscheinungswelt durch sein bloßes Denken
produzierte. Unseren Spöttern kam dabei ein Mißverständnis zustatten, das zu
populär geworden, als daß ich es unerwähnt lassen dürfte. Der große Haufe meinte
nämlich, das Fichtesche Ich, das sei das Ich von Johann Gottlieb Fichte, und
dieses individuelle Ich leugne alle anderen Existenzen. Welche Unverschämtheit!
riefen die guten Leute, dieser Mensch glaubt nicht daß wir existieren, wir die
wir weit korpulenter als er und als Bürgermeister und Amtsaktuare sogar seine
Vorgesetzten sind! Die Damen fragten: glaubt er nicht wenigstens an die Existenz
seiner Frau? Nein? Und das läßt Madame Fichte so hingehn?
Das Fichtesche Ich ist aber kein individuelles Ich, sondern das zum Bewußtsein
gekommene allgemeine Welt-Ich. Das Fichtesche Denken ist nicht das Denken eines
Individuums, eines bestimmten Menschen, der Johann Gottlieb Fichte heißt; es ist
vielmehr ein allgemeines Denken, das sich in einem Individuum manifestiert. So
wie man sagt: es regnet, es blitzt u. s. w., so sollte auch Fichte nicht sagen
"ich denke", sondern "es denkt", "das allgemeine Weltdenken denkt in mir".
Bei einer Vergleichung der französischen Revolution mit der deutschen
Philosophie, habe ich einst, mehr aus Scherz als im Ernste, den Fichte mit
Napoleon verglichen. Aber, in der Tat, es bieten sich hier bedeutsame
Ähnlichkeiten. Nachdem die Kantianer ihr terroristisches Zerstörungswerk
vollbracht, erscheint Fichte, wie Napoleon erschienen, nachdem die Konvention
ebenfalls mit einer reinen Vernunftkritik die ganze Vergangenheit niedergerissen
hatte. Napoleon und Fichte repräsentieren das große unerbittliche Ich, bei
welchem Gedanke und Tat eins sind, und die kolossalen Gebäude, welche beide zu
konstruieren wissen, zeugen von einem kolossalen Willen. Aber durch die
Schrankenlosigkeit dieses Willens gehen jene Gebäude gleich wieder zugrunde, und
die Wissenschaftslehre, wie das Kaiserreich, zerfallen und verschwinden ebenso
schnell wie sie entstanden.
Das Kaiserreich gehört nur noch der Geschichte, aber die Bewegung, welche der
Kaiser in der Welt hervorgebracht, ist noch immer nicht gestillt, und von dieser
Bewegung lebt noch unsere Gegenwart. So ist es auch mit der Fichteschen
Philosophie. Sie ist ganz untergegangen, aber die Geister sind noch aufgeregt
von den Gedanken, die durch Fichte laut geworden, und unberechenbar ist die
Nachwirkung seines Wortes. Wenn auch der ganze Transzendentalidealismus ein
Irrtum war, so lebte doch in den Fichteschen Schriften eine stolze
Unabhängigkeit, eine Freiheitsliebe, eine Manneswürde, die besonders auf die
Jugend einen heilsamen Einfluß übte. Fichtes Ich war ganz übereinstimmend mit
seinem unbeugsamen, hartnäckigen, eisernen Charakter. Die Lehre von einem
solchen allmächtigen Ich konnte vielleicht nur einem solchen Charakter
entsprossen, und ein solcher Charakter mußte, zurückwurzelnd in eine solche
Lehre, noch unbeugsamer werden, noch hartnäckiger, noch eiserner.
Wie mußte dieser Mann den gesinnungslosen Skeptikern, den frivolen Eklektikern
und den Moderanten von allen Farben ein Greuel sein! Sein ganzes Leben war ein
beständiger Kampf. Seine Jugendgeschichte ist eine Reihe von Kümmernissen, wie
bei fast allen unseren ausgezeichneten Männern. Armut sitzt an ihrer Wiege und
schaukelt sie groß, und diese magere Amme bleibt ihre treue Lebensgefährtin.
Nichts ist rührender, als den willenstolzen Fichte zu sehen, wie er sich durch
Hofmeisterei in der Welt durchzuquälen sucht. Solches klägliche Dienstbrod kann
er nicht einmal in der Heimat finden, und er muß nach Warschau wandern. Dort die
alte Geschichte. Der Hofmeister mißfällt der gnädigen Frau, oder vielleicht gar
der ungnädigen Kammerjungfer. Seine Kratzfüße sind nicht fein genug, nicht
französisch genug, und er wird nicht mehr würdig befunden, die Erziehung eines
kleinen polnischen Junkers zu leiten. Johann Gottlieb Fichte wird abgeschafft
wie ein Lakai, erhält von der mißvergnügten Herrschaft kaum einen dürftigen
Zehrpfennig, verläßt Warschau und wandert nach Königsberg, in jugendlichem
Enthusiasmus, um Kant kennen zu lernen. Das Zusammentreffen dieser beiden Männer
ist in jeder Hinsicht interessant, und ich glaube beider Weise und Zustände
nicht besser veranschaulichen zu können, als indem ich ein Fragment aus Fichtes
Tagebuch mitteile, das in einer Biographie desselben, die sein Sohn unlängst
herausgegeben, enthalten ist:
"Am 25. Juni ging ich nach Königsberg ab mit einem Fuhrmann von dorther; und
traf ohne besondere Fährlichkeiten am ersten Juli daselbst ein. - Den 4ten Kant
besucht, der mich indes nicht sonderlich aufnahm: ich hospitierte bei ihm, und
fand auch da meine Erwartungen nicht befriedigt. Sein Vortrag ist schläfrig.
Unterdes schrieb ich dies Tagebuch.
- Schon lange wollte ich Kant ernsthafter besuchen, fand aber kein Mittel.
Endlich fiel ich darauf, eine 'Kritik aller Offenbarungen' zu schreiben, und sie
ihm statt einer Empfehlung zu überreichen. Ich fing ungefähr den 13ten damit an,
und arbeitete seitdem ununterbrochen fort. - Am 18ten August überschickte ich
endlich die nun fertig gewordene Arbeit an Kant, und ging den 25sten hin, um
sein Urteil darüber zu hören. Er empfing mich mit ausgezeichneter Güte, und
schien sehr wohl mit der Abhandlung zufrieden. Zu einem näheren
wissenschaftlichen Gespräche kam es nicht; wegen meiner philosophischen Zweifel
verwies er mich an seine Kritik der reinen Vernunft, und an den Hofprediger
Schulz, den ich sofort aufsuchen werde. - Am 26sten speiste ich bei Kant, in
Gesellschaft des Professor Sommer; und fand einen sehr angenehmen, geistreichen
Mann an Kant; erst jetzt erkannte ich Züge in ihm, die des großen in seinen
Schriften niedergelegten Geistes würdig sind.
Den 27sten endige ich dies Tagebuch, nachdem ich vorher schon die Exzerpte aus
den Kantischen Vorlesungen über Anthropologie, welche mir Herr v. S. geliehen,
beendigt hatte. Zugleich beschließe ich jenes hinfüro ordentlich alle Abende vor
Schlafengehn fortzusetzen, und alles Interessante, was mir begegnet, besonders
aber Charakterzüge und Bemerkungen einzutragen.
Den 28sten Abends. Noch gestern fing ich an, meine Kritik zu revidieren, und kam
auf recht gute tiefe Gedanken, die mich aber leider überzeugten, daß die erste
Bearbeitung von Grund aus oberflächlich ist. Heute wollte ich die neuen
Untersuchungen fortsetzen, fand mich aber von meiner Phantasie so fortgerissen,
daß ich den ganzen Tag nichts habe tun können. In meiner jetzigen Lage ist dies
nun leider kein Wunder! Ich habe berechnet, daß ich von heute an nur noch 14
Tage hier subsistieren kann. - Freilich bin ich schon in solchen Verlegenheiten
gewesen, aber es war in meinem Vaterlande, und dann wird es bei zunehmenden
Jahren und dringenderem Ehrgefühl immer härter. - Ich habe keinen Entschluß,
kann keinen fassen. - Dem Pastor Borowski, zu welchem Kant mich gehen ließ,
werde ich mich nicht entdecken; soll ich mich ja entdecken, so geschieht es an
niemand als Kant selbst.
Am 29sten ging ich zu Borowski, und fand an ihm einen recht guten, ehrlichen
Mann. Er schlug mir eine Kondition vor, die aber noch nicht völlig gewiß ist,
und die mich auch gar nicht sehr freut; zugleich nötigte er mir durch seine
Offenheit das Geständnis ab, daß ich pressiert sei, eine Versorgung zu wünschen.
Er riet mir, zu Professor W. zu gehn. Arbeiten habe ich nicht gekonnt. - Am
folgenden Tage ging ich in der Tat zu W., und nachher zum Hofprediger Schulz.
Die Aussichten bei ersterem sind sehr mißlich; doch sprach er von
Hauslehrerstellen im Kurländischen, die mich ebenfalls nur die höchste Not
anzunehmen bewegen wird! Nachher zum Hofprediger, wo anfangs mich seine Gattin
empfing. Auch er erschien, aber in mathematische Zirkel vertieft; nachher als er
meinen Namen genauer hörte, wurde er durch die Empfehlung Kants desto
freundlicher. Es ist ein eckiges preußisches Gesicht, doch leuchtet die
Ehrlichkeit und Gutherzigkeit selbst aus seinen Zügen hervor. Ferner lernte ich
da noch kennen Herrn Bräunlich und dessen Pflegbefohlnen, den Grafen Dänhof,
Herrn Büttner, Neveu des Hofpredigers, und einen jungen Gelehrten aus Nürnberg,
Herrn Ehrhard, einen guten, trefflichen Kopf, doch ohne Lebensart und
Weltkenntnis.
