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Heinrich Heine:
Zur Geschichte der Religion
und Philosophie
in Deutschland
Zuerst
in: "Revue des deux Mondes", "De L'Allemagne depuis Luther" (Première Partie:
März, Deuxième Partie: November, Troisième Partie: Dezember 1834). In: Der Salon
Bd. II (1835).
Vorrede
Erstes Buch
Die Franzosen glaubten, in der letzten Zeit, zu einer
Verständnis Deutschlands zu gelangen, wenn sie sich mit den Erzeugnissen unserer
schönen Literatur bekannt machten. Hierdurch haben sie sich aber aus dem
Zustande gänzlicher Ignoranz nur erst zur Oberflächlichkeit erhoben. Denn die
Erzeugnisse unserer schönen Literatur bleiben für sie nur stumme Blumen, der
ganze deutsche Gedanke bleibt für sie ein unwirtliches Rätsel, so lange sie die
Bedeutung der Religion und der Philosophie in Deutschland nicht kennen.
Indem ich nun über diese beiden einige erläuternde Auskunft zu erteilen suche,
glaube ich ein nützliches Werk zu unternehmen. Dieses ist für mich keine leichte
Aufgabe. Es gilt zunächst die Ausdrücke einer Schulsprache zu vermeiden, die den
Franzosen gänzlich unbekannt ist. Und doch habe ich weder die Subtilitäten der
Theologie, noch die der Metaphysik so tief ergründet, daß ich im Stande wäre,
dergleichen, nach den Bedürfnissen des französischen Publikums, ganz einfach und
ganz kurz zu formulieren. Ich werde daher nur von den großen Fragen handeln, die
in der deutschen Gottesgelahrtheit und Weltweisheit zur Sprache gekommen, ich
werde nur ihre soziale Wichtigkeit beleuchten, und immer werde ich die
Beschränktheit meiner eigenen Verdeutlichungsmittel und das Fassungsvermögen des
französischen Lesers berücksichtigen.
Große deutsche Philosophen, die etwa zufällig einen Blick in diese Blätter
werfen, werden vornehm die Achsel zucken über den dürftigen Zuschnitt alles
dessen, was ich hier vorbringe. Aber sie mögen gefälligst bedenken, daß das
wenige, was ich sage, ganz klar und deutlich ausgedrückt ist, während ihre
eignen Werke, zwar sehr gründlich, unermeßbar gründlich, sehr tiefsinnig,
stupend tiefsinnig, aber ebenso unverständlich sind . Was helfen dem Volke die
verschlossenen Kornkammern, wozu es keinen Schlüssel hat? Das Volk hungert nach
Wissen, und dankt mir für das Stückchen Geistesbrod, das ich ehrlich mit ihm
teile.
Ich glaube es ist nicht Talentlosigkeit, was die meisten deutschen Gelehrten
davon abhält, über Religion und Philosophie sich populär auszusprechen. Ich
glaube, es ist Scheu vor den Resultaten ihres eigenen Denkens, die sie nicht
wagen dem Volke mitzuteilen. Ich, ich habe nicht diese Scheu, denn ich bin kein
Gelehrter, ich selber bin Volk. Ich bin kein Gelehrter, ich gehöre nicht zu den
700 Weisen Deutschlands. Ich stehe mit dem großen Haufen vor den Pforten ihrer
Weisheit, und ist da irgend eine Wahrheit durchgeschlüpft, und ist diese
Wahrheit bis zu mir gelangt, dann ist sie weit genug: - ich schreibe sie mit
hübschen Buchstaben auf Papier und gebe sie dem Setzer; der setzt sie in Blei
und gibt sie dem Drucker; dieser druckt sie und sie gehört dann der ganzen Welt.
Die Religion, deren wir uns in Deutschland erfreuen, ist das Christentum. Ich
werde also zu erzählen haben: was das Christentum ist, wie es römischer
Katholizismus geworden, wie aus diesem der Protestantismus und aus dem
Protestantismus die deutsche Philosophie hervorging.
Indem ich nun mit Besprechung der Religion beginne, bitte ich im voraus alle
frommen Seelen, sich bei Leibe nicht zu ängstigen. Fürchtet nichts, fromme
Seelen! Keine profanierende Scherze sollen Euer Ohr verletzen. Diese sind
allenfalls noch nützlich in Deutschland, wo es gilt die Macht der Religion, für
den Augenblick, zu neutralisieren. Wir sind nämlich dort in derselben Lage wie
Ihr vor der Revolution, als das Christentum im untrennbarsten Bündnisse stand
mit dem alten Regime. Dieses konnte nicht zerstört werden, solange noch jenes
seinen Einfluß übte auf die Menge. Voltaire mußte sein scharfes Gelächter
erheben, ehe Sanson sein Beil fallen lassen konnte. jedoch wie durch dieses
Beil, so wurde auch durch jenes Lachen im Grunde nichts bewiesen, sondern nur
bewirkt. Voltaire hat nur den Leib des Christentums verletzen können. Alle seine
Späße, die aus der Kirchengeschichte geschöpft, alle seine Witze über Dogmatik
und Kultus, über die Bibel, dieses heiligste Buch der Menschheit, über die
Jungfrau Maria, diese schönste Blume der Poesie, das ganze Dictionnaire
philosophischer Pfeile, das er gegen Klerus und Priesterschaft losschoß,
verletzte nur den sterblichen Leib des Christentums, nicht dessen inneres Wesen,
nicht dessen tieferen Geist, nicht dessen ewige Seele.
Denn das Christentum ist eine Idee, und als solche unzerstörbar und unsterblich,
wie jede Idee. Was ist aber diese Idee?
Eben weil man diese Idee noch nicht klar begriffen und Äußerlichkeiten für die
Hauptsache gehalten hat, gibt es noch keine Geschichte des Christentums. Zwei
entgegengesetzte Parteien schreiben die Kirchengeschichte und widersprechen sich
beständig, doch die eine, ebenso wenig wie die andere, wird jemals bestimmt
aussagen: was eigentlich jene Idee ist, die dem Christentum als Mittelpunkt
dient, die sich in dessen Symbolik, im Dogma wie im Kultus, und in dessen ganzen
Geschichte zu offenbaren strebt, und im wirklichen Leben der christlichen Völker
manifestiert hat? Weder Baronius, der katholische Kardinal, noch der
protestantische Hofrat Schröckh, entdeckt uns, was eigentlich jene Idee war. Und
wenn Ihr alle Folianten der Mansischen Konziliensammlung, des Assemanischen
Codex der Liturgien und die ganze "Historia ecclesiastica" von Saccarelli
durchblättert, werdet Ihr doch nicht einsehen, was eigentlich die Idee des
Christentums war. Was seht Ihr denn in den Historien der orientalischen und der
okzidentalischen Kirchen? in jener, der orientalischen Kirchengeschichte, seht
Ihr nichts als dogmatische Spitzfündigkeiten, wo sich die altgriechische
Sophistik wieder kundgibt; in dieser, in der okzidentalischen Kirchengeschichte,
seht Ihr nichts als disziplinarische, die kirchlichen Interessen betreffende
Zwiste, wobei die altrömische Rechtskasuistik und Regierungskunst, mit neuen
Formeln und Zwangsmitteln, sich wieder geltend machen. In der Tat, wie man in
Konstantinopel über den Logos stritt, so stritt man in Rom über das Verhältnis
der weltlichen zur geistlichen Macht; und wie etwa dort über Homousios, so
befehdete man sich hier über Investitur. Aber die byzantinischen Fragen- ob der
Logos dem Gott-Vater Homousios sei? ob Maria Gottgebärerin heißen soll oder
Menschgebärerin? ob Christus in Ermangelung der Speise hungern mußte, oder nur
deswegen hungerte, weil er hungern wollte? alle diese Fragen haben im
Hintergrund lauter Hofintrigen, deren Lösung davon abhängt, was in den Gemächern
des Sacri Palatii gezischelt und gekichert wird, ob z. B. Eudoxia fällt oder
Pulcheria; - denn diese Dame haßt den Nestorius, den Verräter ihrer
Liebeshändel, jene haßt den Cyrillus, welchen Pulcheria beschützt, alles bezieht
sich zuletzt auf lauter Weiber- und Hämmlingsgeklätsche, und im Dogma wird
eigentlich der Mann und im Manne eine Partei verfolgt oder befördert. Eben so
geht's im Okzident; Rom wollte herrschen; "als seine Legionen gefallen, schickte
es Dogmen in die Provinzen"; alle Glaubenszwiste hatten römische Usurpationen
zum Grunde; es galt die Obergewalt des römischen Bischofs zu konsolidieren.
Dieser war über eigentliche Glaubenspunkte immer sehr nachsichtig, spie aber
Feuer und Flamme, sobald die Rechte der Kirche angegriffen wurden; er
disputierte nicht viel über die Personen in Christus, sondern über die
Konsequenzen der Isidorschen Dekretalen; er zentralisierte seine Gewalt, durch
kanonisches Recht, Einsetzung der Bischöfe, Herabwürdigung der fürstlichen
Macht, Mönchsorden, Zölibat u. s. w. Aber war dieses das Christentum? Offenbart
sich uns aus der Lektüre dieser Geschichten die Idee des Christentums? Was ist
diese Idee?
Wie sich diese Idee historisch gebildet und in der Erscheinungswelt
manifestiert, ließe sich wohl schon in den ersten Jahrhunderten nach Christi
Geburt entdecken, wenn wir namentlich in der Geschichte der Manichäer und der
Gnostiker vorurteilsfrei nachforschen. Obgleich erstere verketzert und letztere
verschrieen sind und die Kirche sie verdammt hat, so erhielt sich doch ihr
Einfluß auf das Dogma, aus ihrer Symbolik entwickelte sich die katholische
Kunst, und ihre Denkweise durchdrang das ganze Leben der christlichen Völker.
Die Manichäer sind ihrer letzten Gründe nach nicht sehr verschieden von den
Gnostikern. Die Lehre von den beiden Prinzipien, dem guten und dem bösen, die
sich bekämpfen, ist beiden eigen. Die einen, die Manichäer, erhielten diese
Lehre aus der altpersischen Religion, wo Ormuz, das Licht, dem Ariman, der
Finsternis, feindlich entgegengesetzt ist. Die anderen, die eigentlichen
Gnostiker, glaubten vielmehr an die Präexistenz des guten Prinzips, und
erklärten die Entstehung des bösen Prinzips durch Emanation, durch Generationen
von Äonen, die, je mehr sie von ihrem Ursprung entfernt sind, sich desto trüber
verschlechtert. Nach Cerinthus war der Erschaffer unserer Welt keineswegs der
höchste Gott, sondern nur eine Emanation desselben, einer von den Äonen, der
eigentliche Demiurgos, der allmählich ausgeartet ist und jetzt, als böses
Prinzip, dem aus dem höchsten Gott unmittelbar entsprungenen Logos, dem guten
Prinzip, feindselig gegenüberstehe. Diese gnostische Weltansicht ist urindisch,
und sie führte mit sich die Lehre von der Inkarnation Gottes, von der Abtötung
des Fleisches, vom geistigen Insichselbstversenken, sie gebar das asketisch
beschauliche Mönchsleben, welches die reinste Blüte der christlichen Idee. Diese
Idee hat sich in der Dogmatik nur sehr verworren und im Kultus nur sehr trübe
aussprechen können. Doch sehen wir überall die Lehre von den beiden Prinzipien
hervortreten; dem guten Christus steht der böse Satan entgegen; die Welt des
Geistes wird durch Christus, die Welt der Materie durch Satan repräsentiert;
jenem gehört unsere Seele, diesem unser Leib; und die ganze Erscheinungswelt,
die Natur, ist demnach ursprünglich böse, und Satan, der Fürst der Finsternis,
will uns damit ins Verderben locken, und es gilt allen sinnlichen Freuden des
Lebens zu entsagen, unseren Leib, das Lehn Satans, zu peinigen, damit die Seele
sich desto herrlicher emporschwinge in den lichten Himmel, in das strahlende
Reich Christi.
