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Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit:
Der Streit um Daniel Jonah Goldhagen

von F. Werners

Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit. Der Streit um Daniel Jonah Goldhagen. Herausgegeben von Johannes Heil und Rainer Erb. Mit einem Vorwort von Wolfgang Benz. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt a.M. 1998. 26,90 DM

Die tiefe Kluft zwischen Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit trat in den letzten Jahren wohl nirgends deutlicher zutage als in den Debatten um Daniel Jonah Goldhagens Buch »Hitlers Willige Vollstrecker«. Aus der Distanz von annähernd zwei Jahren haben sich nun der Historiker Johannes Heil und der Soziologe Rainer Erb daran gemacht, diesen Abgrund zwischen Geschichtswissenschaftlern auf der einen und interessierten Laien auf der anderen Seite auszuloten. Achtzehn Autorinnen und Autoren lieferten Beiträge zu Goldhagens Thesen, der Aufnahme des Buches bei Historikern und Publikum, sowie zu den parallel geführten Diskussionen über das Holocaust-Mahnmal in Berlin, die Wehrmachtsausstellung oder die Klemperer-Tagebücher. Mancher Aufsatz wird dem Thema durchaus gerecht, so etwa Angelika Königsreders Gegenüberstellung der Goldhagen-Debatte mit den Diskussionen über die Wehrmachtsausstellung, oder Juliane Wetzels Beitrag zur Goldhagen-Rezeption in den Niederlanden, Frankreich und Italien, aber auch einige der Anmerkungen Olaf Blaschkes zum Begriff des ›eliminatorischen Antisemitismus‹. Dennoch ist eine gewisse Einseitigkeit in allen Beiträgen nicht zu übersehen.

Die rein akademische Autorenschaft des vorliegenden Buches setzt sich ausschließlich aus Kritikern Goldhagens zusammen. Dies ist insofern bemerkenswert, als Wolfgang Benz in seinem Vorwort erwähnt, daß Goldhagen »ja auch aus Wissenschaftskreisen die eine oder andere positive Resonanz erfahren« habe und er als Anliegen dieses Bandes erklärt, »die Beweggründe der zum Teil vehement vorgetragenen Kritik an Goldhagen darzulegen und das Phänomen seiner zugleich umso enthusiastischeren Aufnahme durch die sich zu Wort meldende Öffentlichkeit zu beleuchten.« (S.15)

Tatsächlich ist es nicht so, daß sich in jenen Wissenschaftskreisen niemand hatte finden lassen, der oder die sich positiv oder zumindest fair und ausgewogen zu Goldhagen hätte äußern können. Genannt sei hier zum Beispiel Helmut Dahmer, Professor für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Auch er war vom Herausgeber Heil um einen Beitrag gebeten worden und lieferte einen Aufsatz mit dem Titel »Holocaust und Geschichtsschreibung«. In diesem Artikel verteidigt Dahmer die Bemühungen Goldhagens, die Aufmerksamkeit von der »Endlösung« wieder auf die »Endlöser« gelenkt zu haben, auf deren Weltsicht und psychische Verfassung, die sie in vielen Fällen zu willigen und eben nicht gezwungenen Vollstreckern des Holocaust werden ließ. Damit kritisiert er zugleich jene Historiker, die die Bedeutung des Antisemitismus für die Durchführung des Holocaust zugunsten solcher Erklärungen herunterspielen, welche die »Strukturen«, »Institutionen« oder »Radikalisierungsprozesse« in den Vordergrund rücken.

Professor Dahmers Artikel fehlt in diesem Band. In der schriftlichen Begründung für seine Ablehnung teilte Johannes Heil dem Autor unter anderem mit: » (...) Daß unsere Bewertungen von Buch und Debatte einander diametral entgegengesetzt sind, wäre ja Anlaß für ein intensives Gespräch. In dem geplanten Band aber gerät Ihr Beitrag bei aller Kritik, den die Autoren auch am Debattenverlauf vorbringen, gänzlich zu einem Solitär, bei dem sich jeder Leser und Rezensent fragen müßte, warum hier gleichsam ein Zwischenruf erfolgt, der aber auf die anderen Beiträge nicht eingeht, bzw. – nach meinem und Herrn Erbs Dafürhalten – durch diese auch entkräftet wird. Der Tenor dieses Bandes ist nun nicht, daß die Geschichtswissenschaft verdrängen will, sondern die Frage, warum Fachkritik als Verdrängung wahrgenommen wird. Hier ließe sich streiten – wie gesagt. Diese Position wollen wir akzentuieren und haben bewußt davon abgesehen, einen Band nach dem Pro/Contra-Muster zu konzipieren«.

Wie aber verträgt sich ein solches Unisono-Konzept mit der erklärten Absicht, nicht nur die strikte Ablehnung der Goldhagen-Thesen sondern auch deren positive Aufnahme in weiten Kreisen der Öffentlichkeit zu beleuchten? Als Leserin hätte ich mich sicher nicht gefragt, warum hier ein »Zwischenruf« erfolgt; vielmehr frage ich mich jetzt, warum dieser Zwischenruf ausbleibt. Die Frage, warum Fachkritik als Verdrängung wahrgenommen wird, beantwortet sich vor diesem Hintergrund beinahe von selbst.