Am 1sten September stand ein Entschluß in mir fest, den ich Kanten entdecken
wollte: eine Hauslehrerstelle, so ungern ich dieselbe auch angenommen hätte,
findet sich nicht, und die Ungewißheit meiner Lage hindert mich hier, mit freiem
Geiste zu arbeiten, und des bildenden Umgangs meiner Freunde zu genießen: also
fort, in mein Vaterland zurück! Das kleine Darlehen, welches ich dazu bedarf,
wird mir vielleicht durch Kants Vermittelung verschafft werden. Aber indem ich
zu ihm gehn, und meinen Vorschlag ihm machen wollte, entfiel mir der Mut. Ich
beschloß zu schreiben. Abends wurde ich zu Hofpredigers gebeten, wo ich einen
sehr angenehmen Abend verlebte. - Am 2ten vollendete ich den Brief an Kant und
schickte ihn ab."
Trotz seiner Merkwürdigkeit, kann ich mich doch nicht entschließen diesen Brief
hier in französischer Sprache mitzuteilen. Ich glaube es steigt mir eine Röte in
die Wangen, und mir ist, als sollte ich die verschämtesten Kümmernisse der
eignen Familie vor fremden Leuten erzählen. Trotz meinem Streben nach
französischem Weltsinn, trotz meinem philosophischen Kosmopolitismus, sitzt doch
immer das alte Deutschland mit allen seinen Spießbürgergefühlen in meiner Brust
- Genug, ich kann jenen Brief nicht mitteilen, und ich berichte hier nur:
Immanuel Kant war so arm, daß er trotz der herzzerreißend rührenden Sprache
jenes Briefes, dem Johann Gottlieb Fichte kein Geld borgen konnte. Letzterer
ward aber darob nicht im mindesten unmutig, wie wir aus den Worten des
Tagebuchs, die ich noch hierhersetzen will, schließen können:
"Am 3ten September wurde ich zu Kant eingeladen. Er empfing mich mit seiner
gewöhnlichen Offenheit; sagte aber, er habe sich über meinen Vorschlag noch
nicht resolviert; jetzt bis in 14 Tagen sei er außerstande. Welche
liebenswürdige Offenheit! Übrigens machte er Schwierigkeiten über meine
Desseins, welche verrieten, daß er unsere Lage in Sachsen nicht genug kennt. - -
Alle diese Tage habe ich nichts gemacht: ich will aber wieder arbeiten, und das
Übrige schlechthin Gott überlassen. - Am 6ten. - Ich war zu Kant gebeten, der
mir vorschlug mein Manuskript über die 'Kritik aller Offenbarungen' durch
Vermittlung des Herren Pfarrer Borowski an Buchhändler Hartung zu verkaufen. Es
sei gut geschrieben, meinte er, da ich von Umarbeitung sprach. - Ist dies wahr?
Und doch sagt es Kant! - Übrigens schlug er mir meine erste Bitte ab. - Am 10ten
war ich zu Mittag bei Kant. Nichts von unserer Affaire; Magister Gensichen war
zugegen, und nur allgemeine, zum Teil sehr interessante Gespräche: auch ist Kant
ganz unverändert gegen mich derselbe. - - Am 13ten. Heute wollte ich arbeiten,
und tue nichts. Mein Mißmut überfällt mich. Wie wird dies ablaufen? Wie wird es
heut über acht Tage um mich stehen? Da ist mein Geld rein aufgezehrt!"
Nach vielem Umherirren, nach einem langen Aufenthalt in der Schweiz, findet
Fichte endlich eine feste Stellung in Jena, und von hieraus datiert sich seine
Glanzperiode. Jena und Weimar, zwei sächsische Städtchen, die nur wenige Stunden
voneinander entfernt liegen, waren damals der Mittelpunkt des deutschen
Geisterlebens. In Weimar war der Hof und die Poesie, in Jena war die Universität
und die Philosophie. Dort sahen wir die größten Dichter, hier die größten
Gelehrten Deutschlands. Anno 1794 begann Fichte seine Vorlesungen in Jena. Die
Jahrzahl ist bedeutsam und erklärt sowohl den Geist seiner damaligen Schriften,
als auch die Tribulationen, denen er seitdem ausgesetzt stand, und denen er vier
Jahre später endlich unterlag. Anno 1798 nämlich erheben sich gegen ihn die
Anklagen wegen Atheismus, die ihm unleidliche Verfolgungen zuziehen und auch
seinen Abgang von Jena bewirken. Diese Begebenheit, die merkwürdigste in Fichtes
Leben, hat zugleich eine allgemeine Bedeutung, und wir dürfen nicht davon
schweigen. Hier kommt auch Fichtes Ansicht von der Natur Gottes ganz eigentlich
zur Sprache.
In der Zeitschrift "Philosophisches Journal", welche Fichte damals herausgab,
druckte er einen Aufsatz betitelt "Entwicklung des Begriffs Religion", der ihm
von einem gewissen Forberg, welcher Schullehrer zu Saalfeld, eingesendet worden.
Diesem Aufsatz fügte er noch eine kleine erläuternde Abhandlung hinzu, unter dem
Titel: "Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung".
Diese beiden Stücke nun wurden von der kursächsischen Regierung konfisziert,
unter dem Vorgeben, sie enthielten Atheismus, und zugleich ging von Dresden aus
ein Requisitionsschreiben an den Weimarschen Hof, worin derselbe aufgefordert
wurde, den Professor Fichte ernstlich zu bestrafen. Der Weimarsche Hof hatte nun
freilich von dergleichen Ansinnen sich keineswegs irreleiten lassen; aber da
Fichte bei diesem Vorfalle die größten Fehlgriffe beging, da er nämlich eine
Appellation ans Publikum schrieb, ohne seine offizielle Behörde zu
berücksichtigen: so hat diese, die Weimarsche Regierung, verstimmt und von außen
bedrängt, dennoch nicht vermeiden können, den in seinen Ausdrücken
unvorsichtigen Professor mit einer gelinden Rüge zu erquicken. Fichte aber, der
sich in seinem Rechte glaubte, wollte solche Rüge nicht geduldig hinnehmen und
verließ Jena. Nach seinen damaligen Briefen zu schließen, wurmte ihn ganz
besonders das Verhalten zweier Männer, die, durch ihre amtliche Stellung, in
seiner Sache besonders wichtige Stimmen hatten, und dieses waren S. e Ehrwürden
der Oberkonsistorialrat v. Herder und S. Exzellenz der Geheime-Rat v. Goethe.
Aber beide sind hinreichend zu entschuldigen. Es ist rührend, wenn man in
Herders hinterlassenen Briefen liest, wie der arme Herder seine liebe Not hatte
mit den Kandidaten der Theologie, die, nachdem sie in Jena studiert, zu ihm nach
Weimar kamen, um als protestantische Prediger examiniert zu werden. Über
Christus, den Sohn, wagte er im Examen sie gar nicht mehr zu befragen; er war
froh genug, wenn man ihm nur die Existenz des Vaters zugestand. Was Goethe
betrifft, so hat er sich in seinen Memoiren über obiges Ereignis folgendermaßen
geäußert:
"Nach Reinholds Abgang von Jena, der mit Recht als ein großer Verlust für die
Akademie erschien, war mit Kühnheit, ja Verwegenheit, an seine Stelle Fichte
berufen worden, der in seinen Schriften sich mit Großheit, aber vielleicht nicht
ganz gehörig über die wichtigsten Sitten- und Staatsgegenstände erklärt hatte.
Er war eine der tüchtigsten Persönlichkeiten, die man je gesehen, und an seinen
Gesinnungen im höheren Betracht nichts auszusetzen; aber wie hätte er mit der
Welt, die er als seinen erschaffenen Besitz betrachtete, gleichen Schritt halten
sollen?
Da man ihm die Stunden, die er zu öffentlichen Vorlesungen benutzen wollte, an
Werktagen verkümmert hatte, so unternahm er sonntags Vorlesungen, deren
Einleitung Hindernisse fand. Kleine und größere daraus entspringende
Widerwärtigkeiten waren kaum, nicht ohne Unbequemlichkeit der oberen Behörden,
getuscht und geschlichtet, als uns dessen Äußerungen über Gott und göttliche
Dinge, über die man freilich besser ein tiefes Stillschweigen beobachtet, von
außen beschwerende Anregungen zuzogen.
Fichte hatte in seinem philosophischen Journal über Gott und göttliche Dinge auf
eine Weise sich zu äußern gewagt, welche den hergebrachten Ausdrücken über
solche Geheimnisse zu widersprechen schien. Er ward in Anspruch genommen; seine
Verteidigung besserte die Sache nicht, weil er leidenschaftlich zu Werke ging,
ohne Ahnung, wie gut man diesseits für ihn gesinnt sei, wiewohl man seine
Gedanken, seine Worte auszulegen wisse, welches man freilich ihm nicht gerade
mit dürren Worten zu erkennen geben konnte, und ebenso wenig wie man ihm auf das
Gelindeste herauszuhelfen gedachte. Das Hin - und Widerreden, das Vermuten und
Behaupten, das Bestärken und Entschließen wogte in vielfachen unsicheren Reden
auf der Akademie ineinander; man sprach von einem ministeriellen Vorhalt, von
nichts Geringerem als einer Art Verweis, dessen Fichte sich zu gewärtigen hätte.
Hierüber ganz außer Fassung, hielt er sich für berechtigt, ein heftiges
Schreiben beim Ministerium einzureichen, worin er jene Maßregel als gewiß
voraussetzend, mit Ungestüm und Trotz erklärte, er werde dergleichen niemals
dulden, er werde lieber ohne weiteres von der Akademie abziehen, und in solchem
Falle nicht allein, indem mehrere bedeutende Lehrer, mit ihm einstimmig, den Ort
zu verlassen gedächten.
Hierdurch war nun auf einmal aller gegen ihn gehegte gute Wille gehemmt, ja
paralysiert: hier blieb kein Ausweg, keine Vermittlung übrig, und das Gelindeste
war, ihm ohne weiteres seine Entlassung zu erteilen. Nun erst, nachdem die Sache
sich nicht mehr ändern ließ, vernahm er die Wendung, die man ihr zu geben im
Sinne gehabt, und er mußte seinen übereilten Schritt bereuen, wie wir ihn
bedauerten."
