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Heinrich Heine und der Marxismus

Weberzug - das vierte Bild des Weberzyklus von Käthe Kollwitz
Zu Beginn der 1840er Jahre radikalisierte sich
Heinrich Heines
Ton zusehends. Er gehörte zu den ersten deutschen Dichtern, die die Folgen der
einsetzenden Industriellen Revolution zur Kenntnis nahmen und das Elend der neu
entstandenen Arbeiterklasse in ihren Werken aufgriffen.
Beispielhaft dafür ist sein Gedicht Die schlesischen Weber vom Juni 1844. Es war
von dem Weberaufstand inspiriert, der im selben Monat in den schlesischen
Ortschaften Peterswaldau und Langenbielau ausbrach. Ein Auszug:
Im düstern Auge keine Träne, sie sitzen am Webstuhl
und fletschen die Zähne; Alt-Deutschland, wir weben dein Leichentuch.
Wir weben hinein den dreifachen Fluch. Wir weben! Wir weben! (...)
Ein Fluch dem König, dem König der Reichen, den unser Elend nicht konnte
erweichen, der den letzten Groschen von uns erpresst und uns wie Hunde
erschießen lässt! Wir weben! Wir weben! (...)
Das auch als Weberlied bekannt gewordene Gedicht erschien im
Juli im von Karl Marx herausgegebenen Vorwärts und wurde in einer Auflage von
50.000 Stück als Flugblatt in den Aufstandsgebieten verteilt.
Abb.:
Das erste Blatt des Zyklus „Ein Weberaufstand“, trägt den Namen „Not“. Käthe
Kollwitz 1897
Der preußische Innenminister Arnim bezeichnete das Werk in einem Bericht an
König Friedrich Wilhelm IV. als „eine in aufrührerischem Ton gehaltene und mit
verbrecherischen Äußerungen angefüllte Ansprache an die Armen im Volke“. Das
Königlich Preußische Kammergericht ordnete ein Verbot des Gedichts an. Ein
Rezitator, der es dennoch gewagt hatte, es öffentlich vorzutragen, wurde 1846 in
Preußen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.
Friedrich Engels, der Heine im August 1844 in Paris kennenlernte, übersetzte das
Weberlied ins Englische und publizierte es im Dezember des selben Jahres in der
Zeitung „The New Moral World“.
Trotz seiner freundschaftlichen Beziehungen zu Marx und Engels wurde Heine nie
zum Marxisten. Er sah, dass die Anliegen der entstehenden Arbeiterschicht ihre
volle Berechtigung hatten und unterstützte sie, war sich aber zugleich bewusst,
dass der Materialismus und die Radikalität der kommunistischen Idee vieles von
der europäischen Kultur vernichten würde, was er liebte und bewunderte. Im
Vorwort zur französischen Ausgabe von „Lutetia“ sollte Heine im Jahr vor seinem
Tod schreiben:
"Daß die Zukunft dem Kommunismus gehört, dieses Bekenntnis mache ich im Ton
der Besorgnis und äußersten Furcht, und – ach! das war keineswegs Verstellung!
Wahrhaftig, nur mit Schauder und Schrecken denke ich an die Zeit, da diese
finsteren Bilderstürmer zur Herrschaft gelangen werden; mit ihren schwieligen
Händen werden sie erbarmungslos alle Marmorstatuen der Schönheit zerbrechen, die
meinem Herzen so teuer sind; sie werden all jene Spielereien und phantastischen
Nichtigkeiten der Kunst zertreten, die der Dichter so liebte; sie werden meine
Lorbeerhaine zerstören und dort Kartoffeln anpflanzen (...) und ... – ach! mein
Buch der Lieder wird dem Gewürzkrämer dazu dienen, Tüten zu drehen, in die er
den armen, alten Frauen der Zukunft Kaffee und Tabak schütten wird. Ach!
Ich sehe all dies voraus, und ich bin von einer unaussprechlichen Traurigkeit
ergriffen, wenn ich an den Untergang denke, mit dem das siegreiche Proletariat
meine Verse bedroht, die mit der ganzen alten romantischen Welt vergehen werden.
