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Schalom Israel
Nachrichten aus einem
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Sarit: Wachposten an der Libanongrenze

Nacht über Sarit: Da funkeln nicht die schwachen Lichter einer Schlafstadt. Dort blitzt Mündungsfeuer auf, wenn aus den benachbarten Artilleriestellungen schwere Haubitzen in den Libanon hineinfeuern – auf einen elektronisch entdeckten Guerillatrupp der radikalen Schiitenmiliz Hisballah, auf eine Abschußstelle von Katjuscha-Raketen, die eben vom Aufklärungsradar ausgemacht worden ist, oder – aus Versehen – auf ein schiitisches Dorf, in dessen unmittelbarer Nähe die Raketen abgefeuert wurden. Sarit liegt direkt an der Grenze zwischen dem israelischen Galil (Galiläa) und dem südlichen Libanon, knapp 20 Kilometer von der Mittelmeerküste entfernt.

Die dort stationierten Soldaten haben den Auftrag, den Westsektor der Libanongrenze zu kontrollieren, d.h. sie sollen verhindern, daß Guerillakämpfer zu terroristischen Anschlägen nach Israel einsickern oder daß Nordgaliläa vom Südlibanon aus mit Boden-Boden-Raketen beschossen wird. Der Militärposten befindet sich auf einem Bergkamm. Davor, in nördlicher Richtung, wellt sich das Hügelland des Südlibanon – hier im Westsektor meist baumloses Ödland, wenige grüne Felder, in den Wadis niedriges Gestrüpp: ideales Terrain für einen Feind, der aus der Finsternis und aus dem Verborgenen angreift. Im Blickfeld von Sarit mehrere libanesische Dörfer, in großem Abstand voneinander, weil der karge Boden nicht mehr Menschen ernährt. In einigen Dörfern steht ein Kirchturm, denn dort leben Christen, Verbündete Israels; aus anderen ragt ein Minarett: Diese Dörfer sind Feindesland, in ihnen leben schiitische Moslems, die der Hisballah-Miliz Versorgungsbasen und Schlupfwinkel bieten.

Das Lager Sarit ist mit Elitetruppen bemannt und mit schwerem Kriegsgerät ausgerüstet: Panzer, Schützenpanzerwagen und Artillerie. Wenn dieses Waffenarsenal nicht ausreicht, kann der Befehlshaber Kampfhubschrauber und Düsenbomber anfordern, die den Gegner im Hinterland und mit mehr Feuerkraft angreifen können. Die Soldaten sind rund um die Uhr in Bereitschaft oder im Einsatz: für routinemäßige Patrouillen, für Kommandoaktionen gegen vorstoßende Hisballah-Kämpfer oder für größere Operationen, wenn die Dauerkrise an der Libanongrenze wieder einmal eskaliert ist.

Das Lebensgefühl dieser jungen Israelis hier im Grenzgebiet unterscheidet sich völlig von der Grundstimmung in ihren Heimatorten. Denn wenn sie die Umwallung ihrer Vorposten verlassen haben, wagen sie sich in ein unübersichtliches Terrain, wo ein entschlossener Feind plötzlich zuschlagen kann: mit einem offenen Feuerüberfall oder – aus dem Hinterhalt – mit einem ferngezündeten Sprengsatz. Bei meinem ersten Besuch in Sarit, im August 1986, herrschte hier an der Libanongrenze relative Ruhe, die trügerische Ruhe nach dem letzten und vor dem kommenden Sturm.

Die israelische Invasion im Juni 1982 lag vier Jahre zurück, und im Juni 1985 hatte die Armee auch den südlichen Libanon bis auf eine etwa 15 Kilometer tiefe „Sicherheitszone’’ geräumt. Wir fuhren damals nach Sarit, weil wir an einem Bericht über den israelischen Spielfilm Zwei Schritte von Sidon entfernt arbeiteten, der kritisch das Dilemma der israelischen Verstrickung im „Sumpf des Libanon“ zeigte. Der Standortkommandant erlaubte uns, die Kontrollfahrt eines Command-Cars entlang der Grenze zu filmen: Aufsitzen auf ein offenes Fahrzeug mit einer Längsbank, auf der die Soldaten frontal zur Grenze sitzen, alle mit Stahlhelm, kugelsicherer Weste und entsichertem Gewehr. Der Jeep fährt auf einer schmalen Piste, unmittelbar neben dem mit elektronischen Sensoren bestückten Grenzzaun und einem sandigen Todesstreifen, der täglich von einer Egge geglättet wird. Ein Beduinensoldat, der vorn auf der Kühlerhaube sitzt, späht mit scharfem Blick auf den glatten Sandboden: Spuren von Kampfstiefeln würden sofort einen Großalarm und eine weiträumige Suchaktion auslösen. In den nahegelegenen Kibbuzim würden die Sirenen heulen und Männer und Frauen ihre Grenzposten besetzen.

