Kapitel III
Als die schöne Sara, nach beendigtem Gottesdienste, in den Hof der
Synagoge hinabstieg, stand dort der Rabbi, harrend seines Weibes. Er nickte
ihr mit heiterem Antlitz und geleitete sie hinaus auf die Straße, wo die
frühere Stille ganz verschwunden und ein lärmiges Menschengewimmel zu
schauen war. Bärtige Schwarzröcke, wie Ameisenhaufen; Weiber, glanzreich
hinflatternd, wie Goldkäfer; neugekleidete Knaben, die den Alten die
Gebetbücher nachtrugen; junge Mädchen, die, weil sie nicht in die Synagoge
gehen dürfen, jetzt aus den Häusern ihren Eltern entgegenhüpfen, vor ihnen
die Lockenköpfchen beugen, um den Segen zu empfangen: Alle heiter und
freudig, und die Gasse auf und ab spazierend, im seligen Vorgefühl eines
guten Mittagsmahls, dessen lieblicher Duft schon mundwässernd hervorstieg
aus den schwarzen, mit Kreide bezeichneten Töpfen, die eben von den
lachenden Mägden aus dem großen Gemeinde-Ofen geholt worden.
In diesem Gewirre war besonders bemerkbar die Gestalt eines spanischen
Ritters, auf dessen jugendlichen Gesichtszügen jene reizende Blässe lag,
welche die Frauen gewöhnlich einer unglücklichen Liebe, die Männer hingegen
einer glücklichen zuschreiben. Sein Gang, obschon gleichgültig
hinschlendernd, hatte dennoch eine etwas gesuchte Zierlichkeit; die Federn
seines Barettes bewegten sich mehr durch das vornehme Wiegen des Hauptes,
als durch das Wehen des Windes; mehr als eben notwendig klirrten seine
goldenen Sporen und das Wehrgehänge seines Schwertes, welches er im Arme zu
tragen schien, und dessen Griff kostbar hervorblitzte aus dem weißen
Reutermantel, der seine schlanken Glieder scheinbar nachlässig umhüllte und
dennoch den sorgfältigsten Faltenwurf verriet. Hin und wieder, teils mit
Neugier, teils mit Kennermiene nahte er sich den vorüberwandelnden
Frauenzimmern, sah ihnen seelenruhig fest ins Antlitz, verweilte bei solchem
Anschaun wenn die Gesichter der Mühe lohnten, sagte auch manchem
liebenswürdigen Kinde einige rasche Schmeichelworte, und schritt sorglos
weiter ohne die Wirkung zu erwarten. Die schöne Sara hatte er schon mehrmals
umkreist, jedesmal wieder zurückgescheucht von dem gebietenden Blick
derselben oder auch von der rätselhaft lächelnden Miene ihres Mannes, aber
endlich, in stolzem Abstreifen aller scheuen Befangenheit, trat er beiden
keck in den Weg, und mit stutzerhafter Sicherheit und süßlich galantem Tone
hielt er folgende Anrede:
»Sennora, ich schwöre! Hört, Sennora, ich schwöre! Bei den Rosen beider
Kastilien, bei den aragonesischen Hyazinthen und andalusischen Granatblüten!
Bei der Sonne die ganz Spanien mit all seinen Blumen, Zwiebeln,
Erbsensuppen, Wäldern, Bergen, Mauleseln, Ziegenböcken und Alt-Christen
beleuchtet! Bei der Himmelsdecke, woran diese Sonne nur ein goldner Quast
ist! Und bei dem Gott, der auf der Himmelsdecke sitzt, und Tag und Nacht
über neue Bildungen holdseliger Frauengestalten nachsinnt... Ich schwöre,
Sennora, Ihr seid das schönste Weib, das ich in deutschen Landen gesehen
habe, und so Ihr gewillet seid meine Dienste anzunehmen, so bitte ich Euch
um die Gunst, Huld und Erlaubnis mich Euren Ritter nennen zu dürfen, und in
Schimpf und Ernst Eure Farben zu tragen!«
Ein errötender Schmerz glitt über das Antlitz der schönen Sara, und mit
einem Blicke, der um so schneidender wirkt, je sanfter die Augen sind die
ihn versenden, und mit einem Tone, der um so vernichtender je bebend weicher
die Stimme, antwortete die tiefgekränkte Frau:
»Edler Herr! Wenn Ihr mein Ritter sein wollt, so müßt Ihr gegen ganze
Völker kämpfen, und in diesem Kampfe gibt es wenig Dank und noch weniger
Ehre zu gewinnen! Und wenn Ihr gar meine Farben tragen wollt, so müßt Ihr
gelbe Ringe auf Euren Mantel nähen oder eine blaugestreifte Schärpe
umbinden: denn dieses sind meine Farben, die Farben meines Hauses, des
Hauses welches Israel heißt, und sehr elend ist, und auf den Gassen
verspottet wird von den Söhnen des Glücks!«