Ist das nicht wie er leibt und lebt, der ministerielle, schlichtende,
vertuschende Goethe? Er rügt im Grunde nur, daß Fichte das gesprochen, was er
dachte, und daß er es nicht in den hergebrachten verhüllenden Ausdrücken
gesprochen. Er tadelt nicht den Gedanken, sondern das Wort. Daß der Deismus in
der deutschen Denkerwelt seit Kant vernichtet sei, war, wie ich schon einmal
gesagt, ein Geheimnis, das jeder wußte, das man aber nicht laut auf dem Markte
ausschreien sollte. Goethe war so wenig Deist wie Fichte; denn er war Pantheist.
Aber eben von der Höhe des Pantheismus konnte Goethe, mit seinem scharfen Auge,
die Haltlosigkeit der Fichteschen Philosophie am besten durchschauen und seine
milden Lippen mußten darob lächeln. Den Juden, was doch die Deisten am Ende alle
sind, mußte Fichte ein Greuel sein; dem großen Heiden war er bloß eine Torheit.
"Der große Heide" ist nämlich der Name, den man in Deutschland dem Goethe
beilegt. Doch ist dieser Name nicht ganz passend. Das Heidentum des Goethe ist
wunderbar modernisiert. Seine starke Heidennatur bekundet sich in dem klaren,
scharfen Auffassen aller äußeren Erscheinungen, aller Farben und Gestalten; aber
das Christentum hat ihn zu gleicher Zeit mit einer tieferen Verständnis begabt,
trotz seines sträubenden Widerwillens hat das Christentum ihn eingeweiht in die
Geheimnisse der Geisterwelt, er hat vom Blute Christi genossen, und dadurch
verstand er die verborgensten Stimmen der Natur, gleich Siegfried, dem
Nibelungenheld, der plötzlich die Sprache der Vögel verstand, als ein Tropfen
Blut des erschlagenen Drachen seine Lippen benetzte. Es ist merkwürdig, wie bei
Goethe jene Heidennatur von unserer heutigsten Sentimentalität durchdrungen war,
wie der antike Marmor so modern pulsierte, und wie er die Leiden eines jungen
Werthers eben so stark mitempfand wie die Freuden eines alten Griechengotts. Der
Pantheismus des Goethe ist also von dem heidnischen sehr unterschieden. Um mich
kurz auszudrücken: Goethe war der Spinoza der Poesie. Alle Gedichte Goethes sind
durchdrungen von demselben Geiste der uns auch in den Schriften des Spinoza
anweht. Daß Goethe gänzlich der Lehre des Spinoza huldigte, ist keinem Zweifel
unterworfen. Wenigstens beschäftigte er sich damit während seiner ganzen
Lebenszeit; in dem Anfang seiner Memoiren, so wie auch in dem kürzlich
erschienenen letzten Bande derselben, hat er solches freimütig bekannt. Ich weiß
nicht mehr, wo ich es gelesen, daß Herder über diese beständige Beschäftigung
mit Spinoza, einst übellaunig ausrief: wenn doch der Goethe einmal ein anderes
lateinisches Buch als den Spinoza in die Hand nähme! Aber dieses gilt nicht bloß
von Goethe; noch eine Menge seiner Freunde, die später mehr oder minder als
Dichter bekannt wurden, huldigten frühzeitig dem Pantheismus, und dieser blühte
praktisch in der deutschen Kunst, ehe er noch als philosophische Theorie bei uns
zur Herrschaft gelangte. Eben zur Zeit Fichtes, als der Idealismus im Reiche der
Philosophie seine erhabenste Blütezeit feierte, ward er im Reiche der Kunst
gewaltsam zerstört, und es entstand hier jene berühmte Kunstrevolution, die noch
heute nicht beendigt ist, und die mit dem Kampfe der Romantiker gegen das
altklassische Regime, mit den schlegelschen Erneuten, anfängt.
In der Tat, unsere ersten Romantiker handelten aus einem pantheistischen
Instinkt, den sie selbst nicht begriffen. Das Gefühl, das sie für Heimweh nach
der katholischen Mutterkirche hielten, war tieferen Ursprungs, als sie selbst
ahnten, und ihre Verehrung und Vorliebe für die Überlieferungen des
Mittelalters, für dessen Volksglauben, Teufeltum, Zauberwesen, Hexerei... Alles
das war eine bei ihnen plötzlich erwachte, aber unbegriffene Zurückneigung nach
dem Pantheismus der alten Germanen, und in der schnöde beschmutzten und boßhaft
verstümmelten Gestalt liebten sie eigentlich nur die vorchristliche Religion
ihrer Väter. Hier muß ich erinnern an das erste Buch, wo ich gezeigt, wie das
Christentum die Elemente der altgermanischen Religion in sich aufgenommen, wie
diese nach schmählichster Umwandlung sich im Volksglauben des Mittelalters
erhalten haben, so daß der alte Naturdienst als lauter böse Zauberei, die alten
Götter lauter häßliche Teufel und ihre keuschen Priesterinnen als lauter
ruchlose Hexen betrachtet wurden. Die Verirrungen unserer ersten Romantiker
lassen sich, von diesem Gesichtspunkte aus, etwas milder beurteilen als es sonst
geschieht. Sie wollten das katholische Wesen des Mittelalters restaurieren, weil
sie fühlten, daß von den Heiligtümern ihrer ältesten Väter, von den
Herrlichkeiten ihrer frühesten Nationalität, sich noch manches darin erhalten
hat; es waren diese verstümmelten und geschändeten Reliquien, die ihr Gemüt so
sympathetisch anzogen, und sie haßten den Protestantismus und den Liberalismus,
die dergleichen mitsamt der ganzen katholischen Vergangenheit zu vertilgen
streben.
Doch darüber werde ich später sprechen. Hier gilt es nur zu erwähnen, daß der
Pantheismus schon zur Zeit Fichtes in die deutsche Kunst eindrang, daß sogar die
katholischen Romantiker unbewußt dieser Richtung folgten, und daß Goethe sie am
bestimmtesten aussprach. Dieses geschieht schon im Werther, wo er nach einer
liebseligen Identifizierung mit der Natur schmachtet. Im "Faust" sucht er ein
Verhältnis mit der Natur anzuknüpfen auf einem trotzig mystischen, unmittelbaren
Wege: er beschwört die geheimen Erdkräfte, durch die Zauberformeln des
Höllenzwangs. Aber am reinsten und lieblichsten beurkundet sich dieser
Goethesche Pantheismus in seinen kleinen Liedern. Die Lehre des Spinoza hat sich
aus der mathematischen Hülle entpuppt und umflattert uns als Goethesches Lied.
Daher die Wut unserer Orthodoxen und Pietisten gegen das Goethesche Lied. Mit
ihren frommen Bärentatzen tappen sie nach diesem Schmetterling, der ihnen
beständig entflattert. Das ist so zart ätherisch, so duftig beflügelt. Ihr
Franzosen könnt Euch keinen Begriff davon machen, wenn Ihr die Sprache nicht
kennt. Diese Goetheschen Lieder haben einen neckischen Zauber, der
unbeschreibbar. Die harmonischen Verse umschlingen dein Herz wie eine zärtliche
Geliebte; das Wort umarmt dich, während der Gedanke dich küßt.
In Goethes Betragen gegen Fichte sehen wir also keineswegs die häßlichen Motive,
die von manchen Zeitgenossen mit noch häßlicheren Worten bezeichnet worden. Sie
hatten die verschiedene Natur beider Männer nicht begriffen. Die Mildesten
mißdeuteten die Passivität Goethes, als später Fichte stark bedrängt und
verfolgt wurde. Sie berücksichtigten nicht Goethes Lage. Dieser Riese war
Minister in einem deutschen Zwergstaate. Er konnte sich nie natürlich bewegen.
Man sagte von dem sitzenden Jupiter des Phidias zu Olympia, daß er das
Dachgewölbe des Tempels zersprengen würde, wenn er einmal plötzlich aufstünde.
Dies war ganz die Lage Goethes zu Weimar; wenn er aus seiner stillsitzenden Ruhe
einmal plötzlich in die Höhe gefahren wäre, er hätte den Staatsgiebel
durchbrochen, oder, was noch wahrscheinlicher, er hätte sich daran den Kopf
zerstoßen. Und dieses sollte er riskieren für eine Lehre, die nicht bloß irrig,
sondern auch lächerlich? Der deutsche Jupiter blieb ruhig sitzen und ließ sich
ruhig anbeten und beräuchern.
Es würde mich von meinem Thema zu sehr entfernen, wollte ich vom Standpunkte
damaliger Kunstinteressen aus, das Betragen Goethes bei Gelegenheit der Anklage
Fichtes noch gründlicher rechtfertigen. Für Fichte spricht nur, daß die Anklage
eigentlich ein Vorwand war und daß sich politische Verhetzungen dahinter
verbargen. Denn wegen Atheismus kann wohl ein Theolog angeklagt werden, weil er
sich verpflichtet hat bestimmte Doktrinen zu lehren. Ein Philosoph aber hat
keine solche Verpflichtung eingegangen, kann sie nicht eingehn, und sein Gedanke
ist frei wie der Vogel in der Luft. - Es ist vielleicht Unrecht, daß ich, teils
um meine eigenen, teils um anderer Gefühle zu schonen, nicht alles, was jene
Anklage selbst begründete und rechtfertigte, hier mitteile. Nur eine von den
mißlichen Stellen will ich aus dem inkulpierten Aufsatze hier hersetzen:
" - Die lebendige und wirkende moralische Ordnung ist selbst Gott; wir bedürfen
keines anderen Gottes und können keinen anderen fassen. Es liegt kein Grund in
der Vernunft, aus jener moralischen Weltordnung herauszugehen und vermittelst
eines Schlusses vom Begründeten auf den Grund noch ein besonderes Wesen, als die
Ursache desselben, anzunehmen; der ursprüngliche Verstand macht sonach diesen
Schluß sicher nicht, und kennt kein solches besonderes Wesen; nur eine sich
selbst mißverstehende Philosophie macht ihn. -"
Wie es halsstarrigen Menschen eigentümlich, so hat sich Fichte in seiner
Appellation an das Publikum und seiner gerichtlichen Verantwortung noch derber
und greller ausgesprochen, und zwar mit Ausdrücken, die unser tiefstes Gemüt
verletzen. Wir, die wir an einen wirklichen Gott glauben, der unseren Sinnen in
der unendlichen Ausdehnung, und unserem Geiste in dem unendlichen Gedanken sich
offenbart, wir, die wir einen sichtbaren Gott verehren in der Natur und seine
unsichtbare Stimme in unserer eigenen Seele vernehmen: wir werden widerwärtig
berührt von den grellen Worten, womit Fichte unseren Gott für ein bloßes
Hirngespinst erklärt und sogar ironisiert. Es ist zweifelhaft, in der Tat, ob es
Ironie oder bloßer Wahnsinn ist, wenn Fichte den lieben Gott von allem
sinnlichen Zusatze so rein befreit, daß er ihm sogar die Existenz abspricht,
weil Existieren ein sinnlicher Begriff und nur als sinnlicher möglich ist! Die
Wissenschaftslehre, sagt er, kennt kein anderes Sein als das sinnliche, und da
nur den Gegenständen der Erfahrung ein Sein zugeschrieben werden kann, so ist
dieses Prädikat bei Gott nicht zu gebrauchen. Demnach hat der Fichtesche Gott
keine Existenz, er ist nicht, er manifestiert sich nur als reines Handeln, als
eine Ordnung von Begebenheiten, als ordo ordinans, als das Weltgesetz.