Diese Weltansicht, die eigentliche Idee des Christentums, hatte sich,
unglaublich schnell, über das ganze römische Reich verbreitet, wie eine
ansteckende Krankheit, das ganze Mittelalter hindurch dauerten die Leiden,
manchmal Fieberwut, manchmal Abspannung, und wir Modernen fühlen noch immer
Krämpfe und Schwäche in den Gliedern. Ist auch mancher von uns schon genesen, so
kann er doch der allgemeinen Lazarettluft nicht entrinnen, und er fühlt sich
unglücklich als der einzig Gesunde unter lauter Siechen. Einst, wenn die
Menschheit ihre völlige Gesundheit wieder erlangt, wenn der Friede zwischen Leib
und Seele wieder hergestellt, und sie wieder in ursprünglicher Harmonie sich
durchdringen: dann wird man den künstlichen Hader, den das Christentum zwischen
beiden gestiftet, kaum begreifen können. Die glücklicheren und schöneren
Generationen, die, gezeugt durch freie Wahlumarmung, in einer Religion der
Freude emporblühen, werden wehmütig lächeln über ihre armen Vorfahren, die sich
aller Genüsse dieser schönen Erde trübsinnig enthielten, und, durch Abtötung der
warmen farbigen Sinnlichkeit, fast zu kalten Gespenstern verblichen sind! ja,
ich sage es bestimmt, unsere Nachkommen werden schöner und glücklicher sein als
wir. Denn ich glaube an den Fortschritt, ich glaube, die Menschheit ist zur
Glückseligkeit bestimmt, und ich hege also eine größere Meinung von der Gottheit
als jene frommen Leute, die da wähnen, sie habe den Menschen nur zum Leiden
erschaffen. Schon hier auf Erden möchte ich, durch die Segnungen freier
politischer und industrieller Institutionen jene Seligkeit etablieren, die, nach
der Meinung der Frommen, erst am jüngsten Tage, im Himmel, stattfinden soll.
jenes ist vielleicht ebenso wie dieses eine törigte Hoffnung, und es gibt keine
Auferstehung der Menschheit, weder im politisch moralischen, noch im apostolisch
katholischen Sinne. Die Menschheit ist vielleicht zu ewigem Elend bestimmt, die
Völker sind vielleicht auf ewig verdammt von Despoten zertreten, von den
Spießgesellen derselben exploitiert, und von den Lakaien verhöhnt zu werden ...
Ach! in diesem Falle, müßte man das Christentum, selbst wenn man es als Irrtum
erkannt, dennoch zu erhalten suchen, man müßte in der Mönchskutte und barfuß
durch Europa laufen und die Nichtigkeit aller irdischen Güter und Entsagung
predigen, und den gegeißelten und verspotteten Menschen das tröstende Kruzifix
vorhalten, und ihnen nach dem Tode, dort oben, alle sieben Himmel versprechen!
Vielleicht eben, weil die Großen dieser Erde ihrer Obermacht gewiß sind, und im
Herzen beschlossen haben sie ewig zu unserem Unglück zu mißbrauchen, sind sie
von der Notwendigkeit des Christentums für ihre Völker überzeugt, und es ist im
Grunde ein zartes Menschlichkeitsgefühl, daß sie sich für die Erhaltung dieser
Religion so viele Mühe geben!
Das endliche Schicksal des Christentums ist also davon abhängig, ob wir dessen
noch bedürfen. Diese Religion war eine Wohltat für die leidende Menschheit
während achtzehn Jahrhunderten, sie war providentiell, göttlich, heilig. Alles
was sie der Zivilisation genutzt, indem sie die Starken zähmte und die Zahmen
stärkte, die Völker verband durch gleiches Gefühl und gleiche Sprache, und was
sonst noch von ihren Apologeten hervorgerühmt wird, das ist sogar noch
unbedeutend in Vergleichung mit jener großen Tröstung, die sie durch sich selbst
den Menschen angedeihen lassen. Ewiger Ruhm gebührt dem Symbol jenes leidenden
Gottes, des Heilands mit der Dornenkrone, des gekreuzigten Christus, dessen Blut
gleichsam der lindernde Balsam war, der in die Wunden der Menschheit herabrann.
Besonders der Dichter wird die schauerliche Erhabenheit dieses Symbols mit
Ehrfurcht anerkennen. Das ganze System von Symbolen, die sich ausgesprochen in
der Kunst und im Leben des Mittelalters, wird zu allen Zeiten die Bewunderung
der Dichter erregen. In der Tat, welche kolossale Konsequenz in der christlichen
Kunst, namentlich in der Architektur! Diese gotischen Dome, wie stehen sie im
Einklang mit dem Kultus, und wie offenbart sich in ihnen die Idee der Kirche
selber! Alles strebt da empor, alles transsubstanziert sich: der Stein sproßt
aus in Ästen und Laubwerk und wird Baum; die Frucht des Weinstocks und die Ähre
wird Blut und Fleisch; der Mensch wird Gott; Gott wird reiner Geist! Ein
ergiebiger, unversiegbar kostbarer Stoff für die Dichter ist das christliche
Leben im Mittelalter. Nur durch das Christentum konnten auf dieser Erde sich
Zustände bilden, die so kecke Kontraste, so bunte Schmerzen, und so
abenteuerliche Schönheiten enthalten, daß man meinen sollte, dergleichen habe
niemals in der Wirklichkeit existiert, und das alles sei ein kolossaler
Fiebertraum, es sei der Fiebertraum eines wahnsinnigen Gottes. Die Natur selber
schien sich damals phantastisch zu vermummen; indessen, obgleich der Mensch,
befangen in abstrakten Grübeleien, sich verdrießlich von ihr abwendete, so
weckte sie ihn doch manchmal mit einer Stimme, die so schauerlich süß, so
entsetzlich liebevoll, so zaubergewaltig war, daß der Mensch unwillkürlich
aufhorchte, und lächelte, und erschrak, und gar zu Tode erkrankte. Die
Geschichte von der Baseler Nachtigall kommt mir hier ins Gedächtnis, und da Ihr
sie wahrscheinlich nicht kennt, so will ich sie erzählen.
Im Mai 1433, zur Zeit des Konzils, ging eine Gesellschaft Geistlicher in einem
Gehölze bei Basel spazieren, Prälaten und Doktoren, Mönche von allen Farben, und
sie disputierten über theologische Streitigkeiten, und distinguierten und
argumentierten, oder stritten über Annaten, Expektativen und Reservationen, oder
untersuchten, ob Thomas von Aquino ein größerer Philosoph sei als Bonaventura,
was weiß ich! Aber plötzlich, mitten in ihren dogmatischen und abstrakten
Diskussionen, hielten sie inne, und blieben wie angewurzelt stehen vor einem
blühenden Lindenbaum, worauf eine Nachtigall saß, die in den weichsten und
zärtlichsten Melodien jauchzte und schluchzte. Es ward den gelehrten Herren
dabei so wunderselig zu Mute, die warmen Frühlingstöne drangen ihnen in die
scholastisch verklausulierten Herzen, ihre Gefühle erwachten aus dem dumpfen
Winterschlaf, sie sahen sich an mit staunendem Entzücken; - als endlich einer
von ihnen die scharfsinnige Bemerkung machte, daß solches nicht mit rechten
Dingen zugehe, daß diese Nachtigall wohl ein Teufel sein könne, daß dieser
Teufel sie mit seinen holdseligen Lauten von ihren christlichen Gesprächen
abziehen, und zu Wollust und sonstig süßen Sünden verlocken wolle, und er hub an
zu exorzieren, wahrscheinlich mit der damals üblichen Formel: adjuro te per eum,
qui venturus est, judicare vivos et mortuos etc. etc. Bei dieser Beschwörung,
sagt man, habe der Vogel geantwortet, "ja, ich bin ein böser Geist!" und sei
lachend davon geflogen; diejenigen aber, die seinen Gesang gehört, sollen noch
selbigen Tages erkrankt und bald darauf gestorben sein.
Diese Geschichte bedarf wohl keines Kommentars. Sie trägt ganz das grauenhafte
Gepräge einer Zeit, die alles was süß und lieblich war als Teufelei verschrie.
Die Nachtigall sogar wurde verleumdet und man schlug ein Kreuz, wenn sie sang.
Der wahre Christ spazierte, mit ängstlich verschlossenen Sinnen, wie ein
abstraktes Gespenst, in der blühenden Natur umher. Dieses Verhältnis des
Christen zur Natur werde ich vielleicht in einem späteren Buche weitläuftiger
erörtern, wenn ich, zum Verständnis der neuromantischen Literatur, den deutschen
Volksglauben gründlich besprechen muß. Vorläufig kann ich nur bemerken, daß
französische Schriftsteller, mißleitet durch deutsche Autoritäten, in großem
Irrtume sind, wenn sie annehmen, der Volksglauben sei während des Mittelalters
überall in Europa derselbe gewesen. Nur über das gute Prinzip, über das Reich
Christi, hegte man in ganz Europa dieselben Ansichten; dafür sorgte die römische
Kirche, und wer hier von der vorgeschriebenen Meinung abwich, war ein Ketzer.
Aber über das böse Prinzip, über das Reich Satans, herrschten verschiedene
Ansichten in den verschiedenen Ländern, und im germanischen Norden hatte man
ganz andere Vorstellungen davon wie im romanischen Süden. Dieses entstand
dadurch, daß die christliche Priesterschaft die vorgefundenen alten
Nationalgötter nicht als leere Hirngespinste verwarf, sondern ihnen eine
wirkliche Existenz einräumte, aber dabei behauptete, alle diese Götter seien
lauter Teufel und Teufelinnen gewesen, die, durch den Sieg Christi, ihre Macht
über die Menschen verloren und sie jetzt durch Lust und List zur Sünde verlocken
wollen. Der ganze Olymp wurde nun eine luftige Hölle, und wenn ein Dichter des
Mittelalters die griechischen Göttergeschichten noch so schön besang, so sah der
fromme Christ darin doch nur Spuk und Teufel. Der düstere Wahn der Mönche traf
am härtesten die arme Venus; absonderlich diese galt für eine Tochter Belzebubs,
und der gute Ritter Tanhüser sagt ihr sogar ins Gesicht:
O, Venus, schöne Fraue mein,
Ihr seid eine Teufelinne!
Den Tanhüser hatte sie nämlich verlockt in jene wunderbare Höhle, welche man den
Venusberg hieß und wovon die Sage ging, daß die schöne Göttin dort, mit ihren
Fräulein und Gesponsen, unter Spiel und Tänzen, das lüderlichste Leben führe.
Die arme Diana sogar, trotz ihrer Keuschheit, war vor einem ähnlichen Schicksal
nicht sicher, und man ließ sie nächtlich mit ihren Nymphen durch die Wälder
ziehen, und daher die Sage von dem wütenden Heer, von der wilden Jagd. Hier
zeigt sich noch ganz die gnostische Ansicht von der Verschlechterung des ehemals
Göttlichen, und in dieser Umgestaltung des früheren Nationalglaubens
manifestiert sich am tiefsinnigsten die Idee des Christentums.
Der Nationalglaube in Europa, im Norden noch Viel mehr als im Süden, war
pantheistisch, seine Mysterien und Symbole bezogen sich auf einen Naturdienst,
in jedem Elemente verehrte man wunderbare Wesen, in jedem Baume atmete eine
Gottheit, die ganze Erscheinungswelt war durchgöttert; das Christentum verkehrte
diese Ansicht, und an die Stelle einer durchgötterten Natur trat eine
durchteufelte. Die heiteren, durch die Kunst verschönerten Gebilde der
griechischen Mythologie, die mit der römischen Zivilisation im Süden herrschte,
hat man jedoch nicht so leicht in häßliche, schauerliche Satanslarven verwandeln
können, wie die germanischen Göttergestalten, woran freilich kein besonderer
Kunstsinn gemodelt hatte, und die schon vorher so mißmütig und trübe waren, wie
der Norden selbst. Daher hat sich bei Euch, in Frankreich, kein so
finsterschreckliches Teufelstum bilden können wie bei uns, und das Geister- und
Zauberwesen selber erhielt bei Euch eine heitere Gestalt. Wie schön, klar und
farbenreich sind Eure Volkssagen in Vergleichung mit den unsrigen, diesen
Mißgeburten, die aus Blut und Nebel bestehen und uns so grau und grausam
angrinsen. Unsere mittelalterlichen Dichter, indem sie meistens Stoffe wählten,
die Ihr, in der Bretagne und in der Normandie, entweder ersonnen oder zuerst
behandelt habt, verliehen ihren Werken, vielleicht absichtlich, so viel als
möglich von jenem heiter altfranzösischen Geiste. Aber in unseren
Nationaldichtungen und in unseren mündlichen Volkssagen, blieb jener düster
nordische Geist, von dem Ihr kaum eine Ahnung habt. Ihr habt, ebenso wie wir,
mehre Sorten von Elementargeistern, aber die unsrigen sind von den Eurigen so
verschieden wie ein Deutscher von einem Franzosen.
