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Spott, Pathos, Ironie und Lust:
Das gebrochene Glück eines melancholischen
Revolutionärs
Aus einem Artikel von
GERT SAUTERMEISTER in der SZ vom 13.12.1997
Wenigen
Schriftstellern des 19. Jahrhunderts war beschieden, im Verlauf ihres Lebens
gleich mit drei Revolutionen in Berührung zu kommen oder ihre Nachwirkungen
am eigenen Leib zu verspüren: Neben Heinrich Heine beispielsweise Joseph von
Eichendorff und Ludwig Uhland. Am eigenen Leib – also mit sinnlicher
Gewißheit.
Als Segen für seine Kindheit und
Jugend durfte der in Düsseldorf am 13.Dezember 1797 geborene Heine die Eroberung
der Rheinlande durch die französische Revolutionsarmee verzeichnen. Denn mit
dieser Armee wurde in den eroberten Gebieten der Code Civil eingeführt, der
Juden zu gleichberechtigten Mitgliedern der bürgerlichen Gesellschaft
machte. Heine hat dies Napoleon gedankt in seinem Reisebild Ideen. Das Buch Le
Grand, wo er Napoleon als eine Art Messias in Düsseldorf einziehen läßt, hoch zu
Pferd, im schimmernden Glanze des Frühlings.
1814, nach den sogenannten Befreiungskriegen, büßten die
preußisch gewordenen Rheinprovinzen die allgemeine Rechtsgleichheit
wieder ein, die Juden wurden erneut zu Bürgern zweiter Klasse. Der
Student der Rechte Heine krönte sein Studium folgerichtig mit einer
christlichen Taufe. Die Konversion zum Protestantismus sollte ihm das
"Entréebillet zur europäischen Kultur" verschaffen. Vergebens. Der junge
Mann, wie auch der reife und der alternde – sie wurden in Deutschland
den Makel der Geburt nie los. Der Makel der Taufe trat hinzu: "Ich bin
jetzt bey Christ und Jude verhaßt. Ich bereue sehr, daß ich mich getauft
hab" – so Heine 1826.
Versuche Heines, im bürgerlichen Berufsleben Fuß zu fassen,
schlugen fehl, worüber die Familie beunruhigt war. Seine Anfänge dagegen
als politisch wacher, rebellischer Schriftsteller hatten die Argusaugen
der Zensur auf ihn gelenkt. In dieser Ungestalt, als sozialer,
familialer und politischer Außenseiter, drohte Heine physisch und
psychisch zu erkranken. "Es kam mir manchmal vor", erzählt er, "als sei
die Sonne eine preußische Kokarde, des nachts träumte ich von einem
häßlichen schwarzen Geier, der mir die Leber fraß, und ich ward sehr
melancholisch". ...
So gesehen, würde Heines Glücks- und Genußphilosophie auch den
Gegenpol zu Leidenserfahrungen des eigenen Ichs bilden. Sie ist
allerdings nicht das allein, ist entschieden auf die Gesellschaft
insgesamt gerichtet. Heine hat in seinem Pariser Exil Impulse der
Saint-Simonisten, eines frühsozialistischen Zirkels, aufgefangen. Ihnen
verdankte er die Verknüpfung seiner hedonistischen Lebensphilosophie mit
den dringendsten sozialen Problemen der Zeit (wie der Massenarmut) und
dem Interesse für den technisch-industriellen Fortschritt. Mit den
Saint-Simonisten durfte Heine erwarten, daß die "Naturkräfte", die neuen
"Mittel der Industrie" und eine humane Organisation der Arbeit in
Zukunft der "größeren und ärmeren Klasse" einen ausreichenden
Lebensgrund verschaffen könnten – eine Idee, wie sie ähnlich noch
Herbert Marcuse vor dreißig Jahren unter großem Applaus vertreten hat.
Welche seelische und intellektuelle Spannweite erwächst nicht
aus dem selbstgewählten Exil Heines! Seine hellwachen Gänge durch das
nachrevolutionäre Paris, wo die "Julisonne" in den Kompromißbildungen
des "Juste milieu" unterging, seine Begegnungen mit führenden
Frühsozialisten und "Communisten", seine Einblicke in die wachsende
Herrschaft einer neuen Finanzaristokratie und in die Heraufkunft einer
neuen, proletarischen Klasse, die ihn ebenso faszinierte wie abstieß –
das waren Erfahrungen, die er in Deutschlands lähmender Kleinstaaterei
nicht hätte machen können. Und nur in Paris traf er auf jene mondäne
Kunstwelt, an der sich sein Sinn für die ästhetische Moderne schulte.
Im Spiegel Frankreich offenbarte Deutschlands Spätabsolutismus seine
halsstarrige Rückständigkeit, deutscher Nationalismus seine ungelüftete
Enge, deutsche Kultur ihre Provinzialität. Heine verkörpert beispielhaft
den Typus des deutschen Emigranten, der in Paris und London, den Zentren
der politischen und der industriellen Revolution, den Anschluß an die
Avantgarde der Epoche findet. Börne und Marx in Paris, Weerth und Engels
in London gehören diesem kosmopolistischen Typus an. Ihr Leiden an den
deutschen Verhältnissen steigert sich durch die Kontrasterfahrung der
Fremde.
Seinen Tränenfluß, denkt er an Deutschland in der Nacht, hat
Heine in einen Strom von Versen umgegossen: Deutschland. Ein
Wintermärchen.