Und dennoch, ich bekenne es mit Freimut, übt eben dieser Kommunismus, so
feindlich er all meinen Interessen und meinen Neigungen ist, auf meine Seele
einen Reiz aus, dem ich mich nicht entziehen kann; zwei Stimmen erheben sich in
meiner Brust zu seinen Gunsten, zwei Stimmen, die sich nicht zum Schweigen
bringen lassen wollen (...).
Denn die erste dieser Stimmen ist die der Logik. (...) Wenn ich diesen ersten
Satz nicht widerlegen kann, dass „alle Menschen das Recht haben zu essen“, so
bin ich gezwungen, mich auch allen anderen Folgerungen zu unterwerfen. (...)
Die zweite der beiden gebieterischen Stimmen (...) ist die des Hasses, des
Hasses, den ich gegen eine Partei hege, deren schrecklichster Gegner der
Kommunismus ist und die aus diesem Grunde unser gemeinsamer Feind ist. Ich
spreche von der Partei der sogenannten Repräsentanten der Nationalität in
Deutschland, von jenen falschen Patrioten, deren Vaterlandsliebe in nichts
anderem besteht als in einer idiotischen Abneigung gegen das Fremde und gegen
die Nachbarvölker, und die jeden Tag ihre Galle verspritzen, besonders gegen
Frankreich."
Die gescheiterte Revolution
Als überzeugter Demokrat begrüßte Heine 1848 die Revolutionen
in ganz Europa, insbesondere die Märzrevolution in Deutschland. Von deren
Entwicklung wandte er sich jedoch bald enttäuscht ab, da die Verfechter einer
republikanisch-demokratischen Staatsform von Beginn an in der Minderheit
blieben. In dem Versuch des Paulskirchenparlaments, eine Nationalmonarchie unter
einem erblichen Kaisertum zu schaffen, sah er nur politisch untaugliche,
romantische Träumereien von einer Wiederbelebung des 1806 untergegangenen
Heiligen Römischen Reichs.
In dem Gedicht Michel nach dem März schrieb Heine:
Doch als die schwarz-rot-goldene Fahn, Der
altgermanische Plunder, Aufs neue erschien, da schwand mein Wahn Und
die süßen Märchenwunder.
Ich kannte die Farben in diesem Panier Und ihre Vorbedeutung: Von
deutscher Freiheit brachten sie mir Die schlimmste Hiobszeitung.
Schon sah ich den Arndt, den Vater Jahn Die Helden aus anderen Zeiten
Aus ihren Gräbern wieder nahn Und für den Kaiser streiten.
Die Burschenschaftler allesamt Aus meinen Jünglingsjahren, Die für
den Kaiser sich entflammt, Wenn sie betrunken waren (...)
Nachdem auch die zweite Welle der Revolution, die gewaltsamen,
demokratischen Erhebungen des Frühjahrs und Sommers 1849 niedergeschlagen worden
war, schrieb Heine, vollends resigniert das Gedicht Im Oktober 1849. Darin heißt
es:
Gelegt hat sich der starke Wind und wieder wird's
stille daheime. Germania, das große Kind erfreut sich wieder seiner
Weihnachtsbäume.
Matratzengruft
Im selben Monat, in dem die Revolution in Paris ausbrach, im
Februar 1848, erlitt Heine einen Zusammenbruch. Sein Nervenleiden, das sich seit
1845 zusehends verschlimmert hatte, warf ihn nun endgültig aufs Krankenlager.
Heine selbst war der Überzeugung, an Syphilis zu leiden, sein gut dokumentierter
Krankheitsverlauf lässt allerdings eher auf multiple Sklerose oder auf
neurologische Erkrankungen wie ALS schließen. Fast vollständig gelähmt, sollte
er die acht Jahre bis zu seinem Tod in der von ihm so bezeichneten
„Matratzengruft“ verbringen.
Heinrich Heines Gesundheitszustand verschlechterte sich in mehreren Schüben
dramatisch. Einmal wurde er vorzeitig für tot erklärt. Gegen die drohende
Vereinsamung halfen gelegentliche Besuche von Kollegen und Freunden, die seine
Matratzengruft nach eigenem Bekunden meist trauriger verließen als ein
wirkliches Grab. Friedrich Engels suchte Heine im Januar 1848 auf, also noch vor
dem endgültigen Zusammenbruch. Er berichtete:
Heine ist am Kaputtgehen. Vor vierzehn Tagen war ich bei ihm, da lag er im
Bett und hatte einen Nervenanfall gehabt. Gestern war er auf, aber höchst elend.