Unser ereignisloser Drehbesuch im Militärlager von Sarit endete mit einer komischen Konfrontation mit der Grenztruppe. Als wir nach Verabschiedung unseres militärischen Aufpassers etwa 20 Kilometer östlich einen stimmungsvollen Sonnenuntergang hinter dem Grenzzaun drehen wollten, fuhr plötzlich eine Militärpatrouille vor, ein Offizier schnauzte uns an, nahm uns fest und verbrachte uns in die alte britische Polizeifestung Jescha. Der Grund für diesen Eingriff in unsere journalistische Bewegungsfreiheit: Die elektronischen Sensoren am Zaun hatten unsere fremdländischen Stimmen an die nächste Militärstation gemeldet. Sie hielt unser bayerisches Idiom vielleicht für PLO-Kauderwelsch. An den Dialekt der Hisballah-Kämpfer waren die israelischen Grenzwächter damals noch nicht gewöhnt.

Als ich zehn Jahre später, im April 1996, das Militärlager Sarit ein zweites Mal besuchte, waren Stimmung und Alarmbereitschaft unter den Soldaten spürbar angespannter. Nach einer verhängnisvollen Artilleriesalve auf eine mit libanesischen Flüchtlingen überfüllte UNIFIL-Stellung bemühte sich das Verteidigungsministerium, dem weltweiten Imageverlust entgegenzuwirken. Ausländische Reporter durften an die südlibanesische Front, um über die Bedrohung durch die Hisballah-Miliz und die Reaktionen der israelischen Armee zu berichten. Als uns der Befehlshaber dieses Militärabschnitts vom Grenzlager Sarit aus über kahles, leicht gewelltes Hochland zu einem vorgeschobenen Posten in der „Sicherheitszone“ fuhr, mußten wir kugelsichere Westen anlegen und sogar Stahlhelme aufsetzen. Nach halbstündiger Fahrt erreichten wir den vordersten Stützpunkt in diesem Sektor, eine festungsähnliche Stellung, durch einen hohen Erdwall gegen direkten Beschuß, aber nicht gegen Artilleriegranaten und Katjuscha-Raketen geschützt. Hinter der Rundum-Schanze granatensichere Unterstände, elektronische Anlagen, die wir nicht filmen durften, zwei Panzer, drei Schützenpanzerwagen und einige Geschütze. Wir konnten mit ultrascharfen Ferngläsern die umliegenden Hügel und die benachbarten Schiiten-Dörfer genau beobachten. Als dann aber der nächste Trupp zu einem Kontrollgang in das von Hisballah durchsetzte Niemandsland abmarschierte, mußten wir trotz Stahlhelm und kugelsicherer Weste zurückbleiben. Ausländische Journalisten, die durch allzu forschen Ehrgeiz zu Märtyrern werden, würden dem Ansehen der israelischen Streitkräfte schaden.

Seit dem Oktober 1948, dem ersten Nahostkrieg, sind israelische Soldaten im nordwestlichen Galiläa stationiert, das nach dem UN-Teilungsplan dem arabischen Teilstaat angehören sollte, aber dann von Israel erobert wurde. In diesen 50 Jahren stieß die israelische Armee dreimal von Sarit aus mehr oder weniger tief in libanesisches Gebiet vor: im März 1978 bis an den Litanifluß, um die PLO-Basen im Südlibanon zu vernichten, im Juni 1982 bis in die Hauptstadt Beirut, um die gesamte PLO-Präsenz im Libanon zu zerschlagen, im Juli 1993 bis kurz vor den Litanifluß, um Hisballah-Stützpunkte auszumerzen. Im April 1996, während eines tagelangen Feuergefechts zwischen Raketenwerfern der Hisballah und der israelischen Artillerie, richteten Kanoniere des Militärabschnitts von Sarit unter der libanesischen Zivilbevölkerung ein Blutbad an. Nachdem die Radarbeobachtung an die Artillerieleitstelle die Plandaten eines Katjuscha-Abschusses gemeldet hatte, feuerten die israelischen Kanoniere auf die dort vermutete mobile Raketenrampe. Ihre Granaten schlugen 300 Meter neben dem Zielort ein und explodierten in einer Stellung der im Südlibanon stationierten UN-Friedenstruppe UNIFIL. Sie war von libanesischen Zivilisten überfüllt, die vor den israelischen Bombardements im Rahmen der Strafaktion „Früchte des Zorns“ in den Norden fliehen wollten. Hisballah-Kämpfer hatten das Hauptquartier des UNIFIL-Bataillons „Fidschi-Bat“ trotz der Proteste der fidschianischen Soldaten als Deckung benützt. Der Irrtum der Kanoniere von Sarit kostete 105 libanesische Zivilisten das Leben.

 

Friedrich Schreiber
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