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Judentum und Israel
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Trennungsstrich:
Eine deutsch-jüdische Geschichte

EVA-ELISABETH FISCHER
SZ vom 29.11.1997

Kosmopolit war ein Schimpfwort. Juden galten als Kosmopoliten in Österreich-Ungarn, in Nazi-Deutschland, in der Sowjetunion. Kosmopolitismus heute ist die Zukunftsvision.

Michael Brenner, Professor für jüdische Geschichte und Kultur an der Uni München, eröffnete diese Perspektive in seinem Vortrag "Jüdische Geschichte in Deutschland nach 1945 – nur ein Epilog?", den er anläßlich der Vorstellung der vierbändigen Deutsch-jüdischen Geschichte in der Neuzeit (Verlag C. H. Beck) in der Großen Aula der Ludwig-Maximlians-Universität hielt. Das in Umfang und Thematik einzigartige Werk – hier wird die eng und fatal ineinanderverwobene Beziehung beider Völker aus jüdischer und deutscher Sicht beschrieben – umfaßt den Zeitraum zwischen 1600 und 1945.

War mit der Schoah alles zu Ende? Was kam nach 1945? Michael Brenner konnte nicht viel mehr als das Wohlbekannte referieren. Bis auf einige tausend deutsche Juden, die nach dem Krieg zurückkamen; bis auf jene der zweiten und dritten Generation, geboren in den Camps und danach in den Großstädten der Republik, gibt es keine deutschen Juden. Es gibt Juden in Deutschland: die Alten, die als Displaced Persons aus Osteuropa hierher kamen und nicht freiwillig blieben. Und es gibt die jüngeren russischen Juden: die nach 1989 die jüdische Bevölkerung in Deutschland von 30 000 auf 60 000 verdoppelten. Nach 1945 war der Strich zwischen "deutsch-jüdisch" nicht mehr Binde-, sondern Trennungsstrich, so Brenner. Die Hoffnung heißt Europa und könnte in der nächsten Generation ein Nebeneinander von Identitäten bewirken.

Andreas Heldrich, der Rektor der Universität, hatte sich in seiner Einführung optimistisch gegeben. Neues Leben sei entstanden. An von Christen und Juden gemeinsam gefeierte Feste, an gemeinschaftliche geschäftliche Unternehmungen im Mittelalter erinnerte Michael A. Meyer, Professor am Hebrew Union College in Cincinatti und zusammen mit Brenner Herausgeber der Deutsch-jüdischen Geschichte, als er über "Juden – Deutsche – Juden. Wandlungen des deutschen Judentums in der Neuzeit" sprach.

Ohne den Namen zu nennen, schoß er einen Pfeil ab gegen Daniel Goldhagen. Die Schoah mit einem "gewaltigen Berg" vergleichend, sagte er: "Von dort aus ist es nur allzu leicht, Antisemitismus überall, vom Mittelalter bis zur Gegenwart, verbreitet zu sehen und einen deutlich gekennzeichneten Weg auszumachen, der zur Vernichtung der deutschen Juden führte . . . In unserer historischen Darstellung waren wir bemüht, solche geschichtlichen Verallgemeinerungen, die an Mythologisierungen grenzen, zu vermeiden."

Meyer bemerkte aber auch, daß "zumindest passiv fast alle Deutschen den Abtransport der deutschen Juden nach dem Osten hingenommen" haben. In seinem Vortrag zeichnete er nach, was auf mehr als 1600 Seiten von zehn Historikern leicht verständlich und nachvollziehbar geschrieben steht, den Wandel in der Historie.

Meyer hatte mit seinen Eltern als Vierjähriger aus Nazi-Deutschland fliehen müssen. Sein Motiv, sich zehn Jahre lang mit der Deutsch-jüdischen Geschichte befaßt zu haben, mag sehr persönlich sein. Der Vorgesetzte bei Siemens, der im Frühjahr 1941 dem Zwangsarbeiter Meyer, Michaels Vater, die Bescheinigung zur Ausreise unterschrieb, tat dies mit den Worten: "Der Karl Meyer soll noch einmal bessere Tage sehen." Michael Meyer, geboren als deutscher Jude, kam nun nach München als amerikanischer Jude: ein Kosmopolit - durch die Geschichte.

Copyright © 1997 - Süddeutsche Zeitung. SZonNet 3.1

 

Michael. A. Meyer, Michael Brenner (Hg.):
Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit
C.H.Beck Verlag
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