Er kann keine drei Schritte mehr gehen, er schleicht an den Mauern sich stützend
von Fauteuil bis ans Bett und vice versa. Dazu Lärm in seinem Hause, der ihn
verrückt macht.
In den Jahren vor seinem Tod gelangte Heine zu einer milderen
Beurteilung der Religion. In seinem Testament von 1851 bekannte er sich zum
Glauben an einen persönlichen Gott, ohne sich aber einer Kirche oder dem
Judentum wieder anzunähern. In seinem Testament heißt es:
Obschon ich durch den Taufakt der lutherischen Konfession
angehöre, wünsche ich nicht, dass die Geistlichkeit dieser Kirche zu meinem
Begräbnisse eingeladen werde; ebenso verzichte ich auf die Amtshandlung
jeder andern Priesterschaft, um mein Leichenbegängnis zu feiern. Dieser
Wunsch entspringt aus keiner freigeistigen Anwandlung. Seit vier Jahren habe
ich allem philosophischen Stolze entsagt und bin zu religiösen Ideen und
Gefühlen zurückgekehrt; ich sterbe im Glauben an einen einzigen Gott, den
ewigen Schöpfer der Welt …
In seiner Schrift Geständnisse von 1854 stellte er noch einmal
fest:
Ausdrücklich widersprechen muss ich jedoch dem Gerüchte,
als hätten mich meine Rückschritte bis zur Schwelle irgendeiner Kirche oder gar
in ihren Schoß geführt. (…) Ich habe nichts abgeschworen, nicht einmal meine
alten Heidengötter, von denen ich mich zwar abgewendet, aber scheidend in Liebe
und Freundschaft.
Heines geistige Schaffenskraft ließ auch in den qualvollen
Jahren des Krankenlagers nicht nach. Da er nicht mehr selbst schreiben konnte,
diktierte er seine Verse und Schriften einem Sekretär. So veröffentlichte er im
Oktober 1851 den Gedichtband Romanzero und 1854 sein politisches Vermächtnis
Lutetia.
Trotz seines Leidens kamen Heine Humor und Leidenschaft nicht abhanden. Die
letzten Monate seines Lebens erleichterten ihm die Besuche seiner Verehrerin
Else Krinitz aus Prag, die er zärtlich „Mouche“ nannte. Sie wurde zu seiner
„angebeteten Lotosblume“. Diese Anbetung konnte jedoch wegen seiner
Hinfälligkeit nur noch auf geistiger Ebene stattfinden, was Heine selbstironisch
mit den Versen kommentiert:
Worte! Worte! keine Taten! Niemals Fleisch geliebte
Puppe. Immer Geist und keinen Braten, Keine Knödel in der Suppe.
Dass er das Leben liebte, dem Tod aber gleichwohl tapfer ins
Auge sah, zeigt sein Gedicht Epilog:
Unser Grab erwärmt der Ruhm. Torenworte! Narrentum!
Eine bessre Wärme gibt eine Kuhmagd, die verliebt uns mit dicken
Lippen küsst und beträchtlich riecht nach Mist (…)
Am 17. Februar 1856 hatte Heinrich Heine ausgeküsst und
ausgesungen. Drei Tage später wurde er auf dem Friedhof Montmartre beerdigt, wo
nach dem ausdrücklichen Willen des Dichters 27 Jahre später auch Mathilde ihre
letzte Ruhe fand. Das im Jahre 1901 erstellte Grabmal ziert eine von dem
dänischen Bildhauer Louis Hasselriis stammende Marmorbüste Heines und sein
Gedicht Wo?:
Wo wird einst des Wandermüden letzte Ruhestätte sein?
Unter Palmen in dem Süden? Unter Linden an dem Rhein?
Werd ich wo in einer Wüste eingescharrt von fremder Hand? Oder ruh
ich an der Küste eines Meeres in dem Sand?
Immerhin, mich wird umgeben Gotteshimmel, dort wie hier. Und als
Totenlampen schweben nachts die Sterne über mir.
Quelle:
http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Heine
Deutschland. Ein Wintermärchen (1844):
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