Die dort stationierten Soldaten haben den Auftrag, den
Westsektor der Libanongrenze zu kontrollieren, d.h. sie sollen verhindern,
daß Guerillakämpfer zu terroristischen Anschlägen nach Israel einsickern
oder daß Nordgaliläa vom Südlibanon aus mit Boden-Boden-Raketen beschossen
wird. Der Militärposten befindet sich auf einem Bergkamm. Davor, in
nördlicher Richtung, wellt sich das Hügelland des Südlibanon – hier im
Westsektor meist baumloses Ödland, wenige grüne Felder, in den Wadis
niedriges Gestrüpp: ideales Terrain für einen Feind, der aus der Finsternis
und aus dem Verborgenen angreift. Im Blickfeld von Sarit mehrere
libanesische Dörfer, in großem Abstand voneinander, weil der karge Boden
nicht mehr Menschen ernährt. In einigen Dörfern steht ein Kirchturm, denn
dort leben Christen, Verbündete Israels; aus anderen ragt ein Minarett:
Diese Dörfer sind Feindesland, in ihnen leben schiitische Moslems, die der
Hisballah-Miliz Versorgungsbasen und Schlupfwinkel bieten.
Das Lager Sarit ist mit Elitetruppen bemannt und mit
schwerem Kriegsgerät ausgerüstet: Panzer, Schützenpanzerwagen und
Artillerie. Wenn dieses Waffenarsenal nicht ausreicht, kann der Befehlshaber
Kampfhubschrauber und Düsenbomber anfordern, die den Gegner im Hinterland
und mit mehr Feuerkraft angreifen können. Die Soldaten sind rund um die Uhr
in Bereitschaft oder im Einsatz: für routinemäßige Patrouillen, für
Kommandoaktionen gegen vorstoßende Hisballah-Kämpfer oder für größere
Operationen, wenn die Dauerkrise an der Libanongrenze wieder einmal
eskaliert ist.
Das Lebensgefühl dieser jungen Israelis hier im
Grenzgebiet unterscheidet sich völlig von der Grundstimmung in ihren
Heimatorten. Denn wenn sie die Umwallung ihrer Vorposten verlassen haben,
wagen sie sich in ein unübersichtliches Terrain, wo ein entschlossener Feind
plötzlich zuschlagen kann: mit einem offenen Feuerüberfall oder – aus dem
Hinterhalt – mit einem ferngezündeten Sprengsatz. Bei meinem ersten Besuch
in Sarit, im August 1986, herrschte hier an der Libanongrenze relative Ruhe,
die trügerische Ruhe nach dem letzten und vor dem kommenden Sturm.
Die israelische Invasion im Juni 1982 lag vier Jahre
zurück, und im Juni 1985 hatte die Armee auch den südlichen Libanon bis auf
eine etwa 15 Kilometer tiefe „Sicherheitszone’’ geräumt. Wir fuhren damals
nach Sarit, weil wir an einem Bericht über den israelischen Spielfilm Zwei
Schritte von Sidon entfernt arbeiteten, der kritisch das Dilemma der
israelischen Verstrickung im „Sumpf des Libanon“ zeigte. Der
Standortkommandant erlaubte uns, die Kontrollfahrt eines Command-Cars
entlang der Grenze zu filmen: Aufsitzen auf ein offenes Fahrzeug mit einer
Längsbank, auf der die Soldaten frontal zur Grenze sitzen, alle mit
Stahlhelm, kugelsicherer Weste und entsichertem Gewehr. Der Jeep fährt auf
einer schmalen Piste, unmittelbar neben dem mit elektronischen Sensoren
bestückten Grenzzaun und einem sandigen Todesstreifen, der täglich von einer
Egge geglättet wird. Ein Beduinensoldat, der vorn auf der Kühlerhaube sitzt,
späht mit scharfem Blick auf den glatten Sandboden: Spuren von Kampfstiefeln
würden sofort einen Großalarm und eine weiträumige Suchaktion auslösen. In
den nahegelegenen Kibbuzim würden die Sirenen heulen und Männer und Frauen
ihre Grenzposten besetzen.