Plötzliche Purpurröte bedeckte die Wangen des Spaniers, eine unendliche
Verlegenheit arbeitete in allen seinen Zügen und fast stotternd sprach er:
»Sennora... Ihr habt mich mißverstanden... unschuldiger Scherz... aber,
bei Gott, kein Spott, kein Spott über Israel... Ich stamme selber aus dem
Hause Israel... mein Großvater war ein Jude, vielleicht so gar mein
Vater...«
»Und ganz sicher, Sennor, ist Eur Oheim ein Jude« - fiel ihm der Rabbi,
der dieser Szene ruhig zugesehen, plötzlich in die Rede, und mit einem
fröhlich neckenden Blicke setzte er hinzu: - »und ich will mich selbst dafür
verbürgen, daß Don Isaak Abarbanel, Neffe des großen Rabbi, dem besten Blute
Israels entsprossen ist, wo nicht gar dem königlichen Geschlechte Davids!«
Da klirrte das Schwertgehänge unter dem Mantel des Spaniers, seine Wangen
erblichen wieder bis zur fahlsten Blässe, auf seiner Oberlippe zuckte es wie
Hohn der mit dem Schmerze ringt, aus seinen Augen grinste der zornigste Tod,
und in einem ganz verwandelten, eiskalten, scharfgehackten Tone sprach er:
»Sennor Rabbi! Ihr kennt mich. Nun wohlan, so wißt Ihr auch wer ich bin.
Und weiß der Fuchs, daß ich der Brut des Löwen angehöre, so wird er sich
hüten, und seinen Fuchsbart nicht in Lebensgefahr bringen und meinen Zorn
nicht reizen! Wie will der Fuchs den Löwen richten? Nur wer wie der Löwe
fühlt, kann seine Schwächen begreifen...«
»O, ich begreife es wohl« - antwortete der Rabbi und wehmütiger Ernst zog
über seine Stirne - »ich begreife es wohl, wie der stolze Leu aus Stolz
seinen fürstlichen Pelz abwirft und sich in den bunten Schuppenpanzer des
Krokodils verkappt, weil es Mode ist ein greinendes, schlaues, gefräßiges
Krokodil zu sein! Was sollen erst die geringeren Tiere beginnen, wenn sich
der Löwe verleugnet? Aber hüte dich, Don Isaak, du bist nicht geschaffen für
das Element des Krokodils. Das Wasser - (du weißt wohl wovon ich rede) - ist
dein Unglück, und du wirst untergehn. Nicht im Wasser ist dein Reich; die
schwächste Forelle kann besser darin gedeihen als der König des Waldes.
Weißt du noch, wie dich die Strudel des Tago verschlingen wollten...«
In ein lautes Gelächter ausbrechend, fiel Don Isaak plötzlich dem Rabbi
um den Hals, verschloß seinen Mund mit Küssen, sprang sporenklirrend vor
Freude in die Höhe, daß die vorbeigehenden Juden zurückschraken, und in
seinem natürlich herzlich heiteren Tone rief er:
»Wahrhaftig, du bist Abraham von Bacherach! Und es war ein guter Witz und
obendrein ein Freundschaftsstück, als du zu Toledo von der Alkantara-Brücke
ins Wasser sprangest und deinen Freund, der besser trinken als schwimmen
konnte, beim Schopf faßtest und aufs Trockene zogest! Ich war nahe dran,
recht gründliche Untersuchungen anzustellen: ob auf dem Grunde des Tago
wirklich Goldkörner zu finden, und ob ihn mit Recht die Römer den goldnen
Fluß genannt haben? Ich sage dir, ich erkälte mich noch heute durch die
bloße Erinnerung an jene Wasserpartie.«
Bei diesen Worten gebärdete sich der Spanier, als wollte er anhängende
Wassertropfen von sich abschütteln. Das Antlitz des Rabbi aber war gänzlich
aufgeheitert. Er drückte seinem Freunde wiederholentlich die Hand und
jedesmal sagte er: »Ich freue mich!«
»Und ich freue mich ebenfalls« - sprach der andre - »wir haben uns seit
sieben Jahren nicht gesehen; bei unserem Abschied war ich noch ein ganz
junger Gelbschnabel, und du, du warst schon so gesetzt und ernsthaft... Was
ward aber aus der schönen Donna, die dir damals so viele Seufzer kostete,
wohlgereimte Seufzer, die du mit Lautenklang begleitet hast...«
»Still, still! die Donna hört uns, sie ist mein Weib, und du selbst hast
ihr heute eine Probe deines Geschmackes und Dichtertalents dargebracht.«
Nicht ohne Nachwirkung der früheren Verlegenheit, begrüßte der Spanier
die schöne Frau, welche mit anmutiger Güte jetzt bedauerte, daß sie durch
Äußerungen des Unmuts einen Freund ihres Mannes betrübt habe.