Solchermaßen hat der Idealismus die Gottheit durch alle möglichen Abstraktionen
so lange durchfiltriert, bis am Ende gar nichts mehr von ihr übrig blieb. jetzt,
wie bei Euch an der Stelle eines Königs, so bei uns an der Stelle eines Gottes,
herrschte das Gesetz.
Was ist aber unsinniger, eine loi athée, ein Gesetz, welches keinen Gott hat,
oder ein Dieu-loi, ein Gott, der nur ein Gesetz ist?
Der Fichtesche Idealismus gehört zu den kolossalsten Irrtümern, die jemals der
menschliche Geist ausgeheckt. Er ist gottloser und verdammlicher als der
plumpste Materialismus. Was man Atheismus der Materialisten hier in Frankreich
nennt, wäre, wie ich leicht zeigen könnte, noch immer etwas Erbauliches, etwas
Frommgläubiges, in Vergleichung mit den Resultaten des Fichteschen
Transzendentalidealismus. So viel weiß ich, beide sind mir zuwider. Beide
Ansichten sind auch antipoetisch. Die französischen Materialisten haben eben so
schlechte Verse gemacht, wie die deutschen Transzendentalidealisten. Aber
staatsgefährlich ist die Lehre Fichtes keineswegs gewesen, und noch weniger
verdiente sie als staatsgefährlich verfolgt zu werden. Um von dieser Irrlehre
mißleitet werden zu können, dazu bedurfte man eines spekulativen Scharfsinns,
wie er nur bei wenigen Menschen gefunden wird. Dem großen Haufen mit seinen
tausend dicken Köpfen war diese Irrlehre ganz unzugänglich. Die Fichtesche
Ansicht von Gott hätte also auf rationellem, aber nicht auf polizeilichem Wege
widerlegt werden müssen. Wegen Atheismus in der Philosophie angeklagt zu werden,
war auch in Deutschland so etwas Befremdliches, daß Fichte wirklich im Anfang
gar nicht wußte, was man begehre. Ganz richtig sagte er, die Frage, ob eine
Philosophie atheistisch sei oder nicht? klinge einem Philosophen ebenso
wunderlich, wie etwa einem Mathematiker die Frage: ob ein Dreieck grün oder rot
sei?
Jene Anklage hatte also ihre verborgenen Gründe, und diese hat Fichte bald
begriffen. Da er der ehrlichste Mensch von der Welt war, so dürfen wir einem
Briefe, worin er sich gegen Reinhold über jene verborgenen Gründe ausspricht,
völligen Glauben schenken, und da dieser Brief, datiert vom 22. Mai 1799, die
ganze Zeit schildert und die ganze Bedrängnis des Mannes veranschaulichen kann,
so wollen wir einen Teil desselben hierhersetzen:
"Ermattung und Ekel bestimmen mich zu dem Dir schon mitgeteilten Entschlusse,
für einige Jahre ganz zu verschwinden. Ich war, meiner damaligen Ansicht der
Sache nach, sogar überzeugt, daß diesen Entschluß die Pflicht fordere, indem bei
der gegenwärtigen Gärung ich ohnedies nicht gehört werden, und die Gärung nur
ärger machen würde, nach ein paar Jahren aber, wenn die erste Befremdung sich
gelegt, ich mit desto größerem Nachdruck sprechen würde. - Ich denke jetzt
anders. Ich darf jetzt nicht verstummen; schweige ich jetzt, so dürfte ich wohl
nie wieder ans Reden kommen. - Es war mir, seit der Verbindung Rußlands mit
Österreich, schon längst wahrscheinlich, was mir nunmehr durch die neuesten
Begebenheiten, und besonders seit dem gräßlichen Gesandtenmord (über den man
hier jubelt, und über welchen S. und G. ausrufen: so ist's recht, diese Hunde
muß man totschlagen) völlig gewiß ist, daß der Despotismus sich von nun an mit
Verzweiflung verteidigen wird, daß er durch Paul und Pitt konsequent wird, daß
die Basis seines Plans die ist, die Geistesfreiheit auszurotten, und daß die
Deutschen ihm die Erreichung dieses Zwecks nicht erschweren werden.
Glaube z. B. nicht, daß der Weimarsche Hof geglaubt hat, der Frequenz der
Universität werde durch meine Gegenwart geschadet werden; er weiß zu wohl das
Gegenteil. Er hat zufolge des allgemeinen, besonders von Kursachsen kräftigst
ergriffenen Plans mich entfernen müssen. Burscher in Leipzig, ein Eingeweihter
dieser Geheimnisse, ist schon gegen Ende des vorigen Jahrs eine ansehnliche
Wette eingegangen, daß ich zu Ende dieses Jahrs Exulant sein würde. Voigt ist
durch Burgsdorf schon längst gegen mich gewonnen worden. Vom Departement der
Wissenschaften zu Dresden ist bekannt gemacht worden, daß keiner, der sich auf
die neuere Philosophie lege, befördert werden, oder, wenn er es schon ist,
weiter rücken solle. In der Freischule zu Leipzig ist sogar die Rosenmüllersche
Aufklärung bedenklich gefunden; Luthers Katechismus ist neuerlich dort wieder
eingeführt, und die Lehrer sind von neuem auf die symbolischen Bücher
konfirmiert worden. Das wird weiter gehn und sich verbreiten. - In Summa: es ist
nichts gewisser, als das Gewisseste, daß, wenn nicht die Franzosen die
ungeheuerste Übermacht erringen und in Deutschland, wenigstens einem
beträchtlichen Teile desselben, eine Veränderung durchsetzen, in einigen Jahren
in Deutschland kein Mensch mehr, der dafür bekannt ist, in seinem Leben einen
freien Gedanken gedacht zu haben, eine Ruhestätte finden wird. - Es ist mir also
gewisser als das Gewisseste, daß finde ich auch jetzt irgendwo ein Winkelchen,
ich doch in einem, höchstens in zwei Jahren wieder fortgejagt werden würde; und
es ist gefährlich, sich an mehreren Orten fortjagen zu lassen; dies lehrt
historisch Rousseaus Beispiel.
Gesetzt, ich schweige ganz, schreibe nicht das Geringste mehr. wird man mich
unter dieser Bedingung ruhig lassen? Ich glaube dies nicht, und gesetzt, ich
könnte es von den Höfen hoffen, wird nicht die Geistlichkeit, wohin ich mich
auch wende, den Pöbel gegen mich aufhetzen, mich von ihm steinigen lassen, und
nun - die Regierungen bitten, mich als einen Menschen, der Unruhen erregt, zu
entfernen? Aber darf ich dann schweigen? Nein, das darf ich wahrlich nicht; denn
ich habe Grund zu glauben, daß, wenn noch etwas gerettet werden kann des
deutschen Geistes, es durch mein Reden gerettet werden kann, und durch mein
Stillschweigen die Philosophie ganz und zu frühe zugrunde gehen würde. Denen ich
nicht zutraue, daß sie mich schweigend würden existieren lassen, traue ich noch
weniger zu, daß sie mich werden reden lassen.
Aber ich werde sie von der Unschädlichkeit meiner Lehre überzeugen. - Lieber
Reinhold, wie Du mir so gut von diesen Menschen denken kannst! je klarer ich
werde, je unschuldiger ich erscheine, desto schwärzer werden sie und desto
größer wird überhaupt mein wahres Vergehen. Ich habe nie geglaubt, daß sie
meinen vorgeblichen Atheismus verfolgen; sie verfolgen in mir einen Freidenker,
der anfängt sich verständlich zu machen (Kants Glück war seine Obskurität), und
einen verschrienen Demokraten; es erschreckt sie, wie ein Gespenst, die
Selbstständigkeit, die, wie sie dunkel ahnen, meine Philosophie weckt. "
Ich bemerke nochmals, dieser Brief ist nicht neueren Datums, er ist geschrieben
zu Jena den 22sten Mai 1799. Die politischen Verhältnisse jedoch, die aus
einigen Stellen dieses Briefes hervorleuchten, haben eine gar betrübende
Ähnlichkeit mit den neuesten Zuständen in Deutschland; nur daß damals der
Freiheitssinn mehr unter Gelehrten, Dichtern und sonstigen Literaten blühte,
heutigen Tags aber unter diesen viel minder, sondern weit mehr in der großen
aktiven Masse, unter Handwerkern und Gewerbsleuten, sich ausspricht. Während,
zur Zeit der ersten Revolution, die bleiern deutscheste Schlafsucht auf dem
Volke lastete und gleichsam eine brutale Ruhe in ganz Germanien herrschte,
offenbarte sich in unserer Schriftwelt die gewaltigste Bewegung. Der einsamste
Autor, der in irgend einem abgelegenen Winkelchen Deutschlands lebte, nahm Teil
an dieser Bewegung, fast sympathetisch ohne von den politischen Vorgängen genau
unterrichtet zu sein, fühlte er ihre soziale Bedeutung und sprach sie aus in
seinen Schriften. Dieses Phänomen mahnt mich an die großen Seemuscheln, welche
wir zuweilen als Zierat auf unseren Kaminen stellen, und die, wenn sie auch noch
so weit vom Meere entfernt sind, dennoch plötzlich zu rauschen beginnen, sobald
dort die Flutzeit eintritt und die Wellen gegen die Küste heranwogen.