Unser ereignisloser Drehbesuch im Militärlager von
Sarit endete mit einer komischen Konfrontation mit der Grenztruppe. Als wir
nach Verabschiedung unseres militärischen Aufpassers etwa 20 Kilometer
östlich einen stimmungsvollen Sonnenuntergang hinter dem Grenzzaun drehen
wollten, fuhr plötzlich eine Militärpatrouille vor, ein Offizier schnauzte
uns an, nahm uns fest und verbrachte uns in die alte britische
Polizeifestung Jescha. Der Grund für diesen Eingriff in unsere
journalistische Bewegungsfreiheit: Die elektronischen Sensoren am Zaun
hatten unsere fremdländischen Stimmen an die nächste Militärstation
gemeldet. Sie hielt unser bayerisches Idiom vielleicht für PLO-Kauderwelsch.
An den Dialekt der Hisballah-Kämpfer waren die israelischen Grenzwächter
damals noch nicht gewöhnt.
Als ich zehn Jahre später, im April 1996, das
Militärlager Sarit ein zweites Mal besuchte, waren Stimmung und
Alarmbereitschaft unter den Soldaten spürbar angespannter. Nach einer
verhängnisvollen Artilleriesalve auf eine mit libanesischen Flüchtlingen
überfüllte UNIFIL-Stellung bemühte sich das Verteidigungsministerium, dem
weltweiten Imageverlust entgegenzuwirken. Ausländische Reporter durften an
die südlibanesische Front, um über die Bedrohung durch die Hisballah-Miliz
und die Reaktionen der israelischen Armee zu berichten. Als uns der
Befehlshaber dieses Militärabschnitts vom Grenzlager Sarit aus über kahles,
leicht gewelltes Hochland zu einem vorgeschobenen Posten in der
„Sicherheitszone“ fuhr, mußten wir kugelsichere Westen anlegen und sogar
Stahlhelme aufsetzen. Nach halbstündiger Fahrt erreichten wir den vordersten
Stützpunkt in diesem Sektor, eine festungsähnliche Stellung, durch einen
hohen Erdwall gegen direkten Beschuß, aber nicht gegen Artilleriegranaten
und Katjuscha-Raketen geschützt. Hinter der Rundum-Schanze granatensichere
Unterstände, elektronische Anlagen, die wir nicht filmen durften, zwei
Panzer, drei Schützenpanzerwagen und einige Geschütze. Wir konnten mit
ultrascharfen Ferngläsern die umliegenden Hügel und die benachbarten
Schiiten-Dörfer genau beobachten. Als dann aber der nächste Trupp zu einem
Kontrollgang in das von Hisballah durchsetzte Niemandsland abmarschierte,
mußten wir trotz Stahlhelm und kugelsicherer Weste zurückbleiben.
Ausländische Journalisten, die durch allzu forschen Ehrgeiz zu Märtyrern
werden, würden dem Ansehen der israelischen Streitkräfte schaden.
Seit dem Oktober 1948, dem ersten Nahostkrieg, sind
israelische Soldaten im nordwestlichen Galiläa stationiert, das nach dem
UN-Teilungsplan dem arabischen Teilstaat angehören sollte, aber dann von
Israel erobert wurde. In diesen 50 Jahren stieß die israelische Armee
dreimal von Sarit aus mehr oder weniger tief in libanesisches Gebiet vor: im
März 1978 bis an den Litanifluß, um die PLO-Basen im Südlibanon zu
vernichten, im Juni 1982 bis in die Hauptstadt Beirut, um die gesamte
PLO-Präsenz im Libanon zu zerschlagen, im Juli 1993 bis kurz vor den
Litanifluß, um Hisballah-Stützpunkte auszumerzen. Im April 1996, während
eines tagelangen Feuergefechts zwischen Raketenwerfern der Hisballah und der
israelischen Artillerie, richteten Kanoniere des Militärabschnitts von Sarit
unter der libanesischen Zivilbevölkerung ein Blutbad an. Nachdem die
Radarbeobachtung an die Artillerieleitstelle die Plandaten eines
Katjuscha-Abschusses gemeldet hatte, feuerten die israelischen Kanoniere auf
die dort vermutete mobile Raketenrampe. Ihre Granaten schlugen 300 Meter
neben dem Zielort ein und explodierten in einer Stellung der im Südlibanon
stationierten UN-Friedenstruppe UNIFIL. Sie war von libanesischen Zivilisten
überfüllt, die vor den israelischen Bombardements im Rahmen der Strafaktion
„Früchte des Zorns“ in den Norden fliehen wollten. Hisballah-Kämpfer hatten
das Hauptquartier des UNIFIL-Bataillons „Fidschi-Bat“ trotz der Proteste der
fidschianischen Soldaten als Deckung benützt. Der Irrtum der Kanoniere von
Sarit kostete 105 libanesische Zivilisten das Leben.