»Ach, Sennora« - antwortete Don Isaak - »wer mit täppischer Hand nach
einer Rose griff, darf sich nicht beklagen, daß ihn die Dornen verletzten!
Wenn der Abendstern sich im blauen Strome goldfunkelt abspiegelt...«
»Ich bitte dich um Gotteswillen« - unterbrach ihn der Rabbi - »hör
auf!... Wenn wir solange warten sollen bis der Abendstern sich im blauen
Strome goldfunkelt abspiegelt, so verhungert meine Frau; sie hat seit
gestern nichts gegessen und seitdem viel Ungemach und Mühsal erlitten.«
»Nun, so will ich Euch nach der besten Garküche Israels führen« - rief
Don Isaak - »nach dem Hause meiner Freundin Schnapper-Elle, das hier in der
Nähe. Schon rieche ich ihren holden Duft, nämlich der Garküche. O wüßtest
du, Abraham, wie dieser Duft mich anspricht! Er ist es, der mich, seit ich
in dieser Stadt verweile, so oft hinlockt nach den Zelten Jakobs. Der
Verkehr mit dem Volke Gottes ist sonst nicht meine Liebhaberei, und wahrlich
nicht um hier zu beten, sondern um zu essen besuche ich die Judengasse...«
»Du hast uns nie geliebt, Don Isaak...«
»Ja« - fuhr der Spanier fort - »ich liebe Eure Küche weit mehr als Euren
Glauben; es fehlt ihm die rechte Sauce. Euch selber habe ich nie ordentlich
verdauen können. Selbst in Euren besten Zeiten, selbst unter der Regierung
meines Ahnherrn Davids, welcher König war über Juda und Israel, hätte ich es
nicht unter Euch aushalten können, und ich wäre gewiß eines frühen Morgens
aus der Burg Sion entsprungen und nach Phönizien emigriert, oder nach
Babylon, wo die Lebenslust schäumte im Tempel der Götter...«
»Du lästerst, Isaak, den einzigen Gott« - murmelte finster der Rabbi -
»du bist weit schlimmer als ein Christ, du bist ein Heide, ein
Götzendiener...«
»Ja, ich bin ein Heide, und eben so zuwider wie die dürren, freudlosen
Hebräer sind mir die trüben, qualsüchtigen Nazarener. Unsre liebe Frau von
Sidon, die heilige Astarte, mag es mir verzeihen, daß ich vor der
schmerzenreichen Mutter des Gekreuzigten niederknie und bete... Nur mein
Knie und meine Zunge huldigt dem Tode, mein Herz blieb treu dem Leben!...«
»Aber schau nicht so sauer« - fuhr der Spanier fort in seiner Rede, als
er sah wie wenig dieselbe den Rabbi zu erbauen schien - »schau mich nicht an
mit Abscheu. Meine Nase ist nicht abtrünnig geworden. Als mich einst der
Zufall, um Mittagszeit, in diese Straße führte, und aus den Küchen der Juden
mir die wohlbekannten Düfte in die Nase stiegen: da erfaßte mich jene
Sehnsucht, die unsere Väter empfanden, als sie zurückdachten an die
Fleischtöpfe Ägyptens; wohlschmeckende Jugenderinnerungen stiegen in mir
auf; ich sah wieder im Geiste die Karpfen mit brauner Rosinensauce, die
meine Tante für den Freitagabend so erbaulich zu bereiten wußte; ich sah
wieder das gedämpfte Hammelfleisch mit Knoblauch und Mairettig, womit man
die Toten erwecken kann, und die Suppe mit schwärmerisch schwimmenden
Klößchen... und meine Seele schmolz, wie die Töne einer verliebten
Nachtigall, und seitdem esse ich in der Garküche meiner Freundin Donna
Schnapper-Elle!«
Diese Garküche hatte man unterdessen erreicht; Schnapper-Elle selbst
stand an die Türe ihres Hauses, die Meßfremden, die sich hungrig
hineindrängten, freundlich begrüßend. Hinter ihr, den Kopf über ihre
Schulter hinauslehnend, stand der lange Nasenstern und musterte neugierig
ängstlich die Ankömmlinge. Mit übertriebener Grandezza nahte sich Don Isaak
unserer Gastwirtin, die seine schalkhaft tiefen Verbeugungen mit unendlichen
Knicksen erwiderte; drauf zog er den Handschuh ab von seiner rechten Hand,
umwickelte sie mit dem Zipfel seines Mantels, ergriff damit die Hand der
Schnapper-Elle, strich sie langsam über die Haare seines Stutzbartes und
sprach:
»Sennora! Eure Augen wetteifern mit den Gluten der Sonne! Aber obgleich
die Eier, je länger sie gekocht werden, sich desto mehr verhärten, so wird
dennoch mein Herz nur um so weicher je länger es von den Flammenstrahlen
Eurer Augen gekocht wird! Aus der Dotter meines Herzens flattert hervor der
geflügelte Gott Amor und sucht ein trauliches Nestchen in Eurem Busen...