Als bei Euch in Paris, in dem großen Menschenozean, die Revolution losflutete,
als es dort brandete und stürmte, da rauschten und brausten bei uns die
deutschen Herzen - aber sie waren so isoliert, sie standen unter lauter
fühllosem Porzellan, Teetassen und Kaffeekannen, und chinesischen Pagoden, die
mechanisch mit dem Kopfe nickten, als wüßten sie wovon die Rede sei. Ach!
unseren armen Vorgängern in Deutschland ist jene Revolutionssympathie sehr
schlecht bekommen, Junker und Pfäffchen übten an ihnen ihre plumpsten und
gemeinsten Tücken. Einige von ihnen flüchteten nach Paris und sind hier in Armut
und Elend verkommen und verschollen. Ich habe jüngst einen alten blinden
Landsmann gesehen, der noch seit jener Zeit in Paris ist; ich sah ihn im
Palais-Royal, wo er sich ein bißchen an der Sonne gewärmt hatte. Es war
schmerzlich anzusehen, wie er blaß und mager war, als er sich seinen Weg an den
Häusern weiterfühlte. Man sagte mir, es sei der alte Dichter Heiberg. Auch die
Dachstube habe ich jüngst gesehen, wo der Bürger Georg Forster gestorben. Den
Freiheitsfreunden, die in Deutschland blieben, wäre es aber noch weit schlimmer
gegangen, wenn nicht bald Napoleon uns besiegt hätte. Napoleon hat gewiß nie
geahnt, daß er selber der Retter der Ideologie gewesen. Ohne ihn wären unsere
Philosophen mitsamt ihren Ideen, durch Galgen und Rad, ausgerottet worden. Die
deutschen Freiheitsfreunde jedoch, zu republikanisch um dem Napoleon zu
huldigen, auch zu großmütig um sich der Fremdherrschaft anzuschließen, hüllten
sich seitdem in ein tiefes Schweigen. Sie gingen traurig herum mit gebrochenen
Herzen, mit verschlossenen Lippen. Als Napoleon fiel, da lächelten sie, aber
wehmütig, und schwiegen; nahmen fast gar keinen Teil an dem patriotischen
Enthusiasmus, der damals, mit allerhöchster Bewilligung, in Deutschland
emporjubelte. Sie wußten was sie wußten und schwiegen. Da diese Republikaner
eine sehr keusche, einfache Lebensart führen, so werden sie gewöhnlich sehr alt,
und als die Juliusrevolution ausbrach, waren noch viele von ihnen am Leben, und
nicht wenig wunderten wir uns, als die alten Käuze, die wir sonst immer so
gebeugt und fast blödsinnig schweigend umherwandeln gesehen, jetzt plötzlich das
Haupt erhoben und uns jungen freundlich entgegenlachten und die Hände drückten
und lustige Geschichten erzählten. Einen von ihnen hörte ich sogar singen; denn
im Kaffeehause sang er uns die Marseiller Hymne vor, und wir lernten da die
Melodie und die schönen Worte, und es dauerte nicht lange, so sangen wir sie
besser als der Alte selbst; denn der hat manchmal in der besten Strophe wie ein
Narr gelacht, oder geweint wie ein Kind. Es ist immer gut, wenn so alte Leute
leben bleiben, um den Jungen die Lieder zu lehren. Wir Jungen werden sie nicht
vergessen, und einige von uns werden sie einst jenen Enkeln einstudieren, die
jetzt noch nicht geboren sind. Viele von uns aber werden unterdessen verfault
sein, zu Hause im Gefängnisse, oder auf einer Dachstube in der Fremde. -
Laßt uns wieder von Philosophie reden. Ich habe oben gezeigt, wie die Fichtesche
Philosophie, aus den dünnsten Abstraktionen aufgebaut, dennoch eine eiserne
Unbeugsamkeit in ihren Folgerungen, die bis zur verwegensten Spitze
emporstiegen, kundgab. Aber eines frühen Morgens erblicken wir in ihr eine große
Veränderung. Das fängt an zu blümeln und zu flennen und wird weich und
bescheiden. Aus dem idealistischen Titanen, der auf der Gedankenleiter den
Himmel erklettert und mit kecker Hand in dessen leere Gemächer herumgetastet:
der wird jetzt etwas gebückt Christliches, das viel von Liebe seufzt. Solches
ist nun die zweite Periode von Fichte, die uns hier wenig angeht. Sein ganzes
System erleidet die befremdlichsten Modifikationen. In jener Zeit schrieb er ein
Buch, welches Ihr jüngst übersetzt: "Die Bestimmung des Menschen". Ein ähnliches
Buch "Anweisung zum seligen Leben" gehört ebenfalls in jene Periode.
Fichte, der starrsinnige Mann, wie sich von selbst versteht, wollte dieser
eignen großen Umwandlung niemals eingeständig sein. Er behauptete, seine
Philosophie sei noch immer dieselbe, nur die Ausdrücke seien verändert,
verbessert; man habe ihn nie verstanden. Er behauptete auch, die
Naturphilosophie, die damals in Deutschland aufkam und den Idealismus
verdrängte, sei im Grunde ganz und gar sein eignes System, und sein Schüler,
Herr Joseph Schelling, welcher sich von ihm losgesagt und jene neue Philosophie
eingeleitet, habe bloß die Ausdrücke umgeschaffen und seine alte Lehre nur durch
unerquickliche Zutat erweitert.
Wir gelangen hier zu einer neuen Phase des deutschen Gedankens. Wir erwähnten
die Namen Joseph Schelling und Naturphilosophie; da nun ersterer hier fast ganz
unbekannt ist, und da auch der Ausdruck Naturphilosophie nicht allgemein
verstanden wird, so habe ich beider Bedeutung zu erklären. Erschöpfend können
wir solches nun freilich nicht in diesen Blättern; ein späteres Buch werden wir
einer solchen Aufgabe widmen. Nur einige eindringende Irrtümer wollen wir hier
abweisen, und nur der sozialen Wichtigkeit der erwähnten Philosophie einige
Aufmerksamkeit leihen.
Zuerst ist zu erwähnen, daß Fichte nicht so ganz unrecht hat, wenn er eiferte,
des Herren Joseph Schellings Lehre sei eigentlich die seinige, nur anders
formuliert und erweitert. Ebenso wie Herr Joseph Schelling lehrte auch Fichte:
es gibt nur ein Wesen, das Ich, das Absolute; er lehrte Identität des Idealen
und des Realen. In der Wissenschaftslehre, wie ich gezeigt, hat Fichte durch
intellektuelle Konstruktion aus dem Idealen das Reale konstruieren wollen. Herr
Joseph Schelling hat aber die Sache umgekehrt: er suchte aus dem Realen das
Ideale herauszudeuten. Um mich noch klarer auszudrücken: von dem Grundsatze
ausgehend, daß der Gedanke und die Natur eins und dasselbe seien, gelangt Fichte
durch Geistesoperation zur Erscheinungswelt, aus dem Gedanken schafft er die
Natur, aus dem Idealen das Reale; dem Herren Schelling hingegen, während er von
demselben Grundsatze ausgeht, wird die Erscheinungswelt zu lauter Ideen, die
Natur wird ihm zum Gedanken, das Reale zum Idealen. Beide Richtungen, die von
Fichte und die von Herren Schelling ergänzen sich daher gewissermaßen. Denn nach
jenem erwähnten obersten Grundsatze konnte die Philosophie in zwei Teile
zerfallen, und in dem einen Teile würde man zeigen: wie aus der Idee die Natur
zur Erscheinung kommt; in dem anderen Teil würde man zeigen: wie die Natur sich
in lauter Ideen auflöst. Die Philosophie konnte daher zerfallen in
transzendentalen Idealismus und in Naturphilosophie. Diese beiden Richtungen hat
nun auch Herr Schelling wirklich anerkannt, und die letztere verfolgte er in
seinen "Ideen zu einer Philosophie der Natur" und erstere in seinem "System des
transzendentalen Idealismus".
Diese Werke, wovon das eine 1797 und das andere 1800 erschienen, erwähne ich nur
deshalb, weil jene ergänzende Richtungen schon in ihrem Titel ausgesprochen
sind, nicht weil etwa ein vollständiges System in ihnen enthalten sei. Nein,
dieses findet sich in keinem von Herren Schellings Büchern. Bei ihm gibt es
nicht, wie bei Kant, und bei Fichte, ein Hauptbuch, welches als Mittelpunkt
seiner Philosophie betrachtet werden kann. Es wäre eine Ungerechtigkeit, wenn
man Herren Schelling nach dem Umfange eines Buches und nach der Strenge des
Buchstabens beurteilen wollte. Man muß vielmehr seine Bücher chronologisch
lesen, die allmähliche Ausbildung seines Gedankens darin verfolgen, und sich
dann an seiner Grundidee festhalten. ja, es scheint mir auch nötig, daß man bei
ihm nicht selten unterscheide wo der Gedanke aufhört und die Poesie anfängt.
Denn Herr Schelling ist eines von jenen Geschöpfen, denen die Natur mehr Neigung
zur Poesie als poetische Potenz verliehen hat, und die, unfähig den Töchtern des
Parnassus zu genügen, sich in die Wälder der Philosophie geflüchtet und dort mit
abstrakten Hamadryaden die unfruchtbarste Ehe führen. Ihr Gefühl ist poetisch,
aber das Werkzeug, das Wort, ist schwach; sie ringen vergebens nach einer
Kunstform, worin sie ihre Gedanken und Erkenntnisse mitteilen können. Die Poesie
ist Herren Schellings Force und Schwäche. Sie ist es, wodurch er sich von Fichte
unterscheidet, sowohl zu seinem Vorteil als auch zu seinem Nachteil. Fichte ist
nur Philosoph und seine Macht besteht in Dialektik und seine Stärke besteht im
Demonstrieren. Dieses aber ist die schwache Seite des Herren Schelling, er lebt
mehr in Anschauungen, er fühlt sich nicht heimisch in den kalten Höhen der
Logik, er schnappt gern über in die Blumentäler der Symbolik, und seine
philosophische Stärke besteht im Konstruieren. Letzteres aber ist eine
Geistesfähigkeit, die bei den mittelmäßigen Poeten ebenso oft gefunden, wie bei
den besten Philosophen.