Was Marianne Kröger in ihren überkritischen Anmerkungen zur »oral history« formuliert, ließe sich mühelos auf die Herausgeber und ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit übertragen: »Geredet wird nicht mit den Betroffenen, sondern über sie.« (S.273) Das alles schmeckt ein wenig nach Schulkonferenz, wie sie gelegentlich einberufen werden, wenn es Probleme mit »schwierigen« Schülern gibt. Das Lehrerkollegium tritt zusammen und bald schon erklingt das altbekannte Lamento: Die Schüler sind - und waren schon immer - faul, respektlos und absolut bildungsfeindlich.

Ähnliche Töne sind auch von diversen Historikern zu hören, wenn sie über jenes Publikum sprechen, das sich mehrheitlich auf die Seite Goldhagens stellte. Hans Mommsen erklärt den Bucherfolg damit, daß hier »tiefere emotive Schichten angesprochen werden, die mit dem Bedürfnis nach rationaler Aufklärung nicht in Verbindung stehen.« (Finkelstein, Norman G. und Birn, Ruth Bettina: Eine Nation auf dem Prüfstand. Die Goldhagen-These und die historische Wahrheit. Eingeleitet von Hans Mommsen. Hildesheim 1998: Claassen, S. 10) Andere machen die raffinierte Verlagswerbung für das rege Publikumsinteresse verantwortlich und wieder andere unterstellen, daß Goldhagens angeblich so simple Thesen eine Leserschaft bedienen, die entweder zu bequem oder einfach unfähig sei, differenzierteren Erklärungen für den Holocaust zu folgen.

Erfreulich, daß Wolfgang Benz in seinem Vorwort betont, Herausgeber und Autoren des Bandes wollten keine solche Publikumsbeschimpfung betreiben; bedauerlich allerdings, daß Christoph Dipper und Habbo Knoch sich dennoch die rein spekulative Anmerkung nicht verkneifen konnten, daß viele das Goldhgagenbuch zwar gekauft, es aber nicht gelesen hätten, und geradezu kurios wird es, wenn die Herausgeber selbst zur Goldhagen-Lektüre erklären: »Man hat es gelesen, selbst wenn nur Abschnitte gelesen wurden.« (S.22) Was für eine bemerkenswerte Aussage!

Ist es ein Wunder, daß die Öffentlichkeit auf Distanz zu solchen Wissenschaftlern geht?

Möglicherweise hat das interessierte Publikum die Lektüre ernsthafter betrieben als jene elitären Rezensenten, und vielleicht ist man angesichts der vielen Falschinformationen über die vermeintlichen Aussagen Goldhagens ganz einfach mißtrauisch geworden.

Man braucht ja nun wahrhaftig kein Historiker zu sein, um überprüfen zu können, ob das, was die gelehrten Kritiker Goldhagen unterstellen, auch wirklich in seinem Buch steht.

Der Historiker Ulrich Herbert, auch nicht gerade ein Verteidiger Goldhagens, war wohl nicht der einzige, der »ein gewisses Unbehagen« verspürte angesichts der »Vehemenz und Einhelligkeit der Kritik (...) vor allem wenn in Deutschland gegen den Vorwurf der ›Kollektivschuld‹ polemisiert wird. Denn den erhebt Goldhagen gar nicht.«

Herbert stellt fest: »Demgegenüber erweist sich die indigniert-empörte Ablehnung der angeblich in die Welt gesetzten Formel von der ›Kollektivschuld‹ der Deutschen erneut, wie schon nach 1945, als Flucht in einen nicht gemachten Vorwurf, als Vermeidungsdiskurs.« (vgl. Herbert, Ulrich: Die richtige Frage. In: Schoeps, Julius H. (Hg.) Ein Volk von Mördern? Die Dokumentation zur Goldhagen-Kontroverse um die Rolle der Deutschen im Holocaust. Hamburg, Hoffmann und Campe, 1996. S. 214-224.)

Was mag das sein, das da so vehement vermieden, man könnte auch sagen »verdrängt« wird? Darüber könnten Psychologen möglicherweise besser Auskunft geben, als Historiker. Dies gilt nicht zuletzt auch für die Frage nach der mentalen Disposition jener ganz gewöhnlichen Deutschen, die zu den Vollstreckern des Holocaust wurden. Zur Erforschung dieser Gesellschaft, aus deren Mitte viele der Täter hervorgingen, sind selbstverständlich auch die sozialwissenschaftlichen, die politologischen und philosophischen Disziplinen gefragt, aber auch die Stimmen der Zeitzeugen, seien sie nun der Täter- oder auch der Opferseite zuzurechnen, mit und ohne akademischem Hintergrund, verdienen gehört zu werden.

Die Auseinandersetzung mit der deutschen Nationalgeschichte kann unmöglich allein der Geschichtswissenschaft überlassen werden, doch solange Historiker es mit einer Mischung aus Häme und Genugtuung begrüßen, daß Goldhagen auf dem Historikertag »kein Thema« sei, zumindest nicht innerhalb des offiziellen Veranstaltungsprogrammes, solange ein Geschichtsdozent an einer Universität erklärt, seinen Studenten »den Goldhagen nicht zumuten« zu können, wird die Kluft zwischen Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit nicht zu überbrücken sein.

Und so trägt auch dieser von Heil und Erb herausgegebene Band, abgesehen von den erwähnten Ausnahmen, eher zur Vertiefung dieses Abgrundes bei als zu seiner Überwindung.

© hagalil - Franziska Werners

haGalil onLine 18-08-2000

 


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