Die Dämonen in Euren Fabliaux und Zauberromanen, wie heilfarbig und besonders
wie reinlich sind sie, in Vergleichung mit unserer grauen und sehr oft
unflätigen Geisterkanaille. Eure Feen und Elementargeister, woher Ihr sie auch
bezogen, aus Cornwallis oder aus Arabien, sie sind doch ganz naturalisiert, und
ein französischer Geist unterscheidet sich von einem deutschen, wie etwa ein
Dandy, der mit gelben Glacéhandschuhen auf dem Boulevard Coblence flaniert, sich
von einem schweren deutschen Sackträger unterscheidet. Eure Nixen, z. B. die
Melusine, sind von den unsrigen eben so verschieden wie eine Prinzessin von
einer Wäscherin. Die Fee Morgana, wie würde sie erschrecken, wenn sie etwa einer
deutschen Hexe begegnete, die nackt, mit Salben beschmiert, und auf einem
Besenstiel, nach dem Brocken reitet. Dieser Berg ist kein heiteres Avalon,
sondern ein Rendez-vous für alles, was wüst und häßlich ist. Auf dem Gipfel des
Bergs sitzt Satan in der Gestalt eines schwarzen Bocks. jede von den Hexen naht
sich ihm mit einer Kerze in der Hand und küßt ihn hinten, wo der Rücken aufhört.
Nachher tanzt die verruchte Schwesterschaft um ihn herum und singt: Donderemus,
Donderemus! Es meckert der Bock, es jauchzt der infernale Chahut. Es ist ein
böses Omen für die Hexe, wenn sie bei diesem Tanze einen Schuh verliert; das
bedeutet, daß sie noch im selbigen Jahr verbrannt wird. Doch alle ahnende Angst
übertäubt die tolle, echtberliozische Sabbatmusik; - und wenn die arme Hexe des
Morgens aus ihrer Berauschung erwacht, liegt sie nackt und müde in der Asche,
neben dem verglimmenden Herde.
Die beste Auskunft über diese Hexen findet man in der "Dämonologie" des
ehrenfesten und hochgelahrten Doktor Nicolai Remigii, des durchlauchtigsten
Herzogs von Lothringen Kriminalrichter. Dieser scharfsinnige Mann hatte fürwahr
die beste Gelegenheit das Treiben der Hexen kennenzulernen, da er in ihren
Prozessen instruierte, und zu seiner Zeit allein in Lothringen achthundert
Weiber den Scheiterhaufen bestiegen, nachdem sie der Hexerei überwiesen worden.
Diese Beweisführung bestand meistens darin: Man band ihnen Hände und Füße
zusammen und warf sie ins Wasser. Gingen sie unter und ersoffen, so waren sie
unschuldig, blieben sie aber schwimmend über dem Wasser, so erkannte man sie für
schuldig und sie wurden verbrannt. Das war die Logik jener Zeit.
Als Grundzug im Charakter der deutschen Dämonen sehen wir, daß alles idealische
von ihnen abgestreift, daß in ihnen das Gemeine und Gräßliche gemischt ist. je
plump vertraulicher sie an uns herantreten, desto grauenhafter ihre Wirkung.
Nichts ist unheimlicher als unsere Poltergeister, Kobolde und Wichtelmännchen.
Prätorius in seinem "Anthropodemus" enthält in dieser Beziehung eine Stelle, die
ich nach Dobeneck hier mitteile:
"Die Alten haben nicht anders von den Poltergeistern halten können, als daß es
rechte Menschen sein müssen, in der Gestalt wie kleine Kinder, mit einem bunten
Röcklein oder Kleidchen. Etliche setzen dazu, daß sie teils Messer in den Rücken
haben sollen, teils noch anders und gar greulich gestalt wären; nachdem sie so
und so, mit diesem oder jenem Instrument vorzeiten umgebracht seien. Denn die
Abergläubischen halten dafür, daß es derer vorweilen im Hause ermordeten Leute
Seelen sein sollen. Und schwatzen sie von vielen Historien, daß, wenn die
Kobolde denen Mägden und Köchinnen eine Welle im Hause gute Dienste getan, und
sich ihnen beliebt gemacht haben; daß manches Mensch daher gegen die Kobolde
eine solche Affektion bekommen, daß sie solche Knechtchen auch zu sehen
inbrünstig gewünscht und von ihnen begehrt haben: worin aber die Poltergeister
niemals gerne willigen wollen, mit der Ausrede, daß man sie nicht sehen könne
ohne sich darüber zu entsetzen. Doch wenn dennoch die lüsternen Mägde nicht
haben nachlassen können, so sollen die Kobolde jenen einen Ort im Hause benannt
haben, wo sie sich leibhaft präsentieren wollen; aber man müsse zugleich einen
Eimer kaltes Wasser mitbringen. Da habe es sich denn begeben, daß ein solcher
Kobold, etwa auf dem Boden, in einem Kissen, nackt gelegen, und ein großes
Schlachtmesser im Rücken steckend gehabt habe. Hierüber manche Magd so sehr
erschrocken war, daß sie eine Ohnmacht bekommen hat. Darauf das Ding alsbald
aufgesprungen ist, das Wasser genommen, und das Mensch damit über und über
begossen hat, damit sie wieder zu sich selbst kommen könne. Worauf die Mägde
hernach ihre Lust verloren, und lieb Chimgen niemals weiter zu schauen begehrt
haben. Die Kobolde nämlich sollen auch alle besondere Namen führen, insgemein
aber Chim heißen.
So sollen sie auch für die Knechte und Mägde, welchen sie sich etwa ergeben,
alle Hausarbeit tun: die Pferde striegeln, füttern, den Stall ausmisten, alles
aufscheuern, die Küche sauber halten und was sonsten im Hause zu tun ist, sehr
wohl in Acht nehmen, und das Vieh soll auch von ihnen zunehmen und gedeihn.
Dafür müssen die Kobolde auch von dem Gesinde karessiert werden; daß sie ihnen
nur im Gringsten nichts zu Leide tun, weder mit Auslachen oder Versäumung im
Speisen. Hat nämlich eine Köchin das Ding zu ihrem heimlichen Gehülfen einmal im
Hause angenommen, so muß sie täglich, um eine gewisse Zeit, und an einem
bestimmten Ort im Hause sein bereitetes Schüsselchen voll gutes Essen hinsetzen,
und ihren Weg wieder gehn; sie kann hernach immer faulenzen, auf den Abend
zeitig schlafen gehen, sie wird dennoch früh Morgens ihre Arbeit beschickt
finden. Vergißt sie aber ihre Pflicht einmal, etwa die Speise unterlassend, so
bleibt ihr wieder ihre Arbeit allein zu verrichten, und sie hat allerhand
Mißgeschick: daß sie sich entweder im heißen Wasser verbrennt, die Töpfe und das
Geschirr zerbricht, das Essen umgeschüttet oder gefallen ist u. s. w. daß sie
also notwendig von der Hausfrau oder dem Herren zur Strafe ausgescholten werden;
worüber man auch zum öftern den Kobold soll kichern oder lachen gehört haben. -
Und so ein Kobold soll stets in seinem Hause verblieben sein, wenngleich sich
das Gesinde verändert hat. ja, es hat eine abziehende Magd ihrer Nachfolgerin
den Kobold rekommandieren und aufs beste anbefehlen müssen, daß jene seiner auch
also wartete. Hat diese nun nicht gewollt, so hat es ihr auch an
kontinuierlichem Unglück nicht gemangelt, und sie hat zeitig genug das Haus
wieder räumen müssen."
Vielleicht zu den grauenhaftesten Geschichten gehört folgende kleine Erzählung:
"Eine Magd hatte jahrelang einen unsichtbaren Hausgeist bei sich am Herde
sitzen, wo sie ihm ein eignes Stättchen eingeräumt, und wo sie sich die langen
Winterabende hindurch mit ihm unterhielt. Nun bat einmal die Magd das Heinzchen,
denn also hieß sie den Geist, er solle sich doch einmal sehen lassen, wie er von
Natur gestaltet sei. Aber das Heinzlein weigerte sich dessen. Endlich aber
willigte es ein, und sagte sie möchte in den Keller hinabgehen, dort solle sie
ihn sehen. Da nimmt die Magd ein Licht, steigt hinab in den Keller, und dort, in
einem offenen Fasse, sieht sie ein totes Kindlein in seinem Blute schwimmen. Die
Magd hatte aber vor vielen Jahren ein uneheliches Kind geboren und es heimlich
ermordet und in ein Faß gesteckt."
Indessen, wie die Deutschen nun einmal sind, sie suchen oft im Grauen selbst
ihren besten Spaß und die Volkssagen von den Kobolden sind manchmal voll
ergötzlicher Züge. Besonders amüsant sind die Geschichten vom Hüdeken, einem
Kobold, der, im zwölften Jahrhundert, zu Hildesheim sein Wesen getrieben und von
welchem in unseren Spinnstuben und Geisterromanen so viel die Rede ist. Eine
schon oft abgedruckte Stelle aus einer alten Chronik gibt von ihm folgende
Kunde:
"Um das Jahr 1132 erschien ein böser Geist eine lange Zeit hindurch vielen
Menschen im Bistum Hildesheim, in der Gestalt eines Bauern mit einem Hut auf dem
Kopfe: weshalb die Bauern ihn in sächsischer Sprache Hüdeken nannten. Dieser
Geist fand ein Vergnügen daran mit Menschen umzugehen, sich ihnen bald sichtbar,
bald unsichtbar zu offenbaren, ihnen Fragen vorzulegen und zu beantworten. Er
beleidigte niemanden ohne Ursache. Wenn man ihn aber auslachte, oder sonst
beschimpfte, so vergalt er das empfangene Unrecht mit vollem Maße. Da der Graf
Burchard de Luka von dem Grafen Herrmann von Wiesenburg erschlagen wurde, und
das Land des letzteren in Gefahr kam, eine Beute der Rächer zu werden, so weckte
der Hüdeken den Bischof Bernhard von Hildesheim aus dem Schlafe, und redete ihn
mit folgenden Worten an: Stehe auf, Kahlkopf! die Grafschaft Wiesenburg ist
durch Mord verlassen und erledigt, und wird also leicht von dir besetzt werden
können. Der Bischof versammelte schnell seine Krieger, fiel in das Land des
schuldigen Grafen, und vereinigte es, mit Bewilligung des Kaisers, mit seinem
Stift. Der Geist warnte den genannten Bischof häufig ungebeten vor nahen
Gefahren, und zeigte sich besonders oft in der Hofküche, wo er mit den Köchen
redete, und ihnen allerlei Dienste erwies. Da man allmählich mit dem Hüdeken
vertraut geworden war, so wagte es ein Küchenjunge ihn, so oft er erschien, zu
necken, und ihn sogar mit unreinem Wasser zu begießen. Der Geist bat den
Hauptkoch, oder den Küchenmeister, daß er dem unartigen Knaben seinen Mutwillen
untersagen möchte. Der Meisterkoch antwortete: du bist ein Geist, und fürchtest
dich vor einem Buben! worauf Hüdeken drohend erwiderte: Weil du den Knaben nicht
strafen willst, so werde ich dir in wenigen Tagen zeigen, wie sehr ich mich vor
ihm fürchte. Bald nachher saß der Bube, der den Geist beleidigt hatte, ganz
allein schlafend in der Küche. In diesem Zustand ergriff ihn der Geist,
erdrosselte ihn, zerriß ihn in Stücken, und setzte diese in Töpfen ans Feuer. Da
der Koch diesen Streich entdeckte, da fluchte er dem Geist, und nun verdarb
Hüdeken am folgenden Tage alle Braten, die am Spieße gesteckt waren, durch das
Gift und Blut von Kröten, welches er darüber ausschüttete. Die Rache veranlaßte
den Koch zu neuen Beschimpfungen, nach welchen der Geist ihn endlich über eine
falsche vorgezauberte Brücke in einen tiefen Graben stürzte. Zugleich machte er
die Nacht durch, auf den Mauern und Türmen der Stadt, fleißig die Runde, und
zwang die Wächter zu einer beständigen Wachsamkeit. Ein Mann, der eine untreue
Frau hatte, sagte einst, als er verreisen wollte, im Scherze zu dem Hüdeken:
guter Freund, ich empfehle dir meine Frau, hüte sie sorgfältig. Sobald der Mann
entfernt war, ließ das ehebrecherische Weib einen Liebhaber nach dem anderen
kommen. Allein Hüdeken ließ keinen zu ihr, sondern warf sie alle aus dem Bette
auf den Boden hin. Als der Mann von seiner Reise zurückkam, da ging ihm der
Geist weit entgegen und sagte zu dem Wiederkehrenden: Ich freue mich sehr über
deine Ankunft, damit ich von dem schweren Dienst frei werde, den du mir
auferlegt hast. Ich habe deine Frau mit unsäglicher Mühe vor wirklicher Untreue
gehütet. Ich bitte dich aber, daß du sie mir nie wieder anvertrauen mögest.