Nach dieser letzteren Andeutung wird begreiflich, daß Herr Schelling in
demjenigen Teile der Philosophie, der bloß transzendentaler Idealismus ist, nur
ein Nachbeter von Fichte geblieben und bleiben mußte; daß er aber in der
Philosophie der Natur, wo er unter Blumen und Sternen zu wirtschaften hatte, gar
gewaltig blühen und strahlen mußte. Diese Richtung ist daher nicht bloß von ihm,
sondern auch von den gleichgestimmten Freunden vorzugsweise verfolgt worden, und
der Ungestüm, der dabei zum Vorschein kam, war gleichsam nur eine
dichterlingsche Reaktion gegen die frühere abstrakte Geistesphilosophie. Wie
freigelassene Schulknaben, die den ganzen Tag in engen Sälen unter der Last der
Vokabeln und Chiffern geseufzt, so stürmten die Schüler des Herren Schelling
hinaus in die Natur, in das duftende sonnige Reale, und jauchzten, und schlugen
Burzelbäume, und machten einen großen Spektakel.
Der Ausdruck "die Schüler des Herren Schelling" darf hier ebenfalls nicht in
seinem gewöhnlichen Sinne genommen werden. Herr Schelling selber sagt, nur in
der Art der alten Dichter habe er eine Schule bilden wollen, eine Dichterschule,
wo keiner an eine bestimmte Doktrin und durch eine bestimmte Disziplin gebunden
ist, sondern wo jeder dem Geiste gehorcht und jeder ihn in seiner Weise
offenbart. Er hätte auch sagen können, er stifte eine Prophetenschule, wo die
Begeisterten zu prophezeien anfangen, nach Lust i und Laune, und in beliebiger
Sprechart. Dies taten auch wirklich die jünger, die des Meisters Geist angeregt,
die beschränktesten Köpfe fingen an zu prophezeien, jeder in einer anderen
Zunge, und es entstand ein großes Pfingstfest in der Philosophie.
Wie das Bedeutendste und Herrlichste zu lauter Mummenschanz und Narretei
verwendet werden kann, wie eine Rotte von feigen Schälken und melancholischen
Hanswürsten im Stande ist eine große Idee zu kompromittieren, das sehen wir hier
bei Gelegenheit der Naturphilosophie. Aber das Ridikül, das ihr die
Prophetenschule oder die Dichterschule des Herren Schelling bereitet, kommt
wahrlich nicht auf ihre eigne Rechnung. Denn die Idee der Naturphilosophie ist
ja im Grunde nichts anders als die Idee des Spinoza, der Pantheismus.
Die Lehre des Spinoza und die Naturphilosophie, wie sie Herr Schelling in seiner
besseren Periode aufstellte, sind wesentlich eins und dasselbe. Die Deutschen,
nachdem sie den Lockeschen Materialismus verschmäht und den Leibnizschen
Idealismus bis auf die Spitze getrieben und diesen ebenfalls unfruchtbar
erfunden, gelangten endlich zu dem dritten Sohne des Descartes, zu Spinoza. Die
Philosophie hat wieder einen großen Kreislauf vollendet, und man kann sagen, es
sei derselbe, den sie schon vor zweitausend Jahren in Griechenland durchlaufen.
Aber bei näherer Vergleichung dieser beiden Kreisläufe, zeigt sich eine
wesentliche Verschiedenheit. Die Griechen hatten eben so kühne Skeptiker wie
wir, die Eleaten haben die Realität der Außenwelt ebenso bestimmt geleugnet wie
unsere neueren Transzendentalidealisten. Plato hat ebenso gut wie Herr Schelling
in der Erscheinungswelt die Geisteswelt wiedergefunden. Aber wir haben etwas
voraus vor den Griechen, so wie auch vor den cartesianischen Schulen, wir haben
etwas vor ihnen voraus, nämlich:
Wir begannen unseren philosophischen Kreislauf mit einer Prüfung der
menschlichen Erkenntnisquellen, mit der "Kritik der reinen Vernunft" unseres
Immanuel Kant.
Bei Erwähnung Kants kann ich obigen Betrachtungen hinzufügen, daß der Beweis für
das Dasein Gottes, den derselbe noch bestehen lassen, nämlich der sogenannte
moralische Beweis, von Herren Schelling mit großem Eklat umgestoßen worden. Ich
habe aber oben schon bemerkt, daß dieser Beweis nicht von sonderlicher Stärke
war und daß Kant ihn vielleicht nur aus Gutmütigkeit bestehen lassen. Der Gott
des Herren Schelling ist das Gott-Welt-All des Spinoza. Wenigstens war er es im
Jahr 1801, im zweiten Bande der "Zeitschrift für spekulative Physik". Hier ist
Gott die absolute Identität der Natur und des Denkens, der Materie und des
Geistes, und die absolute Identität ist nicht Ursache des Welt-Alls, sondern sie
ist das Welt-All selbst, sie ist also das Gott-Welt-All. In diesem gibt es auch
keine Gegensätze und Teilungen. Die absolute Identität ist auch die absolute
Totalität. Ein Jahr später hat Herr Schelling seinen Gott noch mehr entwickelt,
nämlich in einer Schrift betitelt "Bruno, oder über das göttliche oder
natürliche Prinzip der Dinge". Dieser Titel erinnert an den edelsten Märtyrer
unserer Doktrin, Jordano Bruno von Nola, glorreichen Andenkens. Die Italiener
behaupten, Herr Schelling habe dem alten Bruno seine besten Gedanken entlehnt
und sie beschuldigen ihn des Plagiats. Sie haben unrecht; denn es gibt kein
Plagiat in der Philosophie. Anno 1804 erschien der Gott des Herren Schelling
endlich ganz fertig in einer Schrift, betitelt: "Philosophie und Religion". Hier
finden wir in ihrer Vollständigkeit die Lehre vom Absoluten. Hier wird das
Absolute in drei Formeln ausgedrückt. Die erste ist die kategorische: das
Absolute ist weder das Ideale noch das Reale (weder Geist noch Materie), sondern
es ist die Identität beider. Die zweite Formel ist die hypothetische: wenn ein
Subjekt und ein Objekt vorhanden ist, so ist das Absolute die wesentliche
Gleichheit dieser beiden. Die dritte Formel ist die disjunktive: es ist nur Ein
Sein, aber dies Eine kann zu gleicher Zeit, oder abwechselnd, als ganz ideal
oder als ganz real betrachtet werden. Die erste Formel ist ganz negativ, die
zweite setzt eine Bedingung voraus, die noch schwerer zu begreifen ist als das
Bedingte selbst, und die dritte Formel ist ganz die des Spinoza: die absolute
Substanz ist erkennbar entweder als Denken oder als Ausdehnung. Auf
philosophischem Wege konnte also Herr Schelling nicht weiter kommen als Spinoza,
da nur unter der Form dieser beiden Attribute, Denken und Ausdehnung, das
Absolute zu begreifen ist. Aber Herr Schelling verläßt jetzt den philosophischen
Weg, und sucht durch eine Art mystischer Intuition zur Anschauung des Absoluten
selbst zu gelangen, er sucht es anzuschauen in seinem Mittelpunkt, in seiner
Wesenheit, wo es weder etwas Ideales ist noch etwas Reales, weder Gedanken noch
Ausdehnung, weder Subjekt noch Objekt, weder Geist noch Materie, sondern ... was
weiß ich!
Hier hört die Philosophie auf bei Herren Schelling und die Poesie, ich will
sagen die Narrheit, beginnt. Hier aber auch findet er den meisten Anklang bei
einer Menge von Faselhänsen, denen es eben recht ist, das ruhige Denken
aufzugeben und gleichsam jene Derwisch-Tourneurs nachzuahmen, die, wie unser
Freund Jules David erzählt, sich solange im Kreise herumdrehen, bis sowohl
objektive wie subjektive weit ihnen entschwindet, bis beides zusammenfließt in
ein weißes Nichts, das weder real noch ideal ist, bis sie etwas sehen, was nicht
sichtbar, hören, was nicht hörbar, bis sie Farben hören und Töne sehen, bis sich
das Absolute ihnen veranschaulicht.
Ich glaube, mit dem Versuch, das Absolute intellektuell anzuschauen, ist die
philosophische Laufbahn des Herren Schelling beschlossen. Ein größerer Denker
tritt jetzt auf, der die Naturphilosophie zu einem vollendeten System ausbildet,
aus ihrer Synthese die ganze Welt der Erscheinungen erklärt, die großen Ideen
seiner Vorgänger durch größere Ideen ergänzt, sie durch alle Disziplinen
durchführt und also wissenschaftlich begründet. Er ist ein Schüler des Herren
Schelling, aber ein Schüler der allmählich im Reiche der Philosophie, aller
Macht seines Meisters sich bemeisterte, diesem herrschsüchtig über den Kopf
wuchs und ihn endlich in die Dunkelheit verstieß. Es ist der große Hegel, der
größte Philosoph, den Deutschland seit Leibniz erzeugt hat.
Es ist keine Frage, daß er Kant und Fichte weit überragt. Er ist scharf wie
jener und kräftig wie dieser und hat dabei noch einen konstituierenden
Seelenfrieden, eine Gedankenharmonie, die wir bei Kant und Fichte nicht finden,
da in diesen mehr der revolutionäre Geist waltet. Diesen Mann mit Herren Joseph
Schelling zu vergleichen, ist gar nicht möglich; denn Hegel war ein Mann von
Charakter. Und wenn er auch, gleich Herren Schelling, dem Bestehenden in Staat
und Kirche einige allzubedenkliche Rechtfertigungen verlieh, so geschah dieses
doch für einen Staat, der dem Prinzip des Fortschrittes wenigstens in der
Theorie huldigt, und für eine Kirche, die das Prinzip der freien Forschung als
ihr Lebenselement betrachtet; und er machte daraus kein Hehl, er war aller
seiner Absichten eingeständig. Herr Schelling hingegen windet sich wurmhaft in
den Vorzimmern eines sowohl praktischen wie theoretischen Absolutismus, und er
handlangert in der Jesuitenhöhle, wo Geistesfesseln geschmiedet werden; und
dabei will er uns weismachen, er sei noch immer unverändert derselbe
Lichtmensch, der er einst war, er verleugnet seine Verleugnung, und zu der
Schmach des Abfalls, fügt er noch die Feigheit der Lüge!
