Heine
und die Juden:
Israel holt den ''verlorenen Sohn'' heim
TEL AVIV - Heinrich Heine
hat seinen Übertritt zum Christentum stets als "Entreebillet in die
europäische Zivilistion gerechtfertigt. Viele andere Juden sahen den auf
Hebraisch als ''Mumar'' (Getaufter) verpönten Dichter, der am 13.12.97 200
Jahre alt geworden wäre, deswegen jedoch als Verräter an der jüdischen Sache
an.
In Israel wurden seine Bücher lange kaum gelesen,
sein Name tauchte nur an wenigen öffentlichen Gebauden oder vereinzelt
als Name kleiner Seitenstraßen auf. In den vergangenen Jahren zeichnet
sich in Israel aber eine vorsichtige Wandlung dieser Einstellung ab.
Heines berühmtes Gedicht ''Loreley''
ist inzwischen fester Bestandteil des Lehrplans israelischer Schulen,
auf Hebräisch selbstverständlich. Der 78-jährige Dichter Schlomo Tanny,
der dieses Poem ebenso ins Hebräische übersetzt hat wie fast alle
anderen Schriften Heines, betont jedoch, es habe in Israel nie eine
offizielle Ablehnung Heines gegeben. "Es war mehr ein 'Brauch' als eine
offizielle Politik. Immerhin hat Heine sich mit seiner Konvertierung
selbst aus dem Volk Israel ausgeschlossen.
Giseta Aloni vom Goethe-Institut in Tel Aviv sieht das ähnlich: ''Die
Ablehnung lag eindeutig an seinem Übertritt. Jetzt wird er wieder
eingemeindet."
Der berühmte jüdische Dichter Chaim Nachman Bialik, der sich seit 1923 in
Palästina um die Erneuerung der hebräischen Sprache bemühte, war bereits
in den 30er Jehren für eine Rehabilitierung des 'verstoßenen Sohnes'
eingetreten: ''Die Leiden dieses Juden haben sein Vergehen bereits
gesühnt. Im Tod hat er Frieden gefunden mit ihm, dem Gott Israels.''
Man müsse Heine in den 'Schoß des Judentums' zurückholen, forderte Bialik
schon damals.
Tannys Heine-Übersetzungen, die seit mehr als einem Jahrzehnt eine nach
der anderen erschienen, weckten nach seinen Angaben großes Interesse
auch bei religiösen Israelis.
''Seitdem lesen nicht mehr nur die 'Jekkes' (deutschstämmige Juden)
Heine'', sagt der in Tel Aviv lebende Übersetzer.
Als Begründung für den langsamen Wandel nennt er vor allem die lange Zeit,
die inzwischen verstrichen ist, und auch den Holocaust. Während des
Zweiten Weltkriegs hatten sich viele Juden in Klöstern versteckt und
waren zum Christentum übergetreten.
''Heine hat den Holocaust prophezeiht, als er
sagte, wo Bücher verbrennen, verbrenne man bald auch Menschen'', sagt
Tanny. Der Übersetzer ist auch Mitglied einer vor mehreren Jahren
gegründeten Heinrich-Heine-Gesellschaft. Etwa 300 aktive Mitglieder
treffen sich mehrmals im Jahr, um über Heine und seine Schriften zu
diskutieren. Die Heine-Fans essen dann stets das urjüdische Eintopf
Gericht ''Tschulent'' (bei Heine "Schalet'' genannt) weil es in Heines
Gedicht "Prinzessin Sabbath''
vorkommt.
''Schalet ist die Himmelsspeise, die der
liebe Herrgott selber einst den Moses kochen lehrte auf dem Berge
Sinai..."
Ende Dezember fanden im Zentrum Tel Avivs eine
Reihe von Feierlichkeiten zu Ehren Heines statt. Unter anderem wurden
seine Schriften vorgetragen, allerdings ausschließlich in hebräischer
Übersetzung. ''Auf Deutsch können sie Heine in Deutschland lesen. Wir
wollen doch Heine gerade zu seinen Wurzeln zurückführen; zur jüdischen
Kultur und zum Hebräischen'', betont Tanny. ''Das ist doch die ganze
Kunst."
Sara Lemel
Von Heinrich Heine persönlich:
- Deutschland - ein Wintermärchen:
Caput I
- Caput II
Im traurigen Monat November wars,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber...
Copyright © 1998 - haGalil onLine / Chadashoth
Israel |