Lieber wollte ich alle Schweine in ganz Sachsenland hüten, als ein Weib, das
durch Ränke in die Arme ihrer Buhlen zu kommen sucht."
Der Genauigkeit wegen muß ich bemerken, daß Hüdekens Kopfbedeckung von dem
gewöhnlichen Kostüm der Kobolde abweicht. Diese sind meistens grau gekleidet und
tragen ein rotes Käppchen. Wenigstens sieht man sie so im Dänischen, wo sie
heutzutage am zahlreichsten sein sollen. Ich war ehemals der Meinung, die
Kobolde lebten deshalb so gern in Dänemark, weil sie am liebsten rote Grütze
äßen. Aber ein junger dänischer Dichter, Herr Andersen, den ich das Vergnügen
hatte diesen Sommer hier in Paris zu sehen, hat mir ganz bestimmt versichert,
die Nissen, wie man In Dänemark die Kobolde nennt, äßen am liebsten Brei Mit
Butter. Wenn diese Kobolde sich mal in einem Hause eingenistet, so sind sie auch
nicht sobald geneigt es zu verlassen. Indessen, sie kommen nie unangemeldet, und
wenn sie irgend wohnen wollen, machen sie dem Hausherren auf folgende Art davon
Anzeige: sie tragen des Nachts allerlei Holzspäne ins Haus und in die
Milchfässer streuen sie Mist von Vieh. Wenn nun der Hausherr diese Holzspäne
nicht wieder wegwirft, oder wenn er mit seiner Familie von jener beschmutzten
Milch trinkt, dann bleiben die Kobolde auf immer bei ihm. Dieses ist manchem
sehr mißbehaglich geworden. Ein armer Jütländer wurde am Ende so verdrießlich
über die Genossenschaft eines solchen Kobolds, daß er sein Haus selbst aufgeben
wollte, und seine sieben Sachen auf eine Karre lud und damit nach dem nächsten
Dorfe fuhr, um sich dort niederzulassen. Unterwegs aber, als er sich mal
umdrehte, erblickte er das rotbemützte Köpfchen des Kobolds, der aus einer von
den leeren Bütten hervorguckte, und ihm freundlich zurief: wi flütten! (wir
ziehen aus.)
Ich habe mich vielleicht zu lange bei diesen kleinen Dämonen aufgehalten, und es
ist Zeit, daß ich wieder zu den großen übergehe. Aber alle diese Geschichten
illustrieren den Glauben und den Charakter des deutschen Volks. jener Glaube war
in den verflossenen Jahrhunderten eben so gewaltig wie der Kirchenglaube. Als
der gelehrte Doktor Remigius sein großes Buch über das Hexenwesen beendigt
hatte, glaubte er seines Gegenstandes so kundig zu sein, daß er sich einbildete
jetzt selber hexen zu können; und, ein gewissenhafter Mann wie er war,
ermangelte er nicht sich selber bei den Gerichten als Hexenmeister anzugeben,
und in Folge dieser Angabe wurde er als Hexenmeister verbrannt.
Diese Greuel entstanden nicht direkt durch die christliche Kirche, sondern
indirekt dadurch, daß diese die altgermanische Nationalreligion so tückisch
verkehrt, daß sie die pantheistische Weltansicht der Deutschen in eine
pandämonische umgebildet, daß sie die früheren Heiligtümer des Volks in häßliche
Teufelei verwandelt hatte. Der Mensch läßt aber nicht gern ab von dem was ihm
und seinen Vorfahren teuer und lieb war, und heimlich krämpen sich seine
Empfindungen daran fest, selbst wenn man es verderbt und entstellt hat. Daher
erhält sich jener verkehrte Volksglaube vielleicht noch länger als das
Christentum in Deutschland, welches nicht wie jener in der Nationalität wurzelt.
Zur Zeit der Reformation schwand sehr schnell der Glaube an die katholischen
Legenden, aber keineswegs der Glaube an Zauber und Hexerei.
Luther glaubt nicht mehr an katholische Wunder, aber er glaubt noch an
Teufelswesen. Seine Tischreden sind voll kurioser Geschichtchen von
Satanskünsten, Kobolden und Hexen. Er selber in seinen Nöten glaubte manchmal
mit dem leibhaftigen Gott-sei-bei-uns zu kämpfen. Auf der Wartburg, wo er das
Neue Testament übersetzte, ward er so sehr vom Teufel gestört, daß er ihm das
Tintenfaß an den Kopf schmiß. Seitdem hat der Teufel eine große Scheu vor Tinte,
aber noch weit mehr vor Druckerschwärze. Von der Schlauigkeit des Teufels wird
in den erwähnten Tischreden sogar manch ergötzliches Stücklein erzählt, und ich
kann nicht umhin eins davon mitzuteilen.
"Doktor Martin Luther erzählte, daß einmal gute Gesellen beieinander in einer
Zeche gesessen waren. Nun war ein wild wüste Kind unter ihnen, der hatte gesagt:
Wenn einer wäre, der ihm eine gute Zeche Weins schenkte, wollte er ihm dafür
seine Seele verkaufen.
Nicht lange darauf kömmt einer in die Stuben zu ihm, setzet sich bei ihm nieder
und zecht mit ihm, und spricht unter anderen zu dem, der sich also viel
vermessen gehabt:
Höre, du sagst zuvor, wenn einer dir eine Zeche Weins gebe, so wollest du ihm
dafür deine Seele verkaufen?
Da sprach er nochmals: ja, ich will's tun, laß mich heute recht schlemmen,
demmen, und guter Dinge sein.
Der Mann, welcher der Teufel war, sagte ja, und bald darnach verschlich er sich
wieder von ihm. Als nun derselbige Schlemmer den ganzen Tag fröhlich war, und
zuletzt auch trunken wurde, da kommt der vorige Mann, der Teufel, wieder, und
setzt sich zu ihm nieder, und fragt die anderen Zechbrüder, und spricht: Lieben
Herren, was dünket Euch, wenn einer ein Pferd kauft, gehöret ihm der Sattel und
Zaum nicht auch dazu? Dieselbigen erschraken alle. Aber letztlich sprach der
Mann:
Nun sagt's flugs. Da bekannten sie und sagten: ja, der Sattel und Zaum gehört
ihm auch dazu. Da nimmt der Teufel denselbigen wilden, rohen Gesellen und führet
ihn durch die Decke hindurch, daß niemand gewußt, wo er war hinkommen."
Obgleich ich für unseren großen Meister Martin Luther den größten Respekt hege,
so will es mich doch bedünken, als habe er den Charakter des Satans ganz
verkannt. Dieser denkt durchaus nicht mit solcher Gringschätzung vom Leibe, wie
hier erwähnt wird. Was man auch Böses vom Teufel erzählen mag, so hat man ihm
doch nie nachsagen können, daß er ein Spiritualist sei.
Aber mehr noch als die Gesinnung des Teufels verkannt, Martin Luther die
Gesinnung des Pabstes und der katholischen Kirche. Bei meiner strengen
Unparteilichkeit muß ich beide, eben so wie den Teufel, gegen den allzueifrigen
Mann in Schutz nehmen. ja, wenn man mich aufs Gewissen früge, würde ich
eingestehn, daß der Pabst, Leo X., eigentlich weit vernünftiger war als Luther,
und daß dieser die letzten Gründe der katholischen Kirche gar nicht begriffen
hat. Denn Luther hatte nicht begriffen, daß die Idee des Christentums, die
Vernichtung der Sinnlichkeit, gar zu sehr in Widerspruch war mit der
menschlichen Natur, als daß sie jemals im Leben ganz ausführbar gewesen sei; er
hatte nicht begriffen, daß der Katholizismus gleichsam ein Konkordat war
zwischen Gott und dem Teufel, d. h. zwischen dem Geist und der Materie, wodurch
die Alleinherrschaft des Geistes in der Theorie ausgesprochen wird, aber die
Materie in den Stand gesetzt wird alle ihre annullierten Rechte in der Praxis
auszuüben. Daher ein kluges System von Zugeständnissen, welche die Kirche zum
Besten der Sinnlichkeit gemacht hat, obgleich immer unter Formen, welche jeden
Akt der Sinnlichkeit fletrieren und dem Geiste seine höhnischen
Usurpationen verwahren. Du darfst den zärtlichen Neigungen des Herzens Gehör
geben und ein schönes Mädchen umarmen, aber du mußt eingestehn, daß es eine
schändliche Sünde war, und für diese Sünde mußt du Abbuße tun. Daß diese Abbuße
durch Geld geschehen konnte, war eben so wohltätig für die Menschheit, wie
nützlich für die Kirche. Die Kirche ließ sozusagen Wehrgeld bezahlen für jeden
fleischlichen Genuß, und da entstand eine Taxe für alle Sorten von Sünden, und
es gab heilige Kolporteurs, welche, im Namen der römischen Kirche, die
Ablaßzettel für jede taxierte Sünde im Lande feilboten, und ein solcher war
jener Tetzel wogegen Luther zuerst auftrat. Unsere Historiker meinen, dieses
Protestieren gegen den Ablaßhandel sei ein geringfügiges Ereignis gewesen, und
erst durch römischen Starrsinn sei Luther, der anfangs nur gegen einen Mißbrauch
der Kirche geeifert, dahingetrieben worden, die ganze Kirchenautorität in ihrer
höchsten Spitze anzugreifen. Aber das ist eben ein Irrtum, der Ablaßhandel war
kein Mißbrauch, er war eine Konsequenz des ganzen Kirchensystems, und indem
Luther ihn angriff, hatte er die Kirche selbst angegriffen, und diese mußte ihn
als Ketzer verdammen. Leo X., der feine Florentiner, der Schüler des Polizian,
der Freund des Raphael, der griechische Philosoph mit der dreifachen Krone, die
ihm das Konklav vielleicht deshalb erteilte weil er an einer Krankheit litt, die
keineswegs durch christliche Abstinenz entsteht und damals noch sehr gefährlich
war.... Leo von Medici, wie mußte er lächeln über den armen, keuschen,
einfältigen Mönch, der da wähnte das Evangelium sei die Charte des Christentums,
und diese Charte müsse eine Wahrheit sein! Er hat vielleicht gar nicht gemerkt
was Luther wollte, indem er damals viel zu sehr beschäftigt war mit dem Bau der
Peterskirche, dessen Kosten eben mit den Ablaßgeldern bestritten wurden, so daß
die Sünde ganz eigentlich das Geld hergab zum Bau dieser Kirche, die dadurch
gleichsam ein Monument sinnlicher Lust wurde, wie jene Pyramide, die ein
ägyptisches Freudenmädchen für das Geld erbaute, das sie durch Prostitution
erworben. Von diesem Gotteshause könnte man vielleicht eher als von dem Kölner
Dome behaupten, daß es durch den Teufel erbaut worden. Diesen Triumph des
Spiritualismus, daß der Sensualismus selber ihm seinen schönsten Tempel bauen
mußte, daß man eben für die Menge Zugeständnisse, die man dem Fleische machte,
die Mittel erwarb den Geist zu verherrlichen, dieses begriff man nicht im
deutschen Norden. Denn hier, weit eher als unter dem glühenden Himmel Italiens,
war es möglich, ein Christentum auszuüben, das der Sinnlichkeit die
allerwenigsten Zugeständnisse macht. Wir Nordländer sind kälteren Blutes, und
wir bedurften nicht so viel Ablaßzettel für fleischliche Sünden, als uns der
väterlich besorgte Leo zugeschickt hatte. Das Klima erleichtert uns die Ausübung
der christlichen Tugenden, und am 31. Oktober 1516, als Luther seine Thesen
gegen den Ablaß an die Türe der Augustiner-Kirche anschlug, war der Stadtgraben
von Wittenberg vielleicht schon zugefroren, und man konnte dort Schlittschuh
laufen, welches ein sehr kaltes Vergnügen und also keine Sünde ist.