Wir dürfen es nicht verhehlen, weder aus Pietät noch aus Klugheit, wir wollen es
nicht verschweigen: der Mann, welcher einst am kühnsten in Deutschland die
Religion des Pantheismus ausgesprochen, welcher die Heiligung der Natur und die
Wiedereinsetzung des Menschen in seine Gottesrechte am lautesten verkündet,
dieser Mann ist abtrünnig geworden von seiner eignen Lehre, er hat den Altar
verlassen, den er selber eingeweiht, er ist zurückgeschlichen in den
Glaubensstall der Vergangenheit, er ist jetzt gut katholisch und predigt einen
außerweltlichen, persönlichen Gott, "der die Torheit begangen habe die Welt zu
erschaffen". Mögen immerhin die Altgläubigen ihre Glocken läuten und Kyrie
Eleison singen, ob solcher Bekehrung - es beweist aber nichts für ihre Meinung,
es beweist nur, daß der Mensch sich dem Katholizismus zuneigt, wenn er müde und
alt wird, wenn er seine physischen und geistigen Kräfte verloren, wenn er nicht
mehr genießen und denken kann. Auf dem Totbette sind so viele Freidenker bekehrt
worden - aber macht nur kein Rühmens davon! Diese Bekehrungsgeschichten gehören
höchstens zur Pathologie und würden nur schlechtes Zeugnis geben für Eure Sache.
Sie bewiesen am Ende nur, daß es Euch nicht möglich war jene Freidenker zu
bekehren, solange sie mit gesunden Sinnen unter Gottes freiem Himmel
umherwandelten und ihrer Vernunft völlig mächtig waren.
Ich glaube Ballanche sagt: es sei ein Naturgesetz, daß die Initiatoren gleich
sterben müssen, sobald sie das Werk der Initiation vollbracht haben. Ach! guter
Ballanche, das ist nur zum Teil wahr, und ich möchte eher behaupten: wenn das
Werk der Initiation vollbracht ist, stirbt der Initiator - oder er wird
abtrünnig. Und so können wir vielleicht das strenge Urteil, welches das denkende
Deutschland über Herren Schelling fällt, einigermaßen mildern; wir können
vielleicht die schwere, dicke Verachtung, die auf ihm lastet, in stilles Mitleid
verwandeln: und seinen Abfall von der eignen Lehre erklären wir nur als eine
Folge jenes Naturgesetzes, daß derjenige, der an das Aussprechen oder an die
Ausführung eines Gedankens alle seine Kräfte hingegeben, nachher, wenn er diesen
Gedanken ausgesprochen oder ausgeführt hat, erschöpft dahinsinkt, dahinsinkt
entweder in die Arme des Todes oder in die Arme seiner ehemaligen Gegner.
Nach solcher Erklärung begreifen wir vielleicht noch grellere Phänomene des
Tages, die uns so tief betrüben. Wir begreifen dadurch vielleicht, warum Männer,
die für ihre Meinung alles geopfert, die dafür gekämpft und gelitten, endlich
wenn sie gesiegt hat, diese Meinung verlassen und ins feindliche Lager
hinübertreten! Nach solcher Erklärung darf ich auch darauf aufmerksam machen,
daß nicht bloß Herr Joseph Schelling, sondern gewissermaßen auch Fichte und Kant
des Abfalls zu beschuldigen sind. Fichte ist noch zeitig genug gestorben, ehe
sein Abfall von der eigenen Philosophie allzu eklatant werden konnte. Und Kant
ist der "Kritik der reinen Vernunft" schon gleich untreu geworden, indem er die
"Kritik der praktischen Vernunft" schrieb. Der Initiator stirbt - oder wird
abtrünnig.
Ich weiß nicht wie es kommt, dieser letzte Satz wirkt so melancholisch zähmend
auf mein Gemüt, daß ich in diesem Augenblick nicht imstande bin die übrigen
herben Wahrheiten, die den heutigen Herren Schelling betreffen, hier
mitzuteilen. Laßt uns lieber jenen ehemaligen Schelling preisen, dessen Andenken
unvergeßlich blüht in den Annalen des deutschen Gedankens; denn der ehemalige
Schelling repräsentiert ebenso wie Kant und Fichte, eine der großen Phasen
unserer philosophischen Revolution die ich in diesen Blättern mit den Phasen der
politischen Revolution Frankreichs verglichen habe. In der Tat, wenn man in Kant
die terroristische Konvention und in Fichte das Napoleonische Kaiserreich sieht,
so sieht man in Herren Schelling die restaurierende Reaktion, welche hierauf
folgte. Aber es war zunächst ein Restaurieren im besseren Sinne. Herr Schelling
setzte die Natur wieder ein in ihre legitimen Rechte, er strebte nach einer
Versöhnung von Geist und Natur, er wollte beide wieder vereinigen in der ewigen
Weltseele. Er restaurierte jene große Naturphilosophie, die wir bei den
altgriechischen Philosophen finden, die erst durch Sokrates mehr ins menschliche
Gemüt selbst hineingeleitet wird und die nachher ins Ideelle verfließt. Er
restaurierte jene große Naturphilosophie, die, aus der alten, phantheistischen
Religion der Deutschen heimlich emporkeimend, zur Zeit des Paracelsus die
schönsten Blüten verkündete, aber durch den eingeführten Cartesianismus erdrückt
wurde. Ach! und am Ende restaurierte er Dinge, wodurch er auch im schlechten
Sinne mit der französischen Restauration verglichen werden kann. Doch da hat ihn
die öffentliche Vernunft nicht länger geduldet, er wurde schmählich
herabgestoßen vom Throne des Gedankens, Hegel, sein Major Domus, nahm ihm die
Krone vom Haupt, und schor ihn, und der entsetzte Schelling lebte seitdem wie
ein armseliges Mönchlein zu München, einer Stadt, welche ihren pfäffischen
Charakter schon im Namen trägt und auf Latein Monacho monachorum heißt. Dort sah
ich ihn gespenstisch umherschwanken mit seinen großen blassen Augen und seinem
niedergedrückten, abgestumpften Gesichte, ein jammervolles Bild
heruntergekommener Herrlichkeit. Hegel aber ließ sich krönen zu Berlin, leider
auch ein bißchen salben, und beherrschte seitdem die deutsche Philosophie.
Unsere philosophische Revolution ist beendigt. Hegel hat ihren großen Kreis
geschlossen. Wir sehen seitdem nur Entwicklung und Ausbildung der
naturphilosophischen Lehre. Diese ist, wie ich schon gesagt, in alle
Wissenschaften eingedrungen und hat da das Außerordentlichste und Großartigste
hervorgebracht. Viel Unerfreuliches, wie ich ebenfalls angedeutet, mußte
zugleich ans Licht treten. Diese Erscheinungen sind so vielfältig, daß schon zu
ihrer Aufzählung ein ganzes Buch nötig wäre. Hier ist die eigentlich
interessante und farbenreiche Partie unserer Philosophiegeschichte. Ich bin
jedoch überzeugt, daß es den Franzosen nützlicher ist, von dieser Partie gar
nichts zu erfahren. Denn dergleichen Mitteilungen könnten dazu beitragen, die
Köpfe in Frankreich noch mehr zu verwirren; manche Sätze der Naturphilosophie,
aus ihrem Zusammenhang gerissen, könnten bei Euch großes Unheil anrichten. So
viel weiß ich, wäret Ihr vor vier Jahren mit der deutschen Naturphilosophie
bekannt gewesen, so hättet Ihr nimmermehr die Juliusrevolution machen können. Zu
dieser Tat gehörte ein Konzentrieren von Gedanken und Kräften, eine edle
Einseitigkeit, ein süffisanter Leichtsinn, wie dessen nur Eure alte Schule
gestattet. Philosophische Verkehrtheiten, womit man die Legitimität und die
katholische Inkarnationslehre allenfalls vertreten konnte, hätten Eure
Begeisterung gedämpft, Euren Mut gelähmt. Ich halte es daher für welthistorisch
wichtig, daß Euer großer Eklektiker, der Euch damals die deutsche Philosophie
lehren wollte, auch nicht das mindeste davon verstanden hat. Seine
providentielle Unwissenheit war heilsam für Frankreich und für die ganze
Menschheit.
Ach, die Naturphilosophie, die in manchen Regionen des Wissens, namentlich in
den eigentlichen Naturwissenschaften, die herrlichsten Früchte hervorgebracht,
hat in anderen Regionen das verderblichste Unkraut erzeugt. Während Oken, der
genialste Denker und einer der größten Bürger Deutschlands, seine neuen
Ideenwelten entdeckte und die deutsche Jugend für die Urrechte der Menschheit,
für Freiheit und Gleichheit, begeisterte: ach! zu derselben Zeit dozierte Adam
Müller die Stallfütterung der Völker nach naturphilosophischen Prinzipien; zu
derselben Zeit predigte Herr Görres den Obskurantismus des Mittelalters, nach
der naturwissenschaftlichen Ansicht, daß der Staat nur ein Baum sei und in
seiner organischen Gliederung auch einen Stamm, Zweige und Blätter haben müsse,
welches alles so hübsch in der Korporations-Hierarchie des Mittelalters zu
finden sei; zu derselben Zeit proklamierte Herr Steffens das philosophische
Gesetz, wonach der Bauernstand sich von dem Adelstand dadurch unterscheidet, daß
der Bauer von der Natur bestimmt sei zu arbeiten, ohne zu genießen, der Adlige
aber berechtigt sei zu genießen, ohne zu arbeiten;- ja, vor einigen Monaten, wie
man mir sagt, hat ein Krautjunker in Westfalen, ein Hans Narr, ich glaube mit
dem Zunamen Haxthausen, eine Schrift herausgegeben, worin er die königlich
preußische Regierung angeht, den konsequenten Parallelismus, den die Philosophie
im ganzen Weltorganismus nachweist zu berücksichtigen, und die politischen
Stände strenger abzuscheiden, denn wie es in der Natur vier Elemente gebe,
Feuer, Luft, Wasser und Erde, so gebe es auch vier analoge Elemente in der
Gesellschaft, nämlich Adel, Geistlichkeit, Bürger und Bauern.