Das Versepos beschreibt die Reise, die der Exilant 1843 durch das
winterliche Deutschland macht, ein in Restauration und Untertanengeist
erstarrtes, in Zensur, militärischer Panzerung und Nationalismus
vereistes Deutschland. Dieser politisch-sozialen Erstarrung setzt Heine
seine ästhetische Mobilität und Modernität entgegen: eine kunstvolle
Montage aus Reisebeschreibung, Stationenskizzen, Volksmärchen,
Mythenbildern, Reflexionen und Träumen, Alpträumen vor allem. Diesem
freien Schweifen der Erzählmedien korrespondiert der ständige Wechsel
der Tonarten: von Spottlust, Ironie und Satire zu lakonischer Kritik,
anklagendem Pathos und Melancholie reicht der Spannungsbogen.
"Ach! ich kann nicht mehr
schreiben (. . .)! Wie soll ein Mensch ohne Censur schreiben, der immer
unter Censur gelebt hat? Aller Styl wird aufhören, die ganze Grammatik,
die guten Sitten!"
Noch ist es nicht
soweit. Zuvor vertiefen sich die Schatten, die von Deutschland aus auf
Heines Exil fallen und es zusehends verdüstern. Ausgerechnet die eigene
Familie ist es, die nach dem Tode von Heines vermögendem Onkel, Salomon
Heine, dem schriftstellernden Außenseiter einen erbitterten
Erbschaftsstreit aufzwingt. Die "Millionärsfamilie" praktiziert an ihm
die Verfügungsgewalt der Besitzenden und führt eine Art Familienzensur
ein, die Heines geplantes Prosawerk, seine Memoiren, betrifft. Sie
bleiben Fragment. Der freie Schriftsteller erlebt am eigenen Leib, in
Gestalt der Familie, die Zwänge einer unfreien, auf "Geldmaterialismus"
gegründeten Gesellschaft. Die "famillionäre" Gewalt seiner jüdischen
Verwandten traf Heine umso nachhaltiger, als er im mosaischen Judentum
eine "große Demokratie" vorgebildet sah, ein "Reich des Geistes" und der
"Nächstenliebe", wo "das Eigentum in Einklang" stehen würde "mit dem
wahren Vernunftrecht" – dem der "Freiheit". Heine erkrankt. Die
"moralischen Torturen" des Erbschaftsstreits treiben ihn "zur
Verzweiflung des Leibes", wie er seinen Zustand präzise charakterisiert.
– Die französische Februarrevolution und die deutsche Märzrevolution
werfen kurzzeitig Licht auf Heines Leben, aber sie verdunkeln es nach
ihrem Scheitern desto gründlicher. Er hat beides, seine private Existenz
und das Schicksal der Revolution, miteinander verschränkt, dem
Lebensgesetz gemäß, wonach er angetreten: "In demselben Maße, wie die
Revolution Rückschritte macht, macht meine Krankheit die ernstlichsten
Fortschritte, und ich sehe dem Augenblicke entgegen, wo meine Augen
nichts mehr erblicken und sehen werden."
Traum und Tabu
Es zählt zu den
bewegenden Paradoxa der Existenz Heines, daß er, der die fröhliche
Wissenschaft der befreiten Sinnlichkeit gegen die Folter der
Verzichtmoral beschworen hatte, am eigenen Körper das Elend der
Kreatürlichkeit durchleiden mußte. Er stellte sich ihm, indem er, auch
dies ein Paradox, den vormals abgesetzten persönlichen Gott
wiederberief, um mit ihm einen Dialog zu führen über die Rätselschrift
seines Lebens: "Warum muß der Gerechte so viel auf Erden leiden? Das ist
die Frage, womit ich mich beständig auf meinem Marterbette herumwälze."
Geistesklar durchlitt Heine acht Jahre lang seine Nervenerkrankung in
seiner "Matratzengruft"; bis an die Schwelle seines Todes 1856 bot er
das Gewicht seiner Poesie gegen das qualvolle Verrinnen der Zeit auf.
Den vollständigen Artikel von
GERT SAUTERMEISTER lesen Sie in der SZ vom 13.12.1997. Dort
außerdem: Ein Wintermärchen -
der ungarische Essayist László Földényi in und über Deutschland...
Außerdem über Heinrich Heine bei haGalil.com:
Die Biographie:
Heinrich Heine
- Teil 1
Jugend und Lehrjahre - Studium in Bonn, Göttingen
und Berlin - Taufe und Platen-Affäre
- Teil 2
Erste literarische Erfolge - Pariser Jahre
- Teil 3
Heine und der
Marxismus - Die gescheiterte Revolution - Matratzengruft
Zum 200.Geburtstag:
Israel holt den ''verlorenen Sohn'' heim
Heinrich Heine hat seinen Übertritt zum Christentum
stets als "Entreebillet in die europäische Zivilistion gerechtfertigt. In
Israel wurden seine Bücher deshalb aber lange kaum gelesen, sein Name
tauchte nur an wenigen öffentlichen Gebäuden oder vereinzelt als Name
kleiner Seitenstraßen auf...
Heinrich Heines Zauberstadt:
Pariser Leben
In den ersten Monaten und Jahren, die Heine in der Stadt an
der Seine verbrachte, führte er ein Pariser Leben, so gut das einem
Deutschen gelingen konnte...
Copyright © 1997 - Süddeutsche Zeitung.
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