Ich habe mich oben vielleicht schon mehrmals der Worte Spiritualismus und
Sensualismus bedient; diese Worte beziehen sich aber hier nicht, wie bei den
französischen Philosophen, auf die zwei verschiedenen Quellen unserer
Erkenntnisse, ich gebrauche sie vielmehr, wie schon aus dem Sinne meiner Rede
immer von selber hervorgeht, zur Bezeichnung jener beiden verschiedenen
Denkweisen, wovon die eine den Geist dadurch verherrlichen will, daß sie die
Materie zu zerstören strebt, während die andere die natürlichen Rechte der
Materie gegen die Usurpationen des Geistes zu vindizieren sucht. Auf obige
Anfänge der lutherischen Reformation, die schon den ganzen Geist derselben
offenbaren, muß ich ebenfalls besonders aufmerksam machen, da man hier in
Frankreich über die Reformation noch die alten Mißbegriffe hegt, die Bossuet,
durch seine "Histoire des variations" verbreitet hat und die sich sogar bei
heutigen Schriftstellern geltend machen. Die Franzosen begriffen nur die
negative Seite der Reformation, sie sahen darin nur einen Kampf gegen den
Katholizismus, und glaubten manchmal dieser Kampf sei jenseits des Rheines Immer
aus denselben Gründen geführt worden, wie diesseits, in Frankreich. Aber die
Gründe waren dort ganz andere als hier, und ganz entgegengesetzte. Der Kampf
gegen den Katholizismus in Deutschland, war nichts anders als ein Krieg, den der
Spiritualismus begann, als er einsah, daß er nur den Titel der Herrschaft
führte, und nur de jure herrschte, während der Sensualismus, durch hergebrachten
Unterschleif, die wirkliche Herrschaft ausübte und de facto herrschte; - die
Ablaßkrämer wurden fortgejagt, die hübschen Priesterkonkubinen wurden gegen
kalte Eheweiber umgetauscht, die reizenden Madonnenbilder wurden zerbrochen, es
entstand hie und da der sinnenfeindlichste Puritanismus. Der Kampf gegen den
Katholizismus in Frankreich, im 17ten und 18ten Jahrhundert war hingegen ein
Krieg, den der Sensualismus begann, als er sah, daß er de facto herrschte und
dennoch jeder Akt seiner Herrschaft von dem Spiritualismus, der de jure zu
herrschen behauptete, als illegitim verhöhnt und in der empfindlichsten Weise
fletriert wurde. Statt daß man nun in Deutschland mit keuschem Ernste kämpfte,
kämpfte man in Frankreich mit schlüpfrigem Spaße; und statt daß man dort eine
theologische Disputation führte, dichtete man hier irgend eine lustige Satire.
Der Gegenstand dieser letzteren war gewöhnlich den Widerspruch zu zeigen, worin
der Mensch mit sich selbst gerät, wenn er ganz Geist sein will; und da erblühten
die köstlichsten Historien von frommen Männern, welche ihrer tierischen Natur
unwillkürlich unterliegen oder gar alsdann den Schein der Heiligkeit retten
wollen und zur Heuchelei ihre Zuflucht nehmen. Schon die Königin von Navarra
schilderte in ihren Novellen solche Mißstände, das Verhältnis der Mönche zu den
Weibern ist ihr gewöhnliches Thema, und sie will alsdann nicht bloß unser
Zwerchfell, sondern auch das Mönchstum erschüttern. Die boßhafteste Blüte
solcher komischen Polemik ist unstreitig der Tartüf von Molière; denn dieser ist
nicht bloß gegen den Jesuitismus seiner Zeit gerichtet, sondern gegen das
Christentum selbst, ja gegen die Idee des Christentums, gegen den
Spiritualismus. In der Tat, durch die affichierte Angst vor dem nackten Busen
der Dorine, durch die Worte
Le ciel défend, de vrai, certains contentements,
Mais on trouve avec lui des accommodements -
dadurch wurde nicht bloß die gewöhnliche Scheinheiligkeit persifliert, sondern
auch die allgemeine Lüge, die aus der Unausführbarkeit der christlichen Idee
notwendig entsteht; persifliert wurde dadurch das ganze System von Konzessionen,
die der Spiritualismus dem Sensualismus machen mußte. Wahrlich, der Jansenismus
hatte immer weit mehr Grund als der Jesuitismus sich durch die Darstellung des
Tartüf verletzt zu fühlen, und Molière dürfte den heutigen Methodisten noch
immer eben so mißbehagen, wie den katholischen Devoten seiner Zeit. Darum eben
ist Molière so groß, weil er, gleich Aristophanes und Cervantes, nicht bloß
temporelle Zufälligkeiten, sondern das Ewig-Lächerliche, die Urschwächen der
Menschheit, persifliert. Voltaire, der immer nur das Zeitliche und Unwesentliche
angriff, muß ihm in to dieser Beziehung nachstehen.
Jene Persiflage aber, und namentlich die voltairesche, hat in Frankreich ihre
Mission erfüllt, und wer sie weiter fortsetzen wollte, handelte eben so
unzeitgemäß wie unklug. Denn wenn man die letzten sichtbaren Reste des
Katholizismus vertilgen würde, könnte es sich leicht ereignen, daß die Idee
desselben sich in eine neue Form, gleichsam in einen neuen Leib flüchtet, und,
sogar den Namen Christentum ablegend, in dieser Umwandlung uns noch weit
verdrießlicher belästigen könnte, als in ihrer jetzigen gebrochenen, ruinierten
und allgemein diskreditierten Gestalt. ja, es hat sein Gutes, daß der
Spiritualismus durch eine Religion und eine Priesterschaft repräsentiert werde,
wovon die erstere ihre beste Kraft schon verloren und letztere mit dem ganzen
Freiheitsenthusiasmus unserer Zeit in direkter Opposition steht.
Aber warum ist uns denn der Spiritualismus so sehr zuwider? Ist er etwas so
schlechtes? Keineswegs. Rosenöl ist eine kostbare Sache, und ein Fläschchen
desselben ist erquicksam, wenn man in den verschlossenen Gemächern des Harem
seine Tage vertrauern muß. Aber wir wollen dennoch nicht, daß man alle Rosen
dieses Lebens zertrete und zerstampfe, um einige Tropfen Rosenöl zu gewinnen,
und mögen diese noch so tröstsam wirken. Wir sind vielmehr wie die Nachtigallen,
die sich gern an der Rose selber ergötzen, und von ihrer errötend blühenden
Erscheinung eben so beseligt werden, wie von ihrem unsichtbaren Dufte.
Ich habe oben geäußert, daß es eigentlich der Spiritualismus war, welcher bei
uns den Katholizismus angriff. Aber dieses gilt nur vom Anfang der Reformation;
sobald der Spiritualismus in das alte Kirchengebäude Bresche geschossen, stürzte
der Sensualismus hervor mit all seiner langverhaltenen Glut, und Deutschland
wurde der wildeste Tummelplatz von Freiheitsrausch und Sinnenlust. Die
unterdrückten Bauern hatten in der neuen Lehre geistliche Waffen gefunden, mit
denen sie den Krieg gegen die Aristokratie führen konnten; die Lust zu einem
solchen Kriege war schon seit anderthalb Jahrhundert vorhanden. Zu Münster lief
der Sensualismus nackt durch die Straßen, in der Gestalt des Jan van Leiden, und
legte sich mit seinen zwölf Weibern in jene große Bettstelle, welche noch heute
auf dem dortigen Rathause zu sehen ist. Die Klosterpforten öffneten sich
überall, und Nonnen und Mönchlein stürzten sich in die Arme und schnäbelten
sich. ja, die äußere Geschichte jener Zeit besteht fast aus lauter
sensualistischen Erneuten; wie wenig Resultate davon geblieben, wie der
Spiritualismus je Tumultuanten wieder unterdrückte, wie er allmählich im Norden
seine Herrschaft sicherte, aber durch einen Feind, den er im eignen Busen
erzogen, nämlich durch die Philosophie, zu Tode verwundet wurde, sehen wir
später. Es ist dieses eine sehr verwickelte Geschichte, schwer zu entwirren.
Der katholischen Partei wird es leicht, nach Belieben die schlimmsten Motive
hervorzukehren, und wenn man sie sprechen hört, galt es nur die frecheste
Sinnlichkeit zu legitimieren und die Kirchengüter zu plündern. Freilich, die
geistigen Interessen müssen immer mit den materiellen Interessen eine Allianz
schließen, um zu siegen. Aber der Teufel hatte die Karten so sonderbar gemischt,
daß man über die Intentionen nichts Sicheres mehr sagen kann.
Die erlauchten Leute, die Anno 1521 im Reichssaale zu Worms versammelt waren,
mochten wohl allerlei Gedanken im Herzen tragen, die im Widerspruch standen mit
den Worten ihres Mundes. Da saß ein junger Kaiser, der sich, mit jugendlicher
Herrscherwonne, in seinem neuen Purpurmantel wickelte, und sich heimlich freute,
daß der stolze Römer, der die Vorgänger im Reiche so oft mißhandelt und noch
immer seine Anmaßungen nicht aufgegeben, jetzt die wirksamste Zurechtweisung
gefunden. Der Repräsentant jenes Römers hatte seinerseits wieder die geheime
Freude, daß ein Zwiespalt unter jenen Deutschen entstand, die, wie betrunkene
Barbaren, so oft das schöne Italien überfallen und ausgeplündert, und es noch
immer mit neuen Überfällen und Plünderungen bedrohten. Die weltlichen Fürsten
freuten sich, daß sie, mit der neuen Lehre, sich auch zu gleicher Zeit die alten
Kirchengüter zu Gemüte führen konnten. Die hohen Prälaten überlegten schon, ob
sie nicht ihre Köchinnen heuraten und ihre Kurstaaten, Bistümer und Abteien, auf
ihre männlichen Sprößlinge vererben könnten. Die Abgeordneten der Städte freuten
sich einer neuen Erweiterung ihrer Unabhängigkeit. jeder hatte hier was zu
gewinnen und dachte heimlich an irdische Vorteile.
Doch ein Mann war dort, von dem ich überzeugt bin, daß er nicht an sich dachte,
sondern nur an die göttlichen Interessen, die er vertreten sollte. Dieser Mann
war Martin Luther, der arme Mönch, den die Vorsehung auserwählt, jene römische
Weltmacht zu brechen, wogegen schon die stärksten Kaiser und kühnsten Weisen
vergeblich angekämpft. Aber die Vorsehung weiß sehr gut auf welche Schultern sie
ihre Lasten legt; hier war nicht bloß eine geistige, sondern auch eine physische
Kraft nötig. Eines durch klösterliche Strenge und Keuschheit von Jugend auf
gestählten Leibes bedurfte es, um die Mühseligkeiten eines solchen Amtes zu
ertragen. Unser teurer Meister war damals noch mager und sah sehr blaß aus, so
daß die roten wohlgefütterten Herren des Reichstags fast mit Mitleid auf den
armseligen Mann in der schwarzen Kutte herabsahen. Aber er war doch ganz gesund,
und seine Nerven waren so fest, daß ihn der glänzende Tumult nicht im mindesten
einschüchterte, und gar seine Lunge muß stark gewesen sein. Denn, nachdem er
seine lange Verteidigung gesprochen, mußte er, weil der Kaiser kein Hochdeutsch
verstand, sie in lateinischer Sprache wiederholen. Ich ärgere mich jedesmal wenn
ich daran denke; denn unser teurer Meister stand neben einem offenen Fenster,
der Zugluft ausgesetzt, während ihm der Schweiß von der Stirne troff. Durch das
lange Reden mochte er wohl sehr ermüdet und sein Gaumen mochte wohl etwas
trocken geworden sein. Der muß jetzt großen Durst haben, dachte gewiß der Herzog
von Braunschweig; wenigstens lesen wir, daß er dem Martin Luther drei Kannen des
besten Eimbecker Biers in die Herberge zuschickte. Ich werde diese edle Tat dem
Hause Braunschweig nie vergessen.