Wenn man solche betrübende Torheiten aus der Philosophie emporsprossen und zu
schädlichster Blüte gedeihen sah; wenn man überhaupt bemerkte, daß die deutsche
Jugend, versenkt in metaphysischen Abstraktionen, der nächsten Zeitinteressen
vergaß und untauglich wurde für das praktische Leben: so mußten wohl die
Patrioten und Freiheitsfreunde einen gerechten Unmut gegen die Philosophie
empfinden, und einige gingen so weit, ihr, als einer müßigen, nutzlosen
Luftfechterei, ganz den Stab zu brechen.
Wir werden nicht so töricht sein, diese Malkontenten ernsthaft zu widerlegen.
Die deutsche Philosophie ist eine wichtige, das ganze Menschengeschlecht
betreffende Angelegenheit, und erst die spätesten Enkel werden darüber
entscheiden können, ob wir dafür zu tadeln oder zu loben sind, daß wir erst
unsere Philosophie und hernach unsere Revolution ausarbeiteten. Mich dünkt, ein
methodisches Volk wie wir, musste mit der Reformation beginnen, konnte erst
hierauf sich mit der Philosophie beschäftigen, und durfte nur nach deren
Vollendung zur politischen Revolution übergehen. Diese Ordnung finde ich ganz
vernünftig. Die Köpfe, welche die Philosophie zum Nachdenken benutzt hat, kann
die Revolution nachher zu beliebigen Zwecken abschlagen. Die Philosophie hätte
aber nimmermehr die Köpfe gebrauchen können, die von der Revolution, wenn diese
ihr vorherging, abgeschlagen worden wären. Laßt Euch aber dessen nicht bange
sein, Ihr deutschen Jakobiner; die deutsche Revolution wird darum nicht milder
und sanfter ausfallen, weil die Kantesche Kritik, der Fichtesche
Transzendentalidealismus und gar die Naturphilosophie derselben vorausging.
Durch diese Doktrinen haben sich revolutionäre Kräfte entwickelt, die nur des
Tages harren, wo sie hervorbrechen und die Welt mit Entsetzen und Bewunderung
erfüllen können. Es werden Kantianer zum Vorschein kommen, die auch in der
Erscheinungswelt von keiner Pietät etwas wissen wollen, und erbarmungslos, mit
Schwert und Beil, den Boden unseres europäischen Lebens durchwühlen, um auch die
letzten Wurzeln der Vergangenheit auszurotten. Es werden bewaffnete Fichteaner
auf den Schauplatz treten, die in ihrem Willensfanatismus, weder durch Furcht
noch durch Eigennutz zu bändigen sind; denn sie leben im Geiste, sie trotzen der
Materie, gleich den ersten Christen, die man ebenfalls weder durch leibliche
Qualen noch durch leibliche Genüsse bezwingen könnte; ja, solche
Transzendentalidealisten wären, bei einer gesellschaftlichen Umwälzung, sogar
noch unbeugsamer als die ersten Christen, da diese die irdische Marter ertrugen,
um dadurch zur himmlischen Seligkeit zu gelangen, der Transzendentalidealist
aber die Marter selbst für eitel Schein hält und unerreichbar ist in der
Verschanzung des eigenen Gedankens. Doch noch schrecklicher als alles wären
Naturphilosophen, die handelnd eingriffen in eine deutsche Revolution und sich
mit dem Zerstörungswerk selbst identifizieren würden. Denn wenn die Hand des
Kantianers stark und sicher zuschlägt, weil sein Herz von keiner traditionellen
Ehrfurcht bewegt wird; wenn der Fichteaner mutvoll jeder Gefahr trotzt, weil sie
für ihn in der Realität gar nicht existiert: so wird der Naturphilosoph dadurch
furchtbar sein, daß er mit den ursprünglichen Gewalten der Natur in Verbindung
tritt, daß er die dämonischen Kräfte des altgermanischen Pantheismus beschwören
kann, und daß alsdann in ihm jene Kampflust erwacht, die wir bei den alten
Deutschen finden, und die nicht kämpft um zu zernichten, noch um zu siegen,
sondern bloß um zu kämpfen. Das Christentum - und das ist sein schönstes
Verdienst - hat jene brutale germanische Kampflust einigermaßen besänftigt,
konnte sie jedoch nicht zerstören, und wenn einst der zähmende Talisman, das
Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die
unsinnige Berserkerwut, wovon die nordischen Dichter so viel singen und sagen.
jener Talisman ist morsch, und kommen wird der Tag, wo er kläglich
zusammenbricht; die alten steinernen Götter erheben sich dann aus dem
verschollenen Schutt, und reiben sich den tausendjährigen Staub aus den Augen,
und Thor mit dem Riesenhammer springt endlich empor und zerschlägt die gotischen
Dome. Wenn Ihr dann das Gepolter und Geklirre hört, hütet Euch, Ihr
Nachbarskinder, Ihr Franzosen, und mischt Euch nicht in die Geschäfte, die wir
zu Hause in Deutschland vollbringen. Es könnte Euch schlecht bekommen. Hütet
Euch das Feuer anzufachen, hütet Euch es zu löschen; Ihr könntet Euch leicht an
den Flammen die Finger verbrennen. Lächelt nicht über meinen Rat, über den Rat
eines Träumers, der Euch vor Kantianern, Fichteanern und Naturphilosophen warnt.
Lächelt nicht über den Phantasten, der im Reiche der Erscheinungen dieselbe
Revolution erwartet, die im Gebiete des Geistes stattgefunden. Der Gedanke geht
der Tat voraus, wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freilich auch
ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig und kommt etwas langsam herangerollt;
aber kommen wird er, und wenn Ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in
der Weltgeschichte gekracht hat, so wißt, der deutsche Donner hat endlich sein
Ziel erreicht. Bei diesem Geräusche werden die Adler aus der Luft tot
niederfallen, und die Löwen in der fernsten Wüste Afrikas werden die Schwänze
einkneifen und sich in ihren königlichen Höhlen verkriechen. Es wird ein Stück
aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revolution nur wie
eine harmlose Idylle erscheinen möchte. jetzt ist es freilich ziemlich still;
und gebärdet sich auch dort der eine oder der andre etwas lebhaft, so glaubt nur
nicht, diese würden einst als wirkliche Akteure auftreten. Es sind nur die
kleinen Hunde, die in der leeren Arena herumlaufen und einander anbellen und
beißen, ehe die Stunde erscheint, wo dort die Schar der Gladiatoren anlangt, die
auf Tod und Leben kämpfen sollen.
Und die Stunde wird kommen. Wie auf den Stufen eines Amphitheaters werden die
Völker sich um Deutschland herumgruppieren, um das große Kampfspiel zu
betrachten. Ich rate Euch, Ihr Franzosen, verhaltet Euch alsdann sehr stille,
und bei Leibe! hütet Euch zu applaudieren. Wir könnten das leicht mißverstehen,
und Euch, in unserer unhöflichen Art, etwas barsch zur Ruhe verweisen; denn wenn
wir früherhin, in unserem servil verdrossenen Zustande Euch manchmal
überwältigen konnten, so vermöchten wir es noch weit eher im Übermute des jungen
Freiheitsrausches - Ihr wißt ja selber, was man in einem solchen Zustande
vermag, und Ihr seid nicht mehr in einem solchen Zustande - nehmt Euch in Acht!
Ich meine es gut mit Euch, und deshalb sage ich Euch die bittere Wahrheit. Ihr
habt von dem befreiten Deutschland mehr zu fürchten, als von der ganzen heiligen
Allianz mitsamt allen Kroaten und Kosaken. Denn erstens liebt man Euch nicht in
Deutschland, welches fast unbegreiflich ist, da Ihr doch so liebenswürdig seid
und Euch, bei Eurer Anwesenheit in Deutschland, so viel Mühe gegeben habt,
wenigstens der besseren und schöneren Hälfte des deutschen Volks zu gefallen.
Und wenn diese Hälfte Euch auch liebte, so ist es doch eben diejenige Hälfte,
die keine Waffen trägt und deren Freundschaft Euch also wenig frommt. Was man
eigentlich gegen Euch vorbringt, habe ich nie begreifen können. Einst im
Bierkeller zu Göttingen äußerte ein junger Altdeutscher, daß man Rache an den
Franzosen nehmen müsse für Conradin von Staufen, den sie zu Neapel geköpft. Ihr
habt das gewiß längst vergessen. Wir aber vergessen nichts. Ihr seht, wenn wir
mal Lust bekommen mit Euch anzubinden, so wird es uns nicht an triftigen Gründen
fehlen. Jedenfalls rate ich Euch daher auf Eurer Hut zu sein. Es mag in
Deutschland vorgehen was da wolle, es mag der Prinz von Kyritz oder der Doktor
Wirth zur Herrschaft gelangen, haltet Euch immer gerüstet, bleibt ruhig auf
Eurem Posten stehen, das Gewehr im Arm. Ich meine es gut mit Euch, und es hat
mich schier erschreckt, als ich jüngst vernahm, Eure Minister beabsichtigen,
Frankreich zu entwaffnen -
Da Ihr, trotz Eurer jetzigen Romantik, geborene Klassiker seid, so kennt Ihr den
Olymp. Unter den nackten Göttern und Göttinnen, die sich dort bei Nektar und
Ambrosia erlustigen, seht Ihr eine Göttin, die, obgleich umgeben von lauter
Fröhlichkeit und Kurzweil, dennoch immer einen Panzer trägt und den Helm auf dem
Kopf und den Speer in der Hand behält. Es ist die Göttin der Weisheit.
[Vorrede]
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