Diesen Busen, Sennora, womit soll ich ihn vergleichen? Es gibt in der weiten
Schöpfung keine Blume, keine Frucht, die ihm ähnlich wäre! Dieses Gewächs
ist einzig in seiner Art. Obgleich der Sturm die zartesten Röslein
entblättert, so ist doch Eur Busen eine Winterrose, die allen Winden trotzt!
Obgleich die saure Zitrone, je mehr sie altert, nur desto gelber und
runzlichter wird, so wetteifert dennoch Eur Busen mit der Farbe und Zartheit
der süßesten Ananas! O Sennora, ist auch die Stadt Amsterdam so schön, wie
Ihr mir gestern und vorgestern und alle Tage erzählt habt, so ist doch der
Boden worauf sie ruht noch tausendmal schöner...«
Der Ritter sprach diese letzteren Worte mit erheuchelter Befangenheit und
schielte schmachtend nach dem großen Bilde, das an Schnapper-Elles Halse
hing; der Nasenstern schaute von oben herab mit suchenden Augen, und der
belobte Busen setzte sich in eine so wogende Bewegung, daß die Stadt
Amsterdam hin und her wackelte.
»Ach!« - seufzte die Schnapper-Elle - »Tugend ist mehr wert als
Schönheit. Was nützt mir die Schönheit? Meine Jugend geht vorüber, und seit
Schnapper tot ist - er hat wenigstens seine Hände gehabt - was hilft mir da
die Schönheit?«
Und dabei seufzte sie wieder, und wie ein Echo, fast unhörbar, seufzte
hinter ihr der Nasenstern.
»Was Euch die Schönheit nützt?« - rief Don Isaak - »O, Donna
Schnapper-Elle, versündigt Euch nicht an der Güte der schaffenden Natur!
Schmäht nicht ihre holdesten Gaben! Sie würde sich furchtbar rächen. Diese
beseligenden Augen würden blöde verglasen, diese anmutigen Lippen würden
sich bis ins Abgeschmackte verplatten, dieser keusche, liebesuchende Leib
würde sich in eine schwerfällige Talgtonne verwandeln, die Stadt Amsterdam
würde auf einen muffigen Morast zu ruhen kommen -«
Und so schilderte er Stück vor Stück das jetzige Aussehn der
Schnapper-Elle, so daß der armen Frau sonderbar beängstigend zu Mute ward,
und sie den unheimlichen Reden des Ritters zu entrinnen suchte. In diesem
Augenblicke war sie doppelt froh als sie der schönen Sara ansichtig ward und
sich angelegentlichst erkundigen konnte, ob sie ganz von ihrer Ohnmacht
genesen. Sie stürzte sich dabei in ein lebhaftes Gespräch, worin sie alle
ihre falsche Vornehmtuerei und echte Herzensgüte entwickelte, und mit mehr
Weitläufigkeit als Klugheit die fatale Geschichte erzählte, wie sie selbst
vor Schrecken fast in Ohnmacht gefallen wäre, als sie wildfremd mit der
Trekschuite zu Amsterdam ankam, und der spitzbübische Träger ihres Koffers
sie nicht in ein ehrbares Wirtshaus, sondern in ein freches Frauenhaus
brachte, was sie bald gemerkt an dem vielen Brannteweingesöffe und den
unsittlichen Zumutungen... und sie wäre, wie gesagt, wirklich in Ohnmacht
gefallen, wenn sie es, während den sechs Wochen, die sie in jenem
verfänglichen Hause zubrachte, nur einen Augenblick wagen durfte die Augen
zu schließen...
»Meiner Tugend wegen« - setzte sie hinzu - »durfte ich es nicht wagen.
Und das alles passierte mir wegen meiner Schönheit! Aber Schönheit vergeht
und Tugend besteht.«
Don Isaak war schon im Begriff die Einzelheiten dieser Geschichte
kritisch zu beleuchten, als glücklicherweise der schele Aron Hirschkuh, von
Homburg an der Lahn, mit der weißen Serviette im Maule, aus dem Hause
hervorkam, und ärgerlich klagte, daß schon längst die Suppe aufgetragen sei
und die Gäste zu Tische säßen und die Wirtin fehle... ... ...
... ... ... Ja, der Schluß und die folgenden Kapitel sind, ohne Verschulden
des Autors, verloren gegangen... ... ...
... obwohl, im Nachlass Heines fanden sich noch
zwei Gedichte zum "Rabbi von Bacherach"...
...