Wie von der Reformation, so hat man auch von ihrem Helden sehr falsche Begriffe
in Frankreich. Die nächste Ursache dieses Nichtbegreifens, liegt wohl darin, daß
Luther nicht bloß der größte, sondern auch der deutscheste Mann unserer
Geschichte ist; daß in seinem Charakter alle Tugenden und Fehler der Deutschen
aufs Großartigste vereinigt sind; daß er auch persönlich das wunderbare
Deutschland repräsentiert. Dann hatte er auch Eigenschaften, die wir selten
vereinigt finden, und die wir gewöhnlich sogar als feindliche Gegensätze
antreffen. Er war zugleich ein träumerischer Mystiker und ein praktischer Mann
der Tat. Seine Gedanken hatten nicht bloß Flügel, sondern auch Hände; er sprach
und handelte. Er war nicht bloß die Zunge, sondern auch das Schwert seiner Zeit.
Auch war er zugleich ein kalter scholastischer Wortklauber und ein begeisterter,
gottberauschter Prophet. Wenn er des Tags über mit seinen dogmatischen
Distinktionen sich mühsam abgearbeitet, dann griff er des Abends zu seiner
Flöte, und betrachtete die Sterne und zerfloß in Melodie und Andacht. Derselbe
Mann, der wie ein Fischweib schimpfen konnte, er konnte auch weich sein, wie
eine zarte Jungfrau. Er war manchmal wild wie der Sturm, der die Eiche
entwurzelt, und dann war er wieder sanft wie der Zephyr, der mit Veilchen kost.
Er war voll der schauerlichsten Gottesfurcht, voll Aufopfrung zu Ehren des
heiligen Geistes, er konnte sich ganz versenken ins reine Geisttum; und dennoch
kannte er sehr gut die Herrlichkeiten dieser Erde, und wußte sie zu schätzen,
und aus seinem Munde erblühte der famose Wahlspruch: Wer nicht liebt Wein,
Weiber und Gesang, der bleibt ein Narr sein lebenlang. Er war ein kompletter
Mensch, ich möchte sagen ein absoluter Mensch, in welchem Geist und Materie
nicht getrennt sind. Ihn einen Spiritualisten nennen, wäre daher eben so irrig,
als nennte man ihn einen Sensualisten. Wie soll ich sagen, er hatte etwas
Ursprüngliches, Unbegreifliches, Mirakulöses, wie wir es bei allen
providentiellen Männern finden, etwas schauerlich Naives, etwas tölpelhaft
Kluges, etwas erhaben Borniertes, etwas unbezwingbar Dämonisches.
Luthers Vater war Bergmann zu Mansfeld, und da war der Knabe oft bei ihm in der
unterirdischen Werkstatt, wo die mächtigen Metalle wachsen und die starken
Urquellen rieseln, und das junge Herz hatte vielleicht unbewußt die geheimsten
Naturkräfte in sich eingesogen, oder wurde gar gefeit von den Berggeistern.
Daher mag auch so viel Erdstoff, so viel Leidenschaftschlacke, an ihm kleben
geblieben sein, wie man dergleichen ihm hinlänglich vorwirft. Man hat aber
Unrecht, ohne jene irdische Beimischung hätte er nicht ein Mann der Tat sein
können. Reine Geister können nicht handeln. Erfahren wir doch aus Jung-Stillings
Gespensterlehre, daß die Geister sich zwar recht farbig und bestimmt
versichtbaren können, auch wie lebendige Menschen zu gehen, zu laufen, zu tanzen
und alle möglichen Gebärden zu machen verstehen, daß sie aber nichts
Materielles, nicht den kleinsten Nachttisch, von seiner Stelle fortzubewegen
vermögen.
Ruhm dem Luther! Ewiger Ruhm dem teuern Manne, dem wir die Rettung unserer
edelsten Güter verdanken, und von dessen Wohltaten wir noch heute leben! Es
ziemt uns wenig, über die Beschränktheit seiner Ansichten zu klagen. Der Zwerg,
der auf den Schultern des Riesen steht, kann freilich weiter schauen als dieser
selbst, besonders wenn er eine Brille aufgesetzt; aber zu der erhöhten
Anschauung fehlt das hohe Gefühl, das Riesenherz, das wir uns nicht aneignen
können. Es ziemt uns noch weniger über seine Fehler ein herbes Urteil zu fällen;
diese Fehler haben uns mehr genutzt als die Tugenden von tausend Anderen. Die
Feinheit des Erasmus und die Milde des Melanchthon hätten uns nimmer so weit
gebracht wie manchmal die göttliche Brutalität des Bruder Martin. Ja, der Irrtum
in Betreff des Beginnes, wie ich ihn oben angedeutet, hat die kostbarsten
Früchte getragen, Früchte woran sich die ganze Menschheit erquickt. Von dem
Reichstage an, wo Luther die Autorität des Pabstes leugnet und öffentlich
erklärt: "daß man seine Lehre durch die Aussprüche der Bibel selbst oder durch
vernünftige Gründe widerlegen müsse!" da beginnt ein neues Zeitalter in
Deutschland. Die Kette, womit der heilige Bonifaz die deutsche Kirche an Rom
gefesselt, wird entzwei gehauen. Diese Kirche, die vorher einen integrierenden
Teil der großen Hierarchie bildete, zerfällt in religiöse Demokratien. Die
Religion selber wird eine andere; es verschwindet daraus das indisch gnostische
Element, und wir sehen wie sich wieder das judäisch deistische Element darin
erhebt. Es entsteht das evangelische Christentum. Indem die notwendigsten
Ansprüche der Materie nicht bloß berücksichtigt, sondern auch legitimiert
werden, wird die Religion wieder eine Wahrheit. Der Priester wird Mensch, und
nimmt ein Weib und zeugt Kinder, wie Gott es verlangt. Dagegen Gott selbst wird
wieder ein himmlischer Hagestolz ohne Familie; die Legitimität seines Sohnes
wird bestritten; die Heiligen werden abgedankt; den Engeln werden die Flügel
beschnitten; die Mutter Gottes verliert alle ihre Ansprüche an die himmlische
Krone, und es wird ihr untersagt Wunder zu tun. Überhaupt, von nun an, besonders
seit die Naturwissenschaften so große Fortschritte machen, hören die Wunder auf.
Sei es nun, daß es den lieben Gott verdrießt, wenn ihm die Physiker so
mißtrauisch auf die Finger sehen, sei es auch, daß er nicht gern mit Bosko
konkurrieren will: sogar in der jüngsten Zeit, wo die Religion so sehr gefährdet
ist, hat er es verschmäht sie durch irgend ein eklatantes Wunder zu
unterstützen. Vielleicht wird er von jetzt an, bei allen neuen Religionen, die
er auf dieser Erde einführt, sich auf gar keine heiligen Kunststücke mehr
einlassen, und die Wahrheit der neuen Lehren immer durch die Vernunft beweisen;
was auch am vernünftigsten ist. Wenigstens beim Saint-Simonismus, welcher die
neueste Religion, ist gar kein Wunder vorgefallen, ausgenommen etwa, daß eine
alte Schneiderrechnung, die Saint-Simon auf Erden schuldig geblieben, zehn Jahr
nach seinem Tode, von seinen Schülern bar bezahlt worden ist. Noch sehe ich wie
der vortreffliche Père Olinde, in der Salle-Taitbout, begeistrungsvoll sich
erhebt, und der erstaunten Gemeinde die quittierte Schneiderrechnung vorhält.
Junge Epizièrs stutzten ob solchem übernatürlichen Zeugnis. Die Schneider aber
fingen schon an zu glauben!
Indessen, wenn bei uns in Deutschland, durch den Protestantismus, mit den alten
Mirakeln auch sehr viel andere Poesie verloren ging, so gewannen wir doch
mannichfaltigen Ersatz. Die Menschen wurden tugendhafter und edler. Der
Protestantismus hatte den günstigsten Einfluß auf jene Reinheit der Sitten und
jene Strenge in der Ausübung der Pflichten, welche wir gewöhnlich Moral nennen;
ja, der Protestantismus hat in manchen Gemeinden eine Richtung genommen, wodurch
er am Ende mit dieser Moral ganz zusammenfällt, und das Evangelium nur als
schöne Parabel gültig bleibt. Besonders sehen wir jetzt eine erfreuliche
Verändrung im Leben der Geistlichen. Mit dem Zölibat verschwanden auch fromme
Unzüchten und Mönchslaster. Unter den protestantischen Geistlichen finden wir
nicht selten die tugendhaftesten Menschen, Menschen vor denen selbst die alten
Stoiker Respekt hätten. Man muß zu Fuß, als armer Student, durch Norddeutschland
wandern, um zu erfahren, wie viel Tugend, und damit ich der Tugend ein schönes
Beiwort gebe, wie viel evangelische Tugend, manchmal in so einer scheinlosen
Pfarrerwohnung zu finden ist. Wie oft, des Winterabends, fand ich da eine
gastfreie Aufnahme, ich ein Fremder, der keine andere Empfehlung mitbrachte,
außer daß ich Hunger hatte und müde war. Wenn ich dann gut gegessen und gut
geschlafen hatte, und des Morgens weiter ziehen wollte, kam der alte Pastor im
Schlafrock und gab mir noch den Segen auf den Weg, welches mir nie Unglück
gebracht hat; und die gutmütig geschwätzige Frau Pastorin steckte mir einige
Butterbröde in die Tasche, welche mich nicht minder erquickten; und in
schweigender Ferne standen die schönen Predigertöchter mit ihren errötenden
Wangen und Veilchenaugen, deren schüchternes Feuer, noch in der Erinnerung, für
den ganzen Wintertag mein Herz erwärmte.
Indem Luther den Satz aussprach, daß man seine Lehre nur durch die Bibel selber,
oder durch vernünftige Gründe, widerlegen müsse, war der menschlichen Vernunft
das Recht eingeräumt die Bibel zu erklären und sie, die Vernunft, war als
oberste Richterin in allen religiösen Streitfragen anerkannt. Dadurch entstand
in Deutschland die sogenannte Geistesfreiheit, oder, wie man sie ebenfalls
nennt, die Denkfreiheit. Das Denken ward ein Recht und die Befugnisse der
Vernunft wurden legitim. Freilich, schon seit einigen Jahrhunderten hatte man
ziemlich frei denken und reden können, und die Scholastiker haben über Dinge
disputiert, wovon wir kaum begreifen wie man sie im Mittelalter auch nur
aussprechen durfte. Aber dieses geschah vermittelst der Distinktion, welche man
zwischen theologischer und philosophischer Wahrheit machte, eine Distinktion,
wodurch man sich gegen Ketzerei ausdrücklich verwahrte; und das geschah auch nur
innerhalb den Hörsälen der Universitäten, und in einem gotisch abstrusen Latein,
wovon doch das Volk nichts verstehen konnte; so daß wenig Schaden für die Kirche
dabei zu befürchten war. Dennoch hatte die Kirche solches Verfahren nie
eigentlich erlaubt, und dann und wann hat sie auch wirklich einen armen
Scholastiker verbrannt. Jetzt aber, seit Luther, machte man gar keine
Distinktion mehr zwischen theologischer und philosophischer Wahrheit, und man
disputierte auf öffentlichem Markt, und in der deutschen Landessprache und ohne
Scheu und Furcht. Die Fürsten, welche die Reformation annahmen, haben diese
Denkfreiheit legitimiert, und eine wichtige, weltwichtige Blüte derselben ist
die deutsche Philosophie.
In der Tat, nicht einmal in Griechenland hat der menschliche Geist sich so frei
aussprechen können wie in Deutschland, seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts
bis zur französischen Invasion. Namentlich in Preußen herrschte eine grenzenlose
Gedankenfreiheit. Der Marquis von Brandenburg hatte begriffen, daß er, der nur
durch das protestantische Prinzip ein legitimer König von Preußen sein konnte,
auch die protestantische Denkfreiheit aufrecht erhalten mußte. Seitdem freilich
haben die Dinge sich verändert, und der natürliche Schirmvogt unserer
protestantischen Denkfreiheit hat sich, zur Unterdrückung derselben, mit der
ultramontanen Partei verständigt, und er benutzt dazu eine Waffe, die das
Pabsttum zuerst gegen uns ersonnen und angewendet: die Zensur.
Sonderbar! Wir Deutschen sind das stärkste und das klügste Volk. Unsere
Fürstengeschlechter sitzen auf allen Thronen Europas, unsere Rothschilde
beherrschen alle Börsen der Welt, unsere Gelehrten regieren in allen
Wissenschaften, wir haben das Pulver erfunden und die Buchdruckerei; - und
dennoch, wer bei uns eine Pistole losschießt bezahlt drei Taler Strafe, und wenn
wir in den "Hamburger Korrespondent" setzen wollen: "meine liebe Gattin ist in
Wochen gekommen, mit einem Töchterlein, schön wie die Freiheit!" dann greift der
Herr Doktor Hoffmann zu seinem Rotstift und streicht uns "die Freiheit".
Wird dieses noch lange geschehen können? Ich weiß nicht. Aber ich weiß, die
Frage der Preßfreiheit, die jetzt in Deutschland so heftig diskutiert wird,
knüpft sich bedeutungsvoll an die obigen Betrachtungen, und ich glaube ihre
Lösung ist nicht schwer, wenn man bedenkt, daß die Preßfreiheit nichts anders
ist, als die Konsequenz der Denkfreiheit und folglich ein protestantisches
Recht. Für Rechte dieser Art hat aber der Deutsche schon sein bestes Blut
gegeben, und er dürfte wohl dahin gebracht werden, noch einmal in die Schranken
zu treten.
Dasselbe ist anwendbar auf die Frage von der akademischen Freiheit, die jetzt so
leidenschaftlich die Gemüter in Deutschland bewegt. Seit man entdeckt zu haben
glaubt, daß auf den Universitäten am meisten politische Aufregung, nämlich
Freiheitsliebe, herrscht, seitdem wird den Souveränen von allen Seiten
insinuiert, daß man diese Institute unterdrücken, oder doch wenigstens in
gewöhnliche Unterrichtsanstalten verwandeln müsse. Da werden nun Plane
geschmiedet und das Pro und Kontra diskutiert. Die öffentlichen Gegner der
Universitäten, ebensowenig wie die öffentlichen Verteidiger, die wir bisher
vernommen, scheinen aber die letzten Gründe der Frage nicht zu verstehen. Jene
begreifen nicht, daß die Jugend überall, und unter allen Disziplinen, für die
Interessen der Freiheit begeistert sein wird, und daß, wenn man die
Universitäten unterdrückt, jene begeisterte Jugend anderswo, und vielleicht, in
Verbindung mit der Jugend des Handelstands und der Gewerbe, sich desto
tatkräftiger aussprechen wird. Die Verteidiger suchen nur zu beweisen, daß mit
den Universitäten auch die Blüte der deutschen Wissenschaftlichkeit zu Grunde
ginge, daß eben die akademische Freiheit den Studien so nützlich sei, daß die
Jugend dadurch so hübsch Gelegenheit finde sich vielseitig auszubilden u. s. w.
Als ob es auf einige griechische Vokabeln oder einige Rohheiten mehr oder
weniger hier ankomme! Und was gölte den Fürsten alle Wissenschaft, Studien und
Bildung, wenn die heilige Sicherheit ihrer Kronen gefährdet stünde! Sie wären
heroisch genug, alle jene relativen Güter für das einzig Absolute, für ihre
absolute Herrschaft, aufzuopfern. Denn diese ist ihnen von Gott anvertraut und
wo der Himmel gebietet müssen alle irdischen Rücksichten weichen. Mißverstand
ist also sowohl auf Seiten der armen Professoren, die als Vertreter, wie auf
Seiten der Regierungsbeamten, die als Gegner der Universitäten öffentlich
auftreten. Nur die katholische Propaganda in Deutschland begreift die Bedeutung
derselben, diese frommen Obskuranten sind die gefährlichsten Gegner unseres
Universitätsystems, diese wirken dagegen meuchlerisch mit Lug und Trug, und gar
wenn sich einer von ihnen, wie jüngst ein magnifiker Schurke in der Aula zu
München, den liebevollen Anschein gibt, als wollte er den Universitäten das Wort
reden, offenbart sich die jesuitische Intrige. Wohl wissen diese feigen
Heuchler, was hier auf dem Spiel steht zu gewinnen. Denn mit den Universitäten
fällt auch die protestantische Kirche, die seit der Reformation nur in jenen
wurzelt, so daß die ganze protestantische Kirchengeschichte der letzten
Jahrhunderte fast nur aus den theologischen Streitigkeiten der Wittenberger,
Leipziger, Tübinger und Halleschen Universitätsgelehrten besteht. Die
Konsistorien sind nur der schwache Abglanz der theologischen Fakultät, sie
verlieren mit dieser allen Halt und Charakter, und sinken in die öde
Abhängigkeit der Ministerien oder gar der Polizei.
Doch laßt uns solchen melancholischen Betrachtungen nicht zu viel Raum geben, um
so mehr da wir hier noch von dem providentiellen Manne zu reden haben, durch
welchen so Großes für das deutsche Volk geschehen. ich habe oben gezeigt, wie
wir durch ihn zur größten Denkfreiheit gelangt. Aber dieser Martin Luther gab
uns nicht bloß die Freiheit der Bewegung, sondern auch das Mittel der Bewegung;
dem Geist gab er nämlich einen Leib. Er gab dem Gedanken auch das Wort. Er schuf
die deutsche Sprache.
Dieses geschah, indem er die Bibel übersetzte.
In der Tat, der göttliche Verfasser dieses Buchs scheint es ebenso gut wie wir
andere gewußt zu haben, daß es gar nicht gleichgültig ist durch wen man
übersetzt wird, und er wählte selber seinen Übersetzer, und verlieh ihm die
wundersame Kraft, aus einer toten Sprache, die gleichsam schon begraben war, in
eine andere Sprache zu übersetzen, die noch gar nicht lebte.
Man besaß zwar die Vulgata, die man verstand, so wie auch die Septuaginta, die
man schon verstehen konnte. Aber die Kenntnis des Hebräischen war in der
christlichen Welt ganz erloschen. Nur die Juden, die sich, hie und da, in einem
Winkel dieser Welt verborgen hielten, bewahrten noch die Traditionen dieser
Sprache. Wie ein Gespenst, das einen Schatz bewacht, der ihm einst im Leben
anvertraut worden, so saß dieses gemordete Volk, dieses Volk-Gespenst, in seinen
dunklen Ghettos und bewahrte dort die hebräische Bibel; und in diese verrufenen
Schlupfwinkel sah man die deutschen Gelehrten heimlich hinabsteigen, um den
Schatz zu heben, um die Kenntnis der hebräischen Sprache zu erwerben. Als die
katholische Geistlichkeit merkte, daß ihr von dieser Seite Gefahr drohte, daß
das Volk auf diesem Seitenweg zum wirklichen Wort Gottes gelangen und die
römischen Fälschungen entdecken konnte: da hätte man gern auch die jüdische
Tradition unterdrückt, und man ging damit um, alle hebräischen Bücher zu
vernichten, und am Rhein begann die Bücherverfolgung, wogegen unser
vortrefflicher Doktor Reuchlin so glorreich gekämpft hat. Die Kölner Theologen,
die damals agierten, besonders Hoogstraeten, waren keineswegs so
geistesbeschränkt, wie der tapfere Mitkämpfer Reuchlins, Ritter Ulrich von
Hutten, sie in seinen "litteris obscurorum virorum" schildert. Es galt die
Unterdrückung der hebräischen Sprache. Als Reuchlin siegte, konnte Luther sein
Werk beginnen. In einem Briefe, den dieser damals an Reuchlin schrieb, scheint
er schon zu fühlen, wie wichtig der Sieg war, den jener erfochten, und in einer
abhängig schwierigen Stellung erfochten, während er, der Augustinermönch, ganz
unabhängig stand; sehr naiv sagt er in diesem Briefe: ego nibil timeo, quia
nihil habeo. Wie aber Luther zu der Sprache gelangt ist, worin er seine Bibel
übersetzte, ist mir bis auf diese Stunde unbegreiflich. Der altschwäbische
Dialekt war, mit der Ritterpoesie der hohenstaufenschen Kaiserzeit, gänzlich
untergegangen. Der altsächsische Dialekt, das sogenannte Plattdeutsche,
herrschte nur in einem Teile des nördlichen Deutschlands, und hat sich, trotz
aller Versuche die man gemacht, nie zu literärischen Zwecken eignen wollen. Nahm
Luther zu seiner Bibelübersetzung die Sprache, die man im heutigen Sachsen
sprach, so hätte Adelung Recht gehabt zu behaupten, daß der sächsische,
namentlich der meißnische Dialekt unser eigentliches Hochdeutsch d. h. unsere
Schriftsprache sei. Aber dieses ist längst widerlegt worden, und ich muß dieses
hier um so schärfer erwähnen, da solcher Irrtum in Frankreich noch immer gang
und gebe ist. Das heutige Sächsische war nie ein Dialekt des deutschen Volks,
ebenso wenig wie etwa das Schlesische; denn so wie dieses entstand es durch
slawische Färbung. Ich bekenne daher offenherzig, ich weiß nicht wie die
Sprache, die wir in der lutherschen Bibel finden, entstanden ist. Aber ich weiß,
daß durch diese Bibel, wovon die junge Presse, die schwarze Kunst, Tausende von
Exemplaren ins Volk schleuderte, die lutherische Sprache in wenigen Jahren über
ganz Deutschland verbreitet und zur allgemeinen Schriftsprache erhoben wurde.
Diese Schriftsprache herrscht noch immer in Deutschland, und gibt diesem
politisch und religiös zerstückelten Lande eine literärische Einheit. Ein
solches unschätzbares Verdienst mag uns bei dieser Sprache dafür entschädigen,
daß sie, in ihrer heutigen Ausbildung, etwas von jener Innigkeit entbehrt,
welche wir bei Sprachen, die sich aus einem einzigen Dialekt gebildet, zu finden
pflegen. Die Sprache in Luthers Bibel entbehrt jedoch durchaus nicht einer
solchen Innigkeit, und dieses alte Buch ist eine ewige Quelle der Verjüngung für
unsere Sprache. Alle Ausdrücke und Wendungen, die in der lutherschen Bibel
stehn, sind deutsch, der Schriftsteller darf sie immerhin noch gebrauchen; und
da dieses Buch in den Händen der ärmsten Leute, so bedürfen diese keiner
besonderen gelehrten Anleitung, um sich literarisch aussprechen zu können.
Dieser Umstand wird, wenn bei uns die politische Revolution ausbricht, gar
merkwürdige Erscheinungen zur Folge haben. Die Freiheit wird überall sprechen
können und ihre Sprache wird biblisch sein.
Luthers Originalschriften haben ebenfalls dazu beigetragen die deutsche Sprache
zu fixieren. Durch ihre polemische Leidenschaftlichkeit drangen sie tief in das
Herz der Zeit. Ihr Ton ist nicht immer sauber. Aber man macht auch keine
religiöse Revolution mit Orangenblüte. Zu dem groben Klotz gehörte manchmal ein
grober Keil. In der Bibel ist Luthers Sprache, aus Ehrfurcht vor dem
gegenwärtigen Geist Gottes, immer in eine gewisse Würde gebannt. In seinen
Streitschriften hingegen überläßt er sich einer plebejischen Rohheit, die oft
ebenso widerwärtig wie grandios ist. Seine Ausdrücke und Bilder gleichen dann
jenen riesenhaften Steinfiguren, die wir in indischen oder ägyptischen
Tempelgrotten finden, und deren grelles Kolorit und abenteuerliche Häßlichkeit
uns zugleich abstößt und anzieht. Durch diesen barocken Felsenstil erscheint uns
der kühne Mönch manchmal wie ein religiöser Danton, ein Prediger des Berges,
der, von der Höhe desselben, die bunten Wortblöcke hinabschmettert auf die
Häupter seiner Gegner.
Merkwürdiger und bedeutender als diese prosaischen Schriften sind Luthers
Gedichte, die Lieder, die, in Kampf und Not, aus seinem Gemüte entsprossen. Sie
gleichen manchmal einer Blume, die auf einem Felsen wächst, manchmal einem
Mondstrahl, der über ein bewegtes Meer hinzittert. Luther liebte die Musik, er
hat sogar einen Traktat über diese Kunst geschrieben, und seine Lieder sind
daher außerordentlich melodisch. Auch in dieser Hinsicht gebührt ihm der Name:
Schwan von Eisleben. Aber er war nichts weniger als ein milder Schwan in manchen
Gesängen, wo er den Mut der Seinigen anfeuert und sich selber zur wildesten
Kampflust begeistert. Ein Schlachtlied war jener trotzige Gesang, womit er und
seine Begleiter in Worms einzogen. Der alte Dom zitterte bei diesen neuen
Klängen, und die Raben erschraken in ihren obskuren Turmnestern. Jenes Lied, die
Marseiller Hymne der Reformation, hat bis auf unsere Tage seine begeisternde
Kraft bewahrt, und vielleicht zu ähnlichen Kämpfen gebrauchen wir nächstens die
alten, geharnischten Worte:
Eine feste Burg ist unser Gott,
Ein' gute Wehr und Waffen,
Er hilft uns frei aus aller Not,
Die uns jetzt hat betroffen.
Der alte böse Feind
Mit Ernst er's jetzt meint,
Groß Macht und viel List
Sein grausam Rüstung ist,
Auf Erd ist nicht seins Gleichen.
Mit unsrer Macht ist nichts getan,
Wir sind gar bald verloren,
Es streitt für uns der rechte Mann,
Den Gott selbst hat erkoren.
Fragst du wer es ist?
Er heißt Jesus Christ,
Der Herr Zebaoth,
Und ist kein andrer Gott,
Das Feld muß er behalten.
Und wenn die Welt voll Teufel wär
Und wollten uns verschlingen,
So fürchten wir uns nicht so sehr
Es soll uns doch gelingen,
Der Fürst dieser Welt,
Wie sauer er sich stellt,
Tut er uns doch nicht,
Das macht er ist gericht',
Ein Wörtlein kann ihn fällen.
Das Wort sie sollen lassen stahn,
Und keinen Dank dazu haben,
Es ist bei uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie uns den Leib Gut,
Ehr, Kind und Weib,
Laß fahren dahin,
Sie habens kein Gewinn,
Das Reich muß uns doch bleiben.
Ich habe gezeigt, wie wir unserem teuern Doktor Martin Luther die
Geistesfreiheit verdanken, welche die neuere Literatur zu ihrer Entfaltung
bedurfte. Ich habe gezeigt, wie er uns auch das Wort schuf, die Sprache, worin
diese neue Literatur sich aussprechen konnte. Ich habe jetzt nur noch
hinzuzufügen, daß er auch selber diese Literatur eröffnet, daß diese, und ganz
eigentlich die schöne Literatur, mit Luther beginnt, daß seine geistlichen
Lieder sich als die ersten wichtigen Erscheinungen derselben ausweisen und schon
den bestimmten Charakter derselben kundgeben. Wer über die neuere deutsche
Literatur reden will, muß daher mit Luther beginnen, und nicht etwa mit einem
Nüremberger Spießbürger, namens Hans Sachs, wie aus unredlichem Mißwollen von
einigen romantischen Literatoren geschehen ist. Hans Sachs, dieser Troubadour
der ehrbaren Schusterzunft, dessen Meistergesang nur eine läppische Parodie der
früheren Minnelieder und dessen Dramen nur eine tölpelhafte Travestie der alten
Mysterien, dieser pedantische Hanswurst, der die freie Naivität des Mittelalters
ängstlich nachäfft, ist vielleicht als der letzte Poet der älteren Zeit,
keineswegs aber als der erste Poet der neuern Zeit zu betrachten. Es wird dazu
keines weiteren Beweises bedürfen, als daß ich den Gegensatz unserer neueren
Literatur zur älteren mit bestimmten Worten erörtere.
Betrachten wir daher die deutsche Literatur die vor Luther blühte, so finden
wir:
ihr Material, ihr Stoff, ist, wie das Leben des Mittelalters selbst, eine
Mischung zweier heterogener Elemente, die in einem langen Zweikampf sich so
gewaltig umschlungen, daß sie am Ende in einander verschmolzen, nämlich: die
germanische Nationalität und das indisch gnostische, sogenannte katholische
Christentum.
die Behandlung, oder vielmehr der Geist der Behandlung in dieser älteren
Literatur ist romantisch. Abusive sagt man dasselbe auch von dem Material jener
Literatur, von allen Erscheinungen des Mittelalters, die durch die Verschmelzung
der erwähnten beiden Elemente, germanische Nationalität und katholisches
Christentum, entstanden sind. Denn, wie einige Dichter des Mittelalters die
griechische Geschichte und Mythologie ganz romantisch behandelt haben, so kann
man auch die mittelalterlichen Sitten und Legenden in klassischer Form
darstellen. Die Ausdrücke "klassisch" und "romantisch" beziehen sich also nur
auf den Geist der Behandlung. Die Behandlung ist klassisch, wenn die Form des
Dargestellten ganz identisch ist mit der Idee des Darzustellenden, wie dieses
der Fall ist bei den Kunstwerken der Griechen, wo daher in dieser Identität auch
die größte Harmonie zwischen Form und Idee zu finden. Die Behandlung ist
romantisch, wenn die Form nicht durch Identität die Idee offenbart, sondern
parabolisch diese Idee erraten läßt. Ich gebrauche hier das Wort "parabolisch"
lieber als das Wort "symbolisch". Die griechische Mythologie hatte eine Reihe
von Göttergestalten, deren jede, bei aller Identität der Form und der Idee,
dennoch eine symbolische Bedeutung bekommen konnte. Aber in dieser griechischen
Religion war eben nur die Gestalt der Götter bestimmt, alles andere, ihr Leben
und Treiben, war der Willkür der Poeten zur beliebigen Behandlung überlassen. In
der christlichen Religion hingegen gibt es keine so bestimmte Gestalten, sondern
bestimmte Fakta, bestimmte heilige Ereignisse und Taten, worin das dichtende
Gemüt der Menschen eine parabolische Bedeutung legen konnte. Man sagt, Homer
habe die griechischen Götter erfunden; das ist nicht wahr, sie existierten schon
vorher, in bestimmten Umrissen, aber er erfand ihre Geschichten. Die Künstler
des Mittelalters hingegen wagten nimmermehr in dem geschichtlichen Teil ihrer
Religion das mindeste zu erfinden; der Sündenfall, die Menschwerdung, die Taufe,
die Kreuzigung u. dgl. waren unantastbare Tatsachen, woran nicht gemodelt werden
durfte, worin aber das dichtende Gemüt der Menschen eine parabolische Bedeutung
legen konnte. In diesem parabolischen Geist wurden nun auch alle Künste im
Mittelalter behandelt, und diese Behandlung ist romantisch. Daher in der Poesie
des Mittelalters jene mystische Allgemeinheit; die Gestalten sind so
schattenhaft, was sie tun ist so unbestimmt, alles ist darin so dämmernd, wie
von wechselndem Mondlicht beleuchtet; die Idee ist in der Form nur wie ein
Rätsel angedeutet; und wir sehen hier eine vage Form, wie sie eben zu einer
spiritualistischen Literatur geeignet war. Da ist nicht wie bei den Griechen
eine sonnenklare Harmonie zwischen Form und Idee; sondern, manchmal überragt die
Idee die gegebene Form, und diese strebt verzweiflungsvoll jene zu erreichen,
und wir sehen dann bizarre, abenteuerliche Erhabenheit; manchmal ist die Form
ganz der Idee über den Kopf gewachsen, ein läppisch winziger Gedanke schleppt
sich einher in einer kolossalen Form, und wir sehen groteske Farce; fast immer
sahen wir Unförmlichkeit.
Der allgemeine Charakter jener Literatur war, daß sich in allen Produkten
derselben jener feste, sichere Glaube kundgab, der damals in allen weltlichen
wie geistlichen Dingen herrschte. Basiert auf Autoritäten waren alle Ansichten
der Zeit; der Dichter wandelte, mit der Sicherheit eines Maulesels, längs den
Abgründen des Zweifels, und es herrscht in seinen Werken eine kühne Ruhe, eine
selige Zuversicht, wie sie später unmöglich war, als die Spitze jener
Autoritäten, nämlich die Autorität des Pabstes, gebrochen war und alle andere
nachstürzten. Die Gedichte des Mittelalters haben daher alle denselben
Charakter, es ist als habe sie nicht der einzelne Mensch, sondern das ganze Volk
gedichtet; sie sind objektiv, episch und naiv.
In der Literatur hingegen die mit Luther emporblüht, finden wir ganz das
Gegenteil:
Ihr Material, der Stoff, der behandelt werden soll, ist der Kampf der
Reformationsinteressen und Ansichten mit der alten Ordnung der Dinge. Dem neuen
Zeitgeist ist jener Mischglaube, der aus den erwähnten zwei Elementen,
germanische Nationalität und indisch gnostisches Christentum, entstanden ist,
gänzlich zuwider; letzteres dünkt ihm heidnische Götzendienerei, an dessen
Stelle die wahre Religion des judaisch deistischen Evangeliums treten soll. Eine
neue Ordnung der Dinge gestaltet sich; der Geist macht Erfindungen, die das
Wohlsein der Materie befördern; durch das Gedeihen der Industrie und durch die
Philosophie wird der Spiritualismus in der öffentlichen Meinung diskreditiert;
der dritte Stand erhebt sich; die Revolution grollt schon in den Herzen und
Köpfen; und was die Zeit fühlt und denkt und bedarf und will, wird
ausgesprochen, und das ist der Stoff der modernen Literatur.
Der Geist der Behandlung ist nicht mehr romantisch, sondern klassisch. Durch das
Wiederaufleben der alten Literatur verbreitete sich über ganz Europa eine
freudige Begeisterung für die griechischen und römischen Schriftsteller, und die
Gelehrten, die Einzigen welche damals schrieben, suchten den Geist des
klassischen Altertums sich anzueignen, oder wenigstens in ihren Schriften die
klassischen Kunstformen nachzubilden. Konnten sie nicht, gleich den Griechen,
eine Harmonie der Form und der Idee erreichen, so hielten sie sich doch desto
strenger an das Äußere der griechischen Behandlung, sie schieden, nach
griechischer Vorschrift, die Gattungen, enthielten sich jeder romantischen
Extravaganz, und in dieser Beziehung nennen wir sie klassisch.
Der allgemeine Charakter der modernen Literatur besteht darin, daß jetzt die
Individualität und die Skepsis vorherrschen. Die Autoritäten sind
niedergebrochen; nur die Vernunft ist jetzt des Menschen einzige Lampe, und sein
Gewissen ist sein einziger Stab, in den dunkeln Irrgängen dieses Lebens. Der
Mensch steht jetzt allein seinem Schöpfer gegenüber, und singt ihm sein Lied.
Daher beginnt diese Literatur mit geistlichen Gesängen. Aber auch später, wo sie
weltlich wird, herrscht darin das innigste Selbstbewußtsein, das Gefühl der
Persönlichkeit. Die Poesie ist jetzt nicht mehr objektiv, episch und naiv,
sondern subjektiv, lyrisch und reflektierend.
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